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Wiesbadener Tsgblstt.

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„Tagblatt-Han," Nr. 6850-63. morgen, b» 8 Uhr abends, außer Sonntag,

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Samstag, 15. Mai 1915.

Abend-Ausgabe.

Nr. 224. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

3ur Vernichtung der „Lusitania."

Der amtliche Bericht des deutschen kldmiralstabes.'

W. T.-B. Berlin, 14. Mal. (Amtlich.) Aus dem Bericht beS Unterfeebaotcs, das die „L u s i t a n i a" zum Sinken ge­bracht hat, ergibt sich folgender Sachverhalt: Das Boot sich­tete den Dampfer, der keine Flagge führte, am 7. Mai 2 Uhr 22 Min. mittags an der Südküste Irlands bei schönem, klaren Werter. Um 3 Uhr 16 Min. gab es einen Torpedo, schuß auf die „Lusitania" ab. die an der Steuerbordseite in der Höhe der Kommandobrücke getroffen wurde. Der Deto­nation des Torpedos folgte unmittelbar eine weitere Explo­sion von ungemein starker Wirkung. Das Schiff legte sich schnell nach Steuerbord über und begann zu sinke». Die Explosion muß auf die Entzündung der im Schiffe befind­lichen Munitionsmengen zurückgeführt werden.

Der stellvertretende Chef des Admiralstabes:

(gez.) B e h n ck e.

Die pöbelherrschaft in London.

Die Regierung machtlos oder passiv?

W. T-B. Kopenhagen, 14. Mai. (Nichtamtlich.) „Na­tional Tidende" schreibt: London steht unter dem Zeichen

der Pöbelherrschaft. Die Plünderungen von Läden, an denen Männer, Franen und Kinder teilnehmen, nehmen einen ernsten Charakter an. Die Polizei ist machtlos oder weigert sich einzuschreiten. In der Gegend des Eaftindian Docks mutzten Deutsche sich bewaffnen und sammeln, um ihr Eigentum zu schützen. 64 deutsche Läden und Wirtshäuser sind in dieser Gegend völlig zerstört worden; das Inventar wurde auf die Stratze geworfen. Vielt Polizisten und Zivilpersonen sind verwundet worden. An vielen Stellen versuchten Geistliche, dem wilden Treiben der Menge Einhalt zu tun. Die Regierung ist augenschein­lich gegen den Pöbel, der durch Presseerzeugnisse aufgepeitscht wird, ganz machtlos oder verhält sich passiv. Die Posten sind in einzelnen Stadtgegeudeu ver­geblich verstärkt worden.

Neue veutschenverfolgungen.

W. T.-B. London, 15. Mai. (Nichtamtlich.) In London haben sick gestern in mehreren Vierteln die Angriffe gegen die Deutschen erneuert. Auch Laden wurde» wieder zer­stört. In Ostlondon wurden Deutsche von einer heu­lenden Menge durch die Straßen verfolgt und mit Steinen geworfen. Die Verfolgung ging in einigen Fällen mehrere englische Meilen weit. Wieder beteilig­ten sich viele Frone n. Mehrere hundert Frauen und Männer wurden dem Polizcigericht vorgeführt. Auch in mehreren Orten Esser fanden ernste Ausschreitungen statt.

Oie Unruhen in Liverpool beendet.

Der Schaden in London. — Tolle Gerüchte.

W. T.-B. Rotterdam, 14. Mai. (Nichtamtlich.) Der „Rotterdamsche Courant" meldet aus London: Die Unruhen in Liverpool haben aufgehört. Der in London angerichtete Schaden wird auf 20 006 Pfund Sterling geschätzt. Das Ge­rücht, datz kanadische Offiziere von den Deutschen gekreuzigt worden seien, erregte die Leute mehr als der Untergang der „Lusitania".

Die pöbelausschreitungen und das Unterhaus.

W. T.-B. London, 15. Mai. (Nichtamtlich.) Im Unter- hau'se ftagte N e v i l l e (Unionist), welche Schritte das Staats­sekretariat des Innern züm Schutze des Lebens und des Eigenttlms von Personen in denjenigen Bezirken täte, wo deutschfeindliche Ausschreitungen stattgefunden haben oder vielleicht noch stattfinden könnten. Der Unterstaats­sekretär .antwortete: Die Polizeibehörde sei voll­kommen von dem Ernst der Lage unterrichtet. Jede mög­liche Vorsichtsmatzregel sei getroffen. Die Polizeimacht sei wesentlich verstärkt und eine sehr große Anzahl von Hilfs­polizisten ausgehoben.

vie Berliner presse zu den Plünderungen.

