—
SU Der Roman.
!H
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr. i- ■ ~«i
Nr. 105. Donnerstag, 6. Mai.
1915.
(12. Fortsetzung.)
Klippen. -
Roman von Helene Schede-Heller.
Nachdruck verboten.
So rasch, wie sie, konnte er nicht Halt machen und Umkehren.
Das Glück, von dem sie sprach, hatte auch er vermißt — jahrelang — sich danach gesehnt — täglich — stündlich, so daß er darüber ein einsamer, in sich gekehrter Mann geworden war — bis — er der Frau begegnet war, die ihm dies Glück geschenkt hatte.
Nun besaß er es. Nun war er reich. Er fühlst, daß es sein ganzes Leben aussüllte — wußte aber auch, daß es nur Glück war, wenn es aus ihrer Hand kam, daß nichts sie ihm ersetzen konnte.
Erna merkte nicht, daß er die Antwort ihr schuldig blieb, so tief war sie selbst in ihre Gedanken versunken. Sie fuhr fort:
„Wir haben uns so lange so fern gestanden. Nun soll es anders werden. Ich werde dir alles: Frau — Geliebte — Freundin sein. Das konnte ich früher nicht verstehen: ich war zu jung und unerfahren dazu. Aber Ethel hat niir die Augen geöffnet."
Sie kam ihm wieder näher und fuhr liebkosend über seine Haare.
„Nicht wahr — ich darf dir jetzt alles sein; du wirst sogar Hilde Roswald nicht mehr brauchen-."
Sie hatte ohne Überlegung, ohne Eifersucht den ddawen ausgesprochen — aber — hätte sie nun in seine Augen geschaut — sie wäre erschrocken.
Instinktiv zog er sich von ihr zuviick und tiefer noch in sich hinein.
Ihm war, als sei plötzlich ein rauher Wind über den Frühling in seinem Herzen gefegt. Wie Frost lag es in seinem Gesicht — nur in den Augen das Flammen und Lodern.
War Erna eifersüchtig geworden? Wollte sie die Freundschaft zu Hilde aus seinem Leben streichen und war sie darum plötzlich so freundlich und zärtlich ge- worden?
Er spürte das Joch und lehnte sich auf. Mißtrauisch sah er zu ihn hinüber — bereit, den Kampf aufzunehmen und seine Rechte sich zu wahren.
„Wie meinst du das?" fragte er und zwang sich zu einem gleichgültigen Lächeln.
„Versiehst du's nicht, Hans? Lieb will ich dich haben. Da ist nichts anderes daran zu erklären."
Ihre Erregung hatte sich gelegt. Sie hatte den Waffenstillstand mit ihrem Gewissen geschlossen und war nun wieder ganz ruhig geworden.
Er konnte nicht der raschen Entwicklung ihrer Empfindungen folgen, weil er nicht die Quelle kannte, aus der sie entsprungen: aber als er sie anschaute, fühlte er, daß sie Hildes Namen leichthin, ohne Ziel und Absicht ausgesprochen hatte.
Sie war nicht zum Angriff vorgeschritten. Hatte sticht sein Glück ihm entreißen wollen-.
„Ich glaube, Erst, du hast recht. Ethel scheint Wunder an dir gewirkt zu haben", sagte er, freundlich lächelnd, mit dem festen Vorsatz, nun auch ihr entgegen- gukommen und ihr so viel zil sein, als er es vermochte.
Auch sein Gewissen hatte sich leise geregt. Wer er be« schwichtigte es.
Ein guter Mann wollte er ihr sein — nur auf Hilde konnte er nicht verzichten.
Das Opfer durfte sie nicht von ihm verlangen. DaS würde er ihr nie bringen können.
IX.
Der graue Novembertag lagerte über Berlin.
Ein feiner Regen fiel und ließ an den entblätterten Bäumen auf den Anlagen rieselnde Schauer herab- laufen.
Seit Tagen herrschte der kalte Nebel, der von draußen in die festverschlossenen Häuser sich schlich und di« Räume mit einem Gefühl von Ode und Verlassenheit erfüllte, das wie ein Alpdruck auf der Seele lastete.
Ernä lechzte nach Licht — Wärme — Zerstreuung. Das Haus erschien ihr so groß — so leer. Sie flehte ihren Mann an: „Nimm mich mit, wohin du willst — laß uns nach dem Süden gehen, daß ich wieder sonniges Leben und frohe Menschen sehe."
Er warf ihr vor, daß sie so sehr von äußeren Stim> mungen abhängig war und es nicht verstand, ihr Leben so auszufüllen, daß es dom Sturm und der Sonne standhalten konnte, ohne daß es immer zu ihrem Glück einer äußeren Anregung bedürfe.
Er wußte nicht, was sie quälte. Hatte fchon nichk verstehen können, warum sie sich so sehr gegen die Rückkehr nach Berlin.gesträubt und so lang wie möglich den Aufenthalt im Rauental ausgedehnt hatte.
Er ahnte nicht, daß diese grauen Novembertage für seine Frau das Haus mit Gespenstern bevölkerten und sie nicht auszugehen wagte aus Furcht, dem Manne zu begegnen, den sie floh.
Im Rauental waren die bösen Erinnerungen gewichen — die Eindrücke verblaßt — sie hatte fast vergessen, was sie vergessen wollte. Sie war wieder ihr altes Selbst geworden — die Beziehungen ihrem Manne gegenüber waren in die früheren Geleise zurückgefahren.
Sie hatte dahingelebt wie der Kranke, dessen Schmerzen einen Augenblick durch Linderungsmittel gestillt worden sind. Einmal über kommt doch das Erwachen und mit ihm die Qual. Sie mußte ihrem Manne nach Berlin folgen, mit der Sorge im Herzen und der Unruhe im Gewissen.
Zweimal hatte Reimer ihr geschrieben — flehende Briefe, die von Liebe Überflossen. Sie hatte nicht ge- antwortet — sträubte sich, den Kampf aufzunehmen einen Entschluß zu fassen — suchte auszuweichen — sich zu betäuben und schlief joden Abend ein mit der FurM, der kommende Tag könnte die Entdeckung dieser Schuld mit sich bringen.
Wäre sie stärker gewesen, sie hätte die JnitiativH ergriffen und Reimer gebeten, seine Versetzung in «in« andere Garnison zu beantragen — sie hätte auf sein» stürmischen Fragen ein klares, unwiderrufliches „Reist" geantwortet, und er hätte gewußt, woran er war,
