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1. Beilage mm Mesbaüener Tagklatt.

(Nachdruck verboten.)

Drei Theilhaber.

Roman von Zlret Karte.

Autorisiert.

„Mer", sagte sie eifrig ohne auf die beleidigende Rede zu achten, „ich hätte es an einein Ort verborgen, der nur nur allein bekannt war; in einer Schulanstalt hätte ich es als Verwandte besuchen können."

~ entgegnete er kurz, „um eines schönen

^rages Alles herauszuschwatzen und den Kohl fett zu inachen, wie die Weiber pflegen."

„In dem Fall", rief sie außer sich, „wäre ich mich bereit gewesen die Schande auf mich zu nehmen. Habe ich doch schon weit mehr ertragen!"

„Aber das wollte ich nicht", versetzte er rauh.

„Du bist ja sehr besorgt uni nieinen guten Ruf."

„Um den scheer' ich mich den Henker; nur an seinem ist mir gelegen. Kein Mensch soll ihn einen Bastard nennen, dafür werde ich schon sorgen!"

oru?'^' fr ^tzte grausame Schlag verstärkte noch ihren Abscheu; doch konnte sie nicht umhin, in seinem roden Gesicht ein gewisses Etwas zu lesen, das sie früher nie dann gesehen hatte. War es denn möglich, daß in den tiefsten Tiefen seiner gemeinen Natur noch etwas schlummerte, was er Ehrgefühl nannte? Eine krampf­hafte Erregung bemächtigte sich ihrer, welche jedoch schon bei seinen nächsten Worten eineni unbestimmten Angstgefühl Platz machte. „Nein", sagte er mit heiserer stimme, „es ist ihin schon reichlich genug Unrecht ge­schehen!"

„Was soll das heißen?" bat sie in flehendem Ton „Oder ist dies nur eine Lüge? Vor vier Jahren sagtest Du, ec hatte einen Unfall gehabt und nahmst das zuiri Vorwand, um ihn mir fern zu halten. Hast Du damals auch gelogen?"

Sein rauhes Wesen veränderte sich plötzlich und ward weicher; aber nicht etwa aus Mitgefühl für sie, sondern weil seine eigene Stimmung wechselte. „O, das war nichts', meinte er, eine helle Lache aufschlagend; „jedem Mschsn Jungen. >vie er einer ist, könnte so 'was passiren. Vavon brauchst Du nichts zu wissen: und was das Un­recht betrifft, das er erlitten hat, so ist das meine Ange­legenheit! — Also Du willst, ich soll Dir berichten, was ich mit ihcn gemacht habe, wer für ihn sorgt, und wo er ist? Das verlangst Du für Dein Geld — mir nicht zu­wider! Aber vor Allem sollst Du wissen — magst Du's glauben oder nicht — daß jeder rothe Heller, den Du mir heute gegeben hast, ihm zu Gute kommt. Hörst Du, merk' es Dir!"

Er sprach mit frecher Offenherzigkeit; zwar wußte sie, daß er sie häufig belogen hatte, aus Bosheit, aus Leichtsinn oder zum Spaß; aber Ausflüchte hatte er nie gemacht. Zudem verrieth ihr jetzt wieder jenes gewisse Etwas in seinem Wesen, daß er die Wahrheit sagte.

„Du weißt schon, daß ich ihn nach dem Kieferberg inltnahm", fuhr er fort und lehnte sich auf den Stuhl zurück. „Als ich Dich verließ, wollte ich ihn in keine Schule^ geben — für mich wußte er ganz genug. Nun kam ich aus der Gegend, wo Niemand Dich kannte, mehr

in die Nähe von Frisco, wo sich die Leute unserer vielleicht erinnerten, und da wollte ich nicht mit dem großenJungen herumreifen und sagen, daß ich sein Vater bin. So ver- abredete ich denn mit einem jungen Menschen hier, er sollte ihn für seinen kleinen Bruder ausgeben, ihn zu sich nehmen, Acht auf ihn haben und ihn verpflegen. Ein hohes Kostgeld habe ich ihm dafür bezahlt, versichere ich ^etzt ist er ein vornehmer Herr; er gehört zur feinsten Gesellschaft, und kein Mensch würde glauben, daß er von nein Kerl, wie ich einer bin, einmal für solche Schulmelsterei Geld genommen hat. Aber gethan hat ?wd sein Name ist Ban Loo. Bei der Gruben­gesellschaft war er angestellt."

n , "® an £oo!" rief die Frau mit einer Gebärde des Abscheus — „dieser Mensch!"

„Was hast Du an Ban Loo auszusetzen?" fragte er, sich an ihrem offenbaren Schrecken weidend. „Er spricht iranzösisch und spanisch, uiid Du solltest einmal hören, wie der Junge die Sprachen welschen kann, die er von ihm gelernt hat. Auch auf Manieren versteht er sich, und wie man sich fein anzieht, rmd der Junge macht Kratzfüße und hat eme Haltung, die sich sehen lassen kann. Van ^oo^war nicht gerade nach meinem Geschmack; auch ver­spür ich keine Sehnsucht nach ihm, aber für meine Zwecke tonnt ich ihn gerade brauchen."

„Und dieser Mensch weiß-" begann sie

schaudernd.

