« 8 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. - Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. KS» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
AN, ZOG Adomrsrrten.
Llnzeigeu-PreiS r Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» Irr Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. - Reclamc« die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfa. für Auswärts 1 Mk.
Aapigeu-Anuahme LKWL.-8WL - e». » ^ , wt . t a „,,„ e „ |a ;
ito. 600. 62. Sie,war, dr» SS. Dezember. «******„.*«, lS»ä7
eti-Äusoalje
Megr» des Meihnachtsfestes er scheint
die nächste Ansgahe amDsntteestag AnchmMns
John Bulls Weihnnchtsliescheerung.
Unser Londoner «-Korrespondent schreibt:
„Aus absolut zuverlässiger Quelle haben wir die Nachricht empfangen, daß die in die Kaptolonie eingedrungenen Burenton,mandos daselbst durch zahlreiche Nebelten verstärkt wurden und der ganze Norden der Kapkolonie sich nun im Aufruhr befindet." So schreibt heute die „Daily Mail". Es liefen aber bereits seit mehreren Tagen Gerüchte um, denen gemäß die Situation in..Südafrika eine äußerst kritische sein sollte, doch gründeten sich dieselben lediglich auf Meldungen aus Brussel. Lord Kitchener stand zwar in regerem telegraphischen! Verkehr mit der Regierung denn je, aber diese hielt es für gerathen, so gut wie nichts über die Vorgänge m der Kapkolonie zu veröffentlichen. Sie ließ den neuen Oberstkommandirenden durch die Presse nur melden, daß zwei Vuren-„Banden" in die Kapkolonie eingedrungen seien, aber sehr bald nach Norden „zurück- gedrängt" werden dürften, da er Anstalten getroffen habe |ie 2"',umringen". Letztere Mittheilung war eigentlich ganz überflüssig, weil wir ja aus alter Erfahrung wissen daß das Umringen der Buren zu den täglichen Manövern des wunderbaren britischen Heeres in Südafrika gehört. Bne ernst die Situation indeß sein muß, geht zur Genüge aus der heutigen offiziellen Ankündigung hervor, daß nicht nur von England aus schleunigst weitere berittene Bsuppen nach dem Kriegsschauplatz gesandt werden sondern die Regierung auch einen telegraphischen Hulferuf an die Kolonieen richtete, die um niehr Frei- ^Elge gebeten werden. Ob sich solche in genügender Bohl auftreiben lassen werden, erscheint nach den Er- offnungen, die z. B. in Australien in der Presse von zuruckgekehrten Soldaten über die Vorgänge in Südafrika gemach: wurden, etwas fraglich. Es Ivird aber immerhin auf die Menge der noch vorhandenen erwerbslosen Abenteurer ankommen, die sich noch in den Kolonieen herunitreibt. Der „Standard" bemerkt dazu, der Schritt der Regierung würde natürlich von der Nation im Allgemeinen mit großer Befriedigung ausgenommen werden. In gewissen Kreisen dürfte man denselben vielleicht in pessimistischem Sinne auslegen, und andere, in deren Falle der Wunsch Vater des Gedankens ist, würden jedenfalls daraus schließen, der Widerstand der Buren erweist sich als unüberwindlicher denn je. Es handle sich indeß lediglich um Anpassung an veränderte Verhältnisse, denil es gälte nun die flüchtigen Guerillahorden mit Hülfe berittener Mannschaften zu fangen. — Förmlich rührend erscheint es, jenes konservative Blatt seinen Lesern auf solche Weise Muth einflüstern zu sehen, zumal es doch selbst nicht glaubt, was es sagt. Thatsache ist es, daß es sehr faul in Südafrika steht, und der Aufstand in der Kakolonie ist
! traurige Weihnachtsbescheerung für John Bull. An oem schließlichen Ende, in wie weiter Ferne dasselbe auch miiner liegen mag, kann das freilich nichts ändern, denn England, das mit feinem (Selbe ja immer neue Streit- rmfle zu beschaffen vermag, wird selbstredend nicht ruhen bis es seinen Zweck erreicht hat. Der „Standard" vergißt übrigens ganz und gar, daß die sogenannte Household- Kavallerle, die den Leib reg imentern der Königin ange- hort, bereits vor emigen Wochen nach Hause gesandt ^urde. Aus Briefen von Soldaten, die in einem kleinen Bheile der hiesigen Presse fortwährend zur Veröffent- lichung kommen, geht hervor, daß die Truppen in Süd- afnka, wie man zu sagen pflegt, vollständig auf dem Hunde sind. Es ist das schon des endlosen Hin- und Her- marschirens, in meist unwegsamen Gegenden wegen, sowie angesichts der ungenügenden Verpflegung und der mangelhaften sanitären Vorkehrungen nicht zu verwundern. Dabei soll es aber nicht wahr sein, wie der „Standard" behauptet, daß große Unzufriedenheit unter den Truppen herrscht. Die Regierung fand es aber nichtsdestoweniger räthlich, ihnen heute besondere Vergünstigungen und den Freiwilligen hohen Sold anzu- kunden.
