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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 112. Samstag» 18. Mai. 1915.

{10. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Nachdruck verboten.

Ein Instinkt sagte Frau Roswald, daß die andere nicht mehr dieselbe sei. Irgend etwas mußte sich in ihr geändert haben. Sie war nicht mehr die Frau, die mit dem Löben spielte — sie war ihr plötzlich gewachsen.

Das sollte ein schwerer Kanrpf zwischen ihnen wer­den; denn sie rangen beide um ihr Glück und mit glei­chen Kräften; die eine mit den Rechten, die sie als Gattin noch zu besitzen glaubte, die andere mit der Leidenschaft der Frau, die liebt und sich geliebt weiß.

Sie sprachen erst von gleichgültigen Dingen, als wollten sie beide Zeit gewinnen und den Augenblick, in dem sie sich als Rivalinnen gegenüberstehen würden, hinausschieben.

Aber Frau Rickling brach das Gespräch plötzlich ab: „Wozu unterhalten wir uns über Mn ge, die uns nicht interessieren, währeird sich unser ganzes Fühlen und Denken auf eine andere, brennende Frage konzentriert? Sie wissen, nicht wahr, warum ich hier bin? Er­schweren Sie mir den schweren Schritt, den ich zu tun wagte, nicht noch mehr. Behandeln Sie mich nicht wie eine Fremde, wie einen gewöhnlichen Besuch, da Sie doch wissen, daß ich „seine" Frau bin."

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen", versetzte Frau Roswald kühl, um durch einen letzten Versuch das Ge­spräch in konventionelle Bahnen zurückzuführen.

„Sie verstehen nicht, was ich meine?" Me Leiden­schaft brannte aus Frau Ricklings Augen. Hilde er­schrak. Das waren nicht die Züge der koketten, leicht- fertigen Frau von damals. Es war die Entschlossenheit des Kämpfers, der 'da weiß, daß er auf der Höhe seines Lebens steht und alles wagt, um alles zu gewinnen oder alles zu verlieren.

„Ich will Ihnen also erklären, damit Sie verstehen", fuhr Frau Rickling fort: „Sie begegnen mir mit Miß­trauen — vielleicht auch Verachtung — aber ich bin nicht die Frau, die Sie in mir zu sehen glauben. Ich habe ineinen Mann geliebt, so heiß, wie Sie ihn jetzt liüben —"

Frau Roswald machte eine abwehrende Bewegung.

.Mehren Sie mir nicht — wir wollen doch klar und offen reden und nichts verschweigen. Ich weiß, daß Sie ihn lieben, ich wäre ja sonst nicht hier. Sie solleir äber auch wissen, daß ich ihn geliebt habe und ihn jetzt noch liebe."

Frau Roswald zuckte die Achseln: „Sie haben ihn geliebt — und haben es doch so wenig verstanden, ihn glücklich zu machen?"

Erna Rickling brauste aus: „Ich bin nicht herge­kommen, um mich belehren zu lassen — und noch von her Frau, die mir seine Liebe gestohlen hat — ja ge­stohlen", wiederholte sie mit Nachdruck, als sie in Hildes Äugen den Zorn aufflammen sah.

„Ich bitte Sie, mäßigen Sie Ihre Worte", versetzte Hilde kalt.

„Ha" — ein böses Lächeln zuckte um Frau Ricklings ejt — „Sie wollen der Verteidigung ausweichen. nnte ich mir denken."

„Ich habe mich nicht zu verteidigen. Ich habe Ihnen nichts genommen —"

^ Frau Noswald fühlte, wie die Ruhe sie verlieb; ihre Stimme bebte vor Empörung: „Was er mir gegeben hat, haben Sie nie besessen — haben Sie nie begehrt. Sie spielen jetzt die Komödie der Liebe und denken da­mit zu gewinnen — Sie irren sich — ich lasse mich nicht übertölpeln — Sie lieben ihn nicht —- aber Sie fürchten sich vor dem Urteil der Welt — darum wollen Sie ihn zurückgewinnen I"

„Er ist mein Mann •—" — die beiden Frauen matzen sich schwer atmend mit den Blicken — „ich habe ihn iminer geliebt — aber ich wußte es selber nicht."

„Mein Mann" — das Wort peitschte Hildes Eifer- sucht und leidenschaftlich erwiderte sie: „Sie hatten

Ähre Liebe zu ihm vergessen? und mit einer solchen Liebe im Herzen sind Sie zu mir gekourmen? Wozu denn? Was wollen Sie von mir? Sie meinten vor­hin, wir sollten klar und offen reden. Ich bin bereit dazu. Sie sollen es hören, daß ich Hans Rickling liebe

— ja liebe — mit jeder Faser meines Wesens — mit

jedem Tropfen nieines Blutes. Ich werde ringen um mein Glück — denn mein Glück ist zugleich das seine. Wir können nicht mehr ohne einander leben. Eher sterben, als verzichten.-

Und Sie — Sie" fuhr sie atemlos mit brennenden Augen fort — „Sie wissen, daß Sie ihn nicht lieben und nicht verstehen — Sie haben nie nach seinem Glück gefragt — nie gesehen wie einsam er war — nie sich um ihn bekümmert — langweilig fanden Sie das Leben mit ihm — und jetzt — jetzt — da für uns lieben — leben bedeutet — kommen Sie — pochen auf Ihre Rechte als Gattin und wollen uns auseinanderreißen.

Aber es soll Ihnen nicht gelingen — nein — nein

— nein!"

War das die sanfte Hilde Roswald? — welche Ge­walt, größer und mächtiger als alle anderen Regun­gen in ihr, ließ sie also reden? Sie wußte es nicht. Fragte nicht danach.

War ganz Liebe und Leidenschaft und rang mii heißen Kräften nm ihr Glück.

Aber um dasselbe Glück kämpfte die andere.

Wollte nicht weichen — wollte siegen.

„Er ist mein", sagte sie hart.

„Aber — glauben Sie — daß Sie noch die Sein« sind?"

Ganz langsam sprach Hilde die schweren Worte aus.

Sie wußte nicht, daß die Frau ihr gegenüber die Wahrheit sprach — glaubte nicht, daß sie den Mann wirklich liebte — dachte noch immer, sie spiele im eige­nen Interesse eine Komödie. Sie hätte sich sonst vor ihren letzten Worten schämen müssen.

Erna Rickling war sehr blaß geworden. Die Be« leidigung hatte sie ins Herz getroffen.

„Ich verstehe, was Sie meinen", sagte sie mühsam.

Ihr war, als käme ihre Stimme von weit, weit her.