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48 . Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag Lr» Pkg. rnouatlich, durch die Post 4 Mk. ««» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

AT'FOO Abormerilen.

Anzcigen-PreiSr Die eiusvaltiac Petitzcile für locale Anzeigen jr Pfa für auswärtige dl>«ze>g«n 25 Pfg. Reklamen die V-Mzeile M Wiesbaden 50 Pkg-, für Auswärts 1 Ait.

Kocinlp nlitifri) e Km schau.

Dem Reichstag liegen schon jetzt so zahlreiche socral- politische Anträge vor, daß eine gründliche Durch- berathung derselben ganz unmöglich ist, wenn die Tagung nicht ganz außergewöhnlich verlängert werden soll. Jene Anträge möge man iinmerhin als ein Zeichen des in Deutschland vorhandenen regen socialpolitischen Geistes auffassen — doch darf man ihren Werth nicht überschätzen.

Es sind manche unter ihnen, die überhaupt nicht ernst ge­meint sind, die nicht die geringste Aussicht auf Annahme haben und deren Verwirklichung nach unseren wirthschaft- lichen und socialen Verhältnissen noch geraunte Zeit ganz unmöglich ist. Zu ihnen gehört der Antrag, den gesetz­lich zehnstündigen Normalarbeitstag für alle im Lehr-, Arbeits- und Dienstverhältnisse, im Gewerbe-, Industrie-, Handel- und VerkehrswesenBeschäftigten einzuführen, der innerhalb einer von Reichstag uitd Bundesrath zu be­stimmenden Zeit in den achtstündigen Arbeitstag umge­wandelt werden soll. Bekanntlich handelt es sich^daber keineswegs um neue Forderungen. Der in jedein Myre in allen großen Industrieländern in der sogenannten ,Maifeier" seinen sichtbaren Ausdruck findende Kamps um den Achtstundentag ist zu einer ständigen Erscheinung rmseres öffentlichen Lebens geworden. Wir Md nicht jo sehr Pessimisten, um nicht zu glauben, daß Deutschland eine Stufe unserer kulturellen Entwickelung erreichen wird, auf der es möglich ist, den Achtstundentag fast all­gemein zur gesetzlichen Einführung zu bringen, wir md aber auch nicht Optimisten genug, um die Ueberzeugung zu besitzen, daß es heute bereits möglich sei, auch selbst nur den Zehnstundentag so allgemein gesetzlich festzulegen, als es in jenem Reichstagsantrage verlangt wird. Der Kampf um eine vernünftige Verkürzung der Arbeitszeit ist ein sittlicher Kampf, er ist nothwendig für die Ent­wickelung der arbeitenden Menschheit zu höheren Kultur fornien, er kann auch, rein wirthschaftftch betrachtet, em Gebot der Pflicht sein, aber wo und aus welchen Gründen auch inmier dieser Kampf geführt werden möge er hat auf die bestehenden Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, dm Freunde der Verkürzung langer Arbeitszeiten haben dw Zustände in den einzelnen Erwerbszweigen zu prüfen, sie haben nicht einfach ganz allgemein eine Verkürzung zu dekretiren, sondern zu spezialistren, und handelte e- sich vorläufig selbst nur um die Einführung des Zehnstunden- tages. Wir glauben, daß der Reichstag zu dem Antrag dieselbe Stellung wie wir einnehmen wird. immerhin bietet voraussichtlich die Erörterung desselbeneme nult oft geniig aufzugreifende Gelegenheit, eindringlich auf r.e unerhöick langen Arbeitszeiten hinzuweiscn, die in einer ganzen Anzahl ausgedehnter Erwerbszweige noch immer

^Besonders ist das bekanntlich in der Hausindustrie der Fall, wo zarteste Kinder m emer für unser so viel L e- lobtes „humanes Zeitalter" geradezu beschämenden Weise nboprockert werdeii bis ste an Leib und Seele gebrochen sind. Es ist das ein altes und trauriges Kapitel unserer industriellen Zustäiide, schon oft m feiirer ganzen furcht- bark t bloßqelegt, oft beklagt. Daß etwas gegen dm von der ausgedehnten hausindustriellen, und landwirthschast- Men Kinderarbeit an der Volksgeiundheit angerichteten

ÄüSiüÄ muß, giebt jeder Menschenfreund

zm betont Jeder, der überhaupt emm Einblick m die be- si^ipriden Verbältniste gewonnen hat. Aber wa. lou

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B sbeü sonde?n w il die wirthschaftlichen Zustände sich Lr derart entwickelt haben, daß viele Erwerbszweige aeaenwärtig wenigstens, kaum ohne die Ausbeutung c kindlicken Arbeitskraft bestehen können. Es ist das sicher traurig und sehr beklagenswert^ aber der Social- volitiker hat mit den einmal bestehenden Zilstanden zu rechnen riiid zu prüfen, ob durch das einfache Verbot der­artiger Kinderarbeit der Teufel nicht Mit Beelzebub cais- getrieben wird.

