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48. Jahrgang.
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Ay. STT* Redaktions-Fernsprecher No. 52.
DienKaa. den 11. Aerember.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1800.
Abend-Ausgabe.
gestern offiziell durch den Kolonialminister verkündet. Er erzählte zwar nichts Neues, aber die Art und Weise und der ganze Ton war neu, und schien die Oppositionspartei zu hypnotisiren. Drei Punkte . sind es, die Chamberlain im Auge hat. Zunächst will er den schon ein halb Dutzend Mal beendet erklärten Krieg wirklich beenden, sodann ein System von Kronkolonieen einrichten, und schließlich den neuen Territorien nach dem Vorbilde der alten britischen Kolonieen Selbstregiernng gewähren. Im Zusamenhange mit ersterem Punkte waren natürlich die Mittel und Wege zu erörtern, durch die das Ziel zu erreichen ist. Die bisher benutzten, also die Zerstörung dessen, was in den ehemaligen Republiken noch vorhanden, durch Feuer und Schwert, wurden selbstredend durch Chamberlain vertheidigt, aber die berüchtigte diesbezügliche Proklamation hielt er doch hinwegzuerklären für gut. Er legte sie dahin aus, daß nicht alle Farmen in einem gewissen Umkreise, tvo Angriffe auf die Eisenbahn stattfanden, sondern nur diejenigen niedergebrannt werden sollten, deren Besitzer nachweislich Mitschuldige waren. Es ist aber eine Thatsache, daß Hunderte von Häusern zerstört worden sind, deren Eigen- thümer Kriegsgefangene in Ceylon sind. Uebrigens suchte sich der Kolonialminister über den Gegenstand genauer zu unterrichten und wandte sich an Lord Kitchener, der bestätigte, daß er den geheimen Sinn der Roberts'schen Proklamation richtig errieth. Merkwürdig ist es nur, daß er seine Nachforschungen erst in den letzten Tagen, und nicht s. Zt. bereits bei dem Feldmarschall anstellte. Bezüglich der schließlichen Amnestirung der noch im Felde befindlichen Burengenerale ist Chamberlain auch noch im Zweifel, und er behält sich also offenbar das Recht vor, Leute wie Botha und Dewet erschießen zu lassen, weil sie das fürchterliche Verbrechen begingen, wie Helden für ihr Vaterland zu kämpfen.
Deutsches Deich.
Ans dem Reichstag.
Erst gegen 6 Uhr nahm der Reichskanzler das Wort. Die ganze voraugegangene Sitzung war eigentlich nur ein einziges stundenlanges Warten auf seine Rede gewesen. Man wußte, daß er gern die Gelegenheit ergreifen werde, sich über den Nichtempfang des Präsidenten Krüger zu äußern, sobald ihm einer der Etatsredner diese Gelegenheit bieten wollte. Das thaten hintereinander die Abgg. Sattler und Graf Liniburg-Stirum, aber beide Redner hatten, wie übrigens selbstverständlich, über die innere Politik soviel auf dem Herzen, daß ihre Ausführungen das vermuthete Maß weit überschritten, und so konnte Graf Bülow erst am Schluß der Sitzung sprechen. Er that es mit starkem Erfolg. Er sprach, ohne nur ein einziges Rial durch Widerspruch von den
Bänken Derer, die ihn nicht lieben, gestört zu werden. Weder die Bündler noch die Socialdemokraten fanden den Punkt, wo sie mit solchem Widerspruch hätten ein- setzen können. Es war der stärkste Erfolg, den der Reichs-, kanzler bisher erzielt hat, und^man darf ruhig hinzu- sügen: es war ein verdienter Sieg, denn er wurde im Namen des gesunden Menschenverstandes und einer wohlerwogenen vaterländischen Jnteressenpolitik erfochten. Der Reichskanzler konnte seine Haltung gegenüber dem Präsidenten Krüger nicht bloß durch die Fülle des schon bekannten Materials unterstützen, sondern er überraschte das Haus durch die Mittheilungen von Vor- gängen, die bisher der Oeffentlichekit nicht bekannt ge- wesen sind. Hierzu gehört die Feststellung, daß Präsident Krüger im Sommer 1899 die damals angebotene amerikanische Vermittlung abgelehnt hatte, daß er sie beanspruchte, als es zu spät war, und daß Deutschland bis zuletzt durch Vermittelung der niederländischen Regierung in Pretoria freundschaftliche Rathschläge zum Entgegenkommen ertheilt hatte. Neu war sodann die Mittheilung, daß im Laufe des Krieges amerikanischerseits versucht worden war, das Londoner Kabinett für den