Beilage mm Wiesbadener Tagblalt.
Us. 22. Aheud-Ausgahe.
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. Der Wein ist m listiger Kämpfer, et nimmt die *c Füste zuerst gefangen. ..
L Sprucliwort.
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(10. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Die
beiden Emilien.
Erzäblung von H. Gschricht.
„Kind, Kind! um welche Dinge zerbrichst Du Dir den Kopf! Und dennoch will ich Dir Rede stehen! Vor dem Gesetz macht in der Bestrafung alter Sünden und Verbrechen das Geschlecht keiner'. Unterschied, sondern gleiches Stecht ist für Alle. Aber in der öffentlichen Meinung rst die Strafbarkeit der Frau größer. das müßte Dir beweisen, wie vorurtheilslos das Gesetz ist! Und wie unbeirrbar dem entgegen das traditionelle Vorurtheil. Und so war es, solange die Welt sich eine Ordnung schuf! Schon der Talmud sagt der Frau: „Sie denke immer daran, daß der Ewige gegen alle Vergehen seine Lang- nruth bewahrt, nur nicht gegen den Ehebruch, der eine Verwirrung in der Welt hervorruft und Gute und Böse dahinrafft. Im Allgemeinen wird nur diejenige Frau als eine anständige und fronune betrachtet, die sich in den Willen des Mannes fügt." Und zunl Manne redet er: „Man hüte sich, die Frau durch Betrug zu kränken, denn es kommen ihr leicht Thränen, und die Thore der über erlittenen Betrug geweinten Thränen sind nie verschlossen." Wie fein und rührend ist hier die von Ewigkeit bis auf unsere kampflustigen Tage gültige Wahrheit unterschieden. Ja, eine Frau bringt Verwirrung durch ihre Schuld in die Welt, aber die ihr zugcsllgte wird sie nie verwinden; darum räth auch der Talmud weiter: „Der Mann liebe seine Frau wie sich selbst und ehre s'L durch Aufmerksamkeit mehr als sich selbst und inehr, als seine Mittel es ihm gestatten." Du siehst, die Frau stand in dieser Beziehung so hoch, daß man es keinem Mann verdachte, für sie Verschwender zu werden^ lind das hat sich die Frau gemerkt — denn Juden und Christen gehen zu Grunde an ihrer Sucht nach Wohlleben. Du aber — Tu wirst einmal wie die Frauen der Patriarchen sein: „Stolz und einfach"; aber jetzt, solange Dil meine Tochter bist, hier bei mir im Hause — da sprech' ich nicht gern von solchen Dingen."
„Vater, ein so gütiger Vater und ein so weiser und verständiger Mann sollte seine Tochter gar nicht heirathen lassen; denn ihre Reinheit soll kein Wissen trüben mit gebundenen Augen soll sie also plötzlich auf den neuen Lebensweg an die Seite eines fremden Mannes gestellt werden — nun mußt' Du aber denn auch wissen, daß der Mann, gerührt und heilig bewegt durch die Welt- unkenntniß der Frau, ihre Schritte leiten, ihr Herz bewachen, ihrer Seele sich ganz und gar beinachtigeu wird, daß sie in ihm ausgehend nie nach anderem Glücks verlangt! und wenn dann der Mann nicht hält, was Du von ihm erivartest — dann ist das Unglück fertig!"
O nein, mein Kind! Ich denke, ich lehrte Dich, recht und schlecht leben um des Lebens und seiner Ansprüche willen — Du sollst nicht warten, daß Einer kommt und Dich glücklich macht — weil sonst Dein Leben verstört wäre! Mein Kind, um glücklich gemacht zu werden, sind wir nicht geboren; wir können höchstens versuchen, g dicklich zu machen — und das ist der Preis unseres Lebens, denn darin liegt seine höchste Befriedigung!"
„Ja, mein lieber Vater — weißt Du — darum möchte ich selbständig bleiben — und möchte suchen, Gluck zu geben»aus vollem Herzen!"
„Gott mag geben, mein Kind, daß ich dann noch lang bei Dir bleiben darf — und müßte ich alt werden wre
Montag, den 14. Januar.
