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■*8. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis; durch den Verlag 5® Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. 8® Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Lauggasse 27.
ZN, 8 GO Avonrrenten.
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600» Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Sonntag, den 30. Dezember.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1900 .
Politische Übersicht.
DesJahresletzteWvche pflegt auf dein Gebiet der Politik eine Ruhepause zu bedeuten, welche uns freilich diesmal nur auf dein der inneren Politik be- scheert worden ist, denn die Ereignisse in China und in Südafrika lassen von einer solchen Ruhepause nichts verspüren. Bei uns aber hat trotz der politisch bewegten Zeit in dieser Woche die W e i h n a ch t s st i m m u n g ihre Rechte geltend gemacht. Das Weihnachtsfest ist nicht nur ein Fest für die Kinder, sondern auch ein Fest für die Erwachsenen, denen es nicht nur die Erinnerung an die glückliche Jugendzeit ins Gedächtnis; zurückruft, sondern denen es auch eine willkommene und wohlthätige Ruhepause im täglichen Einerlei, in den Mühen und Plagen unseres arbeitsreichen Daseins bedeutet.
Vergnügte Weihnachten dürfte auch der Reichskanzler Graf Bülow gefeiert haben, denn seine Rundreise an die deutschen Höfe, von der er am Sonntag nach Berlin zurückgekehrt ist, ist allem Anschein nach zur Zufriedenheit des Reichskanzlers ausgefallen. Und daß sich Graf Bülow auch des rückhaltlosen Vertrauens des Kaisers erfreut, davon hat soeben erst die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Reichskanzler deutliche Kunde gegeben. Freilich, nach der Feiertagsruhe wird auch für den Reichskanzler die Werktagszeit der Arbeit und der Kämpfe kommen. Am 8. Januar nimmt der Reichstag seine Arbeit wieder ans und an demselben Tage wird der preußische Landtag zusammentreten, in dem der bedeutungsvolle und folgenschwere Kampf um den Mittellandkanal seine Fortsetzung finden soll.
Die Weihnachtsfeier festlich zu begehen, ist eine gute, deutsche Sitte und den wärmenden Glanz der Weihnachtskerzen mag der Deutsche nicht vermissen, wo in aller Welt er auch weilen mag. Auch im fernen China haben unsere braven Truppen, die dort gegen einen grausamen, hinterlistigen Feind im Felde liegen, nach guter deutscher Sitte das Weihnachtsfest begangen. Möge es ihnen sümmtlich vergönnt sein, die nächsten Weihnachten wieder daheim, im Kreise ihrer Lieben festlich zu begehen!
Jedenfalls läßt sich nicht verkennen, daß die Lösung der chinesischen Frage in dieser Woche einen, wenn auch kleinen Fortschritt zu verzeichnen hatte. Die unter unendlichen Schwierigkeiten zu Stande gebrachte K o l l e k t iv - Note der Mächte, welche die den Chinesen aufzuerlegenden Friedensbedingungen enthält, ist endlich den chinesischen Unterhändlern, Li-Hung-Tschang und Prinz Tsching, übergeben worden. Leider ist unterdeß eine neue Schwierigkeit, welche die Verhandlungen leicht verzögern kann, ausgetreten, nämlich die Erkrankung Li-Hung- Tschangs, welche diesmal in der That keine singirte, sondern eine ernsthafte zu sein scheint. Auf militärischem Gebiet haben die Truppen der Verbündeten in China in dieser Woche eine Reihe weiterer kleinerer Erfolge erzielt.
Auch in unserem Rachbarlande O e st e r r e i ch ist von der Ruhe des Weihnachtsfriedens nicht viel zu spüren. -Oesterreich befindet sich inmitten der W a h l - rampagne, deren Ansgang über die Zusammensetzung des Reichs raths entscheiden soll. Aus dem bisherigen Verlauf der Wahl, von denen erst der kleinste Theil vorgenommen worden ist, lassen sich noch keine Schlüsse auf die Zusammensetzung der neuen Volksvertretung ziehen. Aber die Befürchtung liegt nahe, daß das neue Parlament ebenso arbeitsunfähig sein wird, wie das alte und bei seinem Zusammentritt die Krisis genau auf dem früheren Stande vorfinden wird.
In Frankreich macht die Beruhigung der Ge- rnüther weitere Fortschritte. Auch Zola hat jetzt erklärt, das; er es zwar tief bedauere, daß die Sache der Gerechtigkeit in Frankreich nicht zu siegen verrnag. daß er aber nunmehr den Kampf um die Wiederaufnahme der Dreyfus-Afsciire als aussichtslos aufgebe und zu seinen Büchern znrückkehre. Daß aber in Frankreich kein Mangel an „Affairen" herrsche, dafür hat der M a j o r C u i g n e t Sorge getragen, gegen den ein Verfahren wegen Insubordination und Veröffentlichung von Aktenstücken eingeleitet worden ist, welches ans den Kampf zwischen der Civilgewalt und der Militärgewalt in Frankreich wahrscheinlich manche interessanten Streiflichter werfen wird.
