«8. Jahrgang.
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U0. 885. Redaktions-Fernsprecher No. 52. KttMstttg, d-N 13 . DezemK-V. Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1906 .
Abend »flusga be«
Heer und Flotte in Frankreich.
Unser Pariser Korrespondent schreibt uns:
„Die französische Armee, das zukünftige Organ der zukünftigen Revanche, zeigt von Tag zu Tag ärgere Krebsschäden, die das Herz eiires jeden nationalistischen Fanatikers mit Schmerz und Trauer erfüllen müssen. Das Allerärgste aber dabei ist, daß auch sie mit Recht aus- rufen kann: „Behüte mich Gott vor meinen Freunden, vor meinen Feinden werde ich mich schon selber schützen!" Denn die Vertheidigung, welche ihr die Nationalisten zu Theil werden lassen, ist bei Weitem gefährlicher, als die Angriffe der Radikalen.
Seitdem der General Andr6 an der Spitze des Kriegsministeriums steht, folgt ein „Jncident" dem anderen. Jncident wird in euphonischer Weise das un- disziplinirte Verhalten des Offiziercorps in seiner Ge- smnmtheit irgend einer Militärschule, einer Garnison, eines Regiments rc. genannt. Wir haben von einem Jncident von L-aint-Cyr, Fontainebleau und anderen gehört; der neueste ist der von Melun, das heißt, ganz neu ist er keineswegs, aber er erhält Aktualität durch die Interpellation eines Abgeordneten und die darauf erfolgte Antwort des Kriegsministers. Ein Offizier heirathet mit ministerieller Erlaubniß eine geschiedene Frau und wird dafür von seinen Kameraden in Acht und Bann erklärt, da eine solche Ehe gegen die Gebote der katholischen Kirche verstößt. Wahrlich, ein schönes Offiziercorps, welches sich mit derartigen Fragen befaßt! Genug, die unausbleibliche Folge davon sind verschiedene Duelle und Disziplinarmaßregeln des Ministeriums. Nun finden es die Nationalisten ganz recht und billig, wenn die Armee einen besonderen Moralcodex für sich aufstellt und schreien über die Zerstörung des Heeres, wenn der Minister seine widerspenstigen Untergebenen zur Vernunft zu bringen sucht.
Was die Angelegenheit besonders ernst macht, das ist die Häufigkeit dieser „Zwischenfälle", die wie Pilze nach einem Regenwetter aus dem Boden schießen.
Man fragt sich bei dieser Gelegenheit unwillkürlich, worin der praktische Werth einer Institution bestehen kann, die aus dem Prinzipe der Disziplin und des unbedingten Gehorsams gegründet ist und wo gerade diese Prinzipien am wenigsten Beobachtung finden. Andererseits ist die Verblendung wahrhaft verblüffend, mit welcher die angeblichen Freunde und Vertheidiger der Armee deren eben erwähnte Prinzipien zu untergraben suchen.
Und dabei entfaltet die französische Volksvertretung einen bemerkenswerthen Eifer, in materieller Hinsicht alles Mögliche zu einer Verstärkung der bewaffneten Macht beizutragen. Die Reise des Präsidenten Krüger hat die Eventualität eines Konfliktes mit England in dm Geistern wachgerufen und die Aufmerksamkeit ganz besonders der Flotte zugewendet. Diese wird, obwohl die Zweitgrößte der Welt, noch immer für zu schwach befunden. Denn Frankreich mit seinen 38 Millionen Ein-
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wohnern gegenüber den 40 Millionen Englands und den 85 Millionen Deutschlands kann sich noch immer nicht von der Chimäre lossagen, eine Flotte wie England und ein Heer wie Deutschland zu be- srtzen. So sind in der letzten Session großartige Mittel '-r Reorganisation der Kriegsflotte bewilligt worden.
- Ministerium verlangte 762 Millionen Francs für Neukonstruktionen, welche bis 1907 ausgeführt werden sollen; die Kammer erhöhte die Summe um 50 Millionen und verkürzte den Zeitraum der Ausführung um ein ^ahr! Und der Senat? — Er sanktionirte einfach diesen Gesetzesantrag!
