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**• Jahrgang.

Erscheint in zwei Ansgaben. - Bczngs-Prcis: durch den Verlag SO Pfa. monatlich, durch die Post » Mk. «O Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Laiiggasse 27.

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I Morgen »Ausgabe

Politische Übersicht.

Ser Reichstag hat in dieser Woche nach ein- monatllcher Thätigkeit „Feierabend gemacht", um sich

t r n Strapazen der politischen Kämpfe vier Wochen Erholung und Weihnachtsmuße zu gönnen. Freilich, die größere Halste der Volksvertretung hat die Weih­nachtsferien schon mit dem Beginn der Eröffnung des Reichstags begonnen, und man sah in diesem Monat im Reichstagshaus, nach dem klassischen Wort, nur zu Viele, me nicht da sind! Aber die Phalanx Jener, die auch in den Tagen der schlimmsten Beschlußunfähigkeit „vom Breitenstem nicht wankten und nicht wichen", hat in der Lhat, wenigstens was die Debatten anbetrifft, ein gut Stuck Arbeit vorwärts gebracht.

Auch diese Woche ist im Reichstag eine Woche der Debatten gewesen, und zwar der ausgedehntesten und lebhafte, ten Debatten, denn in dieser letzten Parlaments­woche vor den Weihnachtsferien ist „preisend mit viel schonen Reden" die e r ft e Lesung des Etats glücklich zu Ende gebracht worden. Die Etatsdebatte bietet der Volksvertretung jeweils die Gelegenheit, all die kleinen und großen Schmerzen, welche die Qeffent- lichkeit beschäftigen, an den Mann, d. h. in diesem Fall an den Reichskanzler zu bringen.

Diesmal bildete den Kernpunkt der Debatten die Mißstimmung, welche in einem großen Theil des Volkes der N i ch t - E m p f a n g des Präsidenten K r u g e r in Berlin hervorgerufen hatte. Jndeß verlief die Debatte im Parlament hierüber in ganz anderen Bahnen als jene, die bei der Behandlung der Frage in Volksversammlungen und zum Theil auch in der Presse emgefchlagen worden waren. Wenn auch die Miß- 'ttmmung über die nicht gerade freundliche Behandlung des Präsidenten Krüger von einzelnen Seiten in mehr oder minder pvintirter Weise zum Ausdruck gebracht wurde, so mußte doch als dasFacit der Verhandlungen fest- gestellt werden, daß sich die überwiegende Mehrheit des Reichstags der diplomatischen Beweisführung des Reichskanzlers nicht verschloß uiid die Grundsätze der Bureirpolitik des Grasen Bülow als den politischen Interessen Deutschlands entsprechend anerkannte. In dieser Beziehung wirkte am schlagendsten derHinweis des Grasen Bülow darauf, daß gerade das Glückwunsch- Telegramm vom Jahre 1896 an den Präsidenten Krüger der deutschen Regierung gezeigt habe, daß Deutschland bei einem Konflikt mit England völlig isolirt dastehen würde.

Unterdessen ist es dem Präsidenten Krüger in Holland, was das eigentliche Ziel seiner Reise, nämlich die Herbeiführung einer Vermittlung, betrifft, thatsächlich . nicht besser ergangen, als in Deutschland. Zwar hat ihn die holländische Regierung ebenso wie die französische mit Freundlichkeit und Theilnahme em­pfangen, aber wie die französische, so hat auch die holländische Regierung dem Präsidenten Krüger erklärt.

datz ,ie m dieser Frage nur eine passive Rolle spielen !ernte und Anderen den Vortritt überlassen müsse Da unterdeß auch der Schweizer Bundes r ath die vMittatwe zu einem Vermittlungsversuch abgelehnt hat, blecht mithin als einzige Hoffnung die, daß Rußland, welche» durch ferne internationale Stellung weit weniger ab andere Länder gebunden ist, sich doch noch zu einem Vermittlungsversuch verstehen werde. Aber auch diese Hoffnung ist so verschwindend gering, daß ein gut Theil Optimismus dazu gehört, sie zu hegen.

