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(■*=-—» > Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i *" »i

Nr. 107. Samstag. 8. Mai. 1916.

114. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Nachdruck verböte«,

f „Ich will ihn kennen — ich werde dich schon zwirn gen. — Ja — zwingen — werde ich dich —" und eiser­ner noch wurde der Griff um ihre Hand.

Sie schauderte, als sie in seine harten Züge blickte.

„Weggeworfen hast du dich. Meinen Namen hast Lu geschändet. Lassest es zu, daß Männer dir wie einer Dirne Liebeszettel schreiben."

Er wußte kaum mehr, was er sprach. Abgerissen rangen sich die Laute aus seiner Kehle.

Sie hörte die Schmähung, die wie ein Peitschenhieb

schneidend — verwundend aus sie heralbsiel — und bäumte sich auf.

„Wie wagst du es, so zu mir zu reden?"

„Es ist die Wahrheit. Velogen — betrogen hast du mich."

„Es ist nicht wahr. Ich habe mich nicht wegge­worfen — der Mann-"

„Der Mann?" er folgte atemlos —.

„Der Mann liebt mich nnd ich —"

„Und du —" sie hatte sich von ihm losgemacht: aber er hatte wieder ihre Hand gepackt:

„Und ich —" sie sah in sein hartes Gesicht — in die flammenden Augen — und fuhr fort, einem wilden, unberechenbaren Impuls von Trotz folgend: „Und ich — ich liebe ihn auch. Ich brauche mich nicht zu der- seidigen, Ich bereue nichts — ich-

Sie brach ab.

Wie in einem. jähen Aufschluchzen hob und senkte sich ihre Brust.

Jetzt wurden die Worte ihr bewußt, die sie ausge­sprochen hatte — und Sofort bereute sie sie — wollte sie Suriicknehmen.

Es war zu spät.

Er schaute finster auf sie herab.

Der verstörte Ausdruck in seinem Gesicht war ge­wichen und hatte einer eisigen Kälte Raum gemacht.

Zwischen ihnen gähnte unüberbrückbar der Abgrund.

„Hans" — es lag ein heißes, banges Flehen in der Stimme.

Er merkte es nicht; zu tief war die Kränkung ge­wesen. Er kannte kein Erbarmen mehr.

„Hans, urteile nicht—" ihr verzweifelter Blick schien um sein Mitleid zu ringen.

Er achtete nicht darauf. Er war blind und taub und sah und hörte nur noch das eine.

„Ich soll nicht urteilen? Belogen und betrogen hast jb'u mich."

Sie fuhr zusammen, als habe er sie geschlagen — und sah ihn flehend an.

„Ja, belogen", fuhr er erregt fort. „Erinnerst du dich an den Abend, da ich es in deine Hand legte, mir alles zu bekennen — da hätte ich vielleicht verzeihen können — aber nicht einmal dam fandest du die Kmft

;-du — du hast es iiber dich gebracht — mein Der-

trauen zu mißbrauchen — dich wegzuwerfen — und dann ins Gesicht mir zu lügen — alles zu leugnen — und ich Tor —" er lachte kurz und hart auf —.

„Ich Tor habe mich Wochen damit gequält, baß Zweifel mich auch nur gestreift hatten und ich zu meiner eigenen Beruhigung diesen erniedrigenden Brief dir gegenüber erwähnt hatte.

Einen: solchen Brief — hast du — mein Weib — mich ausgesetzt. Deinetwegen schreiben mir die frühe­ren Geliebten dieses Mannes eifersiichte anonym« Zettel.

Und da soll ich ruhig zusehen? Verstehen und am Ende noch entschuldigen? Das ist wahrhaftig estvas zu viel verlangt."

Wieder dasselbe unheimliche Lachen, demgegenüber sie kein Wort fand.

„Wie einfältig sind wir Männer. Halten die Frau für wahr und rein, weil sie an unserem Herde waltet und unseren Namen trägt! Weißt du noch, wie ich dich fragte, ob ich recht daran getan, den Zettel zu zerreißen und nie daran zurückzndenken brauchte — «da —"

„Hans — ich weiß —" ein Weinen zitterte in ihrer Stimme.

„Da sagtest du: Ja, Hans, du hast recht daran ge­tan —. Und ich — blinder Tor — ich habe vertraut und dir geglaubt."

Drückend legte sich zwischen ihnen ein langes; Schweigen.

Er brach es zuerst. „Seit Jahren schleppen wir aN unserer Ehe. Sie hat mir kein Glück gebracht. Ein einsamer Mensch bin ich ein Jahr nach meiner Ehe ge­worden. Nichts — nichts bist du mir gewesen als eine Fremde. Hast nicht nach mir gefragt — und es sehr praktisch gesunden, unter dem Deckniantel der verhei­rateten Frau die Rolle der Geliebten zu spielen. Nun aber soll das ein Ende nehmen — mit dem Halben soll ganz gebrochen werden — und du — du allein bist daran schuld — du hast zwischen uns die Kluft ge­graben."

„Wie hart du bist", sagte sie gepreßt, die Hand aufs Herz drückend, um das wilde Hämmern zu stillen.

„Hast du etwa in den letzten Jahren nach mir ge­fragt? Bist du mir etwas gewesen?"

„Du weißt nicht, wie häufig ich mich nach deiner' Liebe gesehnt und wie einsam und verlassen ich mich gefühlt habe. Du sagst, ich sei dir eine Fremde ge­wesen. — Hast du aber je versucht, eine Brücke zu bauen, die deine Seele mit der meinen verbunden hätte? Ich verlangte, dir etwas zu sein; aber du hast es nicht be­merkt — du hast dich vor mir selbst verschlossen und mich wie eine Fremde behandelt — und darum bin ich dir eine Fremde geworden.

Ein Gefühl, das keine Nahrung findet, stirbt ab.

Ich konnte nicht ohne Liebe leben. — Da habe ich sie sehnsüchtig umfaßt, die Liebe, die du mir verweiger­test, und die ein anderer mir gab.

War das ein Fehler? War das meine Schuld?"

Ihre Gestalt reckte sich.

Einen Augenblick stutzte er und betrachtete sie, als sähe er sie zum erstenmal.