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Freitag, 14. Mai 1915.
Abend-Ausgabe.
Nr. 222. ♦ 63. Jahrgang.
er höhepuntt der italienischen Spannung.
Rücktritt des Kabinetts Salanfcra ?
Die Amtsniederlegung des italienischen Kabinetts.
W.-T.-B. Rom» I» Mai. (Nichtamtlich.) Die „Agenzia Stefani" gibt bekannt: Der Ministerrat hat in Anbetracht, daß er inbezug ans die Richtlinien der Regierung in der internationalen Politik der Eintracht und der Z u st i m m u n g der konstitutionellen Parteien entbehrt, die angesichts des Ernstes der Lage erforderlich wäre, beschlossen, dem König seine Demission zu überreichen. Der König hat sich seinen Beschluß Vorbehalten.
Oer Sieg -er Vernunft?
Zum erstenmal seit der Zuspitzung der österreichisch- rtalienischeu Krise hat die Wiener Zensurbehörde den dortigen Blättern gestattet» sich über die Erschwerung des Verhältnisses zu diesem »»Verbündeten" zu äußern. Bis dahin bestand die Merüvürdigkeit» daß die Leser der österreichischen Zeitungen» insoweit sie auf die einheimische Presse allein angewiesen waren, auch nicht durch ein selbst nur andeutendes Wort von der Schwere der Situation unterrichtet wurden. Keine von den Tatsachen, über die man bei uns Bescheid weiß» konnte im Nachbarreiche zur Kenntnis gebracht werden. Niemand in Österreich erfuhr davon, daß sich am Tiber weltbewegende Dinge vorbereiten und in ihren Anfangsstadien schon sich abspielen. Weder die Tatsache der schwebenden Verhandlungen noch die Äußerlichkeiten, mit denen sie sichtbar wurden» bekam man im staatlichen Bereiche unserer Freunde zu lesen oder zu hören. Wir wollen nichts über diesen eigentümlichen Zustand sagen, zumal auch drüben der Bann gebrochen ist. Die leitenden Mätter haben endlich die Befugnis erhalten, den Schleier zu lüsten» Und damit ist hinreichend klargemacht» wie überaus e r n st die Lage ist. Wäre die Schweigepflicht nicht aufgehoben worden, so hätte es wohl gar geschehen können — so sah cs wenigstens bis zmn heutigen Tage des Demissionsangebots des Kriegsschürers Salon d r a aus —, daß die Bevölkerung des Donau- reichs durch ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite schneller und furchtbarer als durch ein Erdbeben überrascht worden wäre.
Aus der Fülle der Fragen, die durch den etwaigen Übertritt.Italiens in eine verhängnisvolle Aktivität lebendig werden» möchten wir hier und heute nur eine herausheben. Wir fragen» auf welcher Grundlage wohl eine Verständigung zwischen Rom und Petersburg zustandegekommen sein kann oder, falls sie noch nicht endgültig erzielt ist, zustandekommen wird. Eines der Ziele der italienischen Politik ist es, auf dem O stuf e r der Adria Fuß zu fassen, und zwar tatsächlich wie durch Geltendmachung eines gegen jede Rivalität gesicherten moralischen Einflusses. Wie aber kann dies erreicht werden, ohne daß die serbischen Ansprüche hinfällig werden? Wir sprechen hier nicht davon, daß Italien selbstverständlich nur einen Erfolg seiner Sehnsüchte erleben könnte, wenn Österreich- Ungarn und, mittelbar wie unmittelbar, auch wir b e- siegt am Boden lägen. Die Möglichkeit, daß das j e- m a l s geschehen könnte, s ch e id e t stir uns unbedingt aus, aber darauf kommt es ja bei dieser Betrachtung nicht an, weil wir uns nur mit dem Standpunkte der i t al i e n i s ch e n Politik zu beschäftigen haben, die doch, wenn . sie das Wagnis eines Krieges unternehmen sollte, die H i n w e g r ä u m u n g des feindlichen Widerstandes erwarten muß; denn sonst würde sie eben vernünsstgerweise den Frieden wahren. Nun hat Rußland offiziell wie offiziös, durch seinen verantwortlichen Lester wie durch seine Preßorgane, hinlänglich deutlich zu verstehen gegeben, daß Italien sich nicht in den Gebieten festsetzen darf, die für die Z u k u n f t S e r b i e n s in Aussicht ge- nommen sind. Wo also ist die Möglichkeit einer Per- st ä n d i g u n g? Wir sind freilich darauf gefaßt, daß ein Einvernehmen doch stattfinden wird, aber wir be- kennen, nicht zu wissen, wie es beschaffen sein kann. Wenn in absehbarer Zeit die Diplomatie ihre Geheim- nisie enthüllen wird, dann wird dieser Punkt einer der
interessantesten sein, über die wir alsdann werden unterrichtet werden.