Die neuen Konstruktionen sollen hauptsächlich aus sechs gepanzerten Hochseeschiffen und fünf Panzerkreuzern, außerdem aus einer Menge von unterseeischen Torpedobooten bestehen. Diesbezüglich muß bemerkt werden, daß m den kompetenten Kreisen seit langer Zeit zwei Ansichten um Anerkennung ringen. Ist es vortheilhafter, eine Hochseeschlachtflotte oder eine Kreuzerflotte zu schaffen? Die Verfechter der ersteren brachten vor, daß Derjenige gewonnenes Spiel habe, dem es gelänge, die feindliche Kriegsflotte so schnell als möglich anzugreifen und siegreich zu vernichten, die der letzteren meinten hingegen, daß me Zerstörung der Handelsflotte durch Kreuzer dem ^emde empfindlichere Schäden verursache und mit billigeren Ausgaben erreicht werden könne. Aus dem Plane aber ist ersichtlich, daß man einen Ausgleich zwischen Öen Gegensätzen gesucht und gefunden.
Die Bereitwilligkeit der französischen Volksvertretung, alles zur Vermehrung der Kriegsmacht beizutragen, läßt auf ihren Charakter schließen, während sich andernfalls das Ausland bei Beurtheilung der französischen Heeresund Flotten fragen durch das antimilitärische Geschrei der Regierungsparteien nicht irreführen lasse,: darf.
Deutsches Deich.
Gcgcn dir Getrcidczollerhöhnng.
Der Beschluß der Berliner Stadtverordneten-Ver- sammlung, eine gemischte Deputation einzusetzen, die eine Petition an den Reichstag gegen die geplanten Zollerhöhungen und für langfristige Handelsverträge vorbereiten soll, wird im gegnerischen Lager zu ironisiren versucht, aber der gequälte Humor, mit dem das geschieht, verfängt nicht. Man braucht solche Kundgebungen nur in die Beleuchtung paralleler Vorgänge zu rücken, um ihre Wichtigkeit sofort zu erkennen. Wir denken hierbei an den Beschluß der städtischen Körperschaften zu München und Nürnberg, gegen die Erhöhung der Getreidezölle Verwahrung einzulegen. Glaubt man wohl, daß es auf me bayrische Regierung ohne Eindruck bleiben kann, wenn die beiden ersten Städte des Landes durch ihre berufenen Organe für die Fortdauer der geltendei: Wirthschafts- politlk eintreten? Wird jetzt eine gleiche Kundgebung von Berlin aus bewerkstelligt und folgen die anderen Großstädte Preußens und des Reiches nach, so würde ein ungewöhnliches Blaß von Unverstand und Leichtsinn dazu gehören, diese Proteste gegen verderbliche Pläne mit einem Achselzucken der Gleichgültigkeit bei Seite zu schieben. Auch ist nicht anzunehmen, daß dem Grafen
Vülow nichts daranliegen sollte, wie die Bürgerschaft Berlins, deren Interessen mit der Förderung ihres Ge- werbeflerßes eng verknüpft sind, über die zukünftigen Handelsverträge denkt. Allerdings kann man nicht wissen, ob die Zulassung der beabsichtigten Krindgebung durch die Negierung gern oder nur darum geschehen ist, weil man sich denn doch scheute, durch die Untersagung unliebsamstes Aufsehen zu erregen. Als die erste Mii- theuung von dem Plane einer Protesteinlegung in die Oefsentlichkeit drang, _ versuchten die konservativen Blätter, die Negierung scharf zu machen und sie zu einer Untersagung des Vorhabens auf Grund der Städte- ordnung zu bestimmen, die den städtischen Körperschaften die Beschäftigung mit politischen Angelegenheiten nicht gestattet. Wie man weiß, ist früher mehrmals von dieser Bestimniung der Städteordnung Gebrauch gemacht worden, wonach es sich aber herausstellte, daß das ange- rufene Oberverwaltungsgericht in einigen Fällen den betreffenden Gemeinden Recht und der Regierung Unrecht gab. Jedenfalls bedeuten die bereits vorbereiteten und noch zu erwartenden Kundgebungen gegen die land- bundlerischen Umtriebe gerade soviel, daß die Regierung die ernsteste Veranlassung hat, diese Bewegung nach Gebühr zu beachten.
Polizei und Anarchismus.