Das Eintreten Hollands für die Buren hat unterdeß bereits zu einem kleinen, politisch nicht allzu belang­reichen Konflikt zwischen Holland und Portugal, bie,em getreuen Trabanten und Büttel Englands, ge­führt. Als Entschädigung hierfür hat die portugiesische Regierung in Lissabon stolz die Kunde von dem eng­lisch-portugiesischen Bündniß verkünden surfen. Das Bundniß erinnert etwas an den bekannten Pakt des Löwen, der bett hoffnungsvollen Bundes­genosten nach gethaner Arbeit gründlichst verspeiste

^llicht minder eifrig wie Portugal hat das eng- I r I ch e P a r l a m e n t selbst die Politik der englischen Regierung gutgeheißen. Das Resultat der langwierigen Adreßdebatte hat darin bestanden, daß die Adresse mit 269 gegen 127 Stimmen, also mit großer Mehrheit, zur Annahme gelangte. Die Regierung hat also nicht nur über die Opposition gesiegt, sondern es gelang ihr, die Angriffe gegen das skandalöse und skrupellose Treiben l.ev Herrn Chamberlain mit erheblicher Stimmenmehr­heit zurückzuschlagen.

Dagegen gelang es ihr bisher nicht, die Vorstöße der ^ H. r . e n im Guerillakriege mit gleichem Erfolg zuruckzuschlagen. Die „Jagd auf Dewet", deren un­mittelbar bevorstehender Erfolg von der englischen Kriegsleitung bereits als „bombensicher" verkündet worden war, ist fürs Erste verunglückt und es steht zu hoffen, daß der brave Dewet und seine Wackeren bcn Engländern das Leben noch recht lange sauer machen und den Engländern die Melodie beibringen werden: Noch ist Transvaal nicht verloren!

Auf dem chinesischen Kriegsschauplatz ist eme gewisse Stille eingetreten, die hoffentlich nicht die Stille vor dem Sturm ist. Die chinesischen Machthaber letzen ihr niederträchtiges und unverschämtes Nänl'espiel wrt und scheinen selbst allgemach in Verwunderung über die Geduld der vereinigten Diplomatie zu gerathen. Daß den Diplomaten der vereinigten Mächte bisher immer­noch nicht der Geduldfaden gerissen ist, beweist, daß diefer Faden an Stärke mindestens einem kräftigen Schiffstau gleichen muß.

Ausland.

Euba Mid die SSerctitigfcn Staaten.

Aus New-York, 1. Dezember, wird uns ge- chrieben: Die Rede, welche der Gouverneur von Cuba, General Wood, bei der Eröffnung der konstituirenden Versammlung auf der Insel gehalten hat, liegt nunmehr im Wortlaute vor und giebt Gelegenheit, zu untersuchen,

ob die Vereinigten Staaten den Cubanern wirklich, wie versprochen, die volle Unabhängigkeit gewährt haben. Zunächst fallt es auf, daß in der Rede das Wort „Un­abhängigkeit nicht ein einziges Mal vorkam, sondern nur von einer „konstitutionellen und freien" Regierung gesprochen wurde Das erklärt sich einfach daraus, daß die vereinigten Staaten Euba eine Autonomie nur zu- gestehen, soweit seine inneren Angelegenheiten in Betracht kommen, im Uebrigeil sollen „die Geschicke Eubas und der Vereinigten Staaten für alle Zeiten un- ioslich miteinander verknüpft sein." In erster Linie darf also Euba keme eigene auswärtige Politik treiben, durch E gegebenen Falls die Interessen Amerikas auf den il" ■ "steschüdigt" werden könnten. Die neue „un­abhängige" cubanische Regierung darf mithin ohne Zu- ftimmung der Vereinigten Staaten keineVerträge abschließen. Zweitens wird Amerika eine General- kontrolle über die cubanischen Finanzen ausüben, damit Euba nicht durch Aufnahme von Anleihen in eventuelle Abhängigkeit irgend eines europäischen Staates geräth oer die amerikanische Einflußsphäre auf der Insel durch- kreuzen könnle. Dntten§ lnerhen hie Rereüligken Staaten ständig einen Hafen und einen befestigten Platz besetzt halten, um m der Lage zu sein, Leben und Eigen­tum der Cubaner gegen jeglichen Angriff zu schützen!! Diese drei Punkte, auf welche sich die „Souveränität" des kubanischen Volkes stützt und die ihm General Wood in feiner Rede erläutert hat, wurden feierlich durch die neuen Mitglieder der Nationalkonvention vor dem Gouverneur beschworen, der sich diesen Eid, ohne mit der Wimper zu ziicken, leisten ließ in der offenbaren Annahme, daß die „Souveränität eines freien und uitabhängigen" Volkes oann besteht, kestte Verträge abschließen zu dürfen, keine eigene Finanzverwaltung zu haben und seine Häfen und Befestigungen von fremden Truppen besetzt zu seheii. Ja, Mae Kinley versteht es meisterhaft, mit der einen Hand zu nehmen, was er mit der wideren gegeben hat

Aus Stadt und Saud.

