1. Beilage ;mn Wiesdaüener Tagblatt.
Donnerstag, de« 10. Januar.
49» Jahrgang. 19Ü1.
(27. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Drei Theilhaber.
Roma» von Aret Karte.
Autorisiert.
Demorst erklärte mit kurzen Worten, daß er zu Fuß auf der alten Straße gekoinmen fei und Barker vermuth- lich verfehlt habe. Inzwischen hatten die Kellner dem zärtlichen Empfang des staubbedeckten Fremden durch den großen Finanz»,ann mit offenem Munde zugesehen und waren herbeigeeilt, um ihm Stiefel und Beinkleider mit ihren Bürsten und Tüchern zu barbeiten, bis Stach sie abermals fortfagte: „Macht, daß Ihr fortkommt alle miteinander! — Nun geh' mit mir. Phil; das Haus ist ganz besetzt, aber ich habe vom Direktor die Wohnzimmer einer Danie für Dich Herrichten lassen. Als Du telegraphirtest, Du wolltest hier mit uns zusammentreffen. hatten wir keine andere Wahl. Eigentlich wohnt Frau Van Loo darin, da sie aber mit den Ihrigen gestern rasch nach Marysville abgeholt worden ist, kannst Du die Zimmer diese Nacht benutzen."
»Aber, ich weiß doch nicht —" wandte Demorest ein.
„Unsinn", rief Stach und zog ihn mit sich fort; „wir bezahlen eben dafür. Verlaß Dich darauf, die ehren- werthe Dame wird nichts dagegen haben, die Entschädigung einzustecken — sie wäre sonst nicht VanLoos Mutter. Komm' nur nnt!"
Mit gewohnter Energie drängte Stach den zögernden Demorest vorwärts; von dem höflich beflissenen Direktor geführt, schritten sie durch den Korridor nach den fein möblirten Wohnräumen, zu welchen auch ein Badezimmer gehörte, dessen Thür Stach sogleich öffnete.
„Da! Spiile Dir den Staub ab. Bis Du fertig bist muß Barker wieder zurück sein, dann wollen wir uns das Abendessen schmecken lassen. Es wird drin im Neben- ziinmer aufgetragen."
„Was macht denn Barker, der liebe Junge", fragte Demorest angelegentlich, während er auf der Schwelle stehen blieb. „Sage mir doch, geht es ihm gut, und ist er glücklich?"
„Es geht ihm wie uns Anderen auch", gab Stach in etwas trockenem Ton zur Antwort. „Laß das nur jetzt; Du wirst ihn ja bald selber sehen."
Nun schloß sich die Thür. Als Demorest sein Bad genommen hatte und nicht der kleinste Flecken des rothen L-traßenstaubes mehr an ihm sichtbar war, fand er Stach am Fenster des größeren Wohnzimmers sitzen. Auf dem Mitteltisch war zum Abendessen gedeckt und ein Helles Feuer brannte in dem Marinorkamin, der sich zwischen zwei Spiegelfenstern befand, durch welche man die Umrisse des Dlack-Svur-Gebirges in der Ferne gewahrte. Als Stach sein Gesicht jetzt Lemorest zuwandte, konnte dieser bei dem gedämpften Lampenlicht und dem Schein des flackernden Feuers die Züge seines alten Freundes und Theilhabers nach Herzenslust mustern. Sie waren noch eben so scharf und kraftvoll wie früher. Augen und Nasenflügel verriethen vielleicht einen noch rastloseren Thätigkeitstrieb, während dieLinien des Mundes zwischen dem kurzgeschnittenen Kinn- und Schnurrbart ihm etwas Nachdenklicheres und Verschlosseneres gaben. Als er zuerst aufsah, zeigte seine breite niedere Stirn ein paar tiefe Furchen, und etwas von der altenKampflust sprach wieder aus feinen Blicken; doch veränderte sich sein Ausdruck
rasch sobald er Demorests ansichtig wurde; er blieb sitzen und brach in ein herzhaftes Lachen aus:
. Jetzt gleichst Du doch nicht mehr einem wan
dernden Apachen, wie bei Deiner Ankunft! Ich dachte wirklich die Kellner würden Dich an die Luft setzen. Aber gehörig verbrannt bist Du; meiner Treu, Du siehst braun aus wie em europäischer Kupferpfennig. Na, Glückauf alter Junge, und willkommen daheim!"
