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Montag, 10. Mar 1915.

Abend-Ausgabe.

Nr. 216. - 63. Jahrgang.

Oer Krieg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen.

Oer Kaiser auf dem südöstlichen Kriegs­schauplatz.

W.T.-B. Berlin, 10. Mai. (Amtlich.) Der Kaiser ist auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz eingetroffen und hat am 8. Mai einem Gefecht der ersten Garde- division bcigcwohnt.

Aufrollung der Karpathenfronl.

W. T.-B. Wien, 9. Mai. (Nichtamtlich.) Die Kriegsbe­richterstatter der Blätter betonen die weitere »großen Erfolge der Verbündeten in Westgalizien. Die Erfolge, der Aktion in Westgalizien bildeten nur das e r st e Sta­dium der Kämpfe. Die Armee Mackensen erreichte bei Rymanow einen der wichtigsten Straßenknoten- punkte Galiziens. Die Armee B o r o e v i c befindet sich bereits unterhalb der nördlichen Hänge der Ostbeskiden. Das Zurücksluten der in eine gefährliche Lage geratenen rus­sischen Front aus den Waldkarpathen bis zum U z s o k e r Patz ist bereits in vollem Gange. Nunmehr haben aber auch die verbündeten Truypen die 8. russische Armee des Generals Brusiloff, welche zwischen Uzsoker- und Lupkower Patz den Verbündeten gcgeniiberstand, zu werfen begonnen. Die zweite österreichisch-ungarische Armee, welcher die Be­wältigung dieser Aufgabe zuficl, hat ebenso wie früher die Armee Boroevic ihre Front durch die bisherigen Aktionen verengert, wodurch auch bei dieser Armee ein K r 8 f tr­üb e r s ch u tz frei wird. Die Früchte des Sieges über die Armee Radko Dimitriew wachsen noch immer. I« den Beskiden zurückgebliebene grötzere und kleinere russische Trup- pcnkörper sowie von den Rüsten aufgegebene Geschütze un­sonstiges Kriegsmaterial werden nach und nach e i n ge­bracht.

Die Beskiden von Boroevic überschritten

Die Karpathenfront nicht mehr von den Rüsten bedroht.

Berlin, S. Mai. (Ktr. Bln.) In einem Telegramm des Derl. Lok.-Anz." heißt es: Unsere dritte Karpathenarmee, die oen schweren Ansturm der russischen Front auszuhalten hatte, hat schon die Beskiden überschritten und führt nun in einer Reche von erbitterten Einzelgefechten den Gnadenstoß gegen den Fein-d. Es gibt für die Russen nur eine Richtung, in der sie entkommen oder durch­brechen können, die Richtung gegen Norden. Die der Armee Boroviec überwiesene Aufgabe ist der schönste Lohn für ihre in den Oktobertagen bewiesene unerschütterliche Zähigkeit. Ans dem bisherigen Ergebnis der Operationen er­gibt sich, daß der rechte Flügel der Russen znrückgenom- aien werden mußte. Die Karpathenfront ist vom Feinde nicht mehr bedroht.

Für die Befreiung Galiziens" vom öster­reichischen Joch.

Etwas unzeitgcmätze Auszeichnungen durch den Zaren.

W. T.-B. Petersburg, 8. Mai. (Nichtamtlich.) In einem an den Generalissimus Großfürst Nikolai Nikolaje- witsch gerichteten Erlaß sagt der Zar, der Generalissimus habe die Wünsche der Altvorderen verwirklicht, Rotruß- l a n d erobert und setzte die Befreiung des noch unter frem­dem Joche schmachtenden Rußland erfolgreich fort. Der Zar erklärt, diese Tat werde ftir immer eins der bedeutungs­vollsten Blätter der Geschichte Rußlands bleiben. Über den persönlichen Eindruck von seiner Reise in dem eroberten Lande äußert der Zar, daß Ordnung herrsche und der Groß, fürst der Organisation und Verwaltung des Landes Sorgfalt angedeihen lasse. Der Zar dankt dem Generalissimus und verleiht ihm den Säbel des heiligen Georg mit Dia­manten und der InschriftFür die Befreiung Galt- ziens." Ein ähnlicher Erlaß erging an den Oberbefehls­haber an der S ü d w e st f r o n t, General Iwanow, dem der Alexander-Newsky-Orden mit Diamanten verliehen wird.

