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'*»• Jahrgang.

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Uv. 14. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Mittwoch, de« 9. IlMIMr. Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1901.

flheiul«flMsgabe.

Sociale Lucht und Entartung.

Wenn man von socialer Entartung spricht, so denkt oer schulgerechte Kulturmensch zunächst an gewisse Zu­stände im alten Ronr. Vor seinem geistigen Auge steigen aus dem Schulstaube die Zeiten der sittenverderbenden Cäsaren Tiberius und Caligula empor. Aber man braucht nicht sogenannte römische Klassiker im Urtext zu lesen, um entartete Sitten kennen zu lernen. Wer einen Blick für gewisse Erscheinungen des modernen Lebens hat, der wird bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß auch die heutigen Zustände an die Zeiten tiefer: sittlichen Verfalls rrinnern. Wer nicht als gedankenloser und unocrbesser- ich gleichgültiger Optimist durch die Gegenwart wandert, der hat das übrigens längst erkannt. Die große Masse, auch der halbgebildeten und herrschenden Kreise, bedarf jedoch der sittlichen Aufrüttelung. In dieser Beziehung hat der Sternberg-Pcozeß wie ein heftiger Peitschen­schlag gewirkt. Unter anständigen Leuten spricht man nicht gern von dem düsteren Sittenbilde, das sich vor dem Landgericht in Moabit in langen Wochen entrollte. Aber still an ihm vorübergehen würde eine Feigheit, wenn nicht Schlimmeres sein. Es geht den: Socialpolitiker wie dem Arzt! Auch er muß, wenn es die Umstände verlangen, im Pfuhl den giftigen Bacillus suchen. Ein Pfuhl von sittlicher Schande war jener Prozeß. Der Richter hat gesprochen; jetzt ist es Aufgabe der sociologischen Wissen­schaft, den Boden zu untersuchen^ in dem die sittliche Ent­artung wuchert.

Da drängt sich zunächst die Frage auf: handelt der „moderne" Mensch überhaupt auch nach festen, unverrück­baren Sittengesetzen? — Wer sich frei von Schuld fühlt, der hebe den ersten Stein auf! Und auch der Staat als ideelle Persönlichkeit soll sich seiner Strafpflicht manchen Abscheulichkeiten gegenüber mehr bewußt werden als bis­her! Wie eine Brandfackel hat jener Prozeß eine große Menge jener Uebel beleuchtet, für die das 19. Jahr­hundert den Gemeinbegriff: „Sociale Frage" gefunden hat. Ohne eine skrupellose Erwerbssucht würde es dem Berliner Bankier nicht möglich gewesen sein, seinen deka­denten Leidenschaften zu Dröhnen und einen Schmutzfleck von Korruption weit um sich her zu verbreiten. Diese skrupellose Erwerbssucht hängt meistens eng zusammen mit einem skrupellosen Genußleben, wie es in jeder Groß­stadt heute zu finden ist. Die in der Jagd nach Gold müde gewordenen Nerven bedürfen zu immer weiterer Anspannung der Peitsche wahnwitziger Genüsse. Diese selbst werden bald zur Gewohnheit, werden bald die Quelle der Erwerbssucht. Keine Hand zu ehrlicher Arbeit rühren,' aber Hunderttausende in unwürdiger Weise ver­geuden, wird heute in gewissen Kreisen als ein unver­äußerliches Menschenrecht betrachtet. Es ist ein Glück, daß diese Kreise in Deutschland klein sind, daß sie bei uns nicht typisch sind für gewisse Stände; man müßte sich sonst schänien, ein Deutscher zu sein. Ein skrupelloses Genuß­leben hängt auch eng zusammen mit der socialen Noch. Schlechte wirthschaftliche Zustände mit ihren Begleit­erscheinungen sind fast immer die Grundlage der Sitten- verderbniß. Sie zerrütten das Familienleben, treiben die Mutter in die Fabrik und das schulpflichtige Kind zum Erwerb unter Fremde, auf die Straße, in den schmutzigen Wellenschlag des großstädtischen Lebens hinein. Wo waren denn die Mütter der zahlreichen Kinder, die sich auf Sternberg'sche Modellgesuche meldeten? Es handelte sich doch nicht in allen Fällen um Waisen und wo waren die Pflegeeltern der letzteren? Der Strafrichter hat diese Fragen nicht aufgeworfen und er hatte weniger Ursache dazu wieder Socialpolitiker, dem der Erfolg jener Modell­gesuche abermals ein Beweis für die arge Zerfahren­heit des Familienlebens ist. Der harte Kampf um den Broderwerb läßt heute in zahllosen Familien die Sorge um die Kinder zurücktreten. Es fehlt ihnen der elterliche Schutz, sie sind sich zuviel selbst überlassen, müssen oft sich selbst unterhalten, einen eigenen Erwerb in der schulfreien Zeit suchen und entwickeln sich dann bald zu jener Früh­reife, die im Sternberg-Prozeß so abstoßend wirkte. Auch die Schule vermag Kindern, denen die elterliche Er­ziehung mangelt, nur selten einen starken sittlichen Halt zu geben. So kann es nicht überraschen, daß viele über jeden Stein, an den sie auf ihrem Lebenswege stoßen, fallen, daß viele schon in früher Jugend in moralischer Hinsicht versinken. Es gehört ein starker sittlicher Wille dazu, linter den sich prunkend zur Schau drängenden raffinirten Genüssen der Großstadt zu darben, ohne schlecht zu werden. Der Reiche ahnt nicht, wie schwere innere Kämpfe der Arme oft um seine Rechtschaffenheit führen muß; in dem vomGenuß zur Begierde taumelnden reichen Lebemann ist das Gefühl für Ehrenhaftigkeit überhaupt bald erstorben. Der Sternberg-Prozeß zeigte die zwischen skrupellosem Gelderwerb und niedrigster Knußsncht einhertaurnelnds Lebensauffassung in ihrer

