Wiesbadener Tsnblatl.
4». Jahrgang.
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Politische Pebcrsicht.
Die verflossene Woche stand im Zeichen und unter dem Eindruck des plötzlich erfolgten ^o d es de r a r e i s e n Kö n i a i n V i c t v r i a, an deren Stelle ihr ältester Sohn Albert Eduard als Eduard MI. den englischen Thron bestiegen hat. Am letzten ^.age der vorigen Woche wurde die schwere Erkrankung der Königin Victoria bekannt und noch an demselben Tage reiste K a i s e r Wilhelm von Berlin ab, um unver- weilt an das Krankenbett seiner Großmutter zu eilen das nur zu bald zum Todtcnbette werden sollte Kar er Wilhelm traf gerade noch zeitig, genug m Osborne ein, uni den letzten Händedruck seiner ^Großmutter , zu empfangen. Dienstag Abend unr Uhr, erlag ^.onigrr Victoria den Folgen des Schlaganfalles, über dessen ge- rährlicheir Charakter man bei dem hohen Alter der Kranken nicht im Zweifel sein konnte.^ „
Am Mittwoch fand un St. Jame^-Palast zu ^ondon die feierliche Sitzrmg des Geheimen Raths statt, in der Albert Eduard als Eduard \ II. dre Regierung antrat, und anl Donnerstag wurde Eduard VII. fererlrcr, ab König ausgerufen. Die allgemeine Auffassung geht dahin, daß dem Thronwechsel r n E n g lau d eine einschneidende Bedeutung auf politischem Gebiet nicht zuzuerkennen ist. Die Thatsache, daß ,n der englischen Politik der bisherige Faden weltergespoimen werden wird, hat König Eduard V II. schon en'simlichda- durch bekundet, daß er die bisherigen Arurrster mehren Aemtern bestätigt hat. Im Uebrrgen bnugt e- die parlamentarische Regierungsform rn England mrt sich, daß es dem König überhaupt nur rn , sehr beschrankter Weise möglich ist, einen Einfliist auf dre Richtung re Politik auszuttben. , { ,
Was die Beziehungen zwrschen D c u t s ch - l a n d und England betrifft, dm ;a . seit der Einigung der beiden Staaten über die wesentlichsten afrikanischen und ostasiatischen Fragen als, diplomatisch sehr gute bezeichnet weroeii müssen, so scheint kaum e n Zweifel daran zu sein, daß sie von dem.Thronwechsel m England unberührt bleiben werden. Die Verstimmung, welche -früher zwischen dem Kaiser und .dem Mgen König Eduard geherrscht hat, kann als völlig beigelegt gelten. Ist doch Kaiser Wilhelm der erste Monarch ge- . wesen, welcher dem neuen König von England fernen j
Grus; entbot, und hat es doch auch sonst den Anschein, als ob an den höfischen und den staatlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern durch den Thronwechsel nichts geändert werden wird. t
War es schon der ausdrückliche Wille des deutschen Kaisers, daß infolge des Krönungsjubiläums vom 18. Januar eine besondere officielle Feier des kaiserlichen Geburtstages unterbleiben sollte, so ist es durch den unterdetz eingetretenen Todesfall in der pamiue de- Kaisers selbstverständlich geworden, daß der G e b u r t s tag des K a i s e r s diesmal nur in sehr stiller uno zurückhaltender Weise begangen wird. .
Recht still ist es in dieser Woche auch auf dem Gebiet der inneren Politik zugegangen. Ter R e i ch s t a g hat mit einigen Unterbrechungen, wahrend deren er sich u. A. ohne sonderliche Resultate damit zii erzielen, uut der Wohnungsfrage beschäftigte, die zweite, Etatsberathiing fortgesetzt, während das p r e u st: s ch e A b g e- ordnetenhaus die erste Etatsberathung fortfuhrte und zugleich die Frage der Verhütung von Eisenbahnunfällen einer sehr lebhaften Erörterung unterzog.
