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L

«8. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag L» Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. «« Pfg. uiertcljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

Anzeigen-PrciS r Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» Pfg-, für auswärtige Anzeigen 25 Pfg - Sieclamcit die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg für Auswärts 1 Mk.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Abendausgabe«

otttitg» hgtt 24. Dezember.

Verlags-Fcrnsp ccher No. 2266.

$üv öcrs 1. gmavfctC 1901

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

und sociale Kämpfe ZU dem „Friede auf Erden" in scharfem Gegensatz stehen, und wir brauchen nur um uns zu I licken, um mancherlei Erscheinungen wahrzunehmen mögen"^ "Wvhlgefallen" nicht zu empfinden ver-

19V0.

zu aboiinire», findet sich Gelegenheit i»i Verlag Langgasse 27 , bei den Alisgabestelle», den Zweig-Lxpeditionen in den Nachbar- orten und säinmtlichen deutschen Reichspostanstalten.

Weihnachten.

»Und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl­gefallen!" So heißt es in der Verheißung, die von der Kanzel verlesen wird, so lange das Weihnachtsfest gefeiert wird, das heißt seit neunzehn Jahrhunderten. Aber wie wlten haß^oenn diese Verheißung verkündigt wurde, in * m- e ™ ° nebe "uf Erden geherrscht, auch nur unter £, e . n ■-vf ern ' bie ^ ZU diesem Evangelium bekennen! Vielleicht mag es gar manch Einen ankommen, das ver­heißungsvolle Wort „lind Friede auf Erden" zu ver- Erdm!" gleichklingenden Seufzer „Unfriede auf

. V» der Thal, wem will maii es verdenken, wenn er nnßmuthig fragt, wo denn der Friede auf Erden herrsche, "nd worüber in der Welt er ein sonderliches Wohlgefallen ^lle. Im Lande der Mitte haben sich fana tische Volksmassen in mörderischem Kampf gegen die An- gehörigen der fremden Nationen erhoben, die ihnen in allerdings iiicht immer uneigemiütziger Gestalt die Seg­nungen jener Kultur brachten, gegen welche das Land sich mit einer chinesischen Mauer abgeschlossen hatte. Und die vereinigten Machte, welche es sich zum Ziel gesetzt haben, zene Erhebung zu dampfen uudSühne für die begangenen Verbrechen wider die Menschlichkeit zu fordern, sind von ber Erkenntnitz der gemeinsam kulturellen und Humani­tären Pflichten so weit entfernt, daß sie, in kleinlichen Eifersüchteleien ihre Kräfte auszehrend, der gesitteten Welt em wenig erbariliches Schauspiel bieten.

Und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl­gefallen vermissen wir im fernen Südafrika, ivo die Sohne eines freien, friedliebenden Volkes auf blutae- lraukten Schlachtfeldern ihr Leben lassen müssen und wo dieses Volk, das nie den berechtigten Interessen Anderer zu nahe getreten war, trotz heldenmüthiger Gegenivehr kämpfend zu erliegen droht der ungeheuren Uebermacht des mächtigen Albion, welches sich die christlichste aller Ewnen Zu nennen pflegt, und die doch, den Geboten des Ehristenthums und der Moral zuwider, in frevel-

ausgestreckt ha^ ^ anber0ier b * e Hand nach fremdem Gut

Und wir brauchen nicht einmal in diese weite Ferne , rü m Erfüllung jener Verheißung zu ver-

mlssen, welche Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen verkündet. Auch innerhalb unseres Volkes

fi?MV Uen V rfmtnd) ' /ich '"it diesen Erscheinungen zu beschäftigen, aber man heilt die Schädeii der Zeit iiicht indem man ste verdeckt, sondern indem man sie bloßlegt'

Hat uns doch der Prozeß Sternberg in Berlin ein dusteres und abschreckendes Bild socialer Mißstände und verbrecherischer Leidenschaften entrollt. Hat uns doch die Rolle, welche das gleißende Gold in diesem Prozeß ge­spielt hat, nnt Entsetzen erfüllen müssen. Und haben wir es doch erleben müssen, daß die Korruption auch vor den .-huren Mer Behörden nicht Halt gemacht hat, der die sorge für die öffentliche Ordnung und Sicherheit an- vcrtraut worden ist. Hat uns doch ferner der Krach der Spielhagen-Banken gezeigt, wie Treu und Glauben von Männern, die bis dahin eine hervorragende Rolle qesvielt batten, imt Fußen getreten wurden, und wie diese Männer 4-ahre hindurch Millioiien erschwindelten und ^schwendeten, um die sie Tausende und Abertausende