Zu einem Anarchistenkongreß, der am Tage nach dem Weihnachtsfeste in Berlin stattfinden soll, ivird in dem Anarchisten-Blatte „Neues Leben" eingeladen. So oft solche Kundgebungen an die Oefsentlichkeit treten, begegnet man immer wieder dem Ausdruck des größten Erstaunens darüber, daß die Polizei diese Dinge duldet. Wir wollen nicht erst untersuchen, wie viel oder wie wenig Achtung vor den geltenden gesetzlichen Bestinlinungen in dieser Verwunderung über die vermeintliche Duldsamkeit der Staatsorgane steckt. Entscheidend für die Entschließ:,ngen der Polizei dürfte indessen weit mehr die Erwägung sein, daß es seinen Nutzen haben muß , die deutschen Anhänger des Anarchismus gleichsam in Paradeaufstellungtennenzulernen und so derMühe überhoben zu sein, sich erst durch schwierige Auskunft- schaftung über Wesen und Ziele dieser Bewegung zu unterrichten. In dem Verhalten der Polizei liegt also leine Duldsamkeit, auch keine Großherzigkeit, sondern es ist einfach ein Gebot selbstverständlicher Klugheit und bequemer Erleichterung der übertragenen Pflichten, wenn dem Anarchismus gelegentlich ein Ventil offen gelassen wird. Dies bezieht sich allerdings nur auf die bisherige Praxis, und es ist damit nicht gesagt, daß der beabsichtigte .Kongreß nun wirklich stattfinden lverde. Zwar sein vorheriges Verbot dürfte schwierig sein, aber die Auflösung der Versainmlung könnte selbstverständlich in jedem beliebigen Augenblick erfolgen, und man muß abwarten, ob das geschehen wird.
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* Hof- und Personal-Nachrichten. Wie der „Lokal- Anzeiger" meldet, trifft der Reichskanzler Graf B ü l o w schon am nächsten Montag in München ein. um sich dem Prinz- Regenten vorzustellen. — Der zum Gouverneur von Ostafrika ausersehene Hauptmann Graf v. Götzen wird seinen neuen Posten erst in wenigen Monaten antreten. Seine Ernennung
FernlieLon.
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindenberg.
Vor dem Fest. — Allerhand Klagen. —Wettbewerb der Waaren- magazine. — Unser Kunstgewerbe. — Rückkehr der Chinakämpfer. — Willkommen in Berlin. — Aus dem Reichstag. — Mißstimmungen.— Kriminalkommissar Thiel und Justizrath Sello.
— Professor Karl Beckers 80. Geburtstag.
Sie will noch garnicht Einkehr bei uns halten, die richtige weihnachtliche Stimmung, trübe blickt der Himmel herab und vergießt viele unfreundliche Thränen, die recht im Gegensatz stehen zu den Aufforderungen zum Abonnement für die Thiergarten-Eisbahnen, welche uns von den Anschlagsäulen entgegenleuchten mit der riesengroß gedruckten Aufschrift: „Der Winter ist da!" Wenn er nur erst da wäre, als der „Alte im weißen Bart", mit funkelndem Schnee und glitzerndem Eis, wie wir ihn aus der Jugendzeit her kennen, während das jüngere Geschlecht kaum die Bekanntschaft des echten Winters gemacht hat — steht er doch seit Jahren mehr im Zeichen der Regenpfützen und des Matsches, als wie in jenem eines klaren, tüchtigen Frostes. /
Mit den Klagen, über die unzuträgliche Witterung sind die über einen schlechten Geschäftsgang eng verbunden. „So bös wie diesmal sah's seit Jahren nicht aus," hört man häufig seufzen, und stets schließen sich dann einige sehr kräftige Bemerkungen über die ungeheuere Konkurrenz, welche großen Waarenmagazine allen anderen Geschäften machen, an. In der That, wer jetzt die Leipziger Straße entlang geht und sieht, tote die Menschenmassen in ununterbrochen dichten Schaaren in j)ie Zewgltigen Verkaufspgläste Hineinströmen, wie aus deren
Thorwegen Wagen auf Wagen herausrollt, bis obenhin beladen mit Palleten aller Art, wie sich Abends Tausende und Abertausende stauen vor der langen Reihe der bis zum ersten Stockwerk reichenden, glänzend erhellten Schaufenster, deren mannigfachster Inhalt mit ungemeinem Geschick und Geschmack auf- gcbaut ist, dem wird doch bange um das Bestehen zahlloser kleinerer und mittlerer Geschäfte, deren Besitzer sehnlichst auf den sonst mit der Weihnachtszeit verbundenen Goldregen gehofft, und denen nun jeder neue Tag neue Enttäuschungen bringt! Zwar ist ja dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und unser Publikum wird ja auch bald merken, daß -s in den erwähnten Magazinen nichts geschenkt bekommt, im Gegentheil, aber bis diese Erkenntniß aufdämmert, sind so und so vielerFirmen zu Grunde gerichtet worden!