^emoreft schlang den Arm um seines Freundes Hals, hielt dessen erhobene Hand fest und sah lächelnd auf ihn nieder. „Und nun erzähle mir von Barker!"
„Ach was, hol' ihn der Henker! Er ist noch ebenso unerschütterlich, unveränderlich und kindisch jung wie er ic gewesen. Und verteufeltes Glück hat er; tanzt nur so am Abgrund hin und kommt aus jeder Gefahr mit heiler Haut davon. Schrullen hat er übrig und genug, daß man ihn ins Irrenhaus sperren könnte, aber die Leute lassen ihn lieber draußen, damit er ihnen helfen kann, wenn Noth an Mann ist. Er traut allen Menschen, bis ste sich zuletzt selbst für Tugendspiegel halten und über ihn herfallen! Und ein Weib hat er, das sich lauter Narrheiten einbildet und wenn sie ihn am Ende selber am Narrenseil führt, soll mich's nicht wundern."
„Hör' auf, Jim", rief Demorest und hielt seinem Freunde den Mund zu. „Ich weiß. Dir ist die Heirath stets ein Stein des Anstoßes gewesen, nur weil der alte Carter ein gutes Geschäft dabei gemacht hat. Das Glück aber, das für Barker darin lag, hast Du nie in Betracht gezogen. Er hat das Mädchen wirklich lieb gehabt. Und, mcht wahr, er ist doch auch jetzt noch glücklich?" fügte er rasch hinzu, als er Stach ärgerlich brummen hörte.
„So glücklich wie ein Mann sein kann, der mit dein Kind und der Wärterin hier ist, während seine Frau, die sich in San Francisco den Hof machen läßt, ihr Geld — und Gott weiß was sonst — an einen glattzüngigen, anrüchigen Spekulanten wegwirft."
„Beklagt er sich darüber?" fragte Demorest.
„Bewahre! Der Narr vertraut ihr."
Demorest lachte. „Das nenne ich Glück! Wir wollen es ihm nicht mißgönnen, hörst Du, Jim! Aber ist es denn wahr, daß seineGeschäfte wieder so gut gehen?"
„Er hat dies Hotel, und die Eisenbahn gebaut. Jetzt gehört beides der Bank. Sobald das Unternehmen geglückt war, wollte er nichts mehr damit zu schaffen haben. Er sagte, er wäre weder Hotelwirth noch Ingenieur und zog fein Geld heraus, um etwas Neues anzufangen. — Aber da kommt er endlich", fügte Stach hinzu, als ein Reiter den Fahrweg herauf sprengte. „Nun kannst Du ihn selber fragen. Ihr beide, Du und er, vertragt Euch stets am besten ohne mich, das weißt Du ja."
Schon im nächsten Augenblick stürmte Barker ins Zimmer herein, und in der ersten, ungestümen Freude der Begrüßung, fand Demorest den jüngeren Kameraden nur wenig verändert. „Aber Barker, lieber Junge, Di, siehst ja keine Stunde älter aus als an dem Tage — weißt Du noch — wie Du nach Boomville hinüber gingst, um Deine Aktien zu versilbern, und dann zurückkamst und zu uns hereinstürmtest, gerade wie heute, mit der Ankündigung, daß Du am Bettelstab wärest."
„Jawohl", lachte Barker, „und die ganze Zeit über verstecktet Ihr beide Eure Trumpfkarten im Aermel — nämlich den großen Goldfund."
„Und Du Georg, mein Junge", rief Demorest, der Barkers beide Hände gefaßt hielt und sie herzhaft schüttelte, „Du hattest uns einen Sequenz aufzuweisen — Deine Verlobung mit Kitty, weißt Du?"