Berlin, 15. Mai. (Ktr. Mn.) Zu den Plündevungen in London schreibt das „Berliner Tageblatt": Im „Daily Tele­graph" wird die Photographie einer Plünderungstzene in P o p l a (London) abgedruckt. Man sieht auf dem Bilde eine aufgeregte Menge vor dem Zigarrengeschäft A. Schönefeld stehen. Zwei Polizisten- schauen ruhig zu. Eine bedeutend« Anzahl geraubter Matratzen wird unbehelligt auf Wagen durch die Christi-Street fortgeführt. Ganze Wagenladun­gen mit geraubten Möbeln werden durch die Stratzen von London gefahren. Unter den Besitzern der geplünderten Bäckerläden waren naturalisierte Deutsche oder solche, die von D«urschen stammten und im verflossenen Jahrhundert naturalisiert worden waren. Ein Bäcker, dessen Geschäft völlig vernichtet wurde, hatte dort schon 32 Jahre gewohnt.

Bei Besprechung der Deutschenhetze in London schreibt der „Berliner Lokal-Anzeiger": Der Umstand ist bemerkens­wert. datz die Ausschreitungen im englischen Parla­ment nicht nur keine Mitzbilligung, sondern eine Förderung durch die Haupthetzer finden.

Was soll man ferner dazu sageu, heitzt es in der .Gvrnumi«". datz sogar e«-lische Soldaten au den

Ausschreitungen und Plünderungen sich betelligeu, als ob sie echt russische Kosaken wären. Und was tut die englische Regierung? Statt den Ausschreitungen vorzubeugen oder ihnen mit allen Mitteln entgegenzntreten und die Schul­digen zur strengen Rechenschaft zu ziehen, will ste die Deut­schen in England dafür bützen lassen, indem sie alle er­wachsenen Männer interniert und die Frauen und Kinder nach Deutschland abschieben lätzt. Der konservative Führer hat sich damit einverstanden erklärt. Das sind Zeichen dafür, welchen Tief st and die englische Kultur bei Regierung, Volk und Presse bereits erreicht hat.

OerRufnach Gegenmaßnahmen derZentralmächte

Wien, 14. Mai. (K. Z.) Zu den englischen Pöbelaus- schreitungen gegen Deutsche und der Ankündigung von der Internierung der feindlichen Staatsangehörigen in noch grötzerem Matzstabe durch Asquith schreibt die „Reichs- post": Man wird sich die Frage vorlegen müssen, ob die

Regierungen der Mittelmächte nicht entsprechende Gegen- matzregeln ergreffen werde« müssen, um der gegen die Fremden ausbrechenden Boxerbewegung in Eng­land Einhalt zu tun.

Nicht genug Fahrgäste für die „Mauretania."

w. T.-B. London, 15. Mai. (RManrtlich.) Die Cunard- Linir hat bekanntgegeben, es sei unrichtig, daß die Ge­sellschaft die Amerikafahrtcn eingestellt habe. Rur die Fahrt der ,.M a u r e t a n i a" sei rückgängig gemacht worden, weil nicht genug Nachfrage nach Paffagierplätzen ge­wesen fei.

Die Haltung Amerikas.

Berliner Press«stimmen.

Berlin, 15. Mai. (Ktr. Bln.) Zu der Meldung, datz das Staatsdepartement alle amerikanischen Touristen von Reisen nach Europa abgehalten habe, fragt die „Freisinnige Zeitung". warum ist diese amtliche Mitteilung nicht schon früher ge­macht worden?

Im „Tag" schreibt Professor Heifron: Me englische und die mit englischen: Gelds gekaufte amerikanische Presse fängt bere-ts an, den „Lusitania"-Fall gegen Deutsch­land auszunuhen und Amerika gegen uns aufzuhetzen. Die amerikanische Regierung wird kaum Gelegenheit nehmen, aus der Vernichtung der „Lusitania" und der darauf befindlichen Amerikaner und der amerikanischen Güter ernste Folgerungen zu ziehen. Die Amerikaner haben sich und ihre Güter dein Hilfskreuzer einer kriegführenden Macht an­vertraut. Die Fahrgäste der „Lusitania" hoben sich in das Kriegs gebt et begeben. Wer dies auf dem Lande tut, wird nie auf den Gedanken kommen, einen Schadens­ersatz von den Kriegführenden zu verlangen, falls er an seiner Person oder an seinem Vermögen geschädigt wird. Es liegt kein Grund vor, das Kriegsgebiet zu See anders zu be­handeln als das zu Lande.

