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I. Beilage nun Wiesbadener Tnglilatt.

Uo. 584. Morgen-Aus gäbe.

(9. FortsctzimgJ (Nachdruck verboten.!

Drei Sheilhaber.

Roman von ZZrel Karte.

Autorisiert.

Der Andere zögerte einen Augenblick. „Ja", versetzte er dann kurz.

Demorest schwieg eine Weile. „Warum hast Du mir das nicht gleich heute Früh mitgetheilt?" fragte er mit sanftem Vorwurf.

Stach deutete nach Barker hin. den sie in der Ferne sahen. „Ich wollte nicht, daß er es erführe, und hielt es für besser, wenn ein Theilhaber vor zweien ein Geheimnitz hat, als daß zwei es einem verschweigen. Weshalb hast Du denn Dein Erlebniß in der letzten Nacht vor mir ver­borgen?"

„Vermuthlich aus demselben Grund", antwortete Demorest niit schwachen: Lächeln. „Weißt Du aber. Jim, daß ich schon oft gedacht habe, wir sollten es uns zur Pflicht machen, ebenso offenherzig zu sein, wie Barker. Vor lauter Angst, durch unsere Kenntnis; des Bösen seiner Unschuld zu schaden, schicken wir ihn mit seinen 300.000 Dollars ohne alle Vorbereitung in die Welt hinaus."

„Wohl wahr, alter Freund; komm, gicb n:ir die Hand", sagte Stach, und beide Männer tauschten einen kräftigen Händedruck.

„Uebrigens ist er durchaus kein Dummkopf", fuhr Demorest nach einer Pause fort. „Als wir Steptoe auf der Straße trafen, machte er sich gleich zum Widerstand bereit und war drauf und dran, den Hahn seiner Flinte zu spannen, ehe ich noch ein Wort sagen konnte. Und ich hatte weder das Herz ihn dafür zu loben, noch ihn aus­zulachen."

Nicht lange so kam der Gegenstand ihrer Unter­haltung den Bergpfad hinunter und auf sie zugesprungen. Er hatte die Feuerbestattung mit angesehen. Es war schrecklich traurig, aber -wunderschön, wirklich ein groß­artiger Anblick! Daß Stach einen so poetischen Einfall haben könnte, hätte er nie gedacht. Aber er wollte ihnen noch etwas Anderes erzählen; etwas ganz Prachtvolles!

„Was denn?" fragte Denwrest.

„Ich will's Euch sagen, aber Ihr dürft mich nicht ver­spotten: Ihr kennt doch den Jack Hamlin? Stellt Euch vor. Jungens, daß er die ganze Zeit auf seinem Mustang um uns herumgeritten ist, und uns und unser Packthier fortwährend im Auge behalten hat. Bald hält er sich links von unserem Weg, bald wieder rechts; aber immer in gleicher Entfernung. Ich hab's Euch verschwiegen, Jungens, weil ich dachte, Ihr würdet mich auslachen; mir kommt's nämlich so vor, als ob er sich besonders zu uns hingezogen fühlte, seit er gestern Abend in der Hütte war. Nun schweift er in der Gegend herum, damit er so­zusagen dafür sorgen kann, daß uns nichts zustößt. Ich wollte ihn Euch schon immer zeigen, aber ich dachte, Ihr würdet sagen, er hätte es auf unser Gold gemünzt."

„Da wären wir sehr im Jrrthum gewesen", sagte Stach mit einer Wärme, die Demorest überraschte.. „Du

Samstag» den 15. Dezember

hast mit Deinem Instinkt gewiß däs Richtige heraus­gefunden, alter Junge."

„Jetzt ist er dort drüben", fuhr Barker höchlich ge­schmeichelt fort; „gerade in einer Linie mit uns, auf dem Richtweg. Er ist nicht später aufgebrochen als wir und hätte auf seinem schnellen Pferde schon vor einer Stunde in Boomville sein können. Es ist die reinste Güte von ihm, daß er uns bewacht."

Bei diesen Worten deutete er nach einem Kastanien­wäldchen, an dessen fernem Rand Hamlin soeben sichtbar wurde. Obgleich sich sein wildes Prairiepferd nur mit starken: Arm zügeln ließ, saß er doch anscheinend in^nach­lässiger Haltung mit völligem Gleichmuth im Sattel. Daß noch andere Leute in der Nähe wären, schien er nicht zu wissen, sich auch wenig darum zu kümmern. Er hatte den schönen Kopf etwas zurückgeworfen, als trällere er ein Liedchen nach seiner gewohnten Art; aber die Ent­fernung war zu groß, als daß die Melodie ihr Ohr er­reichen oder Barkers freundlichen Ruf zu ihm hinüber- dringen konnte.

Plötzlich ließ er die bisher straff gehaltenen Zügel schießen; der Mustang that einen mächtigen Satz, einen Augenblick sah inan noch das blanke Zaumzeug und die silbernen Sporen aufblitzen, dann war Jack Hamlin verschwunden. Da aber der Pfad, auf dem er ritt, eine Meile weiter unten ihren Weg kreuzte, war die Möglich­keit nicht ausgeschlossen, daß sie ihm wieder begegnen könnten.