Mit ungeschwächter Heftigkeit tobt in Südafrika der Kampf zwischen den Engländern und den Auren, welche mit neuerwachter Energie den Kampf, der sich bis jetzt ans dem Gebiet der Burenrepubliken ab- spielte, in das Herz der 5k a p k o l o n i e getragen haben. Zwar ist das englische Kriegsamt beflissen, die öffentliche Meinung nach Möglichkeit über den Ernst der Lage in Südafrika zu täuschen, aber diese Bemühungen verfangen nicht mehr recht und die Meldungen der englischen Kriegs- ieitung siilden sogar in England nur noch wenig Kredit.
Freilich, schon senden die Engländer erneute Heeresmassen nach Südafrika, welche den ungleichen Kampf noch ver- ziveiseller für die zusammengeschmolzenen Schaaren der Buren gestalten werden. Die Aussicht ist schwach, aber stark ist unser Wunsch, daß es den Buren, welche jetzt ein trübes Weihnachtsfest begangen haben, vergönnt sein möge un nächsten Jahre das Fest der Weihnachten auf freiem Grund und Boden zu feiern!
I.
Die Stadt Wiesbaden war damals ein Landstädtchen von etwa 2500 Einwohnern im kleinen Reichsfürstenthum Naffau-Usingen. Landesherr war der Fürst K a r l W i l h e l m . der zu Biebrich residirte, seine Regierung aber zu Wiesbaden in dem dortigen alten Schlöffe hatte. Das Städtchen war mit Mauern und Thoren umgeben, von denen man nach gebliebener mittelalterlicher Anschauung viel Heil im Krieg und Frieden er
Die dntuiidiflum? Wiesbadens
im XIX. Iahrss,rudert.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von I)r. E. Spiclmann.
Ein Jahrhundert ist eine lange Spanne Zeit für uns Menschenkinder; in der Entwickelung der Geschichte der Völker bedeutet es manchmal wenig. Rur langsam ist diese bei uns z. V. durch die vielen Jahrhunderte, die wir mit der Bezeichnung Mittelatter umfassen, vorwärts geschritten; erst Renaissance und Reformation halfen kräftiger nach. Der große Krieg hinderte zwar wieder für eine Zeitlang den Fortschritt, aber dann ging's schneller und im vergangenen Jahrhunderte, wir dürfen es getrost sagen, stellenweise mit Siebenmeilenstiefeln. Als ein Exempel dafür können wir die Entwickelung unserer Stadt anführen,^ und deshalb wollen wir aü der Jahrhundertwende einen Blick rückwärts werfen, um diesen kolossalen Aufschwung Wiesbadens während hundert Jahren zu verfolgen. Das kann natürlich hier nur in einem Ueberblick geschehen, der die Jahre 1800,1850 und 1900, Anfangs-, Mittel- und Endjahr, gewissermaßen als Pole und Mittelpunkt annimmt. Wollten wir aus- führlich sein, dann möchten wir leicht ein bändig' Buch füllen.
Also versetzen wir uns an die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Revoluiionskriege waren beendet, der Frieden von Lüneville (9. Februar 1801), der Europa, wenigstens dem Kontinent, die Ruhe wieder geben sollte, stand vor der Thür, aber auch die Umgestaltung des tausendjährigen römisch-deutschen Reiches und damit wiederum die Beseitigung all des Wustes von Mittelalterlichkeit, der sich noch erhalten hatte.
hofft hatte, ohne daß diese Hoffnung erfüllt worden war. Auf der Karte können unsere Leser den Lauf der alten Stadtmauer, der durch einen dicken Strich bezeichnet ist, verfolgen und auch die fünf T h o r e erblicken. Am Nvnnenhofe stand das Alte Mainzer Thor, am Accisegebäude das Neuthor, am anderen Ende der Mauergasse das Untere Stadtthor, am Ritter in der Unterwebergasse das Sonnenberger Thor, auf dem Michelsberge das Stunipfe Thor, ein sechstes, das Heidenthor, lag am Aufstieg der Kirchhofsgaffe, vom alten Kirchhofe, innerhalb der Stadtmauer. Die Stadtmauer (heute als Begrenzungsmauer des „Adlerterrains" am Hirschgraben noch sichtbar) war mit Thürmen und Bastionen versehen; von den elfteren jedoch war nur noch der Stümpert (stumpfer Thurm) im Schulhofe der heutigen Höheren Mädchenschule am Schloßplatze vorhanden, als Bürgergefängniß dienend. Einige Thore hatten ebenfalls einen festen, thurmartigen, bedachten Aufbau und Wachthäuser nebenan. Dagegen waren die breiten Wassergräben vor den Mauern, Weiher genannt, wie auch die davor liegenden Däinme eingegangen; nur einer, der Wanne Weiher (in der oberen Wilhelmstraße, etwas südlich von der Mündung der Großen Burgstraße), der den Abfluß der warmen Quellen der Stadt aufnaym, und der dazu gehörige Warme Damm waren noch erhalten.
Die Straßen der Stadt erschienen eng und winkelig, außer-den (damals) verhältnißmäßig neuen, der Schul-, Weber-, Neu- und Saalgaffe; auch haben damals noch mehr Reuei (nielles, Sträßchen) bestanden. Freie Plätze waren der Marktplatz mit dem Marktbrunnen vorm (alten) Rathhause und der Kranzplatz, ersterer zum Theil. letzterer rings mit Bäumen be- Pflanzt.