Vas sind unerfreuliche Zustände und deiinoch müssen wir davor warnen, die Dinge um uns herum, unsere Zeit überhaupt m einem allzu Pessimistischen Lichte zu be- ti achten. Die vielen trüben Züge, welche unsere Zeit

aufwe-st sind nicht in Abrede zu stellen, aber die Gescheite lehrt uns, daß zede Zeit solche unerfreulichen Züge aus- gewiesen hat, und daß jede Zeit von den Mitlebenden zu­meist für bie schlechteste aller Zeiten gehalten worden ist Unsere Zeit ist die einzige, die ivir aus Persönlicher An- Ichauung kennen, alle übrigen haben wir nur aus Büchern kennen gelernt. Darum stehen die Leiden unserer Zeit uns besonders lebhaft vor Augen, während aus der Ver- gangenheit iiur einzelne Züge sich dem Gedächtniß ein- gepragt haben. Die Weisen hvben es stets gewiißt, „daß die Menschen sich gequält, daß hier und da ein Glücklicher gewesen."

Und wenn wir mit vorurtheilsfreiem Auge rückwärts uns doch die tröstliche Gewißheit, daß der Schritt der Zeit vorwärts gerichtet ist. Das tritt uns ani heutigen Vage besonders lebhaft vor unseres Geistes .lugen, wo wir des Tages gedenken, da der bedrückten, äußerlich und innerlich unfreien Menschheit eine neue ^.ehre verkündet ivurde, jene Lehre der allumfassenden Liebe, der Versöhnung und des Friedens.' Und wenn heute noch nicht erfüllt ist, was Christus vor neunzehn Jahrhunderten lehrte, daß alle Menschen gleich und in gteidrier Weise dazu bestimmt sind, in Eintracht an der -Vervollkommnung ihrer Daseinsbedingungen zu arbeiten, der Weg, den die Menschheit in dieser Zeit gewaiidelt ist, zeigt uns doch, daß die Richtuiig des Weges dem Fort- ^'Ä--bugewendet ist. So soll uns gerade das Weih- nachtssest mahnen,. in den Kämpfen und Leiden der Gegenwart nicht zu verzageii, sondern voll unsere Pflicht

zu thun, ^eder an feinem Platze, sei dieser auch noch so befcheideN; Tann wird zwar unserer rauhen Zeit noch mcht »Fnede aus Erden", aber vielleicht doch oft genug „den Menschen ein Wohlgefallen" beschieden sein. 9 3

Deutsches Deich.

, * und Personal-Nachrichten. Der Kaiser

" bie «, 8 üK

unb überreichte ihm persönlich den Schwarzen Adler-Orden.

^erlm, 24. Dezember. Wie die „Norddeutsche Allaen, Zeitung mittheilt, besteht in den betheiligten Nefforts die bc- stimmte Abficht den Gesetzentwurf über die künstlichen 1° K't'g vorzulegen, daß die Vorlage noch in dieser Session des Reichztags verabschiedet werden kann.

, r* ^ r ^ ® a ter melden, haben in letzter Zeit wieder- holt polizeiliche Ha u s s u ch u n g e n bei Studenten polnischer Nationalität in Berlin und Charlottenburg stattgefunden. Die ^erufung des Polizeiraths Zacher aus Posen, dem die Ueber- wachung der polnisch-nationalen und polnisch-socialen Bewequna anvertraut ist, nach Berlin soll mit den Ereignissen der Haus­suchung zusammenhängen. ^

--- Vom Bund der Landwirthe. Wie die „National- Zeitung aus Königsberg meldet, warnte in der am Frei- tag stattgefundenen Versammlung des Bundes der Landwirtbe der Bundesvorsitzend-, v. Wangenheim, im Gegensatz zum Gra- ftn Klinkowstrom davor, allzu große Erwartungen zu hegen. 71 / srof l" 3 Regierung sei noch ungewiß. Ein Zoll von ® H3en ] el .. bte Mindestforderung der Landwirth- schaft Graf Kl nkowstrom ließ eine Erklärung verlesen, in der J 6 ' selbstverständlich, daß er keinerlei Abmachung mit dem Reichskanzler getroffen habe. Wenn er von einer Einig­keit mit dem Grafen Bulow gesprochen habe, so handle es sich nur um Uebereinstimmungen der wirthschaftspolitischen G-7 sammtrichtung. Nach seiner Ansicht, müsse an der Forderuna des Staffeltarifs unbedingt festgehalten werden.