Wiesbaden, 16. Dezember. Die Kreis synoden.

Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Die Tagung der 8. Bezirkssynode hat die Augen weiterer Kreise wieder auf unsere Synodal-Ordnung hingelenkt, welche im Jahre 1877 geschaffen wurde, um den Laien die aktive Betheiligung an den kirchlichen Angelegenheiten zu ermöglichen, um ihr Interesse für dieselben zu beleben. Inwieweit dies Ziel erreicht worden ist, läßt sich nicht leicht Nachweisen. Ganz gewiß sind die hoch­gespannten Hoffnungen schließlich stark getäuscht worden. An­fänglich wollte es ja fast scheinen, als ob die Neueinrichtung die rege Antheilnahme des Laienelementes finden sollte. Und einigermaßen ist dies vielleicht in der Stadt und bezüglich der Bezirkssynode auch so geblieben, wenn auch hier die anfängliche Begeisterung schon stark abgeflaut ist Auf dem Lande und bezüglich der Kreissynoden liegt die Sache jedoch ganz anders. Ob es etwa im Dillkreise Leute giebt, die mit wirklicher Antheil­nahme den Verhandlungen ihrer Kreissynode folgen, wissen wir nicht. Sonst wenigstens versagt das Interesse vollständig.

Feuilleton.

Gin modernes Zimmer.

Zum Christkind hat uns Bangers Kunstsalon eine Ueber- raschung bereitet, welche dem Kunstfreund, sowie dem mit der Zeit fortschreitenden Gebildeten einen eigenartigen künstlerischen Genuß bietet. Ein modernes Zimmer. Wohl Viele haben schon einige im modernen Stil ausgeführte Möbel als Zimmer zusammengestellt gesehen, Mancher sich auch welche angeschafft und nun geglaubt, indem er recht auffallende Formen wählte, den Geschmack des Modernen errathen zu haben. Ah! ein Zimmer a la „Jugend", ganz „secessionistisch" und was sonstige Schlagworte noch mehr sind, hört man ausrufen, aber wie ein modernes Zimmer beschaffen sein muß, darüber haben wohl die Meisten noch nie ernstlich nachgedacht ; man bedenkt auch nie, daß dieser Stil schon viel früher als die „Jugend" existirte und die „Secession", nach der heute alles Moderne genannt wird, schon längst aufgehört und sich abgeklärt hat. Die Form macht es nicht allein, auch die Zusammenstellung und in erster Linie die Aesthetik der Farbe, welche bei den „Modernen" zu Wort kommt.

Herr Kunsthändler Banger, dem wir schon so manche künst­lerische Anregung verdanken, hat es, unterstützt von dem Künstlerpaar Völcker, unternommen, ein stilgerechtes, modernes Zimmer den Besuchern seines Salons vorzufllhren. Der einfach cassetirten Decke — im modernen Zimmer sind die vielen Stuck­verzierungen und in allen möglichen und unmöglichen Farben vermalten Decken verpönt — schließt sich ein von Frau Völcker- Hindersin entworfener, von Herrn Theatermaler Schaupal ge­malter Fries an, welcher ein grünes Band darstellt, aus dem Tulpen und Lilien hervorragen. Auch hier ist Einfachheit des Motivs und ein Sichanschmiegen an das Ganze maßgebend. . dieser Aries wird von drei Gemälden von Hans Völcker wohl- I

thuend unterbrochen. Wohlthuend, damit das Blumen- und Bandornament nicht langweilig wirke. Der untere Theil des Zimmers ist mit blaugrauem Stoff bespannt, welcher durch dunklblaue Holzleisten begrenzt und getheilt wird. In der­selben Farbe sind die Holzverkleidungen der Thüre und des Durchgangs zum Oberlichtsaale gehalten. Der ganze Entwurf, wie überhaupt das künstlerische Arrangement, stammen von Herrn Maler Völcker, welcher sich auch auf diesem, uns bis jetzt neuen velde als feinfühlender, denkender modernerKünstler offenbart. Stimmung ist hier das Losungswort und der Beschauer wird unwillkürlich in die vom Künstler gewollte Stimmung der Farbenharmonie versetzt. Jede neue Farbe, sei es der Poriltzren, des Fußbodens oder der Möbel schließt sich dem Ganzen harmonisch an, resp. durch jede Farbe und jeden Gegenstand wird das Ganze erst zu dem, was uns entzückt und dem Ensemble den Stempel echt künstlerischen Geschmacks ver­leiht. Das ist „moder n", ein sich Auflösen in Farbe und Lime.