Das Verhältnis Italiens hier und Rußlands dort zur Dardanellenfrage liegt verhäünismäßig einfacher. In Rom mag man sich sagen, daß es nicht nöüg sei, englischer zu sein als England selbst, und wenn in London vielleicht zugestanden worden ist, daß Rußland an den Meerengen herrschen soll, dann braucht Italien nicht Widerstand gegen das Vordringen Rußlands in das Msttelmeer zu leisten. Mer ist dergleichen an der Themse auch wirklich zugestanden worden? Wir beiden nach wie vor der festen Überzeugung, daß es weder geschehen ist noch geschehen wird, daß Rußand die Früchte,' die es in Konstantinopel und in Gallipoli zu pflücken hofft, einmal reifen sehen, geschweige denn wirklich pflücken wird. Und das wird man auch am Tiber wissen. Indessen gilt in der Dardanellenfrage dasselbe wie in der des adriatischen Qstufers, nämlich daß die Sehnsüchte im anderen Lager doch nur T.r ä u m e bleiben, solange die Zentral- m ä ch t e so unerschütterlich stark sind, wie sie es eben sind. Und darum geschieht das kaum noch zu Erwartende vielleicht doch noch; darmn kehrt vielleicht noch inletzterStunde — so muß man wenigstens, wenn man sich auch vor vorschnellem Urteil hüten mutz, heute angesichts der den Höhepunkt der Spannung bedeutenden Ministerkrisis annehmen; der Vergleich mit dem Sturze Venizelos' in Griechenland liegt zu nahe — darum kehrt also vielleicht doch noch die Besinnung wieder, die uns den Frieden wenigstens nach der Südfront des Erdteils hin erhalten kann. An uns wird es gewiß auch weiterhin so wenig wie bisher fehlen.
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Salanbra berief persönlich den entscheidenden Ministerrat.
W. T--B. Rom, 13. Mai. (Nichtamtlich. Agenzia Stefani.) Als Ministerpräsident Salandra heute vormittag gelegentlich der Unterzeichnung von Dekreten durch den König mit den Ministern zusammentraf, berief er persönlich einen Ministerrat auf 3 Uhr nachmittags. Dieser Ministerrat beschloß die D c m i s s i o n des Ministeriums. Salandra teilte diesen Beschluß dem König um 7 Uhr abends mit.
Besprechungen beim Rönig.
W. T.-B. Rom, 13. Mai. (Nichtamtlich.) Eine Sonderausgabe des „Giornale d'Jtalta" meldet: Der Präsident der Kammer, der heute abend in Rom angekommen ist, hatte.von 91/2 Uhr ab eine einstündige Besprechung mit dem König. Morgen wird der König außer den Kammerpräsidenten noch andere Persönlichkeiten bestagen. (Der Präsident der italienischenKammer ist der Mgeordnete Mar cor a, der den Interventionisten nahesteht. Schrift!.) vie Lage klärt sich weiter auf.
Giolittis.große Anhängerschaft.
Berlin, 14. Mai. (Ktr. Bin.) über Kopenhagen bringt die „Tägl. Rundschau" eine römische Meldung, in der es heißt, die Lage sei weiter geklärt. Über 30» Deputierte und über KM) Senatoren hätten an G i 0 l i t t i eine V e r - iraucnsadresse gerichtet.
vie Berufung des Parlaments zur Entscheidung.
Br. Basel, 14. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Mailänder Berichterstatter des deutschfeindlichen „Journal de Gcnevc" meldet: Der Gegensatz zwischen der Regierung und dem P a r l a m e n t in Italien wird immer klarer. Die Mehrheit der Kammer und fast der gesamte Senat seien gegen den Krieg. — Die „Reue Zürcher Ztg." meldet aus Mailand: Rach den letzten Nachrichten aus Nom seien die Aussichten auf Erhaltung des Friedens ungemein g e f e st i g t worden. Österreichs Anerbieten seien über Erwarten weitgehend.