ganzen nackten Erbärmlichkeit. Ihr ist nichts heilig; nicht die Unschuld des Kindes, nicht der Eid des Beamten, nicht die bürgerliche Existenz des Nachbars; für sie giebt es keine sittliche Werthe, mit einer Hand voll Gold glaubt sie Alles kaufen. Alles zu sich in den Sumpf socialer Fäul- niß herabzerren zu können.

Und was das Schlimmste ist, eine derartige sittliche Entartung wirkt ansteckend, wie eine Seuche nach allen Seiten hin: in die Höhe, in die Tiefe und in die Breite. Sind nicht höhere Beamte, Kinder der Armuth und wahrscheinlich auch Rechtsanwälte von dieser geistigen Syphilis angefressen worden! Der letzte Akt des Stern? berg'schen Kriminalfalles ist auch mit den jüngsten MoabiterVerhandlungen noch nicht beendet, doch schon sie haben bewiesen, welchen schlimmen Einfluß ein ver­dorbener Mensch zu üben vermag, dessen Taschen mit Gold gefüllt sind. Das berüchtigte „nvn ölet" stammt zwar aus dem klassischen Alterthum, aber es kann damals kaum mehr Berechtigung als heute besessen haben. Auch das hat der Sternberg-Prozeß wieder eindringlich be­wiesen. Ein Lebemann anrüchigster Art zeigt seine gut gefüllte Börse und sofort findet er bei seinen niedrigsten Trieben Helfer und Freunde, Gelegenheitsmacher, Ver­tuscher und Beschönigen. Wie ein Aas die Schmeißfliegen anzieht, so kommen sie schillernd und giftig wie diese; gierig, um jeden Preis, und sei es um die völlige persön­liche Entwürdigung, für sich eine Flocke aus dem goldenen Vließ des elenden Lüstlings zu reißen. Geld riecht nicht.

Und was ist die Ursache dieser Entwürdigung, dieser Demuth vor dem goldenen Kalbe? Immer wieder müssen wir die dunklen Seiten unserer heutigen socialen Zn- 1 stände aufblättern, um eine Erklärung zu finden. Ist es nicht heute Regel, mehr zu scheinen als man ist; wie viele Leute haben denn noch den Muth, nur das zu scheinen, was sie wirklich sind? In einer Zeit, wo „ein großes Haus mache::" das einzige Ideal vieler Frauen und Männer blieb, kann: es kaum überraschen, wem: über die Verhältnisse hinausgelebt und das gesellige Leben grobe Unwahrhaftigkeit zur Grundlage hat. Es ist oft nur durch skrupelloses Goldmachen möglich, den Schein auf­recht zu erhalten, sich der durch ein thörichtes Genußleben hochemporgewucherten Verpflichtungen zu erwehren und so streckt man die Hand hin, wo ein Goldstrom fließt, komme er auch aus schmutzigster Quelle. Vielen Menschen, die sich ekeln, nur einen Finger in unsauberes Wasser zu tauchen, kommt es gar nicht mehr zun: Bewußtsein, daß sie ihr ganzes Dasein aus einem Sumpf schöpfen. Kann es da überraschen, wenn die Sternberge gefügige Werk­zeuge finden? —