Die pöbelherrfchaft in Johannesburg.

W- T-B. J-hanueSburg, 14. Mai. (Nichtamtlich. Reu­ter.) Die heftigen deutschieindlichen Kundgebungen haben zur Verwüstung des Eigentums der Deutschen und zur Schlietzung von vier deuffchen Läden und Bureaus geführt. Die Menge wandte sich auch gegen die dem deutschen Feinde gehörigen Kinos, die zum Schlichen genötigt wurden. Gegen. Abend verlor man die Kontrolle über den Mob voll­ständig. Die Leute liefen wie toll durch die Stratzen und verwüsteten alles, was einem feindlichen Untertan gehörte. Die Polizei bildete einen Kordon in der Fox­street, um die Menge von den vornehmsten Bureaus und den Bergwerksunternehmungen abzuhalten. Der Kordon war zu schwach und wurde durchbrochen. Gegen Sy 2 Uhr sah man an verschiedenen Punkten der Stadt Flammen auf­steigen. Um 9 Uhr war das Zentrum der Stadt hellerleuchtet durch grohe Freudenfeuer, die mit dem Inhalt der verwüsteteten Häuser genährt wurden. Die Lagerräume der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft wurden in Brand ge­steckt.

Der deutsche Gesandte in Thristiania an die Norweger.

Eine heilsame Lektüre auch für andere Neutrale.

W. T.-B- Christiania, 14. Mai. (Nichtamtlich.) Der kaiserlich deutsche Gesandte Graf Oberndorfs hat der norwegischen Presse eine Mitteilung zugehen lassen, in der er darauf hinwerst, datz er in den letzten Tagen zwei Schmähbriefe erhalten habe. Er sei schon versucht ge­wesen, sie in den Papierkorb verschwinden zu lassen, als er aber gesehen, datz einzelne angesehene norwegische Blätter sich ähnlich ausdrückten, dachte er, die beiden Briefschreiber könnten vielleicht doch ernste Politiker sein, denen er antworten sollte. Leider vergasten die Herren, ihre Namen und die Adresse beizufügen. Er könne daher die Ant­wort nur öffentlich erteilen. Der Gesandte erklärte dann: „So sehr ich die Beweise treuer Freundschaft für Deutschland schätze, beiien ich hier täglich begegne, so fern liegt es mir, Leute, die anders denken, m ihrer inneren Überzeugung be­einflussen zu wollen und um ihren Beifall zu werben. Wir führen diesen Krieg nicht für Zuschauer, sondern um unsere Existenz gegen einen an Zahl vielfach über­legenen, mit Wilden aller Erdteile verbündeten Feind zu sichern. Die M r t t e l, zu denen wir greifen, werden uns von der Notwendigkeit vorgeschrieben. Me Ereignisse können von zwei Seiten betrachtet werden. Das sollten Nach­

denkende beachten, ehe sie ein Urteil fällen. So wäre es viel­leicht klüger und gerechter, mit der Entrüstung über die Tor­pedierung rn Amerika zurückzuhalten, bis die Untersuchung vollendet ist. Wer über'den Untergang der „Lusitania" ur­teilen will, der sollte den Hungerkrieg nicht vergessen, der gegen unsere Frauen und Kruder geführt wird, und dem zu begegnen wir kein anderes Mittel haben, wie den Unter­seekrieg. Man sollte auch dre deutschen Erklärungen über die Armierung des Dampfers und die erwiesene Angabe, datz er 5400 Kisten Munition an Bord hatte, nicht einfach ad acta legen, weil sie von der anderen Seite bestritten wird. Die Neutralität verpflichtet nicht dazu, alles, was von unseren Gegnern kommt, gläubig hinzunehmen und charaktervoll zu vertreten."

Vas klägliche Ergebnis der Werbungen in Irland.'

W. T.-B. New Bork, 15. Mai. (Nichtamtlich.) Dis „Associated Pveh" meDet aus Dublin: Die Gesamtzahl der Rekruten aus den drei südlichen Provinzen VE Irland betrug bis Ende März nicht mehr als 20 00 0, merst aus oen Städten. Die irische LanVbevößkerjuwg lehnt durchweg die Eintragung in die Listen ab.

tzaldane über die kommende Wehrpflicht.