Und dabei werden von allen Seiten die größten Anstrengungen gemacht, auf den verschiedensten Gebieten des Kaufmarktes das denkbar Beste und Vornehmste zu bieten. Unser Kunstgewerbe \n erster Linie entfaltet eine Eleganz, an die man noch vor einem Jahrzehnt garnicht zu denken wagte, und die man aber heute als selbstverständlich hinnimmt. In Möbeln und Dekorationen ist der noch vor Kurzem herrschende englische Geschmack im Verschwinden begriffen, an dessen Stelle sich mehr und mehr der belgische bemerkbar macht, der viele neue Formen hervorgebracht hat. besonders in Schmucksachen, Tafelgeschirren, dekorativen Gegenständen rc., hat doch em hiesiges großes kunstgewerbliches Kaufhaus einen der bekanntesten belgischen Künstler, Professor Henry van der Velde, der in der erwähnten Stilrichtung mit unermüdlich schöpferischer Kraft thätig gewesen, für sich engagirt und ist der Genannte schon von Brüssel nach Berlin llbergesiedelt. In den Schmucksachen zeigt sich vielfach bereits der Einfluß der Pariser Weltausstellung; dort hatte ja gerade die Juwelierkunst ihre hervorragendsten Erfolge erzielt, und die Franzosen hatten bewiesen, rn welch bewundernswerther Weise sie höchsten Geschmack mit
Reichthum und Gediegenheit zu vereinen verstehen. Aber auch abgesehen von den bedeutendsten Zweigen des eigentlichen Kunstgewerbes ist bei uns auf fast allen anderen Gebieten des Kaufmarktes Prunk und Luxus in stetem Steigen begriffen; man denke beispielsweise nur an Gardinen, Vorhänge, Decken. Teppiche, Kleiderstoffe, Porzellane für den Hausgebrauch einst und jetzt, und vergegenwärtige sich, welch grundlegende Umänderungen u. A. die Papier-Industrie durchgemacht hat, auf welchem Felde Berlin mit tonangebend geworden ist, während es früher stets hinterher hinkte!
Vielen ward übrigens bereits eine Weihnachts-Vorfreude bereitet, die schönste, die sie sich denken konnten, und zwar durch Rückkehr ihrer Angehörigen, die zu jenen Chinakämpfern gehörten, die vor wenigen Tagen in Bremerhaven mit dem Lloyddampfer „Köln" angelangt sind. Berlin wird Gelegenheit haben, die Braven freudig zu begrüßen, da sie auf direkte Veranlassung des Kaisers hier am Sonntag Nachmittag eintreffen werden, um vom Lehrter Bahnhof aus, geleitet von der Ehren- Compagnie eines Garde-Regiments, die erbeuteten chinesischen Fahnen nach dem Zeughaus zu bringen, woselbst der Kaiser die hcimgekehrten Truppen erwartet. Das wird ein schöner Jubel und Trubel werden, falls der Himmel nur ein einigermaßen liebenswürdiges Gesicht dazu macht. Sie hat ja schon viel erlebt. unsere stolze Siegesstraße Unter den Linden aber am Sonntag wird ihrer inhaltvollen Chronik doch ein ganz neues Blatt zugefügt werden, denn einen Einzug deutscher, aus China kommender Krieger, nein, den hat sie bisher noch nicht gesehen! Das frohe Willkommen hier und überall wird die Tapferen, die nun wieder nach längerer Abwesenheit den Heimathboden betreten, reich entschädigen für viele Entbehrungen und Mühen Gefahren und Anstrengungen, die sie „drüben", im Reiche der Mitte, durchgemacht. Was wird das für ein Berichten und Er- zahlen geben unter den würzigen Zweigen des Tannenbaumcs. von vielem Fremden, vielem Seltsamen wird geplaudert werden.