Am 31 Januar wird in Oesterreich der parla- nfentarische Kamps beginnen, nachdein der Wahlkampf
erst unlängst glücklich sein Ende erreicht hat Am
31. Januar wird der österreichische R eichs rach zu- iammentreten, und Herr v. Körber wird nunmehr die Probe aus das Exeinpel machen können, ob er, mit dem Reichsrath, oder ob der Reichsrath mit ihm fertig werden wird. Bisher sind die Aussichten auf ein gedeihliche» parlamentarisches Arbeiten sehr gering, denn zur Zei weist Niemand, am allerwenigsten vielleicht der, österreichische Ministerpräsident, wie in diesem bunt gemischten Neichsrath eine Arbeitsmehrheit, hergestellt werden soll. Es aiebt nicht Wenige, welche meinen, daß Herr v.Korder dieser Ausgabe nicht gewachsen sein und dast von dem Beginn der Reichsrathssession der Beginn der Kabmctt» krisis nicht niebr weit entfernt fern wird. .
Eine der üblichen K'a b i n e t t s k r r s e n rft wieder einmal in Bulgarien vor sich gegangen, wo c.a» Kabinett Jwantschow nach kurzer Lebensdauer zuruck getreten ist. Tie Kabstiettskrisen stnd rn Bulgarien be reits so an der Tagesordnung, daß man sich allgemach damit begnügt, von dieser politisch belanglosen thatsache
'f|ü in China ist noch immer nicht beendet. Die chinesischen Unterhändler haben, sich neuerdings darauf gelegt, durch allerlei Wmkclzuge, dttrch immer neue Hin- und Herfragen den destmtwen Mchlutz der Verhandlungen hmauSzuziehen. Unter diesen Umständen ist das Ende der Friedensverhandlungen noch immer nicht abzusehen, es sei denn, daß der imglaublich starke Geduldfaden der vereinigten Diplomatie doch einmal reißen sollte, . wofür aber bisher noch tem Anzeichen vorhanden ist. . _ „ . , . ,„ l4
Auch der Krieg in cLndafrika dauert .noa, immer ungeschwächt fort, wenn auch, die englische Kriegsberichterstattung offenbar aus „Rücksicht auf die grauer feierlichkeiten in London seit einigenTagen i» allen sieben
I Sprachen schweigt. Daraus darf aber nicht geschlossen * werden daß die Buren in ihrer Thätrgkest Nachlassen. Im Gegentheil, dieSchweigsamkeit der englischen Kriegs- bcrichlerstattung ist bisher noch stets ein ungünstiges Zeichen für die Engländer gewesen.__
Ans Stadt und Land.
Wiesbaden, 27. Januar.
Das Christenth»,n und die moderne Weltanschauung
sind allerdings unvereinbare Gegensätze, wenn man das strenge Doqmenchristenthum, wie es von der evangelischen Kirche »' geringerem Maße, der katholisch-" Kirche >n höherem Maß vertrete» wird, darunter verstanden haben will. Das,st innere Meinung. Mit etwas sehr gespannter Neugierde gingen wir deshalb vorgestern Abend zu dem öffentlichen Vortrag, den Herr «tadtpfarrer Brückner-Karlsruhe aus Veranlassung de« „Protcstnnten-Ve'.e.nS im Evangelischen Gemeindehaus hielt und dessen Thema lautete: Cbnstenthum und moderne Weltanschauung. Wie wird cm evangelischer Pfarrer sich mit der modernen Weltanschauung ao- finben? fragten wir uns. „Wahrscheinlich , lautete die ^nt.vo.t, die wir uns selbst gaben, „wird er eine Nothbrucke von dicuiii zu jenem zu bauen versuchen, die aber vor der r,tuchen Würdigung d-s objektiven Verstandes nicht Stand halt". Un,-r- vorgefaßt- Meinung mußte sich aber in der That in eine beff-re v-r.va,w- n und es freute uns aufrichtig, daß der evangelr,che Piarnr offen und ehrlich bckaiiute, daß das von den Men i ckien vci unital tete Christen ihn m schlechterdings nicht müder modernenWeltanichaiiung in Einklang zu bringen sei. Oder sollte» wir doch ..»ßveManden haben? Haben wir nicht mißverstanden, so hat die,ei Vortrag zweifcllo« dem „Protestanten-Verein" (natürlich auch dem Reduci) zur Ehre gereicht, da er wirklich von vor» bis hmte» in echt protestantische», Sinne, im Sinn- der immcrwahrcnd-n. mit der stell und der höheren naturwissenschaftlicheii Erkenntmß fortschreitende» Reformation gehalten war. Wir können ans den Vortrag leider nicht näher eingeheu. aua, mcht darauf, wie der Redner die ihren Gesichtskreis immer mehr erweiternde Weltaiuchauung m geistreicher Weise von Coperuikus und dessen Nachfolger Galile» aus verfolgte und die Berechtigung und den Werth darthat. welche die moderne Weltanschauung auch für das ursprüngliche Chn ten- thum die thatsächlich reine Lehre Christ, (die uns auch dre rn der noch kurzsichtigen Weltanschammg des Mittelalters befangenen Resorruatorcn rricht zu geben vermochten) hat. und daß das Chnsten- tbum in der modernen Naturerkenntnrß nichts verloren, sondcrrr viel gewonnen hat. Es ist auch immer erfreulich. Goethe den man sonst in kirchlich gesinnteil Kreisen gern als de» großen tz-'d-n bezeichnet von einem Vertreter der Kirche, besser ge,agtvo» einem Chnitcn, der die Lehre Christi berufsmäßig erklären und vertreten soll, anerkannt zu festen als einen Mann, der Gott allerdings nicht an eurem besonderen Orte außerhalb der Welt suchte, sondern w.rknrd und lebend in der Natur. Der Redner führte den schonen Vers Goethes, sein eigentliches Rcligionsbekcnntniß. an:
„Was wär' ein Gott, der nur von außen strebe, stm Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur z» hegen.
