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I. Beilage zum Meskaüener Tagblatt.

Uo. 17. Morgrn-Ausgadr.

Freitag, de« 11. Januar.

49. Jahrgang. 1901.

(28. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Drei Theithader.

Roman von Nret Karte.

Autorisiert.

Auch jetzt schwiegen sie eine Weile still, und wieder wie damals war es Barker, der in seiner unbezähmbaren Lebhaftigkeit zuerst das Wort ergriff: „Aber Stacy hat Dir ja nichts von Frau Hornburg, feiner schönenFreundin erzählt! Denke Dir, er ist der Vormund einer der reizendsten FrauenKaliforniens, die aber auch ebenso edel- miithig und hochherzig ist wie schön, «tacy verwaltet ihr Vermögen und schützt sie zugleich vor der Rohheit ihres Gatten. Ist das nicht brav und ritterlich von ihm?"

Darüber brachen die beiden Anderen in ein so schallendes Gelächter aus, daß Barker die Augen ver­wundert aufriß und sie vorwurfsvoll und entrüstet an­starrte. Es war ja sein vollster Ernst. Während des ganzen Ritts von Boomville herüber hatte er an Stacys Bewunderung für Frau Hornburg gedacht, ja, merk­würdiger Weise hatte ihm gerade seine Unterredung mit ihr diesen Gedanken eingeflößt. Es war dies höchst charakteristisch für seine Natur. Gerade weil er, Barker, so große Sympathie für sie empfand, war er überzeugt, Stacy müsse die nämlichen Gefühle hegen, die sie ohne Zweifel theilte. Und daß sein alter Freund sich seine glänzende Stellung und das Verhältniß eines Beschützers, in dem er zu ihr stand, nicht zu Nutze machte, um Ein-

K über sie zu erlangen — was ihm bei ihrer offenen ar ein Leichtes sein mußte — war das etwa kein Edel- muth? Wenn selbst er — ein verheiratheter Mann und Kittys Gatte — von ihrem Liebreiz so eingenommen war, wievielmehr mußte das bei Stacy, dem Junggesellen, der Fall sein.

Barker war vollkommen überzeugt, daß er hiervon nicht nur mehr verstand als Stacy, sondern such als Demorest, der sich zu sehr in seine eigene Gedankenwelt vertiefte. Er hatte übrigens durchaus nicht das Gefühl, als bringe er ein großmüthiges Opfer, wenn er sich die Möglichkeit nahm, Frau Hornburg zu lieben; ja er hielt sich deshalb nicht einmal für besonders tugendhaft. Don dem Tage an, als Stacy die schöne Frau zum ersten Mal sah, glaubte Barker zu entdecken, daß sein Freund eine Neigung für sie gefaßt habe — auch Kitty war ja der- elben Ansicht — und es erschien ihm fast als eine Schick- alsfügung, daß er nun wußte, wie er seinem alten Theil- Haber helfen könne, sein Glück zu gründen. Es war ja un­denkbar, daß Stacy nicht im Stande sein sollte, die Frau aus ihren schimpflichen Banden zu erlösen, oder daß sie ihre Einwilligung versagen, und taub sein würde gegen seine (Barkers) Gründe und Bitten. In seinem unzer­störbaren Optimismus bildete er sich jetzt ein, Stacy lache nur aus Verlegenheit, und Demorest, weil er von dem wahren Stand der Dinge nicht unterrichtet sei. Denwrest hatte übrigens bemerkt — was Barker entgangen war, daß Stacys Gelächter nicht ganz unbefangen und natür­lich klang, und er dabei Barker mit sehr scharfen Blicken musterte. Da nun Stacy gerade von einem Boten, der ein Telegramm aus Boomville brachte, hinausgrrufen

wurde, benutzte Barker seine augenblickliche Abwesenheit auf der Stelle.

„Ich möchte Dich bitten, Philipp", sagte er, seinen Stuhl dichter an Temorest heranziehend, „die Sache ernst­lich zu überlegen und Stacy, der sich weit mehr für Frau Hornburg interessirt als er zugeben will, nach Kräften zu- zureden, daß er etwas von der Energie, mit der er seine Geschäfte betreibt, auch auf seine Herzensangelegenheit verwendet. Sie ist eine ganz entzückende Frau, die in jeder Beziehung für ihn paßt, und er läßt sich durch falsche Ehrbegriffe und thörichten Stolz abhalten, auf sie einzu­wirken, daß sie Schritte thut, um sich von ihrem unerträg­lichen Gatten zu befreien. Wenn sie Jemand gefunden hat, der ihr besser gefällt und sie glücklicher machen würde, so braucht sie doch nicht gerade deshalb um so mehr an dem rohen Kerl festzuhalten, von dem ganz Kalifornien sie gern geschieden sähe. Ich für mein Theil habe wenig­stens für derartige Gründe nicht das geringste Verständ- niß; was sagst Du dazu?"

Demorest sah lächelnd, wie seines Gefährten Wangen glühten und seine Augen leuchteten: „Es kommt darauf an, von welcher Seite man die Sache betrachtet"« er­widerte er. „Aber offen gestanden, alter Junge, ich glaubte zwar Dich schon von den verschiedensten Seiten zu kennen, jedoch als Ehestifter bist Du mir ganz neu. Ueber- legen werde ich eS mir jedenfalls, auch will ich suchen. Näheres über Deine Göttin zu erfahren, die Euch beide verzaubert zu haben scheint. Was sagt denn aber Frau Kitty zu Deiner Bewunderung?"

