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Jahrgang.

iwei LlüsgrSeii. — Bezugs-PreiS: Als. uiMLiM, durch die bkerteMhrliH für beide rMki iuia«min.

Verlag: Langgasse 27.

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80^. Rcdektisns-Ferusprecher No. 52

IsmrtrL«-, derr 27. Dezember.

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Berlags-Ferusp>echer No. 2266.

1900.

Reichefinonfresorm.

L. Berlin, 23. Dezember.

Das Problem einer durchgreifenden Reichsfinanz­reform war, solange es den Reichssinanzen gut erging, yaturgeinst« ein wenig in den Hintergrund getreten. Was konnten, sich die Einzelstaaten Besseres wünschen als den eine Reihe von Jahren üblich gewordenen Zustand, daß dys Reich geringere Matrikularbeiträge beanspruchte und gar noch Ueberschüsse an die Einzelstaaten herarzszahlte! Damit ist es jetzt so _ ziemlich vorbei. Und Freiherr v^Thielmann, der es besonders aut wissen muß, hat in der Chinarommission des Reichstags wie nachher im Plenum das Seinige gethan, um auf die Sturmzeichen aufmerk- kie das gegenwärtige Finanzsystem des neichs bedrohen. Man wird nicht lange zu warten haben, bis die berufenen und die unberufenen Finanzweisen mit allerlei Reformvorschlägen sich melden werden. Sollte die begonnene Ebbe noch weiter znnehmen, so wäre zu­nächst selbstverständlich nichts Anderes zu thun, als daß die Matrikularbeiträge erhöht werden. Rein formal an­gesehen, kann es ja kein Staatswesen bequemer haben als das Deutsche Reich. Die Gliedstaaten müssen den Ge­lammtkörper erhalten. Aber die bloß mechanische Lösung der Rxichsfinanzfrage durch stärkere Heranziehung der Einzelstaaten kann höchstens ein kalkulatorisch bcanlagtes Gemüth befriedigen, und wenn es in irgend einer großen Frage der inneren Politik Einstimmigkeit giebt, so ist es in odr der Reichsfinanzreform. Freilich nützt diese theo­retische Uebereinstimmung wenig, da die Gegensätze so­fort hervortreten, sobald man an die schließlich doch ent­scheidende Unterfrage des Wie herantritt. Von einer Rejchserbschastsstener und einer Reichseinkommensteuer wollen die meisten Einzelstaaten nichts wissen, sie ver­steifen sich auf die Reichsverfassung, die dem Reiche zu­nächst nur das Gebiet der indirekten Stenern und Zölle zugewicsen hat, und sie erblicken in einer solchen ein­schneidenden Aenderung des heutigen Zustandes den An­fang vom Ende, die bisher stärkste Bedrohung der Selbst­ständigkeit der Einzelstaaten. Daß das Phantasiegebilde sind, ist für die gegenwärtige Sachlage nicht entscheidend. Gerade die Phantasieen können in der Politik die größte Macht gewinnen. Wie unbegründet die gehegten Be­fürchtungen sind, dafür hat man allerdings ein gutes Beispiel aus den, Gebiete der Eisenbahnpolitik vor sich. Der Gedanke an eine Reichseisenbahnhoheit erschreckt viele Gemüther in den Einzelstaaten gerade so wie der an direkte Reichsstenern. Nun darf man aber doch sagen, daß die Eisenbahngemeinschäften, die es zwischen Preußen und zahlreichen Einzelstaaten giebt, der Selbständigkeit oicfer Gliedstaaten wirklich nicht den geringsten Abbruch gejhan hamn, daß sie ihnen finanziell nur genützt Men. So sicher man erwarten kann, daß der Verlags ähnlich wäre, wenn die Reichsfinanzreform auf

den Weg direkter Reichssteuern geleitet würde, so hat man indessen für jetzt und wahrscheinlich noch lange Zeit mit dem unbesicglichen Widerstande der meisten Bundes­staaten zu rechnen. Somit droht wieder einmal die Ge- fahr, daß die „Reform" auf irgend ein Flickwerk von Er- hohung bestehender indirekter Steuern und Zölle oder auf die Neneinsührung indirekter Steuern hnrausläuft.

Reichskanzler und Agrarier.