Gedanken einer friedlichen Mediation zu gewinnen, daß die Anregung aber bestimmt abgelehnt wurde. Einen vortrefflichen Eindruck machte in der Rede des Grafen Bülow weiterhin die gewandte Art, mit der die Thätig- keit und die Person Delcassäs besprochen wurde. Hier wie an anderen Punkten der Rede lag indessen unter duftenden Blumen so manche Spitze versteckt, von der Diejenigen, die sich daran ritzen sollen, wohl merket: tverden, daß sie für sie bestimmt gewesen ist. Namentlich in ein Wort von den „Jntriguen", für die man in Berlin nicht zu haben sein werde, können sich die betheiligten Stellen nach Belieben theilen. Nebenbei bekam auch die Kölner Polizei ihren Denkzettel, indem Graf Bülow nicht anstand, von bedauerlichen Mißgriffen beim Empfang Krügers zu sprechen. Die weitere Etatsdebatte wird zeigen, wie die Rede des Kanzlers von den einzelnen Parteien reflektirt wird.
* * *
* Berlin, 11. Dezember. Bezüglich der Uebernahme des Vorsitzes in der Budget-Kommission schweben noch zwischen den einzelnen Fraktionen Verhandlungen, sodaß noch keine Entscheidung über den Nachfolger getroffen ist. Das Centrum scheint auf den Vorsitz Anspruch erheben zu wollen.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 10. Dezember.
Am Vundesrathstische Reichsschatzsekretär Freiherr von Thielemann, Graf Posadowsky. Tagesordnung: erste Lesung des Etats. Schatzsekretär v. T h i e l e m a n n kommt in seiner Rede zunächst auf den wirthschaftlichen Aufschwung zu sprechen, der sich zu seiner Freude nicht in den Formen eines Krachs voll-
Aus dem englischen Parlament.
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt uns unterm 8. d. Mts.:
Das Ereigniß des bisher abgelaufenen Theiles der diesmaligen Parlamentssession bildete die Rede Mr. Chamberlains über seine südafrikanischen Zukunftspläne. Der erste Eindruck, den dieselbe machte, scheint ein einheitlich günstiger gewesen zu sein, und selbst die Oppositionspartei im Unterhause vollständig entwaffnet zu haben. Durch die Rede, die Lord Salisbury im Hause der Lords am Donnerstag über den gleichen Gegenstand hielt, im höchsten Grade aufgebracht, beantragten die Liberalen gestern Nachmittag einen Zusatz zu der Thronrede, in dem es als wünschenswerth bezeichnet wurde, Maßregeln zu treffen, um denjenigen, die in Südafrika heute noch den Kampf gegen England fortseben, die Garantie zu geben, daß man ihnen ihre Freiheit und ihr Besitzthum ungeschmälert belassen wird, falls sie die Waffen niederlegen. Mr. Chamberlain ging allen Weiterungen aus dem Wege, indem er erklärte, der beantragte Zusatz enthalte nichts, womit die Regierung nicht in: Prinzip durchaus einverstanden sei, und knüpfte daran schließlich eine lange Auseinandersetzung. Die liberalen Blätter, und an ihrer Spitze die wunderbare „DailyNews", erklärten sich durch dieselbe hochbefriedigt, und der „Standard" sagte, so gut es mittels Druckerschwärze ging, mit überlegener und die Dummheit der politischen Minorität bemitleidender Miene, der Kolonialminister habe seine Kritiker einfach durch die Erklärung derjenigen Politik entwaffnet, welche die Regierung von Haus aus verfolgte. Alles, was indeß aus den Worten Chamberlains, wie auch bereits aus denjenigen Balsours, am Donnerstag hervorging, war, daß die Regierung langsam zu der Einsicht gelangt, daß das englische Element auch in Zukunft Seite bei Seite mit dem holländischen in Südafrika zu leben haben wird. Selbst der blödeste Jingoismus kann sie unmöglich länger so arg verblenden, daß sie nicht eine gewisse Beunruhigung bezüglich der Zukunft empfände. Die Grundlagen des freundschaftlichen Zusammenwirkens in den alten Kolonieen ist untergraben, und in den neuen britischen Gebieten sind die Erwerbsquellen der Bevölkerung zum größten Theile vernichtet. Mr. Chamberlain erklärte, nicht ganz genau zu wissen, in welchem Umfange die Zerstörung der Farmen durch Feuer bewirkt würde, aber er gab zu, daß derselbe bereits bedeutend genug war, um schließlich eine Hungersnoth heraufzubeschwören. Was die englische Regierung unter diesen Umständen zu thun beabsichtigt, wurde der Welt
Feuilleton.