Der weitere verlauf der Durchbruchsschlacht

W . T.-B. Berlin, 8. Mai. (Nichtamtlich.) Aus dem Großen Hauptquartier erhalten wir über den weiteren Verlauf der Durchbruchsschlacht in Westgalizien folgende telegraphische Mitteilung:

Am Abend des 2. Mai war es den verbündeten Truppen nicht nur gelungen, die russische Front zwischen dem Karpathenkamm und dem mittleren Dunajec zu durch­brechen, es war ihnen vielmehr auch am Unterlaufe dieses Flusses geglückt, das östliche Ufer zu gewinnen. Österreichische Truppen waren es, die in der Nacht vom 1. zum 2. Mai bei Mondschein den Dunajeeübergang erzwangen. Das Unternehmen war so gut vorbereitet und ausgeführt, daß der gegenüberstehende Feind völlig überrascht wurde. Neben mehr als 1900 Gefangenen wurden zahlreiche Geschütze und Maschinengewehre erbeutet. Am 3. und 4. Mai nahm die Durchbruchsschlacht ihren Fort­gang, war doch am 2. Mai erst die vorderste Hauptstellung der Russen gefallen und hatten diese doch bis zur W i s l o k a, das ist aus eine Strecke von etwa 80 .Kilometern, noch drei weitere mehr oder weniger stark ansgebaute be­festigte Stellungen vorbereitet. In der russischen zweiten Hauptstellung fanden die Verbündeten wenig Widerstand Es kam hier vielfach nur zu Nachtgefechten. Größere Kämpfe fanden an vereinzelten Stellen statt, vor allem an den

Punkten, au welche der Feind von rückwärts Verstär­kungen herangeholt hatte. Die Kämpfe endeten allgemein damit, daß auch die Verstärkungen mit in den Strudel des Rückzuges gezogen würben. Nach­mittags standen die verbündeten Truppen vor der dritten Hauptstellung des Feindes, jedoch konnte der Angriff am 3. Mai nicht mehr durchgesührt werden. Die Truppen des Generals Francois kämpften au diesem Tage noch um den jener dritten Stellung vorgelagerten Wrlczakberg, den Schlüsselpunkt für den Besitz der Bisez. Diesen Berg hatten die Russen besonders stark ausgebaut. Wiederum lagen Schützengräben stockwerkartig übereinander. Die Russen versuchten, heranzukommen und die deutschen Truppen an diesem Berg zu verzögern, rndem sie von Süden zu einem Angriff ansetzten. Ein paar Schrapnells genügten aber, um den schon schwer erschütterten Feind zur Umkehr zu veranlaffen. Noch am Abend des 3. Mai war der Wrlczak­berg in unferer Hand. Die preußische Garde nahm nach heißem Waldkampfe die Höhen von Lipis-Lippie. Dem rechten Flügel der österreichischen Truppen der Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand gelang es an diesem Tage, die Russen von den steilen Waldbergen östlich des Bialatales hinunterzuwerfen und in der Richtung aus T u ch o w weiter Gelände zu gewinnen. Standen die Russen am 3. Mai noch ganz im Bann der tags zuvor erlittenen schweren Niederlage, so glaubten sie doch, am 4. Mai die Offensive der Verbündeten zum Stehen zu bringen. Mit den am 3. Mai eingesetzten Teilen verfügten sie über v i e r bis fünf Infanterie- und vier Kaballeriedivisionen, die sie an diesem Tage den Angreifern entgegensührten. In dem großen nach S ü d w e st e n gerichteten Bogen, der als eine Art von großem Brückenkopf der Stadt I a s l o aus etwa 12 bis 15 Kilometer Enffernung vorgelagert war, finden wir die dritte Hauptstellung der Russen. In ihr waren die Höhen um Szerzhnh, nördlich Biecz, und die Ostra-Gora wichtige Stützpunkte. Der Feind leistete au vielen Stellen er­bitterten Wider st and, aber ihm fehlte, wie die gefangenen Offiziere anssagen, jede planmäßige ein­heitliche Leitung. War schon die Vermischung der Ver­bände infolge der Kämpfe am 2. und 3. Mai eine sehr er­hebliche gewesen, so erfolgte am 4. Mai der Einsatz der Reserven völlig planlos. Regimenter- und bataillonsweise wurden die Verstärkungen in di« Front geworfen, dorthin, wo die Notdes Augenblicks es gerade gebot. Die Auflösung erreichte bereits einen derartigen Grad, daß, wenn der Feind an einer Stelle der Kampffront zähen Widetftand leistete, dieser dadurch vergeblich wurde, daß die Truppen rechts und links jede Lust am Kampfe verloren hatten und vorzeitig das Weite suchten. So erwies sich auch die Behauptung der dritten Hauptstellung der Russen als unmöglich. Die preußische Garde erreichte am Abend des Tages die Gegend von Scerzynl). Das ungarische Honved-Regiment Nr. 10 setzte sich nach siebenmaligem Sturm in den Besitz der Höhe nördlich Biecz, woraus sich die Besatzung der benach­barten Höhe ergab. Weiter südlich schickten sich deutsche An­griffstruppen gerade zum Vorgehen ans die O st r a - G o r a an, als der durch schweres Artilleriefener er­schütterte Feind werße Fahnen schwenkte und sich in Scharen ergab, bevor noch ein deutscher Infanterist zum Angriff angetreten war. Am Abend des 4. Mai war der rechte Flügel der Armee Mackensen bis ans wenige Kilometer an die W i s l o k a herangekommen. Man rechnete mit neuen feindlichen Stellungen aus dem O stuf er des Flusses, sagten doch auch Gefangene aus, daß die Russen die Landeseinwohner zum schleunigen Bau beto­nierter Unter st än de gepreßt haben. Dazu war aber für die russische Armee des einstigen bulgarischen Gesandten am Zarenhofe, jetzigen russischen Generals und znm Fürsten erhobenen Armeesührers Radko Dimitriew, keine Zeit mehr. Die Reserven waren verbraucht, rl e u e Truppenverbände noch nicht zur Stelle und die Offensive der Verbündeten kannte kein Stockem Bis zum Abend des 4. Mai stieg die Zahl der Gefangenen aus etwa 4 0 0 0 0. Unter den gefangenen Kosakenoffi­zieren wurden Analphabeten festgestellt, welche merk­würdige Taffache in einem ausdrücklichen Vermerk in den Personalpapieren dieser Offiziere ihre Bestätigung fand.

