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Cg^ =— gj Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 109.
Dienstag. 11. Mai
1915.
(16. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller.
Nachdruck verboten
Er wußte, daß sie ihn liebte, heiß und tief, wie er sie. Da mußte die Zeit kommen, wo die Liebe auch bei ihr alle Schranken überwinden wiirde, mm sich eine siegreiche Bahn zu brechen.
„Wann werde ich Ihre Antwort haben?"
„Wenn Sie wiederkommen, heute über acht Tage."
„Nein, — Hilde — lvenn Ihre Antwort ein Ja bedeutet, dann kommen Sie selbst und bringen Sie mir dies Wort in das Zimmer, das voll ist von dem Gedanken an Sie —"
Er lächelte still für sich hin: „Wie ich auf Sie warten werde — zählen die Tage und Stunden — und dann werden Sie kommen — sich setzen in den Sessel an meinem Schreibtisch, in dem ich selbst so oft an Sie gedacht und nach Ihnen mich gesehnt habe — immer nur nach Ihnen — und dann wird der Traum Wirklichkeit werden — sie ist da — ich nehme Ihre Hand —
wir gehen zusammen ins Märchenland-" Er blickte
verträumt zum Garten hinaus.
Er sragte nicht — bat nicht mehr — er war so sicher, daß sie kommen würde. Und Hilde, trotz der mahnenden Stimme in ihr, fand nicht den Mut, seine Freude zu zerstören. Sie warf die Vorsicht über Bord und sagte: „Ja, ich werde selber kommen."
Er faßte ihre Hand und hielt sie einen Augenblick fest — und ein Jauchzen und Frohlocken rauschte durch ihre Seelen.
Aus dem Nebenziminer klang helles Kinderlachen, im nächsten Augenblick ging die Tür auf, und Röschen sprang Rickling entgegen:
„Denk dir, Onkel Hans, unser kleiner Hund, versucht jetzt zu laufen und rollt wie eine Kugel auf dem glatten Parkett hin und her. Er sieht zu drollig aus. Sich dir's mal an."
Und sie zog ihn in ihr Schulzimmer hinein. Da lachten sie beide, und in einem plötzlichen Ausbruch von Freude hob er sie hoch und küßte sie.
„Onkel Hans, nun mußt du uns eine Geschichte erzählen."
„So?"
„Ja, du hast es mir doch das letzte Mal versprochen, und ein Märchen soll es sein, und Mama soll auch zuhören."
„Dann rufe deine Mutter, daß sie zu uns kommt."
„Ich verstehe jedes Wort durch die geöffnete Tür", meinte Frau Roswald lachend, „Märchen höre ich fast so gern wie mein Röschen — sie sind immer viel schöner als die Wirklichkeit."
„Nein, nicht immer", versetzte Rickling und setzte sich an seinen gewohnten Platz, Frau Roswald gegenüber; „denn nianchmal hat das Märchen Mitleid mit den Menschen und verläßt Wälder und Auen, um in ihren Alltag Poesie zu bringen."
„Erzähle, erzähle!" drängte Röschen und hielt seine Hand in den ihren fest. „Ich lasse dich nicht los. bis du die Geschichte angefangen hast."
„Also ein Märchen soll es sein — laß mich erst Nachdenken" — er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und hüllte in einen innigen Blick die anmutige Gestalt der Mutter und die knospende Schönheit des Kindes ein. Und wieder durchströmte ihn dasselbe stürmisch« Gliick bei dem Gedanken, daß er sie vielleickt bald sein eigen nennen würde. *
Ein Märchen sollte er dem Kinde erzählen? War sein Leben selbst nicht in ein Märchen verwandelt worden? Sollte er nicht von dem Glück erzählen, das ihm wie ein Wunder in seiner Einsamkeit erstanden war?
Da begann er zu erzählen:
^ „Es ist die Geschichte eines Röschens aus de:n Sonnenland. Du kannst es jetzt noch nicht ganz verstehen; aber du wirst es hören und behalten und vielleicht später selbst erleben.
Die Menschen haben das Märchen längst vergessen: aber die Vögel kennen es noch und erzählen es sich gegenseitig, wenn der Frühling konmit!
Es war einmal eine Rosenknospe.
Sie wohnte im Lande der Sonne. Saß auf einem schlanken Stiel und streckte ihr rosiges Köpfchen aus der zierlichen Halskrause ihres grünen Kelches.
Ihre Augenlider dvarcn geschlossen. Ihr .Herz rvar tief unter schimmernden Roseublättern verborgen — seiner konnte es sehen, nur der innige Dust, der ihm entquoll, ließ seine versteckte Glut ahne«.
Die Lippen sprachen nie. Sie öffneten sich nur manchmal, um leise zu lächeln und das Sonnenlicht zr» trinken.
Die Andacht und das Schweige« dieser Knospe um- gaben sie mit dem Zauber des Geheimnisvollen und Unergründlichen.
Die Sonnenstrahlen küßten sie joden Morgen auf den rosigen Mund, aber das Herz konnten sie nicht erreichen.
Die Bienen su«unten und schwirrte,: um sie her und' begehrten laut, den Honig ihrer Liebe zu schöpfen.
Die schönsten Schmetterlinge flatterten um ihre Krone und feierten sie wie eine Königin. Sie kamen des Morgens mit dem erwachenden Tag und baten:
„Tu deine Lider auf. Laß uns deine goldschimmernden Augen schen!"
Sie brachten ihre Liebe auf leichten, glänzenden Flügeln und flehten:
„Laß uns heute Hochzeit halten. Die Sonnenstrahlen spinnen dir das Brautkleid. Schenk uns deill. Herz, so lauge der Somnrer blüht und die Erde vor Wonne überfließt."
Aber die Rosenknospe rührte sich nicht. Die Augen blieben geschlossen. Die Lippen stumm. Sie duftete nur und lächelte.
Sie tvartete aus das „Wunderbare", von dem die Nachtigall in einer Liebesnacht gesungen hatte.
Da hörte sie eines Morgens die lauten Ruse einer übermütigen Schmetterlingsschar, die einen änderen Schiuetterljng verfolgte:.