W- T.-B. London. 15. Mai. (Nichtamtlich.) Im Ober­haus führte Grotzkanzler Haldane aus: Wir kämpfen um das Leben. Unter gewöhnlichen Umständen und Friedenszeiten würden wir vom Freiwilligensystem nur ungern abgehen, aber wir wecken angesichts der gewal­tigen Notwendigkeit mit dem Lande zu rechnen hoben, viel­leicht den jetzigen Zustand einer Revision unterziehen müssen. Vorläufig stehen wir noch nicht vor dieser Frage. Es kann aber, wie gesagt, dazu kommen. Augenblicklich haben wir die Hände voll von einem Material, das uns zur Ver­fügung steht, und das ein prächtiges Material ist.

Italien.

Dis Lage in Italien erinnert lebhaft und nicht zu Italiens Vorteil an das Schicksal Portugals, welches durch die britischen Kriegstreibereien in eines Zustand heilloser Verwirrurig, in eine schwere, innere Krisis hineingedrängt worden ist, so daß dort auch jetzt noch die derzeitige Staatsform des Landes, die republi­kanische, durch die Ränke der von englischem Geld« unterstützten' Monarchisten ernstlich bedroht ist. In Italien liegt der Fall ähnlich, wenn auch in bezug auf den zuletzt erwähnten Punkt umgekehrt. Die schwere innere Krisis, verursacht durch die Kriegsag i- tation des Dreiverbandes, ist bereits da, sie hat sich von einer parlamentarischen zur Kabinetts­krisis erweitert, und der Gegensatz zwischen dem Parlament und dem Kabinett Salandra-Sonnino hat dieses zur Demission gezwungen, nachdem es noch in letzter Stunde vor dem Versuch einer Überrumpe­lung des Parlamentes zurückgefchreckt ist. Ver­fügt doch Salandras Gegner, der trotz aller gegen ihn gerichteten Kundgebungen der Kriegspartei «rnslutz- reichste italienische Politiker Giolitti, in der Kammer, wo e t w a 3 0 0 D e p u t i e r t e zu ihm halten, über die Mehrheit, und was den Senat betrifft, der etwa 100 Anhänger des früheren Ministerpräsidenten zählt, so soll dort die überwältigende Mehrheit gegen den Krieg sein.

Die innere Krisis ist also berests da, ebenso wie sie in Portugal durch die Ränke des Dreiverbandes her» vovgerufen wurde. Nun ist freilich m Italien nicht wie dort eine Republik zu stürzen, sondern der Fall liegt umgekehrt; die Monarchie ist in Gefahr, ist durch di« verbrecherische Agitation für den Krieg, hinter der in erster Reihe die revolutionär-republikani» scheu Elemente stehen, ernstlich bedroht. Wir erinner­ten schon früher an Manzinis Worte, die er im Jahre 1883 den Jrredentisten entgegenrief, die ebenso wie heute das Land in den Krieg gegen die Donaumonarchie hineintreiben wollten: „Die Abenteuer, die ihr wollt und wiinscht, bedeuten nicht die Erfüllung der natio­nalen Hoffnung Italiens, sondern den Untergang der Monarchie." Es dürfte dem König Viktor E-manuel ernstlich zu denken gegeben haben, datz bei den letzten Kundgebungen in der Siöbenhügelftadt sich in das Ge­schrei: „Nieder mit Österreich! Nieder mit Giotittist* auch der verhängnisvolle Ruf: „A basso il roil" 1 (Nieder mit dom König!) mischte.

Vielleicht ist also dem Monarchen unterdessen wirk­lich die Erkenntnis gekommen, daß der „Popolo Romano" recht hatte, als er Sonnino beschuldigte, mit der Zukunst Italiens Roulette zu spielen. Jedenfalls hatten die Neutralisten schon insofern einen Sieg über die Kriegstreiber davongetragen, als sie das Kabinett zu dein Zugeständnis nötigten, die folgenschwere Ent­scheidung nicht über den Kopf des Parla­mentes hinweg zu treffen; aber die Gwstttl nahe­stehende „Sianipä" hat doch recht behallen, wenn sw trotz des in letzter Stunde erfolgten Nachgebens deS Mbinetts erklärte: „Die Regierung hat nur zwei Wegs vor sich; entweder ihr ursprüngliches Programm, A tz.