Kvhlcn-Eiiilimiss-Gcnasscnlchiist.
Prometheus hat zwar den Göttern das Feuer gestohlen, aber der moderne Mensch muß dasselbe trotzdem mit einem hohen Preise bezahlen, wenn er nicht Grubenbesitzer oder wenigstens Kohlen-Großhändler ist. Es giebt allerdings Menschenfreunde, denen der Kohlenpreis noch nicht hoch genug ist und auch aus einigen Reden der Verhandlungen des Reichstags über die Kohlennoth zeigte dieser Gedanke sein häßliches Gesicht, aber außerhalb der Kreise der großen Kohlenverkäufer denkt man mit seltener Einmüthigkeit, daß des „grausamen Spiels" nun genug ist. Freilich kann man nach der zeitgemäßen Anschauung me genug verdienen, aber wenn, wie ein-Centrumsabgeordneter den Kohlenverkäufern im Reichstage vorrechnete, der Mehrgewinn an Kohlen im vorigen Jahr in Deutschland auch nur 768 Millionen Mark betrug, so können jene Herren zufrieden sein ohne gegen sich den Vorwurf zu großer Bescheidenheit erheben zu muffen. Ein Mehrgewinn von 768 Millionen Mark in einem ^ahr! — Welcher Geldstrom ist da in die Taschen verhältniß- maßig weniger Personen geflossen, von denen sich vielleicht kaum Einzelne der hohen socialen Verantwortung und der socialen Pflichten des Reichthums bewußt sind. Die Gewinne einzelner Gruben und Kohlenagenten sollen im vorigen Jahre märchenhaft gewesen sein. Man erzählt sich von einem täglichen Verdienst von a0- bis 75,000 Mk. Vielleicht ist das weit übertrieben aber im Volke wird in unserer Zeit des skrupellosen Gelderwerbs elbst das Ungeheuerliche geglaubt.
Die sociale Zufriedenheit wird natürlich wenig gefördert wenn es einzelnen geldmächtigen oder sonst einflußreichen Interest entengruppen gelingen kann, sich auf Kosten der Volkswohl- fahrt ungemessene wirthschaftliche Vortheile zuzufllhren. Schon aus diesem Grunde ist es nothwendig, einen Schutz gegen die Ausartungen der Ringbildungen, der Kartelle, Syndikate und ^rusts zu suchen. Bis heute steht der einfache Konsument den -Naßregelungen aller dieser Vereinigungen wehrlos gegenüber, mögen sie noch so einschneidend auf seine Lebenshaltung wirken. Auch die Reichstagsverhandlungcn gegen die Kohlennoth sind in dieser Hinsicht ergebnißlos verlaufen. Die Mehrheit war zwar
Feuilleton.
Verschiedene Weihnachten.
Momentbilder von Heinz Waldburg.
Es ist Weihnachtsheiligabend. Von den Thürmcn läuten die Glocken, und durch die hohen Kirchenfenster strahlt der Glanz der heiligen Weihnacht. Leise erstirbt das letzte Geräusch des Tagestreibens, und auf die still und stiller werdenden Straßen fällt das Lichtmeer von tausend und aber tausend Weihnachtskerzen. Zu den mit zierlichem Schmuckwerk behangencn Tannenzweigen lachen fröhliche Gesichter auf; beim Anblick des strahlenden Christbaumes legen sich die Hände zu treuem, zärtlichen Druck ineinander, Augen und Lippen, die sich lange gemieden, finden sich wieder, das Fest der Liebe und des Friedens, das Fest an dem das Geben seliger ist als das Nehmen, breitet seine goldenen Schwingen über die Welt.
Auch droben im vierten Stock eines großen Miethshauses, im schlichten, sauberen Stübchen herrscht sonniges, wonniges Glück. Der erste Christbanm in der jungen Ehe und darunter das erste Kind. Zappelnd streckt es die Händchen nach dem schimmernden Lichtglanz aus, lallend bewegen sich die kleinen Lippen, und aus den hellen Augen jubelt eine ganze Welt zukünftiger Weihnachtsseligkeit. Stumm, überwältigt sinken die jungen Eltern einander in die Arme. Sie glauben in dieser Stunde an die Unwandelbarkeit des Glücks.
