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Borgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. 1-=-.=»!

Nr. 110. Mittwoch» 12. Mai.

1915.

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1(17. Fortsetzung.^

Klippen.

Roman von Helene Schrde-Hrller.

kachdruck verbalen.

Immer wüvden nun auf seinem Schreibtisch Blumen stehen — sie würde sie hinstellen — das Haus — die

Welt, das Leben für ihn schmücken-alles würde

den Widerschein ihrer Augen und den Klang ihrer Stimme hoben.

Sie merkten nicht, daß die Zeit verrann, bis sie das Auf- und Zuschlietzen seiner Zimmertür in die Wirk­lichkeit zurückrief.

„Wer war das?" fragte sie und erhob sich zum Gehen.

„Ich weiß es nicht, Liebes. Vielleicht Erna. Ich werde ihr heute abend meinen Entschluß wegen der Ehe- scheidung sagen."

Hilde empfand kein Mitleid mehr für die Frau, die ihren Mann betrogen hatte und einen anderen liebte. Ihr Gewissen regte sich nicht mehr. Sie war ruhig ge­worden. Sie wußte, sie hatte das Glück, das sie besaß, nicht gestohlen und durfte es nun ihr eigen nennen.

Er küßte sie noch einmal auf Stirn und Augen — konnte sich nicht mehr von ihr trennen — dachte, es würde ohne sie nie „morgen" werden.

Noch einmal an der Tür faßte er ihre beiden Hände — schaute an seinem Fenster ihr nach, bis er nichts mehr von ihr sehen konnte, und blieb auch dann noch lang« stehen, da, wo sie neben ihm gestanden und ihm zuge- fliistert hatte: „Ich liebe dich, Hans."

Es war kein Traum.

Sie hatte die Worte gesprochen.

Sie war sein.

XII.

Es war ganz dunkel geworden in Frau RicklingZ Wohnzimer. Sie merkte es nicht. Sie preßte den Kopf zwischen die Hände und -dachte: „Ich möchte ster­ben, dann wär's mit einmal ausl"

Sie fühlte um sich hier eine große Öde und Einsam­keit und ihr Herz schrie nach Liebe: aber es war keiner da, der darauf Antwort gab.

Sie weinte, weil sie allein war und zum Leben Sonne brauchte und jetzt alles so finster geworden war. Akte oft hatte sie sich seit jenem furchtbaren Abend in dies helle Wohnzimmer geflüchtet, weil sie sich im Ar­beitszimmer ihres Mannes wie eine Fremde fühlte, die dort kein Heimatrecht besaß. Er hatte sie schon früher nie verstanden. Den Zutritt zu seiner Seele ihr ver­schlossen — sie mußte draußen bleiben — mit der Sehn-

C im Herzen mü> dem Drange nach Liebe im warmen, en Blut.

Es war nicht wahr, daß sie gleichgültig und gefühl­los seit Jahren neden ihm hergewandelt war.

Sie hatte oft gesehen, daß er litt und wäre so gern «t ihm hingeschlichen, um die Arme um seinen Nacken iu schlingen und chm die trüben Gedanken wegzuküssen. Aber — sie hatte sich gefürchtet. Sein Schmerz war kompliziert. Sie konnte ihm nicht folgen — nicht begreifen, warum er so tief m der Erde graften mußte, um Schätze zu suchen, die ste jedem vor- vethuschenden Sonnenstrahl abfing. Sie grübelte nie.

Sie ahnte nichts von den Fragen und Rätseln, die ihm den Weg zum Glück versperrten. Man konnte sie doch nicht lösen. Da war es besser, die Augen zu schließen und drüber hinweg zu springen. Selbst der Tod war chm kein Feind — nur ein Ansporn zum Leben und Genießen.

Sie hatte schon finstere Stunden durchlebt — die Reue gekannt, die an der Seele nagt — die Angst, die mit Gespenstern die Tage und Nächte füllt — aber immer war nach der Erschütterung die Ruhe — nach der Verzweiflung die Hoffnung zurückgekehrt. Sie konnte nicht an das Unglück glauben — hatte sich auch diesmal immer vorgeredet, daß ihr Mann ihr verzeihen und ihr Leben in die frühere Bahn zurückkehren würde.

Aber jetzt — zum ersten Mal in ihrem Leben —- mußte sie Halt machen und dem Unglück ins graue Ant- litz schauen.

Eine Gewalt, der sie bisher nie begegnet war, zwang sie, stille zu stehen.

Über den Schmerz, der in ihrem Herzen zuckte, konnte matt nicht wegfliegen. Er mitßte Äurchgekämpft werden.

Sie bäumte sich auf gegen das Joch, dem sie nicht gewachsen war und mußte es doch tragen.

Ihr Manu liebte eine andere.

Me Feuer brannten die Worte, daß sie vor seeli­schem und physischem Weh hätte aufschreien mögen.

Gab es nichts, um den Schmerz zu stillen — keinen Airsweg, um ihm zu entrinnen?

Sie sah sich um mit bangen, hilflosen Augen.

Draußen der Wind und der wirbelnde Schttee — drinnen ein ödes, trauriges Haus, in dem man fror und hungerte. .

Sollte sie nicht dem Manne schreiben, der so heiß nach ihr verlangte?

Er liebte sie. Er würde sie beschützen. Das war die Flucht vor der Einsamkeit.

Sie hatte ihm auf seinen letzten Brief solche harte Worte geschrieben.

Trotzdem wartete er noch immer, weil er sie so sehr liebte. Bei ihm lächelte trotz Nebel und Kälte .das Glück, weil seine Liebe das Grau in Gold verwandelte. Dort brauchte sie nicht zu flehen — nicht als die Ge- demütigte dastehen. Er traute und hoffte, weil er sie liebte, und weil er sie liebte, verstand er sie.

Wie treu war er ihr trotz ihrer Untreue geblieben.

Obwohl sie ihn nicht lisbte, lag doch darin etwas» das ste rührte — und sie suchte sich in dieser Stunde, da ihre Welt um sie zusammenfiel, vorzureden, daß sie im Grunde an ihm hing und ttur die Gewissensbisse den Gedanken an ihn aus ihrem Herzen verscheucht hatten.

In ihrem Schmerz, in diesem Heißhunger nach Liebe und Glück, streckte sie die Arme nach ihm aus — wie nach dem einzigen Freund, den sie besaß und auf den sie bauen konnte.

In einer solchen Stunde hatte sie sich schon in Scheve- Ningen in seine Liebe gerettet — hatte seine Augen vor