So daß, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt."
Wie gesagt, der Redner, dessen Vortrag trotz der am gleicoen Abend stattgefnridenen Veranstaltung zum Besten der Buren rean gut besucht war, verdient alle Anerkennung. a-
Feuilleton.
Serlmer St'nnmungsbilder.
Von Paul Lindenbcrg.
)er Tod der Königin von England. — Ihre letzte Anwesen- üt auf deutschem Boden. - Frühere Mißstlmmungen. - Wrr- rngen der Trauer. — Unser gesellschaftliches Leben. — „Nichts orl" — Chinesischer Einfluß. —
Björnsons „Ueber unsere Kraft.
„Freud und Leid, wie oft vereint zur selben Zeit" — auch Dir haben's in den jüngsten Tagen wieder ,o recht erfahren Wch war nicht verhallt der Jubel der Jubiläumsfeier, als dre rüben Nachrichten von Schloß Osborne her über den Kanal ,rangen und das baldige H i n s ch e'- d e n d e r g r e > \ e n Königin von England befurchten ließen. Ein reiches Nenschen- und Fürstenlcben fand seinen Abschluß, freilich einen Abschluß unter so traurigen politischen Zeitumffanden, wre ie von der Trägerin der englischen Krone mcht erwartet und licht erhofft worden waren; Privatberichte, welche aus der näheren Umgebung der verewigten Königin stammten meldeten venu auch, daß durch die blutigen Vorgänge m Sudafnla der Gemüthszustand der hochbetagten Fürstin wahrend der letzten Monate aufs Tiefste beeinflußt worden Ware. Aber auch sonst hat sich an der Königin das alte Wort erfüllt, daß in Kronen Dornen gewunden sind! Sieben Jahre bald sind es her, da weilte Königin Victoria zum letzten Male auf deutsqem Boden; in Coburg war's, mit Hellem Klang läuteten dre Glocken die Hochzeitsseier ihrer lieblichen Enkelin, der Prinzessin Victoria,' und ihres Enkels, des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen, ein, holder Frühlingszauber lag über den thüringischen Landen, und aus treuen Herzen kam der Bmicl, welcher der Königin überall entgegen hallte in der mit frischem Tannengrün geschmückten traulichen Stadt, aus deren Schloß- Glatze sich das eherne Reiterstandbild des Prinz-Gemahls Albert
erbebt Ach, aus dem frohen Kreise, der damals m stattlicher Ähl die Königin umgab, hat der schwarze Gesell, welcher mit seiner Sense die Thore des prunlendsten Palastes und dir Thur der ärmlichsten Hütte öffnet, seitdein so Manchen fortgeholt und hat oft genug mit bitterstem Leid das Herz der Königin und Mutter erfüllt: der heißgeliebte Enkel, Erbprinz Alfred, sta und der Sohn, die Tochter aber, Kaiserin Friedrich, vermochte nicht an das Sterbebett der theuren Mutter zu eilen, mü welcher sj° zeitlebens durch die zärtlichsten Bande verbunden war.