Die ausgestellten Möbel sind von hervorragenden Künstlern entworfen und die Jntarsienarbeiten von Spindlcr gehören zu dem Reizvollsten, was wir seit Langem gesehen haben. Die Farben sind hier meist hell Eichen und' grau Ahorn. Die Uhr an der Wand, der elektrische Lüster, die kleinen Bronzen, die köstlichen Gläser, die Tischdecke mit Applikationen — flt’ün mit blau Sammet — sie alle bilden ein Bindeglied in dem Ensemble. Die Truhe wirkt durch ihre matten Farben außer­ordentlich vornehm, auf derselben liegt ein von Frau Völcker- Ämdersin entworfenes und gesticktes Kissen, eine Arbeit, welche die Damen zu würdigen wissen werden, das Wandschränkchen, der Spieltisch, die herrlichen Gallegläser, welche direkt von der Pariser Weltausstellung hicrherkommen, sie alle bilden ein Ganzes, wie es harmonischer nicht gedacht werden kann. Die geschmackvollen, in Linie und Farbe genau sich anschließenden L>tors sind von Hoflieferant H. W. Erkel, die feinen, matt ge­haltenen, alten Teppiche von Herrn Hoflieferant Nathan Heß.

Das Ganze , bildet eine Sehenswürdigkeit, um die uns bedeutend größere Städte beneiden werden, und selbst Keller und Reiner die große Berliner moderne Kunsthandlung, würde auf dieses moderne Zimmer stolz sein. ^

Aus Hitttft und Leben.

* Aus den Kunst-Ausstellungen. Die zweite Serie der Bilder Berliner Künstler ist seit Kurzem im „Nassauischeu Kunstoerein" zur Ausstellung gelangt. Wiederum fesselt Prof. E. Henseler durch ein intim studirtes, wahr wirkendes Genre- büdchen, „Nach vollbrachtem Tagewerk" betitelt. Am Zaun haben sich die Liebesleute getroffen, sic strickt und horcht den Worten des jungen Arbeiters, welcher mit ihr zu plaudern scheint. Im Hinter­gründe liegt das Dörfchen im abendlichen Zwielicht. Eben geht der Mond auf und leichter Rauch kräuselt sich aus den Essen der Hauser. Es ist eine sommerliche Idylle, die Henseler hier so fesselnd malte, ein Stückchen Leben ungeschminkt der Wirklichkeit entnommen und von vielem künstlerischem Werth. Max Fritz reizte der „Herbstnebel", wie er aus tiefliegenden Wiesen, aus dem Bach, Über 'welchen sich die Brücke spannt, hervorquillt, die bunt- gefärbten Bäume, sowie Hinter- und Mittelgrund verhüllend Das Ganze sieht aus. wie eine frische Natnrstndie, als Bild fehlt di- Abrundung. Die „Blühenden Bäume" von A. D i e f f e n b a ch geben den Blüthenschnee ausgezeichnet wieder. Man sieht die Form der Bäume leicht durch­schimmern und zart und doch körperlich wirkt das ganze routinirt gemalte Bild. Recht naturuumittclbar malte E. Breitbach die „Dorsstraße in Tyrol". Sie zeugt von gutem Studium, besonders der Hnlbtöue, und erfreut durch das hübsche Motiv. Die Brandung der See wiederzugcbeu, bemühte sich Charles Pattison in seinem Bilde „Sonnenuntergang an der Ostsee". Leider wirkt aber in der koloristisch nicht schlechten Arbeit das Meer wie gefroren. Es erscheint nicht flüssig, sondern im Moment seiner Bewegung er­starrt, es fehlt der bewegliche Charakter. Flott hingestrichene, skizzenhafte Eindrücke sicht man viel vonH. Hcrrmann, so auch