Bei einem krebskranken Baum schneidet man die schlechte Stelle mit dem scharfen Eisen aus. Aber das ge­nügt nicht zur wirklichen Heilung. Der Krebs wird durch die Ernährungsverhältnisse des Baumes bedingt; den Boden, in den: dieser wurzelt, muß ein kluger Gärtner sorgsam zubereiten. Aehnlich auch mit dem socialen Körper. Der Krebs sittlicher Entartung muß, wo es möglich ist, mit der Schärfe des Strafgesetzes herausge­schnitten werden. Noch augenfälliger wie im Harmlosen- Prozeß ist im Sternberg-Prozeß hervorgetreten, daß ver- hängnißvolle Lücken im Strafgesetzbuch klaffen. Die einzelnen Handlungen, in denen sich das Lotterleben ge­wisser Kreise unserer Männerwelt ausdrückt, n:uß dic Strafgewalt des Staates rücksichtslos anpacken, um die Uebelthäter nicht nur vor die Schranken des Gerichtshofs, sondern um sie unter die Zuchtruthe des Richters zu stellen. Verbrechen, wie sie der Sternberg-Prozeß enthüllt hat, erfahren keine Sühne durch die erkannte kurze Zucht­hausstrafe. Die Integrität der weiblichen Ehre und des jungfräulichen Körpers sind heute fast schutzlos der List und Rohheit der „Lebemänner" preisgegeben. Doch der eigentliche Heilungsprozeß kann auch hier nur durch die Verbesserung des socialen Untergrundes erfolgen. Alle die Uebel, die der Sternberg-Prozeß schonungslos auf­deckte, werden weiter wuchern, wenn wir nicht durch wirth- schaftliche und sociale Austrocknung der Sümpfe für bessere Luft sorgen. Das ist nicht möglich ohne ent­schiedene Abkehr von dem materiellen Genußleben, nicht möglich, ohne daß man der das Wohl der Mitmenschen niederstampsenden skrupellosen Erwerbssucht, dem harten Egoismus unserer Tage, einen Fußtritt giebt. Eine zweckentsprechende Gesetzgebung vermag hier Manches zu bessern, noch mehr aber eine sociale Zucht vom Innern des Volkskörpers heraus. Die Menschen müssen wieder die Kunst lernen, mit schlichten Sitten und einfachen Be­dürfnissen durch das Leben zu gehen — und dabei glücklich zu sein. c.

Deutsches Deich.

Die preußische Thronrede.

Nüchterner, als die preußische Thronrede die Kanal­vorlage ankündigt, konnte ein so wichtiges Unternehmen überhaupt nicht angekündigt werden. Allerdings darf man wiederholen^ daß die großen Worte allein es nicht