Für Berlin hatte die Königin Victoria nie Mel Sympathie-n übrig gehabt, sie hat kaum unsere Stadt besucht, als sie nn Frühling 1888 in Charlottenburg bei dem schwer duloenden Kaiser Friedrich und ihrer Tochter weilte. Diese deutlich zur Schau getragene Abneigung galt weniger Berlin an sich- ah bestimmten Hofireisen bezüglich Hoseinrichtungen, obwohl langlc über einen Vorfall, der die Königin empfindlich berührt hatte, Gras gewachsen sein konnte! Denn die Sache welche dre M. B- stimmung der Königin auf das höchste erregt har e ereignete sich im Sommer 1843 aus Schloß Stolzenfel wo zu Ehren der Königin und des Prinz-Gemah.s von König Friedrich Wilhelm IV. glänzende Festlichkeiten °-ranstal e worden waren. Und man denke: b-r einem Gala-Diner hatte der Erzherzog Friedrich von Oesterreia; einen ranghöheren Platz erhalten, als der Prinz-Gemahl, der nach der gestrengen Hofordnung nicht als Gatte einer Königin, sondern als Coburgischer Prinz angesehen worden war. Am folgenden Morgen verließ in wenig guter Laune die ingendl che Komgm mit ibrem Gemahl das Schloß und fuhr heimwärts — ^ahr- Aite v-rsüicheu. -he sie die Schritte Deutschland wieder zt wandte: o. Fürsten und Fürstinnen vergeffen oft -ncht und oft schwer! — Gespannt ist man hier über die Bertheilung^ des Nachlasses der verewigten Herrscherin; das Vermögen, welches fie hinterlassen, rechnet man auf 600 Millionen Marl, wob i es ja auf einige Millionen mehr oder weniger nicht an- kommt, aber, wie ein altes Wort sagt, zählt bei vielen Erben der Thaler nur nach Groschen, und um dre Königin trauern mehr denn sechzig Enkel und Urenkel bezw. -Enkelinnen, neben
den Söhnen und Töchtern. — Die Königin führte.regelmäßig ein Tagebuch, in welchem sie namentlich all' jene Personlichieiten verzeichnte, mit denen sie je in Berührung gekommen: hinter zahllosen Namen hatte sie das Zeichen^ des ^odes, em Kreuz, niachen muffen, und Kaiser Wilhelm soll einst das Buch „Gcotz- mamas Privatfriedhof" getauft haben ^etzt ist auch hmter ihrem eigenen Namen ein Kreuz gemacht worden, gar^ weltqin durch die Zeiten wird es leuchten zur Erinnerung an eine gute,
0,1 Das°Hinscheiden der Königin ist von bestimmendem Enr- fluß auf unser ganzes gesellschaftliche s L e b e n.. Die oierwöchentliche strenge Hoftrauer laßt nicht nur sammt- liche Hofsestlichkeiten ausfallen, auch viele andere leftudfe Veranstaltungen, zu denen bereits die Borbereitungen nn vollsten Gang- waren, sind aufgehoben worden, so der b-üebte Caoalier- ball der alljährlich im Kaiserhof stattfindet, und wahrscheinlich auch der Subscriptionsball, der gerade auf die B-fucher aus der Provinz eine so große Anziehungskraft ausubt Wohl mcht weniger freudig, aber stiller wie sonst wird der Geburtstag unseres Kaisers begangen werden, durfte doch der Kaiser allem Anschein nach diesen Tag nicht in Berlin, sondern m Sck'loß Friedrichshof bei seiner erkrankten kaiserlichen Mutter verleben, und verliert dadurch für Berlin die Feier ihren eigentlichen Mittelpunkt. Gewaltig- Summen sind es. welche durch diese festlosen" Wochen inmitten der Haupt-Sarson ^rloren gehen, und manche Klage mag in den Bureaus und WerÜmtt-n unserer großen Modemagazine und all fener zayllosen Geschäfte, welche auf die Verwirklichung des „heute lustig und morgen wieder lustig" angewiesen sind. W-r die ges-nwartige schlimme Zeit ertönen. Die Absage emes -'nzig-n Hofftstes zu dem twa zweitausend Einladungen ergangen sind, bedeutet für B-rlm allein den Verlust von mehreren hunderttauf end Mark, ^nn was fällt dadurch fort für di- Putzgeschäfte, die Schneider und Schuhmacher, die Blumenläden, bis herab zu den Lohndienern und
UeberhaupNteht diesmal unsere S a i s o n unter keinem günstigen Stern; „nichts los!" - den Ausruf bort man oft
