Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i » ■■■
Nr. 111, Donnerstag» 13. Mai. 1915.
IIS. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller.
Rachdnuk verboten.
Doch eine Sünde war es. seine Seele seiner Frau
J u verschließen und einer anderen sie zu schenken — und anu — wie ein Heiliger mit dem Recht aus seiner Seite dazustehen uni zu sagen: Du hast gefchltl"
Wohl hatte sie gefehlt — einmal in einer schwachen Stunde. — Wer — hatte sie sich in dem Augenblick überhaupt Rechenschaft gegeben von dom. was sie tat — war nicht die Versuchung plötzlich — unerwartet — wie eine Springflut gekommen und hatte sie, wie im Traume, forbgenssen?
Hatte sie dem Manne nicht ein Jahr lang widerstanden — nicht einmal ein Wort — einen Blick geschenkt? — Kaum genippt am Becher der Leidenschaft, ehe sie — schwindelnd — betäubt — ihn ausgetrunken hatte?
War dann nicht gleich mit dem Erwachen die Reue gekommen — war sie nicht sofort umgekehrt, von dem einzigen Wunsche beseelt, zu ihrem Manne zuriickzu- kehren und ihre Schuld zu sühnen?
Aber er?
Ec hatte sie allein nach Scheveningen reisen lassen — wie gut sie sich an den Abend erinnern konnte, an dem sie so warm gebeten hatte, er uröchte sie begleiten.
Er hatte die Bitte ihr abgeschlagen. Seine Arbeit vorgeschützt. War das nicht auch eme Lüge gewesen? Hatte sie nicht auch ihm geglaubt und ihm vertraut — und er hatte sie betrogen?
War er nicht zurückgeblieben, um mit Hilde Roswald zu sein?
Wieder zerrte die Eifersucht an ihrer Seele und wühlte sie auf.
Ja, das war es. Jetzt wurde es ihr klar. Er wollte bei Hilde bleiben. Darum ließ er sie allein, ohne seinen Schutz in ein Bad ziehen, dessen Gefahren er kennen mußte.
Er hatte seiner Frau sich entzogen und der Frenrden geschenkt.
Darin lag der Bruch der Ghe.
Die Untreue der Seele ist weit unheilbarer als die der Sinne.
Aber rneurand würde ihr das glauben. Wäre sie überhaupt fähig gewesen, in Worten auszudrücken, was sie jetzt mit den Augen sah, die Eifersucht und Schmerz ihr geöffnet hatten?
Sie war wehrlos — machtlos. Keiner konnte helfen.
Sie dachte: „Eine andere hatte meine Stelle in feinem Herzen genommen" — aber es wurde ihr in hem Airgenblick gar iricht bewußt, daß sie diese Stelle schon in der ersten Zeit ihrer Ehe verloren hatte. Die langen Jahre der Entfremdung waren vergessen. Sie konnte ihm das Glück nicht gönnen, das aus ihrem Unglück sich ausbaute, und Hilde Roswalds Name peitschte ihr das Blut zur Empörung.
Rickling war nicht mehr der Einsame, der er gewesen ir, Das hatte sie längst, das hatte auch die Welt gehst. Mer alle schrieben sie es seinen wachsenden Er-
folgen zu, weil sie ihn alle nicht kannten und nicht wußten, daß nur ein aus der Tiefe geborenes Glück die Einsamkeit seiner Seele füllen konnte.
Nun hatte er eine Heimat gefunden.
Und diese Heimat war Hilde Noswald.
Hastig griff Frau Rickling zur Feder. Jetzt schreiben —- vergessen — genießen! Nicht mehr im Herzen diesen zermarternden Dolch spüren — wie damals — entrinnen dem unerbittlichen Leid — und zu ihm gehen.
Jedoch kein Wort konnte sie für den Freund finden — die Erinnerung an ihn war wie erstarrt — das Feuer, das sie für ihn zu schüren versuchte, wollte nur für den Mann lodern.
Da warf sie verzweifelt die Feder zur Seite und sann. Immer mehr verdrängte das Bild des Gatten das des Geliebten. Aus dem Branden der Leidenschaft begannen ganz langsam längst verklungene, versöhnende Stimmen zu steigen.
Sie war eine junge, glückliche Braut — er verbrachte seine Ferien im Hause ihrer Eltern. Sie liebten sich — und ihre Liebe war laut und leidenschaftlich wie das Rauschen des Windes im Wald, und innig und warm wie das Sonnenlicht auf der blühenden Wiese. Sie war stolz auf seine Gaben und Erfolge, und ihm lachte das Glück aus ihren sorglosen Augen und auf ihren jungen Lippen.
Und das Leben erschien ihr so schön wie ein Rosengarten, und die Dornen wollte sie nicht sehen und über die Weirdschatten huschte sie hinweg, dem Morgenlichte zu.
Sv war es immer gewesen! deshalb wahrscheinlich hatten sie sich nicht verstehen können.
Und dann war sie eine glückliche junge Frau. ES war ein Jahr nach ihrer Hochzeit. In der Wiege lag ein Kind und schrie, und Rickling nahm es in seine Arme, und er sah es mit tiefen, erstaunten Augen an, so wie man ein großes, heiliges Wunder betrachtet.
„Mein Kind", sagte er mit einer Stimme, die seine Frau nie vernommen hatte, und dann setzte «' sich ncken sie und legte das Kind an ihr Herz und küßte sie. Und ihr war, als hätte er sie noch nie so geliebt.
Und dann, ein Jahr darauf, starb das Kind. Und dann kamen die schweren, einsamen Jahre, wo sie wie ein fremdes Kind vor der Schwelle seines Herzens saß und weinte — bis sie es in dem stillen Haus init dem in sich gekehrten, rastlos suchenden und strebenden Mann nicht mehr aushalten konnte — und sich vom Glücksdrang ihrer Schmetterlingsnatur fortreißen ließ.
Ihr wurde so seltsam weich ums Herz, als Bild um Bild die Vergangenheit vor ihre Seele zag. Sie weinte, und durch ihre Tränen schimmerte ein Glück, das sie verloren glaubte. In dem Dunkel ihrer Verzweiflung begann sich ihr langsam wieder die Schönheit ihrex ersten Liebe zu eröffnen.
Sie zerriß den Briefbogen, der vor ihr lag.
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