La Soupe populaire.
(Von unserem Korrespondenten.)
Paris, Dezember 1900.
Im Allgemeinen wird man nicht behaupten können, daß die Anarchisten sich bisher als Wohlthäter der Menschheit erwiesen haben, obgleich es ja angeblich ihr Bestreben ist, uns das Paradies auf Erden zu verschaffen; einmal haben sie aber, allerdings absichtslos, einen Samen ausgestreut, aus dem eine segensreiche Saat aufgegangen ist. Vor einigen Jahren nämlich waren die ^Genossen" auf die Idee gekommen, sogenannte „8onH68-eonk6r62668" zu gründen, d. h. Versannnlungen abzuhalten, auf denen anarchistische Lehren den Geist durchdringen, der Leib aber durch die Verabreichung von Suppen ebenfalls eine Stärkung empfangen sollte. Da es ihnen jedoch an den nöthigen Geldern mangelte, so wunderten sie bei den vielgeschmähten „Bourgeois" umher, um für diesen guten Zweck zu sammeln. Sie erhielten auch anständige Summen, die indeß eine andere als die angegebene Bestimmung fanden, sodaß das Gericht sich schließlich hinein mischte und dem Treiben ein Ende machte. Dabei drangen auch die schriftlichen Aufzeichnungen in die Oesfentlichkeit, die die Herren Anarchisten über die hervorragenden Persönlichkeiten, die sie angebettelt, gemacht und die gewöhnlich nichts weniger als schmeichelhaft waren.
Die Soupes-confdrenees erreichten so ihr fruh- zeitiges Ende, aber die Anregung war gegeben und einige Mitglieder der Vereinigung der Volksfreunde im 17. Arrondissement verfolgten den Gedanken, zur Hälfte wenigstens, indem sie die Mittel zu erlangen suchten, um während der 3 Wintermonate den Armen des Bezirks unentgeltlich Suppen zu verabreichen. Der Abgeordnete des Arrondissements, Ernest Roche, erbot sich sofort, 300 Francs zu geben, um einen Anfang zu ermöglichen, die meisten Comitämitglieder des Vereins jedoch zeigten
sich ziemlich lau; sie fürchteten die Arbeit, die eine solche Organisation im Gefolge hat. M. Roche ließ indeß nicht nach, am nächsten Sitzungstage der „Volksfreunde" be- giebt er sich in einen Laden, macht für einige fünfzig Francs Einkäufe und erscheint triumphirend im Saale, während ihm 2 riesige Suppentöpfe, Schüsseln und Löffel vorangetragen werden. Diesem Anblick konnten die Versammelten nicht widerstehen, sie sahen ein, daß, da die Töpfe und Schüsseln vorhanden, sie auch gefüllt werden müßten und die „Soupe populaire" war begründet. Vor Allem muß nun darauf Bedacht genommen werden, für das vorhandene Geld möglichst viel zu leisten. So wurde denn in einem Anschlag nicht nur den Armen des Bezirks kund gethan, daß Jedem, der sich meldete, während der Monate Januar, Februar undMärz zwischen 7 und 8 Uhr Morgens eine Suppe verabreicht werden würde, sondern auch den Kausleuten, Fleischern, Bäckern mitgetheilt, daß freiwillige Beiträge an Brod, Knochen, Gemüse:c. willkommen wären, Nach keiner Seite verhallte der Ruf ungehört und die „Soupo populaire" hat Hunderte vom sicheren Hungertode erretten können.
