I Beilage jurn Mesüaüemr Tagblatt.
Sonntag» Le« 16. Iozenrdex.
48. Jahrgang. LS90.
LS. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Drei Therthaker.
Roman von Wrel Karte.
Autorisiert.
Seme Kameraden, die solche schweigsame Stimmungen an rhm schon kannten, waren einstweilen vorausgeeilt. Da horte er hinter sich Len Paßgang eines Pferdes, das mit weichem, tänzelndem Schritt auf der mit dickem Staub bedeckten Landstraße einherkam; gleich darauf berührte ihn ^ack Hamlins Reithandschuh an der Schulter. Der Mustang, auf dem Jack saß, triefte förmlich von Schweiß und Schmutz, aber Jack selbst sah so frisch und fleckenlos aus wie immer. Er nahm eine schüchterne, verlegene Miene an, die ihm ganz köstlich zu Gesicht stand und schlug sich, Wahrend er sprach, mit dem Lasso auf die Knöpfe, die f™ r Sammethose an der Seite als Zierrat dienten. «>!>ch hätte gern noch ein Wort mit Ihnen geredet, ehe Sie die Gegend verlassen", sagte er und blickte zu Boden; „aber solange Sie Alle beisammen waren, getraute ich Drum will ich die Gelegenheit benutzen, da ich Sie hier allein treffe."
„Wir haben Sie diesen Morgen ein paarmal von Weitem gesehen und haben bedauert, daß Sie nicht zu uns stießen", sagte Demorest in freundlichein Ton.
„Das halt' ich wohl thun können", gab Jack lustig öfw Ewort; „nur mochte sich mein Pferd nicht entschließen, ob es lieber ein Vogel oder ein Eichhorn sein wollte: wenn es nicht davonflog, kletterte es die Bäume Für einen mexikanischen Klepper ist es gar kein schlechtes Pferd; aber sobald es merkt, daß irgend eine Teufelei nn Werke ist, muß es allemal mit dabei sein, durch Dick und Dünn. Ich hatte mir vorgenommen, Sie —adung vollends nach Boomville zu geleiten, und Hab s auch gethan. Wenn ich ein paar Burschen finde, me durch und durch weiß und rein sind, wie Sie alle Drei o zieht s mich unwiderstehlich zu ihnen hin, obgleich ich selbst etwas ans Bräunliche streife. Auch habe ich Ihnen noch'was zu übergeben."
Er zog aus den Falten seines rothen Gürtels ein kleines, sauber in weißes Papier eingeschlagenes Päckchen heraus und fuhr fort, während er es in der Hand hielt: "HLute Früh, ehe die Sonne aufging, kam ich zufällig nach dem Kieserberg. In der Dunkelheit stieß ich auf -6hre Hütte — und auf noch Jemand. Zuerst dachte ich, ~.™ h r a - re ™^hnen, der dort auf den Knieen lag um sein Gebet zu sprechen; aber an der Slick wie der Kerl SS ^r mich kommen hörte, merkte ich, daß er nicht Betens und Fastens halber da war. Als ich sodann zur Hinterseite der Hütte kam, glaubte ich, irgend eine Ihnen M^E^^>seele hätte Holz und Reisig gesammelt, damit Sie zum frühstück Feuer anmachen könnten. Aber ich wollte Mich dabei nicht beruhigen und warf inich auch auf die Knie, wie eä jener Mensch gethan hatte, und da sah "UN, ich sah vermuthlich nichts Anderes, Herr Temorest, als was Sie. auch gesehen haben. Aber "das genügte mir noch nicht. Der Kerl hatte in der Erde herumgewühlt, als suche er etwas. So suchte ich denn ebensalls — und ich habe es gesundei,. Hier ist es: ich will es ^hnen geben; denn wer weiß, ob Sie es nicht noch
eines schönen Tages brauchen können. Bei den Leuten, mit denen Sie künftig leben werden, finden Sie schwer- lich etwas Aehnliches. Es ist „einzig in seiner Art", wie dw Raritäten,ammler in Frisco sagen — vielleicht drängt es Sie noch über kurz oder lang, zu erforschen woher es stammt, und wohin es paßt. Bitte machen Sie das Papier nicht eher auf als bis ich Ihren Kameraden noch emmal glückliche Reise gewünscht habe. Leben Sie wohl!"
Er schüttelte Demorest die Hand, gab ihm das Päckchen und sprengte davon, um Stacy und Barker einzuholen. FPN Ersterem nahm der Spieler mit einem kräitigen Händedruck Abschied, klopfte dann dem beglückten Barker freundschaftlich aus den Rücken, und schon im nächsten Augenblick sah man seinen rothen Gürtel und die blinkenden Silbersporen in der Ferne verschwinden.
Das seltsame Päckchen in der Hand schaute ihm Demorest halb belustigt, halb verwundert nach. Dann schickte er sich langsam an, seinen Kameraden zu folgen, öffnete das Papier im Gehen, und stand plötzlich still. ZN dem Päckchen lag der welke, blutlose Mittelfinger einer menschlichen Hand, der beim ersten Glied abge- schmttenwar!
Zuerst hielt er ihn auf Armeslänge von sich und wollte ihn wegschleudern. Dann aber wickelte er ihn mit grimmiger Miene wieder in das Papier, das er sorgfältig m die Tasche steckte, und schritt schweigeiid hinter seinen Gefährten drein.
Erstes Kapitel.
Drei Jahre später.
