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*8. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag L« Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. 6» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
ZV,ZOO Adormentrrr.
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für die Abrnd-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur .*g ..**'*”*** (gVtWWfjluv uächsterscheinenden Ausgabe wird kerne Gewahr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. _
ttf. 882. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Jfl'tflfßg, 14. De^LMÜLk. Verlags-FernspZecher No. 2266. 1800.
Der Eiftnlmhnunsttl! hei Bsscnlmch.
Die Annahme, daß der Brand der Wagen durch aus- strömxndes Gas entstanden sei, wird als ein Jrrthum
bezeiHnet.
Die eingehenden amtlichen Untersuchungen über das Offenbacher Eisenbahnunglück, das wegen -seiner schrecklichen Folgen und der Betrachtungen über die Sicherheit des Reiseverkehrs auf t>en Eisenbahnen in den weitesten Meisen große Aufregung verursacht hat, sind nun zu efnem gewissen Abschluß gediehen. Das Ergebniß dieser Untersuchungen wird in der heutigen amtlichen „Berliner Korrespondenz" veröffentlicht. Es enthält eine Schilderung des Unglücks, die mit den früheren Zeitungsberichten im Wesentlichen übereinstimmt und die wichtige Mittheilung, daß zunächst ergänzende Bestimmungen über die Blockbedienung und das Zurücksetzen von Zügen erlassen sind, möglicher Weise werde auch die Einführung von Hornsignalen neben den heutigen Blocksignalen in Betracht kommen.
Die Lokomotive stand auf ihren Rädern im Gleise and bis zum Führerstande zwischen den etwas ausgehobenen und abgebogenen Wagenwänden, über sich das Wagendach, das zum Theil von dem Dampfdom des Kessels aufgespalten war. Die Trümmer des Fußbodens, der Zwischenwände und der Sitzeinrichtungen, also Holzsplitter, Möbelstoffe, Kokosdecken, Wandbekleidungen, Wachstuch und Linoleum müssen sich vor, neben und über dem Vordertheil des Kessels anfgestaut haben. In diese wirre Masse sind die 600—700 Grad heißen Feuergase aus dem Schornsteinloch der Rauchkammer geströmt und haben den Raum alsbald mit glühendem Qualm erfüllt und alles Brennbare entzündet. In den Feuerherd, der sich sofort nach dem Zusammenstoß im Innern des Wagens gebildet haben muß, ist Gas aus den Gasbehältern von unten aufgestiegen, vielleicht ist auch aus den zertrümmerten Lokomotiv- laternen Gas ausgeströmt — der Gasbehälter für diese Laternen liegt hinten am Tender. Mit einem Knall bildete sich eine große Flamme, die den Wagen zu durchziehen und auch bald wieder zu verlöschen schien, während der Brand im Innern sich verbreitete, sodaß dann nach einigen Minuten die Flammen aus der Decke und zu den Seiten aus den geöffneten und zertrümmerten Fenstern emporschlugen. Es kann wohl angenonunen werden, daß der Knall ziemlich bald nach dem Zusammenstoß gehört wurde, wogegen der volle Brand erst nach vier bis fünf Minuten ausbrach, denn inzwischen haben mehrere Zugbeamte dicht an den Wagen herankommen und auch Rettungsversuche anstelle» können, da die Flammen dies noch nicht behinderten, auch haben sich die im letzten Wagen befindlichen Personen, soweit sie nicht erdrückt oder in den feurigen Rauchgasen erstickt oder ihrer Be-
wegungsfahlgreit durch Einklemmen, schwereVerwundung u. s. w. beraubt waren, retten können.
Die Gasbehälter waren bis auf das eingestoßene Loch und die abgerissenen Rohre unversehrt, es hat also keine Explosion der Gasbehälter stattgefunden, dagegen hat sich wahrscheinlich ein Theü des ausgeströmten Gases im Innern des Wagens mit den Rauchgasen und atmosphärischer Luft gemischt und sich dann am entstandenen Feuerherd plötzlich entzündet. Diese Flamme hat sicherlich zur schnelleren Verbreitung des Feuers beigetragen: aber es ist nach der ganzen Sachlage unzweifelhaft, daß auch ohne Gas der Brand hätte entstehen müssen.