Es ist das bekanntlich schon einmal geschehen durch das Verbot der Fabrikarbeit schulpflichtiger Kinder,

Absicht war sicher gut und der durch zene gesetzliche B - stimmung aufgestellte Grundsatz ein lehr erheblicher socialpolitischer^Fortschritt, aber seit jenem Verbot hat ich d!e hausindustrielle Beschäftigung der Kinder m der angegebenen Weise entwickelt. Ein anderer Antrag liegt dem Reichstage vor, der die Beschäftigung von Kinderm unter 14 Jahren im landwirthschaftlichen Gesindedienst und bei gewerblichen Arbeiten vollständig verbieten will Auch das ist über das Ziel hmausgeschossen. Es kann sich unmöglich darum handeln, den Kindern iede, der­artige Beschäftigung zu verbieten, sondern die Aufgabe ist gesetzliche Bestimmungen zu treffen, daß em aus Gründen dm- sittlichen, geistigen und körperlichen Ge- sundheit gebotenes Maß mnegehalten w^. Auch h er kann es sich nur um das Beschreiten des Mittelwege handeln; ihn finden, ohne wichtige und gegenwärtig noch berechtigte Interessen zu verletzen, aber auch ohne den Zweck derartiger Kinderschutzbestimmungen zu verfehlen, ist die schwierige Frage.

Alle derartige Gesetze sind untrennbar von einer ganz außergewöhnlichen Ausdehnung des polizeilichen Beau- sichtigungsrechts, die jedoch ertragen werden muß, denn ohne strenge Kontrolle giebt es kemen wirkstrmen Ar­beiterschutz. Diese strenge Kontrolle wird auch Eintreten müssen sollte ein anderer im Reichstage gestellter Antrag Gesttz werden der dahin zielt, gewisse Beschränkungen aiich für die Beschäftigung von Arbeiterinnen und zugeud- lichen Arbeitern außerhalb der Fabrik emzufuhren. Oer Antrag richtet sich gegen die Heimarbeit nach Feierabend, L K°»Li in "einzelnen

Industrie zu ungesunden Zuständen geführt hat. Zu den wichtigsten socialpolitischen Forderungen, die an den gegenwärtigen Reichstag gerichtet sind, gehört ledoch Me, die auf größere Ausgestaltung der Gewerbegerichte zu Einigungsämtern hinzielt und darüber hinaus e» den Arbeitern durch die Gewerbegerichte ermöglichen will, über gemeinsame wirthschaftliche Angelegenheiten Mit Vertretern der Negierung und der Arbeitgeber m Ver­handlungen einzutreten. Der letzte Grund dieser Forde­rung ist die wünschenswerthe Beschränkung der Lohn- Md ähnliche» Kämpfe, der S!»rs.l°ch> w.derMlch»der Interessen, wo das überhaupt möglich ist, die Arbeit rm Dienste des socialen Friedens. Dieser Forderung ist auf das Wärmste ein guter Erfolg zu wünschen, denn

Verlngs-Fernspl echer No. 2266.

welche Verheerungen der sociale Krieg anrichtet, geht aus einer soeben veröffentlichten amtlichen Statistik hervor, nach der im vorigen Jahre m Deutschland 1836 Streiks stattsanden, von denen 7121 Betriebe mir 25 b,858 Ar beitcrn betroffen wurden. Welche Summe von Leiden- schuft, Enttäuschung und Roth enthalten diese Ziffern, denn selbst ein Sieg wird von streikenden Arbeitern nicht ohne harte Entbehrungen erreicht. Ob es iedoch icmals möglich ist, selbst berechtigte Arbelterfordernngen stets auf friedlichen! Wege durchzusetzen, unberechtigte m eben derselben Weise abzuwehren — wer vermochte das zu sagen? Jedenfalls ist beides „ein Ziel, aufs MNigste zu