Sie waren jetzt bis zum Thal von Boonwille hinab­gestiegen und bogen in einen engen „Arroyo" ein, den auf beiden Seiten düstere Weidenbäume umgaben, welche jede Aussicht verdeckten. Es war das Bett eines Berg­stroms, der im Winter von: Fels gestürzt kam und guer über den Pfad lief, dem sie bisher gefolgt waren. Jetzt hatte ihn die durstige Ebene eingesogen, und zwischen den zwei bis fünf Fuß hohen Ufern war ein trockener Weg entstanden. Eben wollte der Maulthiertreiber den engen Durchgang betreten als er plötzlich einen raschen Blick hinter sich warf. „Nackre de Dios", rief er entsetzt und zerrte sein Thier mit der kostbaren Last so viel wie mög­lich zur Seite. Sein scharfes Ohr hatte zuerst, von dem Pfad in ihrem Rücken her fernen Hufschlag vernommen, und als die Freunde sich umwandten, sahen sie drei Reiter, die in fliegender Eile den Berg hinab auf sie zugestürmt kanien. Nach ihrer schwärzlichen Hautfarbe zu urtheilen, waren es offenbar gewöhnliche mexikanische Vaqueros; sie trugen unter den steifen Sombreros schwarzseidene Tücher um den Kopf gebunden, was den Gesichtern ein noch düsteres Aussehen gab. Da sie den rasenden Lauf ihrer Pferde entweder nicht einhalten konnten, oder nicht wollten, schien ein Zusammenstoß in der engen Schlucht unvermeidlich. Aber dicht vor dem Eingang veränderten sie urplötzlich die Richtung; wilde Flüche ausstoßend sprengten sie aus das linke Ufer des Arroyo und waren bald im Schatten der Weidenbäume verschwunden.

Froh, der Gefahr so glücklich entronnen zu sein, setzte die kleine Gesellschaft ihren Weg fort; als sie jedoch ihrer Entrüstung über den unverschämten Spaß der öffenbar betrunkenen Vaqueros Lust machen wollten, wurden sie plötzlich durch einen Ausruf Barkers unterbrochen. Er

48. Jahrgang. 1900.

hatte soeben einen Reiter bemerkt, der regungslos wie eine Bildsäule unweit von ihnen im Arroyo hielt, als hätte er beobachten wollen, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Sie selbst waren seiner zwar vorher nicht ansichtig geworden, aber gewiß hatten die Mexikaner ihn erspäht. Kaum verhallte der Hufschlag ihrer Pferde, so sprengte jener Reiter auch schon wieder mit Leichtigkeit den Ufer­rand hinan, von wo er herabgekommen sein mußte. Sie verloren ihn aus dem Gesicht; aber ein flüchtiger Blick hatte genügt um sie zu belehren, daß es Jack Hamlin war. Als sie die Stelle erreichten, wo er Halt gemacht hatte, sahen sie, daß dort der Pfad einmündete, auf dem sie ihn zuerst erblickt hatten. Er war wirklich während_ ^ des ganzen Weges immer nur eine kleine Strecke von ihnen entfernt geblieben, wie Barker ganz richtig beobachtet hatte.

Aber jetzt näherten sie sich auch dem Ziel ihrer Wanderung. Als sie der: Arroyo glücklich hinter sich hatten, erkannten sie die ersten Häuser von Boomville auf der großen Poststraße. Ja, die sechsspännige Postkutsche kam eben selber den steilen Hügel heraufgekeucht, der auf der letzten halben Meile erklommen werden muß. Un­willkürlich blieben die Freunde stehen, als das schwere Fuhrwerk ächzend und knarrend an ihnen vorbei­schwankte. In ihrem gewöhnlichen Arbeitsanzug,, sonn­verbrannt, mit Staub bedeckt, die Flinten noch in der Hand, mochten sie wohl einen Anblick darbieten, der ab­sonderlich genug war, um die Aufmerksamkeit der In­sassen zu erregen. An den Fenstern des Postwagens zeigten sich verschiedene Gesichter — auch hübsche und kluge darunter — welche zu Barkers großem Unbehagen die kleine Gesellschaft mit neugierigen Blicken von Kopf bis zu Fuß nmsterten. Der kalifornische Pionier ist :m Allgemeinen sehr empfindlich gegen die unverhohlene Kritik der reisenden „Grünschnäbel" vom Osten, wie er sie nennt. Kein Wunder, daß der junge Barker vor Zorn roth wurde, und daß selbst Demorest und Stach, obglerch bärtige Männer, ihren Verdruß nicht ganz bemeistern konnten Bei dieser unerwarteten Berührung mit der großen Welt, in die sie so bald eintreten sollten, schämten sie sich ihrer äußeren Erscheinung und waren zugleich ärgerlich, daß sie sich schämten. Sticht ohne geheime Be- kriedigung hörten sie jetzt Barker sagen: „Die wurden erst einmal ihre Augen aufreißen, wenn sie wüßten, was dort in der Satteltasche steckt!" — und doch schalten sie ihn wegen seiner Großthuerei. Als die Straße :mmer belebter wurde, beschleunigten sie ihre Schritte, um nur w schnell wie möglich zu reinen Kleidern und den Segnungen der Civilisation zu gelangen.

Stur Demorest blieb allmählich hinter den beiden Anderen zurück. Die Begegnung mit der Postkutsche hatte ihn: die begrabene Vergangenheit aufs Neue heraus­beschworen. Er fühlte, daß sein altes Traumgepcht "neder lebendig wurde und sah sich von Ze:t zu Zert nach den dunkeln Linien des Black-Spur-Gebirges um, m dessen Schatten es ihm'so oft erschienen war. Vrellercht blieb der Traum dort auf immer zurück und verfluchtem sich langsam, wie die dünne Rauchsäule, die noch von ihrer brennenden Hütte aufstieg.

(Fortsetzung folgt.)

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