Die Mitglieder des Vereins der Volksfreunde verrichten selbst die ganze Arbeit. Jeden Abend — am Tage haben sie keine Zeit, da die Meisten Arbeiter oder kleine Angestellte sind — begeben sich vier derselben nach dem Vereinslokal, entzünden das Feuer, gießen das nöthige Wasser in die Töpfe, reinigen das Gemüse, schneiden Brod — in jeder Suppe hier sind nämlich Quantitäten von letzterem vorhanden — und verrichten so eine Beschäftigung, die ihnen anfänglich gewiß recht ungewohnt erschien, deren Mühen sie aber aus Liebe zur Sache mit Freuden übernahmen. Um 11 Uhr wird das Feuer ausgelöscht, die Töpfe zugedeckt und mit Wolle umhüllt, damit die Suppe sich bis zum nächsten Morgen warm erhält. Um 7 Uhr erscheint wiederum ein Volksfreund sie auszutheilen, von einem Kameraden unterstützt, der die Teller und Löffel wäscht. Familienmütter brauchen die Portion nicht am Platze selbst zu verzehren, sie bringen ein Gefäß mit, in dem sie die für den Haushalt nöthige Ouautität erhalten.
Anfänglich ging die Sache, wie man sich denken kann, nicht ganz glatt von Statten, mit der Zeit machte man aber Fortschritte und jetzt ist die „Soupo populaire" eine festbegründete philanthropische Gesellschaft, die auch ihre Statuten hat. Der hauptsächlichste Paragraph darin lautet, daß dem Begründer, welcher zum Schatz- meister ernannt worden, die Verpflichtung obliegt, das nöthige Geld vorzuschießen und falls die Eingänge die Ausgaben nicht decken, für das Defizit aufzukommen. Natürlich sind die Kosten immer größer und der Schatzmeister muß stets einspringen. Zu Beginn des Winters liefert er die Mittel, um die nöthige Quantität an Kartoffeln und Gemüse einzukaufen, und zwar gehört es zu seinen Verpflichtungen, sich selbst bei Tagesgrauen nach der Halle zu begeben, um möglichst viel davon für das vorhandene Geld zu erhalten. Ein Theil seiner Auslagen wird ihm dadurch zurückerstattet, daß jedes Mitglied 50 Centimes monatlich zahlt und hin und wieder Konzerte veranstaltet werden, deren geringer Ueberschuß in die Kasse des Vereins fließt. Welch ein Wohlthäter der großmüthige Begründer der 8«upe populaire für seinen Bezirk geworden, wird man daraus - ermessen können, daß in einem etwas strengeren Winter bis zu 1000 Suppen täglich ausgetheilt werden.
Der Erfolg, den die 8oupe populaire erzielt, hat andere Vereine veranlaßt, auf derselben Basis in anderen Arrondissements solche zu begründen, und zwar wurden natürlich die Bezirke.ausersehen, in denen die größte Armuth herrscht. Elende, denen eine täglich verabreichte warme SuPPe helfen würde die harte Winterszeit zu überstehen, sind aber in allen Stadttheilen vorhanden, und so sollen denn auch nach und nach in jedem Viertel derselben j,Soupes populaires" errichtet werden.
Es giebt viele, durchaus human gesinnte Personen, die da meinen, das Austheilen von Almosen wirke nutz schädlich. Aber das Verabreichen einer Suppe an einein kalten Wintermorgen dürfte auch diesen kaum verwerflich dünken und sicher sind es vor Allem die Aermsten der Armen, denen diese Wohlthat zu Gute kommt.
W, W a l d a u.
