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I. Beilage Mm Wiestmüener Tllgblntt.

(18. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Drei Therlhalrer.

Roman von Alret Karte Autorisiert.

Endlich hatte er sein Hotel erreicht. Es war die neueste Schöpfung einer fieberhaften Bcmthätigkcit, welche in fünf Jahren ganze Stadttheile mit großen Prachtgebäuden bedeckt hatte, von denen eins immer riesenhafter und glänzender ausgesiattet war, als das andere, und die zu den städtischen Bedürfnissen in gar reinem Verhältnis; standen. Barker erkannte darin einen Beweis für den festen Glmiben, den man in die Zukunft der kalifornischen Hauptstadt setzte, welcher sich ihm sonst nirgends kundgethan hatte. Als er in die mit Fresken geschmückte Vorhalle des Hotels trat, erinnerte sie ihn unwillkürlich durch ihren Prunk und Reichthum an das Bankhaus, von dem er eben herkam, obgleich er nicht wußte, daß die Bank in der Lhat sowohl das Kapital als dw ursprünglichen Entwürfe für den überladenen Pracht­bau geliefert hatte^ Die goldgeschinückten Schenkstuben nirt den blitzenden Spiegeln, die mit türkischen Teppichen belegten Salons, die reichen Divans und vergoldeten Trsche, der ungeheuere Speisesaal mit den Porphyriäulen und den allegorischen Darstellungen an Decke' und Wänden — das Alles hatte sein jugendliches Staunen erregt, ohne ihn jedoch in seinem richtigen Gefühl für geschmackvolle Einfachheit zu beirren. Jetzt verstand er auch, was es zu bedeuten hatte: es war das in Umlauf gesetzte Gold des Bankhauses, selbst das Klappern der Schusseln im Speisezimmer klang ihm wie Geldgeklimper tn den Ohren.

Ilm schneller zu seinen Gemächern zu kommen, durch­schritt er eins der kleineren Gastzimmer, das man ge­meinhin als „Salon zum Courschneiden" bezeichnet. Dort faßen meist in den Fensternischen, auf Stühlen und Ruhesesieln, acht bis zehn Paare, welche von den schweren Vorhängen halb verhüllt wurden. Es waren jedoch nicht etwa unverheirathete junge Leute beiderlei Geschlechts, die sich hier zusarnmenfanden, sondern meistens Fraiien, die in dem Hotel wohnten und den Besuch von Ehe- mannern empfingen, deren Galtinnen sich vielleicht auf ;£ et J en befanden. Daß die Frauen meist die gesuchtesten Toiletten,, die Männer dagegen ihren Alltagsanzug trugen, ließ auf einen formloseren Verkehr und un­gewöhnliche gesellschaftliche Verhältnisse schließen. Barker hatte nie auf das müßige Geschwätz geachtet, das über die Angelegenheiten dieser Leute im Schwange war; die angeborene Achtung vor den Geheimnissen Anderer, ist jo von der Herzenseinfalt ebenso unzertrennlich wie von der höchsten Bildung. Auch jetzt warf er beiin Gang durch das Zimmer kaum einen Blick auf die verschiedenen Paare und gewahrte deshalb nicht einmal, daß eine auf­fallend schöne Frau, obgleich von verschiedenen Bewun­derern umgeben, doch die Augen ganz absichtlich zu ihm emporschlug, als er an ihr vorbeikam. Offenbar suchte sie seine Aufmerksamkeit zu erregen. In sich versunken schritt er weiter, bis er plötzlich an einem der letzten Fenster das ihm wohlbekannte Kleid seiner eigenen Gattin zu Gesicht bekam und stehen blieb.

Freitag, derr 21. Dezember.

„Ach, Du bist es", rief Frau Barker mit halb ner vosem, halb ärgerlichen Lachen. „Ich glaubte. Du wurdest mindestens den halben Nachmittag bei Deinem alten Theilhaber bleiben, da Ihr Euch seit drei Jahren incht wiedergesehen habt."

Sie hatte das wirklich gedacht, daran war kein Zweifel; aber ebenso sicher war es auch, daß sie die Unterhaltung mit ihrem Gefährten — einem hübschen stattlichen Herrn — nun nicht länger fortsetzen konnte. „Erlauben Sie, Kapitän Heath, daß ich Ihnen meinen Mann vorstelle", warf sie leicht hin, indem sie sich von ihrem Sitz erhob und ihr Kleid glatt strich. Der Kapitän war auch auf gestanden und verbeugte sich etwas rinsicher, Barker streckte ihm ganz treuherzig die Hand hin. „Ich fand stach beschäftigt", sagte er zu seiner Frau; „aber er kommt heute Abend hierher zu Tische."

„Reden Sie von Jim Stach, dem Bankier?" fragte Kapitän Heath, der sich jetzt behaglicher zu fühlen schien. „Ich glaube, in ganz Californien ist Niemand so mit Ge­schäften überhäuft wie er. Ich habe geseherr, wie die Leute vor seiner Thür Queue standen, wie in früheren Zeiten vor dem Postschalter. Länger als fünf Minuten ist er für Niemand zu sprechen. Also Sie sind sein Theil­haber gewesen?" fügte er mit einem verwunderten Blick auf ^den noch jugendlichen Barker hinzu.