„Er weiß etwas von Steptoe und seinem Knaben, aber von Hornburg und Dir ahnt er nichts. Du brauchst gar keine Angst zu haben. Auch ist er der letzte Mensch, der wünschen würde, mich oder den Jungen wieder­zusehen; vor aller Welt würde er es leugnen, daß er uns kennt. Himniel, was für ein unverschämtes Gesicht würde er machen, wenn Eddy und ich eines schönen Tages bei ihm und seiner hochnäsigen Mutter und Schwester herein- spazirt kämen — ich seh' ihn ordentlich vor mir!" Er warf sich in den Stuhl zurück und brach wieder uud wieder m ein lautes, höhnisches Gelächter aus, das weit niehr Schadenfreude über den Verdruß Anderer verrieth als eigenes Vergnügen und Behagen. Oft hatte er auch so über sie gelacht.

. „Und wo ist er jetzt?" fragte sie, die Lippen zu- sammenpressend.

„In der Schule. Wo sage ich Dir nicht; Du weißt warum. Aber ich sorge für ihn, und er hat's verdammt gut, so wahr ich lebe!"

, Sie gewann ihre Fassung wieder, nahm eine gelassene Miene an und schaute zum Fenster hinaus in die an­brechende Dämmerung. Nach einer Pause sagte sie lang- fain und mit einem gewissen Nachdruck:

„Und seine Mutter? Erzählst Du ihm jemals von ihr? Fragt er zuweilen nach niir?"

„Was meinst Du wohl?" sagte er, sich behaglich im Stuhle dehnend. „Rathe einmal! Du kannst nicht he? So will ich Dir's sagen: Nein! Niemals! Hörst Du niemals. Er ist mein Freund und hält zu mir durch Dick und Dünn. Wenn Alle mich flohen, ist er mir nach­gelaufen und hat sich mit mir vor den Wächtern versteckt. Hand in Hand haben wir zusammen im Walde gelegen, während die Polizei mir auf den Fersen war; keinen Laut hat er von sich gegeben und die Zähne fest zusammen- gebissen; und doch hätte er bloß einmal zu schreien

brauchen, um auch als armes Opferlamm gestreichelt und bedauert zu werden, wie Du."

Die Frau kannte den Mann, der vor ihr saß, gut feiner boshaften Rohheit, die ihn trieb, mit ihrem Schmerz zu spielen, noch ein anderes Gefühl ?-L Eterscheiden, dessen sie ihn nie für fähig gehalten hatte -— eine große Zärtlichkeit für sein Kind, die ihn mit maßlosem stolz erfüllte. Aber ihr machte das nur einen um so hoffnungsloseren Eindruck, weil es auf kemem edleren Triebe beruhte, sondern auf dem rein sinn­lichen Instinkt der Vaterschaft. Schrecklich war ihr der Gedanke, daß die einzige p>-rucht jener wilden jugendlichen Leidenschaft, die sie einst dem Wüstling in die Arme ge­trieben hatte, m dieser Liebe bestand; denn während er svrach, kam es ihr mehr und mehr zum Bewußtsein, daß auch ihr Verlangen nach dem Knaben gar nichts anderes tvar als der angeborene Naturtrieb des Muttergefühls.

Schon im nächsten Augenblick war diese Anwand- limg verflogen und sie wieder ganz Weltdame geworden „Es ist mir etwas völlig Neues", sagte sie und drehte gelassen an ihren Fingerringen, „Dich in der Rolle eines liebenden Vaters zu sehen. Darf ich wohl fragen, seit ivann Du diese liebenswürdige Schwäche hast, und wie lange ste dauern wird?"

Bist weiblicher Schadenfreude bemerkte sie zu ihrer Ueberrasiyung, daß er dunkelroth im Gesicht wurde, bis in seinen schwarzen, ungepflegten Bart hinein. Schon Mlste sie. Alles sei nur Lüge gewesen; aber wie groß war ,lwe Verwunderung, als er verlegen zu stottern anfing:

letzten fünf Tahre ist es über mich gekommen — seit ver Zeit als ich mit ihm allein war." Nun hielt er inne, gustekte ein poormak, stellte sich bcmn breit dor sie bin und sagte mit großem Nachdruck: „Wie lange es bei mir dauern wird, willst Du wissen? — Na, Tu kennst doch Temen guten Freund Jiin Stach, den großen Milliouär und Börsenspekulanten, der den Geldmarkt in Kalifornien um die Ohren haut, daß man das Geheul bis New-Iork Hort — der nur zu niesen braucht, um die ganze Fonds­börse ins Wackeln zu bringen? Ich sage Dir, es wird dauern, bis der Mann zum Bettler wird; bis er sich ein paar Cents zum Frühstück borgen muß und zu Mittag eine Portion Rattengift speist, oder sich eine Kugel durch den Kopf wgt. Dauern wird es, bis sein alter Theilhaber Georg Barker, der Schwachkopf, sein Narrenglück ver­braucht hat und als Zeitungsschreiber ein elendes Dasein fristet, oder an fremder Leute Tisch herumschmarotzert, wahrend sein flatterhaftes Weib mit einem anderenMann durchgeht! Es wird nicht aufhören, bis der hochnäsige Demorest, der letzte der drei kleinen Goldgötzen vom Kieferberg, gleich mir im Staube liegt und fühlen muß wie mir zu Muthe gewesen ist, bis er wünscht, er wäre lieber zur Hölle gefahren, statt den großen Goldsund zu Zun! — So steht's mit mir; hörst Du wohl! In alle Welt will ich s schreien: so lange wird's dauern! Vielleicht kommt der Krach schon nächste Woche, vielleicht erst nächsten Monat, oder nächstes Jahr. Aber konimen wird er. Dann sollst Du's erleben, wie ich mit Eddy herein- tarizen werde; wir beide nehmen die besten Plätze in der ganzen Bude ein. Du kannst Dir's ansehen so lange Du willst — ohne Eintrittsgeld."

(Fortsetzung folgt.)

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