Lugano, 13. Mai. (K. Z.) Aus italienischen Blättern geht über den Verlauf der Ereignisse das Folgende hervor: Sonnino hat gleichzeitig mit den Zentralmächten über die Erhaltung der Neutralität Italiens und mit dem Dreiverband über seine Teilnahme am Krieg verhandelt. Am vorigen Freitag (7. Mai) verlangte er im Ministerrat eine Entscheidung über den endgültigen Abbruch der Verhandlungen mit Wien und den förmlichen Abschluß mit dem Dreiverband, fand aber keine einmütige Zustimmung. Nach einer Mitteilung des „Avanti" soll er sogar mit seinen Vorschlägen in der Minderheit geblieben sein. Die Folge war der Beschluß, das Parlament bis zum 20. Mai zu vertagen und Giolitti nach Rom zu berufen. Daß dieser berufen wurde, erklärt er selbst in einem Brief an die „Triouna". Da nun
Giolitti sowohl dem König wie Salandra gegenüber kein Hehl daraus machte, daß er ein friedliches Abkommen mit Österreich-Ungarn dem Kriege vorziehe, da mehrere seiner Anhänger, wie der Schatzminister Carcano, im gegenwärtigen Kabinett sitzen und es mindestens zweifelhaft ist, ob die Mehrheit der Kammer die Politik Sonninos billigt, so bleibt der Regierung nichts übrig, als ihre Entschließungen von dem Urteile der Volksvertretung abhängig zu machen. So erklärt sich die Lage, und wie der „Avanti" es ausdrückt, räumt die Diktatur der kriegslustigen Minderheit das Feld vor dem Recht und den Befugnissen der Mehrheit des Parlaments. Die Presse der Kriegspartei räumt das Feld allerdings noch nicht, sondern überbietet sich in den wildesten Drohungen und Beschimpfungen der Neutralisten und der Deutschen. Die Regierung fährt inzwischen mit militärischen Rüstuit* gen fort. Der „Avanti" wirft dem Kabinett Salandra vor. daß es die Kundgebungen der Kriegspartei ermutige und denen der Neutralisten Schwierigkeiten mache. DasseDe Blatt berichtet über eine große neutrale Kundgebung in Turin, die von Truppen zerstreut wurde, und meldet wieder aus zahlreichen Orten Kundgebungen gegen den Krieg. Beim Ausmarsch der Reservisten in Mailand und Rom kamen gestern kriegerische Kundgebungen vor.
Kundgebungen in Rom für und insbesondere gegen den Rrieg.
Berlin, 14. Mai. (Ktr. Bln.) Laut „Voss. Ztg." dauerten gestern die Kundgebungen in Rom für, insbesondere aber auch gegen den Krieg fort.
d'Annunzio-Rummel in Rom.
Ronl, 13. Mai. (Fr. Z.) d'Annunzio, der gestern abend hier eintraf, wurde mit einer wohlvorbereiteten Demonstration der Jnterventionsparteien empfangen, die hauptsächlich eine» Giolitti feindlichen Charakter trug.
Sonninos Forn gegen Giolitti.
Lugano, 13. Mai. (K. V.-Z.) Das Sonninosche „Giornale d'Jtalia" fährt fort, seinen Zorn an Giolitti auszulaffen. Heute handele es sich nicht um die Existenz des Ministeriums, es handle 'ich um die Ehre (!), die höchsten Interessen und die Existenz des Vaterlandes. Man müsse von Politikern, besonders denen, die im Kronrat sitzen, vollste Diszpilin und Diskretion erwarten, nicht aber Teilnahme an einem mit de» Feinden gegen die Regierung veranstalteten Manöver. Giolitti gegen die Angriffe auf ihn.
Br. Lugano, 14.' Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) I» einem Briese an den Hauptschristleiter der „Tribuna" spricht Giolitti seine Verwunderung darüber aus, daß er als Vaterlandsfeind bezeichnet und der unerlaubten Einmischung und gemeiner Pression aus die Regierung beschuldigt werde. Und dies alles, so schreibt Giolitti. weil ich nicht etwa aus eigener Initiative, sondern auf höheren Ruf meine Meinung auseinandersetzte, die meinerüberzeugung entspricht,
Abgeordneter Bertolini schwer mißhandelt.
Br. Rom, 14. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Gestern nachmittag griffen Kundgeber einen Straßenbahnwagen an, in welchem der Mgeordnete Bertolini saß, ein Freund Giolittis. Bertolini wurde schwer mißhandelt und verdankt sein Leben nur einem Offizier, der zu seinem Schutze einsprang.
Noch keine Einberufung der Italiener aus Frankreich.
Haag, 12. Mai. Havas meldet aus Paris: Obgleich eine größere Anzahl italienischer Reservisten Einberusungsbefehle bekommen, ist bislang eine allgemeine Einberufung der in Frankreich lebenden Italiener noch nicht erfolgt.
Ein eigentümliches Anerbieten der Königinmutter.
Br. Lugano, 14. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Königinmutter Margherita stellte den zweiten Stock ihres römischen Palastes zu Sanitätszwecken zur Verfügung. „Rettung" der Runstwerke Norditaiiens.
Br. Lugano, 14. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Kunstwerke in der ganzen Lombardei werden schleunigst in Sicherheit gebracht, wie dies mit den venezianischen Kunst» werken bereits geschehen ist.
Die großen österreichisch-ungarischen Zugeständnisse.
Zürich, 12. Mai. Der Abgeordnete C i r m e n i schreibt in der „Stampa", die Zugeständnisse (die wir in der heutigen Sonder-Ausgabe mitteilten) seien Italien amtlich von Österreich-Ungarn mitgeteilt worden.
Italienisch-türkische Besprechungen.
W. T--B. Konstantinrpel» 13. Mai. (Nichtamtlich.) Der italienische Botschafter G a r r 0 n i hatte eine Be» sprechung mit dem Grotzwesir und dem Minister des Inner» Talaat-Bei.