Barkers Stirn umwölkte sich, wurde aber sogleich wieder hell. „O, Kitty und Frau Hornburg sind ein Herz und eine Seele, gerade so befreundet wie wir, weißt Du. Sogar tolle Streiche machen sie zusammen." Er hielt inne und erröthete, weil ihm dies Wort entfahren war.

Demorest hatte seine wechselnde Stimmung wohl be­merkt; aber mehr noch fiel ihm der halb ungläubige, halb argwöhnische Blick auf, mit dem Stacy, welcher eben wieder eintrat und diese Antwort gehört hatte, den nichts «hnenden Barker betrachtete.

„Ich wußte ja gar nicht, daß Frau Barker und Frau Hornburg so gute Freundinnen sind", sagte er trocken, nachdem er wieder Platz genommen hatte. Gleich darauf nahm aber sein Gesicht eine so düstere Miene an, daß Demorest lachend meinte:

„Mir ist's doch recht lieb, Jim, daß ich keine Finanz- größe ersten Ranges bin; es wäre mir unausstehlich, wenn nian nnch jeden Augenblick bei meinen Privat­angelegenheiten oder in meinen Erholungsstunden stören könnte' Was für gefährliche Purzelbäume haben denn die Aktien wieder einmal geschlagen, daß Du solch' ein Gesicht machst?"

Stacy sah rasch in die Höhe und sagte kurz auflachend: „Ich fürchte. Du würdest nicht klüger daraus werden, wollte ich's Dir auch sagen. Ein berittener Eilbote ist eben mit Nachrichten aus New-Aork gekommen. Weißt Du noch, als wir an unserm letzten Abend hier in der Hütte beisammen saßen, und Barker vorschlug, wir sollten ein Zeichen oder Losungswort verabreden, womit wir einander von den fernsten Enden der Erde zur Hülfe herbeirufen könnten in Noth und Gefahr? Stelle Dir einmal vor, ich hätte einen Geschäftsfreund in Europa

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und einen anderen in New-Aork. Das war die Losung, die mir der Bote brachte."

„Hoffentlich keine wichtigere als unsere"« bemerkte Demorest.

Stacy schüttelte lachend den Kopf; doch wollte die Unterhaltung nicht mehr recht in Fluß kommen. Auf die ausgelassene Lustigkeit, mit der sie den Abend begonnen hatten, war ein Rückschlag gefolgt, von dem sie sich nicht wieder erholen konnten. Schweigend saßen sie da und schauten bald inS Feuer, bald nach der dunkeln Masse des Black-Spur-Gebirges. Die Stimmen der Spaziergänger auf der Veranda, die dann und wann zu ihnen herauf­schallten, verstrimmten zuletzt, auch die schweren Haus- thüren wurden geräuschvoll geschlossen. Plötzlich stand Barker auf:

„Verzeiht, Kameraden, aber ich muß jetzt meinem kleinen „Sta" Gute Nacht sagen und sehen ob ihm auch nichts fehlt. Ich habe ihn seit meiner Rückkehr noch gar nicht begrüßt. Aber inorgen sollst Du ihn sehen, Phil, wenn Kitty kommt. Wollte ich wagen, ihn Dir zu zeigen, ehe sie ihn für Präsentabel erklärt, es ginge mir ans Leben." Nach einer Pause fuhr er fort: „Bleibt nicht etwa auf, um mich zu erwarten. Manchmal läßt mich der kleine Kerl nicht wieder los. Gerade als dächte er« nun.Kitty fort ist, daß ich Alles bin, was er hat. Aber morgen stehe ich in der Frühe auf, um nach Euch zu sehen. Du und Stacy, Ihr habt gewiß noch eine Blasse Geschäft­liches mit einander zu verhandeln, da werdet Ihr mich nicht vermissen. Ich will Euch daher lieber gleich Gute Nacht sagen." Mit seiner alten Herzlichkeit schüttelte er ihnen lachend die Hand und verließ das Zimmer; es wurde düsterer darin, nachdem er fort war. Daß Barcker zuerst einen Ort verließ, wo seine Gegenwart Mensch oder Thier erfreute, war noch nie dagewesen. Es fiel beiden Freunde, auf. „Wenn das nicht wäre, würde ich finden, daß der liebe Junge ganz unverändert ist", äußerte Demorest, als sich die Thür geschlossen hatte. „Nur schien er mir heute Abend etwas unruhig im Gemüth."

„DaS wundert mich nicht. Es liegen ihm zwei Frauen am Herzen — als ob eine nicht schon übrig genug wäre."

„Mir ist die Sachlage nicht recht klar. Du sagst, er hat ein thörichtes Weib, und diese andere —"

„Ach, laß das jetzt ruhen", unterbrach ihn Stacy, in­dem er aufstand und seine Pfeife hinlegte. „Reden wir lieber von Geschäften; das andere Zeug hat keine Eile."

„Ach ja", sagte Demorest und lehnte sich müde in den Stuhl zurück, „die Geschäfte hatte ich ganz vergessen. Auch muß ich Dir noch Glück wünschen, Jim. Sogar in New- Aork spricht man viel von Dir. Alle Welt sagt, daß Du der Mann bist, der daS ganze Finanzwesen am Stillen Ocean jetzt in Händen hält. Und ich wüßte auch Niemand", fuhr er mit einem liebevollen Blick auf seinen alten Theilhaber fort, „der durch Rechtschaffenheit, Gerad­heit und Muth besser geeignet wäre, eine solche Verant­wortlichkeit zu tragen, als Du."

„Ich wollte nur", sagte Stacy und blickte Demorest nachdenklich an, „daß nicht auch fast eine Million von Deinem Gelde zu den Finanzen am Stillen Ocean ge­hörte, die ich in Händen halte."

(Fortsetzung folgt.)

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