Selten hat eine Ableugnung so wenig Eindruck ge- macht wie die, welche Graf Klinowström in einer zweiten Konigsderger Erklärung losließ. Es ist, als habe der Gras überhaupt Nicht zum zweiten Male gesprochen. Er mag sagen was er will, so kann er es nicht aus der Welt schaffen, daß er in seiner ersten, vielberufenen Rede die Verständigung mit dem Reichskanzler über Zoll erhöhiingen für Getreide als eine abgemachte Sache be­handelt hat und dabei wird cs denn wohl auch bleiben, selbst wenn es gewiß zutrifft, daß die Verständigung nicht m Paragraphensorm oder sonstwie gleichsam politisch­notariell stattgefunden hat. Es ist bezeichnend für die Sachlage, daß aus der Wilhelmstraße bisher keine Silbe über den ganzen merkivürdigen Zwischenfall in die Oefsentlichkeit gedrungen ist. Die Offiziösen haben strengen Schweigebefehl erhalten. Graf Klinckowström sodann hat begreiflicher Weise ebeiisowenig wie der Bund eni Interesse daran, die Welt zum Zeugen der wahrschein­lich nicht sanften Auseinandersetzungen zu machen, die dieser und jener jetzt miteinander gehabt haben werderr. Wie es scheint, ist Graf Klinckowström den Wangenheim und Genossen zu weit in seinem Entgegenkommen auch darin gegangen, daß er den Doppeltarif nicht so unbedinat forderte, wie es die Agrarier sonst thun. So hat man ihn denn mit hinreichendein Druck veranlaßt, hinterher feierlich zu erklären, daß auch er ani Doppeltarif sesthalte. Die Einzelheiten dieser Reibungen und Verständigungen innerhalb des agrarischen Lagers wie zwischen diesem und dem Reichskanzler werden gewiß liicht so dokuinentarisch sestznstellen und zu belegen sein wie es jüngst ein Berliner Blatt behauptet oder vielmehr versucht hat, aber man kann wiederholen: das Wichtigste sind für den Augen­blick nicht die Einzelheiten, die noch schwanken mögen, sondern die generelle Einigung selbst. Und daß diese er­folgt ist, steht wohl außer Zweifel. Es ist bezeichnend, daß die agrarische Presse seit Kurzem einen wesentlich freundlicheren Ton gegen den Grafen Bülow anschlägt. Man droht ihm nicht mehr mit so viel Vehemenz wie am auf cm cf, man entschuldigt sich ein wenig wegen der ge- legentlichen scherzhaften Aeußerungen einiger Agrarier über den neuen Reichskanzler, man erklärt zwar, ihn „pflichtgemäß" bekämpfen zu niüssen, falls der Land- wirthschaft nicht ihr Recht werde, aber die Stimmung rst mnso viel freundlicher als früher, daß sie beinahe schon an die Liebe und Zuneigung für Herrn v. Miguel heran­reicht.

Das Räthsel von Oldenburg.

. Ein Räthsel, wie es die Geschichte der Anwendung lvie der Auslegung der Reichsverfassung bisher noch nicht geboten hat, giebt die oldenburgische Regierung in dem schreiben an den Landtag aus, worin sie sich mit einer geringeren als der vorgeschlageiwn Erhöhung der Civil- liste einverstanden erklärt. Man weiß nicht, was es heißen soll, wenn iii diesem Schreiben gesagt wird, der Groß­herzog habe sich zur Ermäßigung in dem Bewußtsein verstanden, „oaß eine friedliche Lösung der Sache ohne Einmischung der deutschen Reichs - g e w a l t eine iieue Gewähr des guten Verhältnisses zu ihrem Volke bieteil wird, auf welches Seine Königliche Hoheit dei: größten Werth legen." Hiernach muß die oldenburgische Staatsregierung glauben, daß von Berlin aus auf den oldenburgischen Landtag unter Umständen emgewirkt werden könnte, und zwar so, daß die „Reichs- gewalt", also doch die verfassungsmäßigen Organe des Reichs, Kanzler und Bundesrath, eine Handhabe in der Verfassung selber fänden, um eineii sparsamen Landtag zi: größerer Bereitwilligkeit zu bestünmen. Vielleicht er­fahrt man noch, was sich das oldenburgische Staats- Ministerium bei der Sache gedacht hat. Bleibt diese Be­lehrung uns vorenthalten, so ist es schlechterdings un- mogllch, sich vorzustellen, wie das Reich sich in solche finanziellen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der Volksvertretung in einem Bundesstaate einzu­mischen verniöchte.