Zögert Italien noch?

Die Vertagung des Zusammentritts der italieni­schen Kammer kann daraus wunde schon hingewiesen verschieden ausgelegt werden. Sie kann bedeuten, datz die italienische Regierung von den gegenwärtigen Verhandlungen mit Österreich-Ungarn und uns erwar­tet, was sie der Kammer als günstiges Ergebnis vorlegen kann, was aber erst noch reifen muß und bis zum 12. Mai eben noch nicht gereist sein wird. Es ist jedoch auch eine andere Auslegung möglich, die nämlich, datz man mit den Vorbereitungen zum Abfall vom Dreibunde noch nicht ganz fer- t i g ist, in den nächsten Tagen nicht durch leidenschaft­liches Drängen der Abgeordneten belästigt sein will und den Termin des Losschlagens vor den Zusammentritt der Kammer zu logen beab­sichtigt. Welche dieser beiden Auffassungen die richtig?

ist, das wird eine nahe Zukunft zeigen. Für jetzt sind wir völlig darauf angewiesen, einzig die Tatsachen ab­zuwarten. Wie es auch kommen mag, wir und un­sere Freunde an der Donau sind jedenfalls auf das Schlimmste vorbereitet, und wenn es durch irgendeine unvorhergesehene günstige Wendung noch verhindert werden könnte, so wird das natürlich um so besser sein, aber einen übertriebenen Pessimismus wer­den wir uns auch dann nicht nachsagen zu lassen brau­chen. Denn der Wille zum Kriege ist ersicht­lich in Italien lebendig. Wir sagen nicht, daß die Re­gierung ihn schon gefaßt hat, wir wissen das nicht, ine- mand kann von sich behaupten, daß er in dieser Hin­sicht mehr wisse als sogar die Teilnehmer an den Per- Handlungen; aber alle Anzeichen deuten doch auf Sturm. Sturmvögel sind auch die Vertreter d e u t- scher Zeitungen in Rom, die sämtlich bereits den Rückweg nach der Heimat eingeschlagen haben, nachdem man ihnen geraten hat, die italienische Hauptstadt zu verlassen. Irgendwo unterwegs werden sich die Züge kreuzen, in denen hier unsere Kollegen aus dem Süden, dort die Vertreter der italienischen Blätter in Berlin und Wien die Fahrt in den sicheren Heimatschutz antreten.