Seine Frau übernahm es, die Frage zu beantworten. „O ja, und sie waren immer die besten Freunde; er machte mich oft schrecklich eifersüchtig." Ohne den zärt­lichen Einspruch in Barkers Blicken oder des Kapitäns Lachen zu beachten, sah sie sich nach diesen Worten wie ge­langweilt im Zimmer um, als wollte sie alle weitere Unterhaltung den Männern überlassen. Kapitän Heath mochte ihr jetzt wohl ebenso im Wege sein, wie es ihr Gatte noch vor wenigen Minuten gewesen war. Wie sie io zwischen ihnen stand und die Spitze ihres zierlichen Schuhs nachlässig über die Linien des Teppichmusters gleiten ließ, sah sie hübscher aus als je in ihren Mädchen­tagen. Ihre zarte Gestalt hatte sich zu größerer Fülle entfaltet. Von der erkünstelten Strenge, unter der Kitty Earter die angeborene jungfräuliche Sprödigkeit zu ver­bergen pflegte, als sie noch in ihres Vaters Hotel in Boomville bei Tisch aufwartete, war keine Spur mehr vorhanden. _ Sie empfand die Macht ihrer Persönlichkeit mit Wohlgefallen, ihr Blick war freier, aber nicht so offen, wie in jenen Tagen, und ihre Kleidung ungleich reicher und modischer. Aber Barkers treues Herz erinnerte sich oft voll Zärtlichkeit an das einfache Kattunkleid und die Manschetten von peinlichster Sauberkeit, die sie trug, wenn sie ihm mit leichtem Erröthen die Kaffeetasse reichte, wobei auch ihm alles Blut bis in die Schläfen stieg.

Kapitän Heath hatte eben angefangen sich für den jungen Ehemann zu interessiren, aber Frau Barkers Gleichgültigkeit kam seinem Taktgefühl zu Hülfe und er empfahl sich. Sie bat ihn nicht zu bleiben, denn nach­dem sie verkündet hatte, daß ihr Gatte der Busenfreund des Millionärs sei, und damit seine Vornehmheit über allen Zweifel erhaben war, lag ihr gar nichts daran, daß der Kapitän sich zu Barker um seiner selbst willen hin- gezogen fühlen sollte. Sobald er fort war, wandte sie sich zu ihreni Mann, deutete auf die Gruppe, an der

48. Jahrgang. 1900.

Dieser eben vorbeigegangen und sagte in anzüglichem Tone:

. „Dort sitzt das schreckliche Weib und starrt die ganze Zeit nach Dir hin. Ich möchte nur wissen, was Du an ihr zu bewundern findest?"

Barkers sogenannte Bewunderung hatte sich auf ein paar höfliche Worte beschränkt, als er in der ungeheuren Karawanserei zufällig mit jener Frau in Berührung kam, deren ungewöhnliche Erscheinung ihm auffallen mußte. Im Augenblick war er in Gedanken noch zu sehr rnit seinem Besuch bei Stach beschäftigt, um eine Er­widerung auf die Benierknng seiner Gattin zu finden, die er vielleicht nicht einmal ganz verstand. Sonderbar, daß ihm jetzt an Kitty so Vieles unverständlich blieb; sicherlich war das aber seine Schuld. Sie schien jedoch nach Frauenart gar keine. Antwort zu erwarten, denn wühreiid sie jetzt in ihre Zimmer Hinaufstiegen, sagte sie vorwurfsvoll: „Weshalb erzähltest Du mir denn nicht, wie es bei Stach war! Hat er Dir das Geld gegeben?" Zu meinem Leidwesen muß ich gestehen, daß Barker sonst die Wahrheitsliebe und Offenherzigkeit in Person — seine Frau häufig belog. Vielleicht glaubte er, das sei nicht schlimmer, als wenn er sich selbst belöge, aber ihm wurde recht jämmerlich zu Mnthe, so oft die Luge ihm zum Bewußtsein kam. „Es war unnöthig, liebes Herz," sagte er, „Stach räth mir, einige meiner Werthpapiere zu verkaufen. Du glaubst gar nicht, wie schrecklich viel er zu thun hat."

Frau Barker warf die hübschen Lippen auf. „Man braucht nicht viel Zeit, um einem Freund zehntausend • Dollars zu leihen", Tagte sie. „Aber ich habe es ja immer gesagt! Du hast mir die Ohren vollgesungeii mit Lobeserhebungen über Deine wunderbaren Theilhaber, und nun Dii zum ersten Male einen von ihnen bittest. Dir einen Gefalleit zu thun, sagt er Dir. Du sollst Deine Papiere verkaufen, lind er weiß doch so sicher wie zwei­mal zwei vier ist, daß sie jetzt fast nichts werth sind."

„Aber liebes Herz, begreifst Du denn nicht —" be­gann Barker.

Sie sah sehr hübsch aus in ihrer Entrüstung. „Der arme Henry ist verantwortlich für den Grnbenkauf", unterbrach sie ihn, „und Du hast ihm Dein Wort ge­geben."

„Ich werde es auch halten; das thue ich stets", er- widerte Barker sehr gelassen und mit dem seltsamen Gesichtsausdruck, den sich schon Stach nicht hatte erklären können. Kitty, die ihren Mann vielleicht besser kannte, sagte jetzt mit völlig veränderter Stimnie:

„Aber wie willst Du das denn machen, Georg?"

„Wenn mir ein paar Tausend fehlen, werde ich Deinen Vater daruni bitten."

Sie schwieg einen Augenblick. „Vater wird jetzt von so vielen Seiten bestürmt. Warum giebst Du nicht ein- fach die ganze Geschichte auf?"

„Ich habe Deinem Vetter Henry mein Wort gegeben." „Ja, aber nur Dein Wort. Einen geschriebenen Ver­trag habt Ihr nicht. Du könntest nicht einmal darauf be- stehen, daß er ihn erfüllt."

(Fortsetzung folgt.)

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