. £'16 Rothe wich plötzlich aus Barkers Wangen, wahrend das fröhliche Lächeln noch um seinen I?un8 spielte; einen Moment wandte er den Kopf nach dem Fenster hin, während die beiden Anderen fast unwillkür- lich einen bedeutsamen Blick tauschten. Aber ebenso rasch sah Barker wieder Demorest mit leuchtenden Äugen an und rief eifrig: „Ja, die liebe Kitty! Morgen sollst Du sie sehen, und den Kleinen auch!"
Nun fielen sie mit einem Appetit wie in früheren Tagen über die Speisen her; sie plauderten lebhaft und laut zusammen, sprachen alle zu gleicher Zeit und waren guten Muthes wie vor Alters. Alle Erinnerungen ihres damaligen Lebens wurden bis ins Kleinste aufgefrischt; die Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuschungen, die sie durchgemacht, mit ungestümem Eifer besprochen; unbedeutende Ereignisse behandelten sie wie die Schulknaben mit größter Wichtigkeit und redeten mit geheimnisvollen Mienen von ihrem Losungs- und Erkennungszeichen. Ueber abgedroschene Witze wollten sie sich ausschütten vor Lachen, und die abgeschmacktesten Spitznamen und Redensarten gewährten ihnen einen wahren Hochgenuß. Sie quälten sich unsäglich, wenn ihnen verschiedene Per- sonen und Daten nicht sogleich einfielen, oder sie sich auf irgend eine Meilenzahl und die Ausgaben ihres gemeinsamen Haushalts nicht recht besinnen koMteü. Wunderbar! der sonst so zerstreute Dsmorest erinnerte sich noch genau an die Farbe eines gewissen Hemdes, das er einem Hausirer für den und den Preis abgekauft, und wie sehr die Kameraden ihn darmn beneidet hatten. Stach, dsr berühmte Bankier, wußte die Tage anzugeben, an denen sie ihrenBrodbedarf oder süßen Fladen zu backen pflegten; ja, der flüchtige, gedankenlose Barker besann sich mit unerhörter Genauigkeit auf den vollständigsn Namen des Jndianerweibes, das ihnen bei der Wäsche zur Handaing, wofür er durch schallenden Beifall belohnt wurde. Wiher- willig rissen ste sich endlich von den alten Geschichten lys, als fühlten sie, daß die Vergangenheit ihnen ein für allemal sicher war, während ihre vollständige UeberÄn- stimmung in der Gegenwart zweifelhaft erschien. Nur zögernd und allmählich begannen sie von ihren späteren Erlebnissen zu erzählen, aber nicht aus freiem Antrieb und mit weit weniger Offenherzigkeit. Barker forderte meist Stach, oder Stach Barker auf, er solle Demorest Dies oder Jenes mittheilen, wovon dieser noch nichts wußte, wobei es meist nicht ohne gutmüthjge Neckereien und scherzhaften Einspruch abging. „Erzähle doch Demorest, wie Du den Kupferring gesprengt hast", rief Barker begeistert.
„Sag' Du ihin lieber, wie Du aus purer Dummheit der Grubengesellschaft ihr Besitzthum abgekauft hast, und dadurch zum Herrn der Eisenbahn geworden bist", lautete Stacys Erwiderung.
Bald danach ward die Tafel aufgehoben, und zur Verwunderung der Kellner, welche mit Abdecken beschäftigt waren, zündeten sich die Herren ganz gewöhnliche Holzpfeifen an, für dieBarker mit sinnigem Vorbedacht gesorgt hatte; dann setzten sie sich ganz von selbst genau wie in früherer Zeit um den Kamin. Durch die Fenster an beiden Seiten desselben blickten sie auf das nämliche Landschaftsbild wie damals durch die offene Hüttenthür: unten dehnte sich meilenweit das Thal, im Hintergrund ragte der schattenhafte Umriß des Black-Spur-Gebirges, und in noch weiterer Ferne schwebte hoch über dem Kamm die bleiche Schneelinie.
(Fortsetzung folgt.)
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