Nachdem noch näher geschildert wird, wie alle nicht eingeklemmten Reisenden in den gefährdeten Wagen sich gerettet hatten, heißt es weiter:
Wie sich aus der gegebenen Schilderung des Vorganges ergiebt, sind die in der Presse gemachten Voraussetzungen zum Theil irrig. Es ist Niemand, der sich im verunglückten Zuge befand und seine Bewegungsfreiheit behalten hatte, also überhaupt in der Lage war, sich zu retten, durch Einrichtungen am Wagen daran verhindert; daß von den anderen Personen, die verunglückten, die eine oder andere noch Hütte gerettet werden können, wenn Thüren in den Abtheilen oder in dem L>eitengang gewesen waren oder wenn der Brand etwas später ausgebrochen wäre, ist nach der Sachlage nicht anzunehmen. Immerhin muß auf das Eingehendste geprüft werden, welche Einrichtungen etwa zu treffen sein möchten, um bei einem — hoffentlich nicht wiederkehrenden — ähnlichen Ereigniß die Möglichkeit der Rettung zu erhöhen. Aber es dürfen andernfalls nicht solche Einrichtungen getroffen werden, die lediglich auf diesen Einzelfall berechnet, bei der gewöhnlichen Benutzung der Wagen aber andere Gefahren oder doch wenigstens Mißstände herbeiführen können.
Ob die Fenster so abgeändert werden können, daß sie unter Verkürzung nach oben bis zur Brüstung herabfallen, unterliegt der Prüfung. Die vielverleumdeten Messingstangen vor den Fenstern in den Seitengängen — und nur vor diesen Fenstern befinden sich solche Stangen — sind lediglich zum Schutz der Reisenden gegen Verletzungen angebracht, sie liegen tiefer, als die herabgelassenen Fenster und können daher in keiner Weise die freie Fensteröffnung beengen. Die nachträgliche Anbringung von Seitenthüren in den vorhandenen Wagen ist aus Gründen der Bauart, deren Mittheilung hier zu weit führen würde, ausgeschlossen; inwieweit es angängig ist, Noththüren oder Nothklappen herzustellen, unterliegt ebenfalls der Prüfung, ebenso welche sonstigen Aenderungen nothwendig oder wünschenswerth sind. Die inneren Thürgriffe bei den v-Zugwagen, deren Anbringung überhaupt erst auf Anregung der preußischen Staatsbahnverwaltung vor nicht langer Zeit durch Bundesrathsbeschluß gestattet wurde, sind bereits zum größten Theile angebracht, die Beendigung dieser Arbeit ist bald zu erwarten. Wenn in der Presse darauf hingewiesen ist, daß Durchgangswagen mit Thüren in den Seitenwänden in Ungarn, Frankreich und England vor
handen sind, so ist dies in geringem Umfange richtig. Wollte man bei künftigen Neuanschaffungen schmälere Wagen mit Seitenthüren bauen, so würde die Zahl der Plätze so verringert werden, daß die Verwendung derartiger Wagen ausgeschlossen und damit v-Züge ohne erhebliche Erhöhung der Fahrpreise überhaupt unmöglich wären. Abgesehen davon würde durch Einbringung von Seitenthüren die Festigkeit der v-Zugwagen erheblich beeinträchtigt werden. Der jetzige I)-Zugwagen ist, weil die Seitenwände durch die eingeschnittenen Thüren nicht geschwächt sind, außerordentlich steif und widerstandsfähig, wie sich dies nicht nur in früheren Fällen von Zusammenstößen, sondern auch bei dem Offenbacher Unglück auf das Klarste gezeigt hat. Der letzte Wagen hat den ganzen enormen Stoß aufgefangen, ohne daß dieser noch auf den zweiten Wagen zerstörend eingewirkt hat. Außerdem hat jeder Wagen in dem Vorbau und dem Abort vorn und hinten einen Schutzraum. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn das Unglück bei Offenbach nicht einen v-Zug, sondern einen gewöhnlichen Zug betroffen hätte, die Folgen noch viel schrecklicher gewesen wären, während jetzt trotz des gewaltigen Stoßes nur die Hälfte des letzten Wagens zerstört wurde.
Aus Stadt und Land.
Wiesbaden, 14. Dezember.