Aber in einem vornehmen Hause im stillen Villenviertel der Großstadt ist es dunkel geblieben. Eine alte Frau liest lange Stunden mit geschlossenen Augen im Buche der Vergangenheit; sie liest von Weihnachtsfesten, da sie nicht einsam gewesen, wie heut'. Von allen, denen ihre Hände einst reiche Gaben hin- gcreicht, ist ihr nur einer geblieben, ein heißgeliebter Sohn, und
der Ueoerzeugung. daß die hohen Kohlenpreise sehr wesentlich auf das Vorgehen des rheinisch-westfälischen Kohlensyndikats und anderen Organisationen der Kohleuverkäufer zurückzusllhren seien, aber ein gangbarer gesetzlicher Weg, Ausschreitungen derartiger Ringbudungen zu verhindern, wurde nicht gefunden. Man wa^ als man vom Rathhause kam, genau so klug wie Man darf daher auf die Erfolge des von Freiherrn von Heyl im Reichstage gestellten Antrages, der die Syndikate ec. unter staatliche Aufsicht stellen will, gespannt sein. Zuviel wird man sich von der Staatsaufsicht nicht versprechen dürfen, denn es wird allen derartigen Vereinigungen nicht sehr schwer werden, auch spater und unter allen Umständen eine Form zu finden essen nmöglicht rücksichtslose Verfolgung ihrer Jnter-
Unter diesen Umständen liegt der Gedanke nahe, daß die gegen die großen Ringbildungen mit deren eigenen Waffen Widerstand zu leisten suchen; daß sie sich zu kräftigen -^rgani>alioueii zusammenschließen, zu starken Einkaufsgenoffen- schaften mit gewichtigem Einfluß. Es muß überraschen, daß bei der blühenden Entwickelung unseres Genossenschaftswesens der genossenschaftliche Gedanke in Beziehung auf den Kohlen- b-ffher so geringe Bedeutung hatte. Im Gefühl der Hilflosigkeit des Staates gegen den Kohlenwucher hat der preußische Minister für Handel und Gewerbe in der Reichstag- sttzung vom 3. Dezember zur Gründung von Kohlen-Einkauss- Genossenicha steil selbst aufgefordert. „Ich bin der Meinung," sagte Herr Brefeld. „daß es erwünscht ist. soweit wie möglich die Kohlen unmittelbar in die Hände der Verbraucher zu bringen Zu diesem Zweck Genosseuschaften zu bilden. Ich halte eine verständige Organisation, sowohl der Käufer, wie auch der Verkäufer, in hohem Grade für wünschenswerth, um zu einer richtigen Preisentwickelung zu kommen. Die Organisation der Verkäufer haben wir in den Syndikaten." — Die Roth der Zeit hat in verschiedenen Jndustriebezirken, besonders in den Kreisen der vaürikanten den genossenschaftlichen Kohlenbezug angeregt. E- sirn verschiedene kapitalkräftige Vereinigungen zu diesem Zweck gegründet. Dieselben wollen zunächst bei den Kohlengruben ihren Einfluß geltend zu machen suchen, dann aber auch namentlich auf die Ermäßigung der Vahntarife für Kohlen emwirken, um diese mehr aus dem Auslande heranzuziehen, und schließlich wollen sie selbst Kohlengruben erwerbe», um sich von fremden Werken möglichst unabhängig zu machen. Man will also, wie das auch dem Handelsminister Brefeld als wunschen-werth erscheint, den Zwischenhändler möglichst aus- scheiden. Das ist verständlich, wenn man sich daran erinnert daß viele Kohlen-Großhändler mit ihrem Verfiigungsrecht über u.^/?"8reiche Vorräthe und über einen erheblichen Theil der täglichen Kohlenförderung, auch der Industrie gegenüber, groben Mißbrauch getrieben haben.
6.' r Ö .°i ben Industriellen seit länger als einem Jahre in Ziehung gemachten Erfahrungen werden voraussichtlich nachhaltig genug wirken, selbst bei einer Besserung der Verhältnisse des Kohlrnbezugs, den genossenschaftlichen Gedanken welter Zu fordern, um auf alle Fälle die Wiederkehr einer Dik-- tatur der großen Kohlenverkäufer zu vermeiden. Das muß auch zum Wohl des kleinen Mannes verhindert werden der vielfach den erhöhten Kohlenpreis sich geradezu an der ohnehin oft bemessenen Nahrung abdarben muß. In unserem Klima Hvhlen^frage, ganz abgesehen von ihrem Einfluß auf die Industrie, ohne Zweifel eine wichtige Frage der Volkswohlfahrt die keineswegs dem stark entwickelten Erwerbstriebe Einzelner ausgeliefert werden darf. Wenn ein ausreichender staatlicher (§cyuß gegen diesen Trieö aus mehrfachen Gründen fchwer mög-
auch diesen muß sie vielleicht heute, am Weihnachtsabend, schon b^°u-rm In das ferne Ostasien, nach China, ist er auf des .raiftrs Auf hinausgezogen, und unentzündet bleiben die Kerzen an der mächtigen Weihnachtstanne. Da plötzlich ein scharfer, ungeduldiger Zug an der Klingel, die Thür wird stürmisch auf- der einsamen Frau liegt der Heiß- jehnte, Vielbewemte, und die rasch entzündeten Wcihnachts- ichter beschemen ein wettergebräuntes, glückliches Angesicht und eine Ee 0 >rau, an der das Beste jung geblieben — die Liebe.