Feuilleton.

Zum Tode Blnmcnthnls.

. , V.Älumenihal. der, wie gemeldet, in

der Nacht von Freitag am -samstag in Oncllciidorf bei Cöthen gestorben ist, war 1810 zu Schwedt a. d. Oder geboren trat 1827 jetzige Garde-FLsilier-Regiment ein'und wurde 1849 als Hauptmann in den Gencralstab der Armee versetzt Nacb dem er als Oberst mehre,e Jahre das 71. Infanterie-Regiment be- feliligt, wurde er 1863 zum Chef desGeiieralstnbes des kombinirten mobilen Armeecorps gegen Dänemark ernannt und »ahm als solcher emcn hervorragenden Antheil an der Erstürmung der Düppeler schanze!,. 1861 zum Generalmajor befördert, wurde er 1866 Chef des Gcneralstabs der zweiten Armee unter dem preußischen Kron­prinzen und zeichnete sich hierbei insbesondere in der Schlacht von Kouiggratz aus. 1870 bis 1871 war er wieder Chef des General- tabcs bei der Armee des Kronprinzen und hatte an dessen Erfolgen einen entichc-denden Antheil. Nach de», Frieden wurde v. Bl,in,enthal ko,nma»d,re„der General des 4. Armeecorps und 1888 von Kai er Friedrich zum Generalfeldmarschall ernannt. 1892 erfolgte feine Er nemiung zum Inspekteur der 3. Armee-Inspektion, die er bis 1898 inne Es wUte chm noch vergönnt sein, am 30. Juli 1897 da« siebzig- lahrige Militardlenstfubitäu», p feiern. Reiche Ehrungen wurden

Grchart Sanptmanns neues Drama.

(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)

^ .»Michael Kramer" heißt Hauptmanns neues Bühnen-

Tl m ^ fe[nb - e !" beschick am Freilag Abend über

erte?M daK £t,eater§ " ging. Nach dem

elften Akt das übliche Abmarien, nach dem zweiten ein aan;

E'd??Ltll rV? dAiten Tvdtensiill!" S

bem @ b tutnf “ Ergriffenheit, sondern die Stille vor

bei l^ e |f cnbc Sturm glücklicher Weise nicht an Akt Mi? Kinen Zur Leidenschaftsentfesselung gab der vierte iS, Zp. f 1 Impften dunklen Tönen keinen Anlaß, auch «?!. Tl bc “ f uIIp “ ntt gesunkene Interesse konnte er be f C ' 1, ^ 0cöfte - was er dem Dichter noch bringen konnte, war ein höflich-bereiter Achtungserfolg.

r-? 1 ben hippokratischen Zug. Zwei ^ nge find ,hm gefährlich geworden und beides scheint vom D.chllr bewußt eigensinnig beabsichtigt zu sein. ^

6 mS TZ ^ et H""p""ann immer, auch in Stücken, wie uud Jan", trotzdem sie aus den Fugen geraihen

thum des ^Details b ^'^^Ee. das war der blühende Reich- niam,'s»«-nu hör Charakteristik. Solch Haupi-

Kun crbui te was mannigfaltigen Zügen; alles

saftigen v lll-biaen^gr T Köpft» spiegelt, fand

all ihrem Drum ^»nd ^"^ b "'rk- Jede Situation war mit tobt unb unh L? ,?i an "Usgemalt. Kein Winkel blieb

ml SUtSi ÄS,“ '“fr”'». '°

malerd 1 unb üL~m hk ^richten. Vorwürfe über Klein- b!rdroffen bab . T Weltanschauung mögen ihn

ff n haben — die farbenspielende Palette an den

Mastel gehängt. I,,, „Kramer" charakterisirt er seine Menschen nur noch mit sparsanien, schmal rednzirten Zügen.

.^uker Michael Kramer ist der wahrhaftigkeitsfanatilche Knnfller, dem Genie Fleiß ist, und der in seinem Sohn die Vollendung seines eigenen uiwollkommeneil Schaffens ersehnt. Das ist eine abstrakte, aber keine plastisch konkreie Charakleristik.