Methusalem; denn an die Selbständigkeit der Frau ist noch nie von Männern geglaubt. Und auch der Talmud, der die Frauen so hoch stellt, daß er dem Manne räth, ür sie über seine Mittel zu opfern, wird von einem Spruch der Beda unterstützt: „Gegenseitige Treue währe bis zumTode", undMeuu fügt hinzu: „In diesen wenigen Worten ist das höchste Gesetz zwischen Manu und Frau enthalten"; und an airdercr Stelle sagt er: „Frauen werden in der Kindheit von ihren Vätern, in der Jugend von ihren Männern, im Alter von ihren Söhnen ge- chützt: ein Frauenzimmer ist nie im Stande. Unabhängigkeit zu ertragen!" 1600 Jahre vor Christi Geburt — den! an mein Kind — wenn 3400 Jahre hindurch gewisse Stipulationen sich bewährt haben — da muß man sagen: sie sind die Wahrheit! Beweisen wollen, daß auch hier die Wissenschaft unikehrr, beweist in der That nur kranke Gemüthec oder zerrüttete Verhältnisse. Zerrüttete Verhältnisse toben sich aber aus wie Gewitter- chauer — nachher ist tviederum Alles beim Alten. Auch ür solche Leiden weiß der Sohn Brahmas Rath: „Körper werden durch Wasser gereinigt, der Geist durch Wahrheit, der Verstand durch deutliche Kenntniß!"
„Ach, Vater — und so alte Vernunft soll auch mein junger Kopf schon fassen?"
„Kleine Emilie", sagte Theuerdank, „wie alt bist Du denn eigentlich?"
„So unter Ihren Händen, lieber Freund, bin ich 21 Jahre alt geworden — war 15, da Sie zuerst den Weg hierher sich snchtcir und sich ivunderten, daß ich noch immer Lebrer hatte, obgleich längst konfirmirt und schulreif; später legte ich mein Examen ab, ohne das Seminar besucht zu haben. Und immer war ich dabei, wenn Ihr im Lesezimmer Handelswissenschaften und Politik triebt, auf deni Thurn: Astronomie; und ich meinte manchmal, durch das klärende Wort wurde herausgesordert, was verschwommen und gähnend in meiner Seele lag und mich so tief bewegte: Ich wollte einmal eine ganz selbständige Person werden, daß ich frei hinausziehen könnte in die Welt wie ein Mann; da inußte etwas Besonderes, etwas unausdenkbar Schönes mir begegnen! Am meisten denk ich des, wenn ich meine mühselige Blnmenarbcit mache; da zieh' ,ch mit den Fischen um den Erdball — versuche den Grund des Meeres zu sehen und fef) das Bild der Palmenufer und der fremdeil Städte sich spiegeln, ilud diese Reisen genügen nur; ich suche kein Glück mehr draußen — Gott möge uns lange so beisammen lassen — an unserem Dreibund hängt mein Herz mit „vllen Fasern, und ich bin so unaussprechlich reich und glücklich,
wie ich bin!" ,
Der alte Kapitän mochte nicht weiter die Unziilang lichkeit dieser Verhältnisse hervorheben, er dachte: .Kommt Zeit, kommt Rath!"
Theucrdank war in einer so heftig erregten Seelen stiinmiing. daß er diesem Gespräch nicht mit voller -las merksamkeit folgte. Er hatte alle Momente zu einer ehr lichcn Auseinandersetzung verpaßt. Wenn er durch ihn überstürzende Verhältnisse zu llnaufrichtigkeiten gedrängt war iveim der Wunsch iiud Wilie der kleinen Enulie chm mich die Zunge band, so war selbst in dieser Verworrenheit sein Rechtsbewußtseiii durchaus rücht betäubt oder mit irritirt — ihin fehlte nur der Muth, sich einer Leiden schaft zu entziehen, die mit jedeiri Blick wuchs, den er an das lebensvolle, edle Gesicht des Kindes ivarf, auf dein m jedem Zug für ihn in deutlicher Sprache das Wort stand: , Ich liebe Dich!" und die uiiselige Vorstellung uberkain ihn, er könne eher zum Verbrecher werden, eher sterben als ihr entsagen! Sie zu besitzen war eine so gewaltige Forderung seines Herzens, daß alles Andere davor hinschwand, lind darum sagte er plötzlich:
„Emilie, Emilie — laß mich alle Brucken hinter nur abbrechen — werde Du mein Weib!"