Und dort hinter ^ dem trüben Fenster einer Dachkammer brennt ein einsames Lichtlein ans dem roh gefügten Tische, uni den in stummer Verzweiflung eine zahlreiche Familie fitzt. Die "™ b ?. r r , nur einen Gedanken: Hunger! Das Weib aber, das bleiche abgehärmte, vergißt auch diesen zähen Quälgeist bei dem Gedanken an den heißgeliebten Mann, der die Weihnacht hinter den vergitterten Fenstern des Strafgefängnisses verbringt, weil ihn die Noth zum Dieb gemacht. Unten aber trippelt ein -rrupp armer Kinder die Straße entlang. Das größte unter ihnen tragt stolz einen kleinen Weihnachtsbaum voran. Sie kommen von guten Leuten, die sie mit hübschen und nützlichen Gaben reich beschenkt. Gewiß, die Kinder waren sich alle der Gute bewußt, sie waren erfreut und dankbar, aber der rechte Jubel, den im fremden Hause die Scheu gedämpft, er komnit doch erst, wenn Mutter das Bäumchen daheim auf dem eigenen -c.isch neu entzündet und die mitgebrachteii Gaben noch einmal darunter legt. Da sind sie schon die vier steilen Treppen hinaufgeklettert, und ganz oben, hart unter dem Dach des Nauses fluchtet es fröhlich auf, und singende Kinderstimmen tönen durch den stillen Abend. '
n . * », *
ey n ri* stehen und spiegeln steh gegenseitig in ihren
Fensterscheiben an der hellerleuchtetcn Weltstadtstraße. In der Bel-Etage des einen giebt der reiche, junge, aller Familicnbcindc ledige Lebemann ein Weihnachtssouper für Freunde und
Kollegen, und die Scherze und Champagnerpfropfen fliegen leicht und. spielend im Schein der elektrischen Lampen! Aber hauptsächlich wenden sich die Blicke einem jungen Weibe von bezaubernder Schönheit zu. Sie ist die Primadonna der in . . Stadt gasürenden Cirkusgesellschaft und hat gemeinsam mir einigen ihrer Kameraden voruriheilssrei die Einladung zu dem flohen Weihnachtsfest der jungen Herren angenommen. Und der Freudencngel wandert zweifellos durch ihren Kreis, wenn auch mit etwas zögernden Schwingen und mit von' Wein Nikotin und scharfen Parfüms schwankendem Fuß.
. Der andere Palast ist ein Hauptquartier des Schmerzes, ein Heim der Trauer und des Leidens: ein Krankenhaus. Hier feiert der Tod sein Fest mit Menschenkindern und Martern als Gasten, und wenn der Weihnachtsengel mit der Erinnerung daran, daß heute Abend Weihnachten ist, dort hineinzuguckelt sucht, dann neigt er sein Haupt bei den Seufzern und senkt die Schwingen vor den Thränen, und Karboldämpfe verhüllen ihn. Auch hier richten sich Aller Blicke von Bett zu Bett auf ein junges Weib. Sie ist die barmherzige Schwester in diesem Heim der Klagen, und Weihnachten ist für sie wie jeder andere Tag. Wenn sie nicht so oft Weihnachtslichter anzünden sieht steht sie umso öfter ein Lebenslicht erlöschen. Gerade jetzt flackert eins mit rauchendem Docht in der letzten ersterbenden Flamme auf, und während ein frohes, frivoles Lied durch dir wegen der Erhitzung geöffneten Fenster des gegenüberliegenden Palastes, wo schone Augen funkeli, und rothe Lippen lachen, hinaustont, fällt Schwester Martha neben dem Bett des Sterbenden auf die Kniee und betet: „Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir seinen Frieden!"
* * *
„Achtung!" Die in der Kaserne um den langen Tisch sitzenden Soldaten springen auf, denn die Mutter der Compagnie ist in die Stube getreten. Aber der gestrenge Feldwebel kommt