* *

* Berlin, 27. Dezember. Am 15. Dezember d. I. fand bekanntlich unter dem Vorsitz des Eisenbahnministers v. Thielen eine Besprechung darüber statt, welche Aende- ruugen an den I)-Zugwagen vorzunehmen seien, um den Reisenden im Nothsall ein Verlassen des Wagens zu erleichtern, ohne jedoch bei der gewöhnlichen Benutzung Unbequemlichkeiten oder Gefahren herbeizufühlen. Es war. wie die „Berliner Korrespondenz" berichtet, für die Besprechung ein reichhaltiges Programm ausgearbeitet worden, in dem auch die umfangreichen Vorschläge berücksichtigt waren, welche nach dem Offenbacher Eisenbahn-Unglück theils in der Presse kundgegeben, theils un­mittelbar dem Eisenbahn-Ministerium eingereicht worden sind. Die sehr eingehenden Erörterungen führten zu einer vollständigen Klarstellung und übereinstimmenden Anschauung über die wichtigsten Punkte. Es ist in Aussicht genommen, die als zweck­mäßig erkannten Aenderungen zunächst an einem v-Zugwagen ausführen zu lassen.

In preußischen Regierungskreisen ist man, wie ein parla­mentarischer Berichterstatter meldet, der Ansicht, daß der Zoll­tarif dem Reichstag noch in dieser Tagung übermittelt werden wird. Vorläufig liegt er im Reichsschatzamt, welches die end­gültigen Vorarbeiien noch nicht beendet hat.

Die am Samstag unter dem Vorsitz des Finanzministers v. Miguel abgehaltene Sitzung des Staatsministeriums dauerte volle 6 Stunden, von 2\' 2 bis 8V 2 Uhr. Außer den preußischen Ressortministern nahmen auch die Staatssekretäre Graf Posadowsky, Freiherr v. Thielmann, v. Tirpitz und Frei­herr v. Richthofen an der Sitzung Theil.

Feuilleton.

Weihnachls- und Ueirjahrsxeit in Paris.

•y. (Bon unserem Korrespondenten.)

Paris, Ende Dezember.

Blumen, Spielsachen und Süßigkeiten, diese drei Worte restimiren gewissermaßen das Pariser Leben während der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ja noch einige Tage über den 1. Januar hinaus. Das Christ­fest spielt bekanntlich hier nicht die Nolle wie in Deutsch­land, der erste Tag des neuen Jahres ist es, der vor Allem gefeiert wird, an dem die Untergebenen, vom Concierge und dienstbaren Geist bis zunr Straßenkehrer und Laternenanzünder ein Geldgeschenk als den ihnen schuldigen Tribut in Anspruch nehmen, die in Familien verkehrenden Junggesellen der Hausfrau kostbare Sträuße oder noch . kostbarere mit fondants oder marrons glacds gefüllte Bonbonnieren übersenden und die Kinder Spielsachen aller Art erhalten.

Jedes Jahr wächst diese Bewegung, obgleich gegen den Gebrauch genau wie gegen einen anderen, vielverlästerten und doch von fast Jedem treulich geübten, zu Neujahr seine Visitenkarte an die Bekannten zu schicken, in Wort und Schrift vielfach Front gemacht wird. Allerdings haben die Geschenke von ihrer eheinaligen Kostbarkeit gar manches eingebüßt. Diamanten und Kleinodien im Werthe von vielen 1000 Francs zu übersenden, wie dies unter den Königen bei den Glücklichen dieser Erde üblich war, daran denken selbst unsere Millionäre nicht mehr, ja noch unter dem Kaiserreich haben die Juweliere weit mehr Perlenkolliers und Diamantrivieren um diese Zeit verkauft als dies jetzt der Fa.ll ist. Aber der Konsum in kleineren Gegenständen oder vielmehr in weniger kost­spieligen, die zu Geschenken Verwendung finden, hat ganz Meutend zugenommen, da auch in den bescheidensten

Kreisen der Bevölkerung die Sitte sich verbreitet hat, sich zu Neujahr durch kleine Gaben zu erfreuen. Die Stadt gewinnt denn auch um diese Zeit ein ganz besonders fest­liches Aussehen, man sieht hauptsächlich geputzte Menschen, irgend einen oder auch wohl niehrere Gegenstände in der Hand tragend, die als Etrennes für kleine oder große Kinder bestimmt sind.