Ein starker Südwestwind rüttelte an den Fensterm und Thüren von „Stacy Bank" in San Francisco Die femgekleideten Angestellten hinter den spiegelblanken Mahagoni-Zahltischen konnten die draußen vorübereilenden Fußgänger nur durch einen Regenschleier wahrnehmen. Stacys neues Bankhaus wurde immer nur mit dem Beinamen„palastähnlich" in der Presse erwähnt, seitdem der begeisterte Berichterstatter von dem Bankett heimgekehrt war, das bei der Eröffnung in den reich- geschmückten Vorstandssälen stattgefunden hatte. Von einem schlichten Bergniann, der'als Deponent gckomrnen war, erzählte man sich, er sei durch die Pracht und Herrlichkeit der Einrichtung so überwältigt worden, daß ihn i>n letzten Augenblick der Muth verließ, sein Anliegen vorzubringen. Er hatte dem vornehmen Kassirer gegenüber rasch eine Entschuldigung gestammelt, und war mit ma- alten gemsledernen Tasche voll Goldstaub, nach der unscheinbaren Münze um die Ecke geflohen, wo er stinen Schatz in Verwahrung gab.
. Vielleicht war es ein ähnliches Gefühl, in das sich ledoch eine unverhohlene Bewunderung mischte, mit welchem ein Fremder von höherem Staude, an jeneni regnerischen Morgen das Bankhaus betrat. Nach einigein Zögern reichte er seine Visitenkarte dem wichtig drein- chauenden Kassenboten, einem Neger. Die Karte wurde vor ihm her erst durch verschiedene Thüren getragen, die ich geräuschlos öffneten und schlossen, und dann durch die mit schweren Teppichen belegten Gänge, bis sie zuletzt in das innerste Heiligthum gelangte, in das Privatbüreau des Herrn James Stacy, vor welchen der Diener sie ehrfurchtsvoll niederlegte. Der Bankier war nicht allein Neben ihm stand erwartungsvoll, in gesucht höflicher
Haltung ein tadellos gekleideter funger Mann, während Stacy offenbar eine Nota für ihn aufsetzte. Mit einer Neugier, die man einem anscheinend so wohlerzogenen Herrn kaum zugekraut hatte, schiekte der Fremde ver- nach oer Karte hin; Stacy dagegen warf keinen <ckick darauf, bis er mit Schreiben fertig war.
, VY "H^br sagte er in kurzem Geschäftston, „Sie können v>hren Leuten zu wissen thun, daß wenn wir bei Ihren neuen Zahlungsanweisungen unser Limitum über- fchreiwn, wir ^dafur auch größere Sicherheit verlangen. Das Goldwascyen ist nicht mehr so ergiebig ivie vor drei Z^dren als die Bergleute noch mit Freuden bereit waren der Gesell,chaft idr gutes Geld für Abgabeii zu zahlen, üvtzt ift ihnen diese Spekulation verleidet; das sollten sich
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Verbeugung tu Empfang und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.
Jetzt erst griff der Bankier nach der Visitenkarte, las deii Namen, befahl dem Voten, den Herrn hereinzuführen und wandte sich zugleich mit den Worten an seinen Besucher: „oie kennen ihn ja auch, Van Loo; es ist Georg Barker."
„Gewiß", erwiderte Van Loo unterwürfig und blieb zögernd an der Thür stehen. „So viel ich weiß — war er einer Ihrer Angestellten aus dem „Kieferberg" ."
„linsinn! Er war mein Theilhaber. Und Sie müssen auch seither in Boomville mit ihm verkehrt haben. Freilich! Er Hut ja vierzig Stück von Ihren Stammaktien zu 110 durch Sie erhalten, die etwa 80 werth waren. Bei diesem Geschäft muß ein gewisser Jemand Geld genng verdient haben, um den Käufer nicht so bald zu vergessen."
„Ich sprach nur von seiner gesellschaftlichen Stellung", versetzte Van Loo mit etwas verlegenem Lächeln. „Wie Sie wissen hat er ein Mädchen geheirathet — des Gast- wirths Tochter, die mit bei Tische aufwartete. Als nun meine Mutter und meine Schwester zu mir zogen, um mir den Haushalt in Boornville zu führen, konnte ich unmög- noch weiter mit ihm verkehren, weil er natürlich nur selten ohne seine Frau ausging."
„Jawohl", versetzte Stacy in trockenem Ton, „ich glaube. Sie waren mit seiner Heirath nicht einverstanden. Es ist mir nur lieb, daß der bewußte Aktienhandel nicht der Grund ist, weshalb Sie seinen Umgang meiden."
„Bewahre", sagte Ban Loo. „Ich empfehle mich Ihnen."
Aber unglücklicher Weise stieß er schon im ersten Hausgang auf Barker, der ihn mit einem Ausruf unge- heuchelter Freude begrüßte, welche um so aufrichtiger war, weil er sich in der glänzenden Umgebung etwas fremd und unbehaglich fühlte. Auch Van Loo äußerte das größte Entzücken über die Begegnung; er schien ganz untröstlich, daß ihn eine andere Verabredung schleunigst fortrief. „Aber Ihr früherer Theilhaber wartet drinnen schon auf Sie", fügte er lächelnd hinzu. „Er hat soeben Ihre Karte erhalten, und ich will das Wiedersehen nicht verzögern. Habe mich sehr gefreut, Sie so gesund und munter zu sehen. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!"
(Fortsetzung folgt.)
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