“""sEii* wird SeiSRcMiätag mich di-W»h»mgSft°g- erörtern haben. Es liegt ifim der »»trag °°w durch Vertreter des Reiches, der Bundesstaaten, aus Mit­gliedern des Reichstags und anderen m der Wohnungs- iraae praktisch thätigen Männern eine Kommission zur Untersuchiing der Wohnungsfrage in den einzelnen Thin des Reiches zu bilden. Diese Kommission soll mich die zur Abhülfe der Wohnungsnoth ausgestellten

Forderungen prüfen und Vorschläge zu emer Organi­sation der öffentlichen Wohnungssursorge machen. Werthvolles Material liegt dem Reichstage m dieser Be­ziehung durch die Anregungen vor, die von dem Verein „Reichswohnungsgesetz" ausgegangen sind, mit dessen Bestrebungen er sich bereits vor einem Mhre etwa b schüft gte. Schoil damals hat der Reichstag beschlossen den Reichskanzler um die Einsetzung emer derartigen Kommission zil ersuchen. Bis jetzt ist das leider nichtM - schehen, obgleich es dringend zu wünschen ist, daß auch die Reichsregierung der Wohnungsfrage die ihrer Wich­tigkeit entsprechende Beachtung schenken nioge.

Krrßftimmfn tiluT dle Kan^lerrkde.

Die treffliche Rede Biilows schafft trotz aller Schlagfert^- keit d? Eaurige Thatsache nicht aus der Welt daß „Re Volker Europas", die, mit Ausnahme AlMons, sammtuch ressen räuberisches und unmenschliches Vorgeyen gegen em klem Volk verurtheilen, nicht den Muth und die Kraft haben einen solchen Akt barbarischer Willtur zu verhindern. D ese Rede die auch bei uns schon kommentirt wurde, findet natürlich die hervorragendste Beachtung. Nachfolgend eine lle,mi Zusammm- itelluna von Preßstimmen über das ernerne energische Auftreten

des neuen Kanzlers. Die „B ° s.s i s ch e Zeitung lM dre Ausführungen Biilows und meint, die Alldeutschen wurden wohl nicht wahr haben wollen, daß der schmerz, welcher dem cretfen Krüger durch den Richtempfang bereitet wurde, nicht so groß sei, wie es di- Enttäuschung Krügers naa, emem 'rauschenden Empfange in Berlin gewestn toaxe - Berliner Tageblatt" ist der Ansicht, daß Graf Bulow einem großen Theile des deutschen Volkes nicht di- logische Scblüssiqkeit seiner Behauptungen klar gemacht haben wird, warum man da eine Intervention Deutschlands ausgeschlossen war nun auch dem Präsidenten Krüger nicht den erbetenen Empfang gewähren könne. Es sei erfreulich daß Graf Bulow der Kölner Polizei seine Mißbilligung ausgesprochen habe — D r Vorwärts'' sagt, die Grundsätze, d e der Reichs­kanzler für die äußere Politik aufgestellt hat, bedeuteten eme scharfe Kritik jenes impulsiven 1896er Telegramms nach dem -iameson-Einfall, und gleichzeitig ständen sie im thatsachüchen Widerspruch zu den vorhandenen abenteuerlichen Tendenzen der Weltpolitik, die uns außerordentlich leicht Konflikte auf den Hals ziehen können. - Die „K r e u z z e r t u n g sagt, daß

Keuil!eLou.

Die Sonnebrrgsr Zpislwaaren-Industrie.

Ueber die Geschichte der Spielwaaren - Industrie Sonne- beras in Sachsen-Meiningen entnehmen wir emem aus Anlaß der" Pariser Ausstellung erschienenen Schrcstchen folgende m- teresiante Mittheilungen. ^ B .