machen, und daß es demgemäß nicht so sehr darauf an­kommt, wie das Kanalgesetz eingeführt wird, als viel­mehr einzig darauf, wieviel Festigkeit die Staats­regierung aufwenden will, um es durchzusetzen. In dieser Beziehung ist durch den auffallend matten Ton der Thronrede natürlich nichts verdorben. Graf Bülow kann sehr wohl der Meinung sein, daß man besser thut, unerschütterlich zu sein, als es nur zu versprechen, um sich hinterher als leider stark erschütterlich zu erweisen.Die Thronrede ist, wie es nicht selten nrit solchen Aktenstücken geschieht, interessanter in dem, was sie verschweigt, als in dem, was sie enthält. So fehlt die Erwähnung ein^ Schulunterhaltungsgesetzes. Das will sagen, daß die Negierung keineLust hat, den konservativen und klerikalen Wünschen nach einen: konfessionellen Schulgesetz die Handhabe zu einer gefährlichen Geltendmachung zu ge­währen. Während der vorigen Session und in der Parla­mentslosen Pause nach ihrem Schluß konnte man in den Blättern der Rechten und des Centrums Mancherlei von der dringenden Nothwendigkeit hören und lesen, diese Materie wieder einmal energisch anzufassen. Graf Bülow ist denn also nicht der Meinung, daß solche Nothwendig­keit besteht, und wenn nian darin einen Programmpunkt seiner Politik erblicken will, so hat er vielleicht nicht allzu­viel dagegen. Jedenfalls wünscht der Reichskanzler und Ministerpräsident klüglicher Weise die Landtagssession von jedem Zubehör freizuhalten, das eine Erschwerung der Kanalpolitik bedeuten könnte. Alle in der Thron­rede angekündigten Vorlagen treten hinter den Kanal- gesetzentwnrf an Umfang und Bedeutung so weit zurück, daß die Berathung dieser Kernvorlage äußere Hindernisse in der Geschäftslage nicht finden wird. Umso schneller hoffentlich wird es sich Herausstellen können, ob die Staatsregierung die Geschicklichkeit und die Entschlossen­heit besitzt, das Werk zu einem guten Gelingen hinaus­zuführen. Kann die Kanalvorlage den ersten Platz be­anspruchen, so bleibt es daneben ein Unternehmen von tiefgreifender Wichtigkeit, das mit dem angekündigten Gesetzentwurf zur Abstellung der Wohnungsnoth in Frankfurt an: Main durchgeführt werden soll, zumal der Geltungsbereich der Vorlage späterhin auch auf andere Gemeinden ausgedehnt werden soll. Ob es sich dabei um eine wirkliche „Lösung" der Wohnungsfrage oder nur um einen bescheidenen Versuch lokaler Reformen handeln wird, kann selbstverständlich erst die Vorlage selbst ergeben. Auch der Gesetzentwurf, betreffend die Bildung einer Provinz Berlin, n:uß abgewartet werden, ehe sich darüber urtheilen läßt, was an denBefürchtungen Wahres ist, die in dieser Vorlage eine Beeinträchtigung der Selbstverwaltung der Hauptstadt erblicken wollen. Zu den Lücken, die ans die Absichten der Staatsregierung unter dem neuen Regime vielleicht Schlüsse gestatten können, gehört neben dem schon erwähnten Verzicht auf ein Schulunterhaltungsgesetz auch das Fehlen einer Vor­lage betreffs des Kontraktbruchs landwirthschaftlicher Arbeiter. Herr v. Hammerstein hatte eine solche Vor­lage in der letzten Session in Aussicht gestellt, aber Graf Bülow scheint kein Gefallen an der Sache gefunden zu haben, was die Konservativen freilich nicht hindern wird, ihrerseits einen entsprechenden Initiativantrag einzu­bringen. Die Schilderung der günstigen Finanzlage Preußens gehört seit Jahren zu den angenehmen Eigen­schaften preußischer Thronreden. Sie ist diesmal umso bemerkenswerther, als die Finanzen wesentlich von der wirthschaftlichen Lage des Landes abhängen, indem sie durch einen Rückgang der Eisenbahneinnahmen sehr schnell um Dutzende von Millionen geschädigt -werden können. Derartige Besorgnisse bestehen aber ersichtlich nicht bei der Staatsregierung, und sie hat auch keinen Grund zu übermäßigen Befürchtungen; während die Verhältnisse unserer Industrie sich angeblich unheilvoll verschlechtert haben, sind die Einnahmen aus dem Fracht­verkehr fortdauernd gestiegen, womit der gegenwärtig grassirende Pessimismus in Bezug auf die Wirthschafts- lage nicht' geradezu widerlegt sein dürfte, aber doch ganz beträchtlich eingeschränkt wird.

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* Hof- und Personal-Nachrichten. Ein Unwohl­sei n d e s K a i s e r s ist erfreulicher Weise ohne jede Bedeutung und dürfte sehr schnell behoben sein. Trotzdem steht es, dem „Berliner Tageblatt" zufolge, noch nicht fest, ob der Kaiser den Beisetzungsfeierlichkeiten in Weimar wird beiwohnen können. Eventuell wird der Kronprinz den Kaiser vertreten.

* Die Zollversammlung. Zu der gestern im Architekten­hause zu Berlin begonnenen Zollversammlung des deutschen Handelstages waren die Delegirten der deutschen Handels­kammern, kaufmännischen Korporationen und wirthschaftlichen Vereine ‘ außerordentlich zahlreich eingetroffen. Staatssekretär Graf Posadowsky hielt die Begrüßungs-Ansprache, in welcher er u. A. hervorhob, daß man mit einiger Sicherheit annehmen könne, es werde auch in diesem Jahrhundert der Wiffenschaft gelingen, sich zum Besten der Menschheit die Kräfte der Natur immer mehr dienstbar zu machen und damit der Industrie und dem Handel fortgesetzt neue Gebiete der Thätigkeit zu eröffnen. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: Zolltarifgesetz und