4!>. Jahrgang. 1901.
„Niemals", sagte sie, „niemals! Ich will Niemand Unrecht thun — auch der anderen Emilie nicht — die Würfel sind gefallen — ich ersehne keine Aendermig mehr — vielleicht hätte es anders kommen können — nun nicht mehr! nun soll und muß Alles so bleibeii! Wie können Sie auch so fragen — was soll Vater davon denken wollen Sre Vater quälen?K
Und der alte Mann dachte: „Gott sei Dank! sie liebt ihn nicht — sie kann ihn nicht lieben und so sprechen! Sw hat ihn am liebsten auf der Welt neben nur — und ihr reiches Herz hat so viele Liebe zu verschenken ! Gott sei Dank — ich kann ganz ruhig sein!" _
Unb in heiteren und ernsten Gesprächen verbrachten sie den Rest des Abends; auf den Thurm wurde mcht gelegen; der Himmel war umwolkt. Spater, als Ahurer- dank aufbrach, warf Emilie ein £ud) über und geleitete ihn am Bollwerk entlang, sich an, seinen Arm hangend, wie sie seit ihren Kinderjahren so oft gethrm hatte, plaudernd und scherzend. Heute Zog er sie fest an sich und sie gingen schweigend dahin durch das schweigende
Endlich sagte er: „Emilie — es rst nicht möglich, daß Du mich liebst wie ich Dich liebe — ich kann Dich nicht lassen — wie soll es nur werden?"
„Wie es ist. Liebster — unausdenklich schön!"
Sie schieden mit einem langen, heißen, leidenschaftlichen Kuß. , ,. T
Geh nun weiter, ich will allein zurück; rcg weile noch'ein bischen in der stillen Lust."
Sie trat nun dicht bis an den Strom heran und ging langsamen Schrittes bis zu einer Stelle ihrem Hause gegenüber, wo sich an das Bollwerk eure kleine ganz sckiinale Brücke anschloß, zu der zww Stufen hmans- führten: oben war eine schmale kleine Bank, fürWartende. Von hier sah man zwischen den dw schmalen Planken das Wasser unter sich hinziehen und blickte aus dre Fahr- boote, dre beständig noch hinüber und herüber zogen. Dre Laternen beleuchteten die kleine Brücke gar nicht. Hrer faß Emilie oft und ließ den Ostwrnd, der vom Hafen herüber kam. ihr Gesicht streiten und dre herßen.Wangen kü''lerr Und zum ersten Mal in diesen Tagen, da sie mu eigener fester Hand die Knoten unlöslicher verfchurzt hatte, sagte auch sie leise: „Wie soll es werden.•
Alles in ihr wehrte sich gegen eine Herrath mrt dem Vater von drei fast erwachsenen Söhnen, denen sre, bu» wußte sie, doch nie willkommen fern wurde. Aber nun. nach dem Vorkornnmis; mit der andere,'. Ermke, nach dieser überstürzten Verlobung war ihre Abwehr zun fesceu Entschluß geworden: sie fühlte sich in, ferner Wer,e dem Hatz und der Verachtung gewachsen dre sre aus sich herausgefordert hätte, wenn sie in dre Losung der Verlobung zu ihren Gunsterr willigen wurde; dazu kam der Heroisnrris der Jugend und Unerfahrenheit. „<jch will das Opfer sein, ich will auch leiden um der Liebe willen.
Nicht einen Augenblick trübte eine Regung der Eifersucht den reüren Spiegel ihrer Seele -- so, fest war sie im Bewußtsein seiner Liebe zu ihr-..so abgefunden schien ihr die andere Emilie, die ohne Rücksicht den Zufall zu ihren Gunsten ausgebeutet hatte. ,
Von drüben her kam ein Boot ans Ufer und legte neben ihrem Ruheplatz an. Sie erkannte Doktor HeÜwrg. und er, da er eine zarte Frauengestalt gewahrte und Emilies Liebhaberei für diesen Platz kannte, kam vom - Ufer heraus und ging nicht weiter, sondern wendete ttn Knie desBollwerks um und trat zu ihr: „Kann es möglich {„in — an einem Herbslabend — Sw hier? und nicht einmal warn, bekleidet?"
(Fortsetzung folgt.)
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