o-m südöstlichen Theil des Thüringer Waldes, dem so- aerannten Meininger Oberland, dessen Mittelpunkt Sonneberg Lt Me man sich vor Jahrhunderten schon, wenn m^ der Winterszeit der Verkehr auf den rauhen Hohen stockte und^die Erwerbsaeleaenheit gering war, mit der Herstellung einfacyer, kunstloser Haus- und Küchengeräthe aus Holz beschäftigt, all­mählich aber. wohl durch das schon frühzeitig m Sonneberg

na* Norden die sogenannte „Nurnberg-Sachsische Geleitstrahe ,

den Vertrieb der Sonneberger Maaren mit besorgten, aber die Stürme des 80-jährigen Krieges ;ene verkehrsreiche Bergstraße veröden ließen und an Stelle handelsruhriger Rurn- beraer Kaufleute beutegierige Söldnerschaaren, den „Wald überschritten, da mußte Sonneberg selbst Wege für den Vertneb keiner Er eüqnisse suchen, und so wurde „Niirnbergs Gold-

töchterlein" selbständig. Schon im 17. Dichtung

Vonneberger Handel so empocZ-bluht, daß man bei Errichtung

der Messen in Frankfurt a. M. den Sonneberger Kaufleuten gleiche Freiheiten von Zöllen und Geleitsabgaben gewahrte, wie

Mit de/ Zeit machte man in der Fabrikation Fortschritte, die Maaren wurden ansehnlicher und gefälliger. Man begann, die geschnitzten Artikel zu bemalen, sodann beschrankte man sich darauf, bei den Docken und Thieren nur den Rumpf au- Holz zu schnitzen, während diejenigen Theile, welche besond. - umständlich und schwierig zu schnitzen 'VE. aus emer^ be­sonderen Teigmasse geformt, oder wie man sich °usdruckteMossir wurden. Dieser FabrtkationSweiie hastete aber der Mangel an daß der Teig schwer trocknete und, der Feuchtigkeit ausgesetzt, weich wurde, und daß das freihändige, zeitraubende Bosstren

die Maare nicht billig Herstellen ließ.

Ein großartiger Fortschritt, war die fett üm 1820 datirende Benutzung der P ap ierm acy e-M asse, durch welche die ganze Bossirerarbeit in sofern namentlich emen anderen Charakter erhielt, als man sich bei dieser bildsamen Masse besonderer Modelle zum Formen bedienen konnte und so eine weit höhere Produktionsleistung erzielte., ,

Der letzten Hälfte des Jahrhunderts gehören eine Reche von Fortschritten in der Puppen-Jndustrie an: Die Glieder erhielten Gelenke, die Köpfe einen Ueberzug, der ihnen eme 'mmer natürlichere, gefälligere und gegen äußere Einflüsse widerstands­fähigere^Form gab. Für die Frisur, zu welcher früher Flach- und" Menschenhaar benutzt wurde, fand man, das . richtige Material imMohai r, dem Haar der Angoraziege, und schon seit 1857 hatte man die Puppen mit Stimmen verseqem

Die letzte Phase in der Entwickelung der Puppen-Mdustri. bildet die Anfertigung gekleideter Puppen, früher nur

hausindustriell, seit etwa einem Vierteljahrhundert aber sabrib- mäßia betrieben. Bescheiden anhebend und namentlich gegen die in Geschmack und Ausführung, namentlich,m der Kl-M aleich hervorragenden Pariser Erzeugnisse einige, Zeü erheblich mrückstehend hat gerade dieser Fabrikationszweig emen hoch- erfreulichen Aufschwung genommen, und gar manche Puppe die man draußen für ein feines ausländisches Erzeugmß halt, ist tbürinaischen Ursprungs. Die Fabrikation gekleideter Puppen ist * heute einer der wichtigsten Zweige der Thürmger Spie -

ausgeprägte Industrie. wie die Spielwaaren- Industrie es ist, befindet sich nur dann auf der Hohe der Situation wenn sie in der Lage ist. den wechselnden Ge­schmacks- und Moderichtungen, dem Verlangen des Publikums, in Uder Saison durch interessante, originelle Neuheiten über­rascht zu werden, zu entsprechen. Um diese Fähigkeit m vollem Maße sich anzueignen, bedarf der Fabrikant neben der erford - ii*eii manuellen Fertigkeit einer gewissen kunstgewerblichen Ausbildung und einer Schulung des Geschmacks, die , m der fcÄxsMpn Arbeitsstätte und bei dem Mangel jeder äußeren

gewonnen wird. Diese Aufgabe zu lösen, unternahmen in d u,'t r i e l l e Fachschulen, welche cn den wichtigeren Orten des Kreises ettoa seit Anfang der 80er Jahre eingerichtet wurden und'sür die Industrie s-br Ersprießliches geleistet fa 6 ™-

Wellung?/ PZ°?zu^°rda!!kM ^stellend -inen Wechnachts-- abend im Thüringer Wald.