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Der Roman.
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Nr. 108.
Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, g
sis. Fortsetzung.)
Sonntag, Y. Mai.
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller. ^
1915.
Nachdruck verböte»».
Wie oft, wen«- die Wogen der Leidenschaft den tiefsten Grund seiner Seele aufwühlten, hatte er mit diesen Gedanken gekämpft — wie oft nur mit Aufbietung aller Kräfte dem heißen Begchren widerstehen können, sie in seine Arme zu schließen und in einen Kuß den Drang seiner Leidenschaft zu legen.
Er hatte sich beherrscht; denn er wußte, daß er dies Glück mit einem Bruch ihrer Freundschaft zu zahlen haben würde. Innerhalb der Grenzen, die sie selbst gezogen hatte, gab sie ihm, was sie zu geben vermochte
— es war viel — aber es war nicht alles — die Liebe machte ihr Anrecht auf Freiheit geltend und begehrte laut, die Schranken zu brechen und die Grenzen zu überschreiten.
Es war ja auch für Hilde ein steter Kampf. Er fühlte ihr Herz hinter dem eisernen Gitter der Pflicht und Selbstbeherrschung vor Liebe und Sehnsucht beben.
— Die Traumbilder, die für ihn in dem einen Wort „Hilde" lagen und ihn im Wachen und im Schlafen umgaben, begleiteten auch sie. Warum sollte nicht aus dem Traum Wirklichkeit, aus der Sehnsucht vollkommenes Glück werden?
Seit Jahren schleppte er seinen Ehestand mit sich Das war ein Hinken zwischen Treue und Untreue, Lüge und Wahrheit; es war die Feigheit, die nicht die Kraft findet, der Meinung der Welt zum Trotz einer unmöglichen Situation klar ins Auge zu scheu. Warum nicht brechen mit dem Halben und ganze, glückliche Menschen werden?
Wie würde Hilde darüber denken? Würde ihre Liebe stark genug sein, um über diese schwerwiegenden äußeren Bchenken zu siegen und sich angesichts einer urteilenden und verurteilenden Welt ein neues stolzes Glück mit ihm zu bauen?
Doch sein Entschluß stand unumstößlich fest.
Jetzt war der Augenblick gekominen, wo er um sie ringen durfte, unl alles zu gewinnen oder alles zu verlieren.
Alles zu verlieren?
Er wagte nicht an diese Möglichkeit zu denken — ihm war, als müsse es ihm das Herzblut kosten. —
Als Hans Nickling einige Tage daraus vor Frau Noswalds Wohnung stand, fest entschlossen, den entscheidenden Schritt zu wagen, wußte er, daß jetzt zwei Menschenleben in einer Frauenhand ruhten.
-Sie sprachen erst von seinem neuen Manuskript.
Er las ihr vor — sie hörte zu — warf hier und da eine Frage ein, machte Einwendungen und Bemerkungen, er antwortete und verbesserte, bis die Arbeit mit allen Korrekturen beendet vor ihm lag.
„Und nun?" fragte sie. Ja, nun!
„Ich habe Ihnen heute so viel zu sagen — Hilde", begann er, und seine Stimme hatte solch eigentümlichen Klanc,. Sie wehrte ihm mit der Hand, als sie die zu- traulrche Anrede hörte; sie duldete nicht, daß er sie so nannte.
Da brauste er auf:
„Verstößt inan gegen die Form, wenn man wahr ist und den Ausdruck wählt, der das Einpfinden erschöpft? Verstehen Sie nicht, daß ich das Wort „Hilde" tatsächlich nur empfinde, nicht spreche, uird ganz unbewußt vom Herzen über die Lippen gleiten laste?"
Es lag in seinen Zügen ein solcher Ausdruck verhaltener Leidenschaft, daß sie erschrak.
Aber _ er brach plötzlich ab unr sagte ohne weitere Umschweife auf sein Ziel zueilend: „Wie denken Sie eigentlich über die Ehescheidung?"
Sein Blick drang forschend — ängstlich in den ihren. Sie zuckte zusammen. Alles Blut wich aus ihrem Ge- sicht. Mit dem Instinkt der Liebe hatte sie gleich den persönlichen Sinn aus Ricklings Frage gefühlt.
Sie wußte, das war die Stunde der Entscheidung, die einmal kommen niußte.
Es gab kein Ausweichen mehr. Nun stand sie unmittelbar vor der Klippe.
Jetzt schnell sich fassen — ruhig bleiben — eine Antwort finden.
Nicht lange überlegen. Ja nicht die Flut der eigene« Wünsche steigen lassen.
„Ich denke, kein Mann hat das Recht, sich von seiner Frau scheiden zn lassen, die ihm treu geblieben ist. Der Schwur, den er geleistet hat, bindet ihn fürs Leben."
Sie merkte wohl, wie klang- und farblos die Worte waren — wie äußerlich und oberflächlich sie die Beziehungen zwischen Mann und Frau faßten.
Sie fühlte sie nicht. Sie zitierte sie aus dem Buche der Moral und sprach sie mechanisch nach, ohne das Herz mitrcden zu lassen, wie die Kinder die auswendig gelernten Stellen aus dem Katechismus hersagen. Aber ie fand keine andere Ilntwort. Sie wollte auch nicht chveigen. Sie fiirchtete sich vor der Erregung, die sich hrer bemächtigt hatte, und suchte, sich vor sich selbst zu chützen.
„Hilde — weichen Sie nicht ans — lasten Sic mich reden. Ihnen erklären — inein Leben hängt von Ihrer Antwort ab — lange genug habe ich mich bezwungen und geschwiegen — jetzt kann ich es nicht mehr. — Sie müssen wissen — verstehen, was ich jetzt durchkämpfe."
Hastig inaß er das Zimmer mtf und ab. Seine Worte überstürzten sich.
„Ich liebe Sie, Hilde. Ich kann nicht mcchr ohne Sie sein. Und Sie —" seine Stimme sank plötzlich zu tiefen, innigen Akkorden — „Sie lieben mich auch. Wir gehören einander. Das genügt. Das bindet mehr als Menschengesetze. Wir brauchen nicht ein verfehltes, einsames Leben zu führen — wenn ganz nah — das Märchenland winkt und lockt.
„Hilde" — er hielt inne — sah sie an und schaute 1« versonnene Augen hinein-
„Hilde, Sie wissen doch — das Märchenland, in dem alles voll Sonne ist, weil rnan mft der Liebsten dort wohnt — wir gehören dahin. Sie und ich-*