Wenn wir also fragen, ob Italien noch zögert, so tun wir es mit geringen Erwartungen. Immerhin, das kranke Friedenskind ist ja noch nicht verschieden, also hat es Zeit damit, ihm den Totenschein auszustellen. Vielleicht, um schon mehrfach Gesagtes zu wiederholen, ereignet sich doch noch ein Wunder. Viel­leicht.

Vom d e u t i cp e n Standpunkt aus betrachtet, muß der Übertritt Italiens zu unseren Feinden als ein Wagnis erscheinen, das deni bisherigen Verbündeten unabsehbar teuer zu stehen kommen würde. Die Kriegslage ist für uns so günstig wie noch nie im Verlaufe des großen Ringens, und vor allem wird man sich in Rom doch sagen müssen, daß die Kräfte, die einem neuen Feinde entgegengeworfen werden sollen, längst bereit stehen, daß also die Notwendigkeit eines frischen Feldzuges an keinem Punkte eine Schwächung der Machtnuttel der Zentralmächte bedingen würde. Wer selbstverständlich liegt es uns nicht ob, den Italienern noch gute Rat­schläge zu geben. Entweder haben sie ein Ohr für die wuchtige Sprache der Tatsachen, oder sie wollen nicht hören, und dann ist ihnen nicht Wetter zu helfen. Einst­weilen wird ja noch verhandelt, was man so verhandeln" nennt. Vermutlich besteht dies Geschäft in der Hauptsache darin, daß Italien immer neue Forderungen stellt, über deren Uner­füllbarkeit sich auch die Herren am Tiber klar sein werden, und daß diese Forderungen in Wien lang­mütig entgegengenommen wenden, wobei die Klugheit gebieten mag, dem anderen Teil die Ziehung der Folgerungen'aus der Versagung des Belangten zu überlassen. Die Zeit wird schwerlich fernbleiben, in der wir aus Gelbbüchern und Rotbüchern vieles Inter- essante und äußerst Merkwürdige über eine Episode der Weltgeschichte erfahren werden, Mer die wir bis aus eine an den Fingern der Hand cmfzu- zählende kleine Gruppe von Diplomaten sämtlich voll- kommen ununterrichtet sind. Soviel aber darf man schon heute, ohne irgendwelche Einzelheiten zu kennen, bestimmt erklären, daß endlose Gelegenheit zum Erstaunen gegeben werden wird.

Ob Italien nur zum Schein zögert, ob es wirk- sich noch im Gefühl einer ungeheuren Verant­wortung seinen letzten Entschluß vertagt hat, wir werden es in wenigen Tagen übersehen. Uns muß alles recht sein, weil wir nichts mehr änderst können. ^

Noch keine Entscheidung Italiens.

Keine Verschlechterung der Lage.

DieKöln. Ztg." meldet aus Berlin, 9. Mai: Die diplo- matischen Verhandlungen werden fortgcführt. Heute lässt sich der Gesamteindruck dahin zusammcnfassen, dass seit gestern keine Verschlechterung eingetreten ist. Wenn auch die Ungewißheit und der krisenhafte Zustand fortdauer«. so besteht doch aus der anderen Seite die Tatsache, daß die diplomatischen Verhandlungen weitergeführt werden.

Die Lage heule die gleiche.

Er. Berlin, 10. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die B. Z." schreibt: In den Beziehungen zwischen Österreich und Italien ist nach wie vor weder ein Anzeichen der Ver­schlechterung noch der Besserung festzustelle«, Giolitti hat in Rom seine Unterredungen mit Abgeord- neteu und der Regierung ausgenommen, und man wird mit der Vermutung nicht fehlgeheu, daß einige Tage ver­streichen können, bis diese Besprechungen die Lage nach dev einen oder anderen Seite geklärt haben. Auch die italieni­sche Regierung wird wohl nunmehr festz« stellen wünschen» wie weit die Kammer ihre Entschlüsse, seien sie kriegerische oder friedliche, gütherßrn wolle,