— Geschichtskalcnder. 14. Dezember. 1870: Kapitulation der Festung Montmedy. 1861: f Heinrich Marschner Zu Hannover, Komponist. 1861: f Prinz Albert, Gemahl Viktorias, Königin von Großbritannien. 1849: st Konradin Kreutzer zu Riga, Lieder- und Opernkomponist. 1801: * Christian Dietrich Grabbe zu Detmold, dramatischer Dichter. 1799: st George Washington zu Mount Vernon, der Gründer der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. 1788: st Emanuel Bach zu Hamburg, Sohn Sebastian Bachs. 1762: * Christoph August Tiedge zu Gardelegen, deutscher Dichter.
— Wohlthätigkeits-Konzert. Ein Weihnachts- und Kinder-Konzert zum Besten der Christbescheerungen für arme Kinder in dem Kinderhort, Rettungshaus und der Kinderbewahranstalt findet Donnerstag, den 20. d., Nachmittags 5 Uhr, im Saale des Katholischen Gesellenhauses, Dotzheimerstraße 24, statt. Auch in diesem Jahre haben sich die Schüler und Schülerinnen des Beethoven-Konservatoriums mit ihren Lehrern und Lehrerinnen zur Ausführung einer Weihnachts-Aufführung zusammengethan. Die Erinnerung an di- vorjährige ist noch bei den Besuchern derselben lebendig und wird für die diesjährige die wärmste Empfehlung sein. Die Idee, die Kräfte unserer jüngeren Generation in Thätigkeit zu setzen für ihre ärmeren und bedürftigeren Mitmenschen des gleichen Alters, ist an und für sich schon eine edle und sie wird in diesem Falle noch verschönt durch den verklärenden Schimmer, den der Lichtglanz unseres liebewarmen Weihnachtsfestes darüber wirft. Eine sinnige Weihnachtsgabe ist diese Aufführung auch für alle Angehörigen und Freunde der zahlreichen jungen Mitwirkenden, denn sie soll die Herzen der Besucher mit dem Zauber der Weihnachtspoesie umspinnen in Worten und Tönen. Das
FerriUeLon.
Cornelia Goethe^
Äedenkblatt zum 150-jährigen Geburrs»aze der Schwester Goethes (17. Dezember).
Bon M. Ploch.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Auch in dem schon erwähnten Tcigebuche Cornelias bilden die ihr versagten äußeren Reize einen Hauptgegen- stgnd der Klage, sodaß uns eine so übertrieben hohe Werthschätzung der Schönheit bei einem geistig reich wie sie veranlagten, hochgebildeten Wesen unbegreiflich erscheinen will. Sie gehörte eben zu den unglücklichen Naturen, die gerade das ihnen Versagte für das vor allem Wünschenswertheste halten. Dieses Tagebuch, dem wir neben dem oben wiedergegebenen unübertrefflichen Bilde, das Goethe mit wenigen Meisterstrichen in Dichtung und Wahrheit von der geliebten Schwester entworfen hat, die genaue Kenntniß jenes „lieben unbegreiflichen Wesens" verdanken, ist vollständig in dem L-tile von Cornelias Lieblingslektüre abgefaßt. Die- ,elbe bestand in den Romanzen des Engländers Richard- >on, welche damals den Geschmack aller gebildeten Leser- tMse beherrschten. Auch Goethe hat dieser Dichtungs- E, die einzelne Selbstbekenntnisse zu ganzen Seelen- gernälden zusammenfügte, seinen Tribut gezollt, indem er Zach ihr, seine Vorbilder jedoch weit übertreffend, den Werther schuf.
»Kann ein Frauenzimmer", sagt Dichtung und Wahrheit weiter, „für den Mangel an Schönheit entschädigt werden, so war sie es reichlich durch das un- Mrenzte Vertrauen, die Achtung und Liebe, welche lammtuche Freundinnen zu ihr trugen, sie mochten älter -per junger sein, alle hegten die gleichen Empfindungen.
Eine sehr angenehme Gesellschaft hatte sich um sie versammelt, es fehlte nicht an jungen Männern, die sich einzuschleichen wußten, fast jedes Mädchen fand einen Freund, nur sie war ohne Hälfte geblieben. Freilich, wenn ihr Aeußeres einigermaßen abstoßend war, so wirkte das Innere, das hindurchblickte, mehr ablehnend als anziehend; denn die Gegenwart einer jeden Würde weist den Anderen auf sich selbst zurück. Sie empfand es lebhaft, sie verbarg mirs nicht, und ihre Neigung wendete sich umso kräftiger mir zu."