Selbstverständlich verändert, wie dies in Deutschland vor Weihnachten der Fall, zwischen diesem Fest und Neu­jahr bereits die Stadt ihre Physiognomie insofern, als die Ladenbesiher ihren Auslagen ein besonders schönes ver­lockendes Aussehen zu verleihen sich bemühen, um mög­lichst viele Käufer heranzuziehen. Eßwaaren und Spiel­zeug bilden die Hauptgegenstände, denen das Interesse sich zuwendet, doch bleiben, in den Arbeitervierteln wenigstens, auch Viele mit Entzücken vor den Schau­fenster stehen, in denen die Händler mit Heiligenbildern und sonstigen Kirchengegenständen Krippen aufgebaut haben. Vom künstlerischen Standpunkte betrachtet, lassen dieselben meist recht viel zu wünschen übrig, aber das rosige Jesuskind in seinem Weißen, spitzenbesetzten Hemd- chen,,die heiligen drei Könige in möglichst farbenprächtige Gewänder gekleidet, die weißen Lämmchen, Ochs und Eselchen verfehlen trotzdem die beabsichtigte Wirkung ans die Beschauer nicht.

Das erste sichtbare Zeichen, daß die Geschenkszeit herannaht, pflegt indeß die Foire de Noel zu sein, die

zum größten Mißvergnügen der dortigen Ladenbesitzer

auf den eleganten inneren Boulevards stattfindet, aber nichts weniger als elegant genannt werden kann. Kleine Hotzouden, in denen meist nur billige Maaren zum Ver- taus stehen, ziehen sich au beiden Seiten der Straße hin und der Markt erregt nur daruiii das Interesse auch anderer als der „kleinen Leute", weil das Spielzeug des Hahre^>, ie bibolot, dort zuerst ans Tageslicht zu treten pflegt. Dieses lübelot glänzt während einer Saison, mn dann vollständig zu verschwinden, was darauf

zurückzuführen, daß es aktuell ist. Deutschland, das ja in der Spielwaarenfabrikation in der Reihe der Staaten den ersten Rang einnimmt, sendet eine Unmenge von diesen Artikeln nach hier, das aktuelle Spielzeug jedoch ist Pariser Fabrikation.

Man kann aber nicht behaupten, daß das diesmalige sich durch besondere Originalität auszeichnet. Da ist zu- erst der „tapfere Bur" eine kleine ganz grau gekleidete Puppe mit langem Bart, den Filzhut ans dem Kopf, das Gewehr über der Schulter. Zieht man das Uhrwerk auf, so wendet sie sich nach links und nach rechts und legt das Gewehr an, das jedoch nicht losgeht. Dann haben wir den „aufständischen Chinesen", welcher in einer Hand einen großen Säbel, in der anderen eine „furchtbare" Lanze hält. Ein langer Zopf fällt im Rücken hinab, ein mächtiger Schnurrbart ziert das Gesicht, welches einen bitterbösen Ausdruck trägt. Ob die Kinder sich an diesem Spielzeug sehr erfreuen dürften? Auch der „rochard" erscheint kaum für sie geeignet, wird ihnen aber wahr­scheinlich großen Spaß machen. Den zerknüllten Hut ans dem Kopf, die Nase rothglünzcnd, ein vergnügtes Grinsen auf dem ganzen Gesicht, schlvingt er mit einer Hand die Flasche, während er in der anderen den Becher hält. Er geht rückwärts, führt bald das Glas, bald die Flasche an den Mund, wackelt mit dem Kopf, schwankt hin und her, kurz macht in der That einen recht vergnüglichen Eindruck.

Sehr viel Witz verrüth aber weder dieses Spielzeug noch all die anderen, die theils durch die nun verflossene Ausstellung, theils durch die Kriege in Afrika und Asien eingegeben, herausgebrachtworden sind. Früher soll in dem „jouet de la saison,, der Pariser Geist sich häufig doku- mentirt haben, aber der Esprit ist ja den Franzosen in diesem nüchternen Zeitalter ein wenig abhanden ge. kommen und tritt, lvenn es überhaupt bemerkbar wird, nur noch in einer Weise zu Tage, die für ein Kinder- gemüth nichts weniger als geeignet erscheint.

W. Waldau.