^ Und der Sohn Arnold, der Hoffnungssproß des Alten, 'st ein Entarteter. Verwachsen, mißgestaltet, durch sein körperliches Elend verbittert, hämisch und boshaft geworden, von lastender träger Unlust besessen. Auch das ist, trotz des sehr konkreten Buckels, nur eine begriffliche Charakleristik ans der allgemeinen Joce heraus, dab körpe^tiche Entstellung Bosheit erzellgen kann und falsche Behandliuig Verstockiheit. Etwas individuelles hat dieser verkrüppelte Misanthrop nicht. Wir erhalten auch keinen Einblick, wie diese Natur sich entwickelte, wie sie so geworden ist; wie der Vater, der doch den Erben so sehr erhoffte, ihm fremd geworden und wie diese ganze mit Verbitterung geladene Atmosphäre sich zn- sammengcballt hat.

Hauplmann zeigt uns drei Akte lang nur äußeres Leben m blassen Umrissen. Wir fühlen uns dabei als sehr ferne Zuschauer fremder Menschen, die uns nicht viel aiigchen. Wir nehmen Theil an der Scene zwischen Vater und Sohn, als der Alle versucht, die verbitlerle. verstockte Verschlossen­heit des Jungen zu erschließen, sich den Verlorenen zurück- zugewiiiiicii. Es ist aber mehr eine allgemcin menschliche The, nähme an dem Gefühlsvorgang au sich, als au diesen Menschen speziell.

Dies Aeußerlichc erreicht den Höhepunkt neutraler Gleich- lllMlgkeit m dem unseligen dritten Akt. Hier müssen sich zwei Menschen in einer Kneipe mühsam und schleppend iluterhalte», und wir müssen ihnen zuhören, damit im Neben­zimmer Arnold sein Schicksal erfüllen kann. Der Bucklige, der durch seine närrische Leidenschaft für die banale Schenk-

mamsellschönheii der Wirthslochter und durch seine groteske Eifersucht die komische Figur des Lokals geworden ist be- von den Witzbolden des Stainmtisches gehänselt und bis aufs Blut gereizt, seine Quälgeister mit einem Revolver und stürzt wirr und nmiiachtek hinaus.

Wir haben diesen Menschen niemals allein mil sich ge- sehen. uni> wir sehen ihn auch nicht mehr. Denn im vierten Akt liegt er, ein todter Mann, in des Alten Studio auf­gebahrt. 1

Dieser Akt enthüllt uns Hauptmanns dichterische Absicht Er ist eine Hymne ans den Tod. Das Leben trennt der ^.od vereinigt. Das Leben mit seinen Banalitäten und kleinlich engen Sorgen macht gewöhnlich, der Tod stimmt groß und frei. Dieser Todte, der sein Leben freiwillig von sich warf, war, als er noch wandelte, vom Fluch der Lächer­lichkeit gezeichnet. Run, da er in emigein Frieden ruht ist Hoheit um ihn gebreitet und in seinem ?lnschauen steigert sich die ,m Alltag verkümmerte erdrückte Seele Michael Kramers zu hoher Weihestimmung.

Die Tvdeschrik ist voll und tief. Daß aber Hauptmann geglaubt hat, sie würde wirksamer dadurch genossen, daß er uns vorher in möglichster Zufälligkeit gleichgiltige Alltags- auSfchnitte zeigt, ift jene zweite Eigensinnigkeit. Sein Plan war, uns gemeinsam mit dem alten Kramer durchs^ un­durchdringliche Dunkel des Lebens bis zu jenem Sarg tappen zii lassen, der durch den Tod die Lebenserkeiintniß^ brinat Das ist eine pedantisch realistische Theorie. Hauplmann vergaß' daß man, auf dürren Wegen einem unbekannten, nicht ein­mal geahnten Ziele zugeführt, wegunlustig wird und zudem auch noch die Aufnahmefähigkeit für das, was dieses Ziel uns geben kann, verliert. So kam es. daß die dunklen Rcollaccorde der Elegie des vierten Aktes, die allerdings auch durch die allzu betonte Monotonie Max Reinhards beein- trachligt wurden, nicht den Wiederhall fanden, die sic per- d'enle». 8p8ktator.

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