Nach dem oben Gesagten freuen wir uns doppelt, aus der nun folgenden reizenden Schilderung des heiter geselligen Treibens, wie es sich für jenen munteren Kreis auf den sonnenbeglänzten Ufern des Maines abspielte, entnehmen zu können, daß auch für Cornelia der Frühling des Lebens erblühen sollte, und zwar um die anziehende Erscheinung eines jungen Engländers, der sich vorübergehend in Frankfurt in einer Pension aufhielt. Goethe schildert ihn als eine wohlgebaute Gestalt von gesetztem . Wesen und zurückhaltenden Manieren, mit einem feinen, eng zusammengedrängten, von Blatternarben aber arg entstellten Gesicht. Cornelia dagegen sieht in ihrem theuren Harry den besten und auch den schönsten Man», der je in ihren Gesichtskreis getreten ist. Doch auch durch den Verlauf dieses kleinen Liebes- Handels können wir das seltsame Mädchen an der Hand ihres Tagebuches nur mit Mitleid begleiten, denn die gerade bei der Jugend uns sonst so entzückende Hoffnungsseligkeit fehlt ihm vollständig. Man erhält von ihm durchaus den Eindruck, als ob den beiden ernsthaften jungen Menschen, zwischen welchen es sich abspielte, von Anfang bis zu Ende in wortlosem Sich- cinnnderverftehen, niemals auch nur einen Augenblick lang die Hoffnung vorgeschwebt habe, es könne ihre gegenseitige heiße Liebe in einer dauernden Vereinigung ihr beglückendes Ziel finden. Der Familienname jenes jungen Ausländers, der dadurch, daß er die Jugendliebe
emer von der deutschen Dichtersonne beglänzten Frau gewann, in die Reihen der Unsterblichen einrücken durfte, ist leider, da ihn weder das Tagebuch noch „Dichtung und Wahrheit" ein einziges Mal erwähnen, ewiger Vergessenheit anheimgefallen.
Nachdem in den Betrachtungen des Tagebuches der Schmerz über die unvorhergesehene rasche Abreise des geliebten Gegenstandes überwunden ist, bilden ihren Hauptinhalt Klagen über Täuschungen, die die Schreiberin an ihren nächsten Freundinnen erleben mußte. Da ist die Eine leichtfertig und läßt sich bald da, bald dort den Hof machen, trotzdem sie die Liebe eines ehrenhaften Mannes besitzt und angenommen hat; eine Zweite verliert ihren Bräutigam, dem sie anscheinend sehr zugethan gewesen war, durch den Tod, besucht aber dessenungeachtet alle öffentlichen Vergnügungen, dabei nur immer das unkleidsame Schwarz der Trauerkleider beklagend — sie beide können ihr natürlich nicht mehr Freundinnen sein; wenn auch mit tiefem Herzeleid, so doch gänzlich reißt sie Och von ihnen los, indem sie zugleich in ihrem Urtheil über sie eine Schärfe entwickelt, daß man annehmen muß, der Ausspruch ihres Bruders: „Man hätte denken können, sie sei ohne Hoffnung, ohne Glauben und ohne Liebe", dürfe wohl der Erinnerung an solche Momente seine Entstehung verdanken. Er, der Bruder, konnte aber mit diesem „man" nur auf sehr oberflächliche Beobachter hinzielen wollen, denn Alle, die Cornelia näher kannten, mußten wohl wissen, daß die hohen Ansprüche, die sie an ihre Mitmenschen stellte, nur ihrer eigenen Herzensreinheit und Sittenstrenge entsprangen.
Im Brennpunkte der Interessen, von denen das Tagebuch spricht, steht jetzt eine neue Frage: die einer einstigen Heirath der Schreiberin. „Es ist offenbar, daß ich nicht immer Mädchen bleiben werde, auch wäre es sehr lächerlich, einen solchen Plan zu machen. Obgleich ich schon längst die romanhaften Gedanken von der Ehe aufgegeoen habe, so ist doch eins hohe Idee von der ehelichen Liäie in
