I Seilage mm Wiesbadener Tagblatt.
u 572. Morgrn-Ansgabr.
Samstag, den 8. Dezember.
48. Jahrgang. 1900.
(2. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Drei Theilhaber.
Roman von ZZrct Karte.
Autorisiert.
„Welcher Klumpen ist wohl am kostbarsten?" fragte Steptoe mit unsicherer Stimme.
Storch deutete mit dem Finger darauf.
„Der ist ja kleiner als die anderen."
„Nehmen Sie ihn doch 'mal in die Hand", rief Karker mit knabenhaftem Eifer.
Steptoes kurze, dicke Finger umfaßten das Ouarz- stück mit der Gier eines Raubvogels; er strengte alle Muskeln an, bis er purpurroth im Gesicht wurde, konnte es aber nicht aufheben.
„Die Leute in der Münze von Frisco machten sich 'oft 'nen Spaß", sagte Dick, dem der Branntwein die Zunge gelöst hatte; „wenn Damen zum Besuch konimen, Voten sie eins von den Kästchen voll Goldstücke, die fünftausend Dollars enthalten. Derjenigen zum Geschenk an, die so freundlich sein wollte, es vom Tisch mitzunchmen. 's war nicht größer als einer von den Klumpen. Herrjemine, wie die Dirnen Zugriffen und dran zerrten, bis sie's zuletzt aufgeben mußten! Von dem zifisch — (er gluckste) spezi —Er hielt würdevoll inne und fuhr dann mit großer Anstrengung fort: „dem spezifischen
Gewicht des Goldes wußten sie natürlich nichts."
„Schweig still!" fuhr ihn Steptoe an. Dann wandte er sich zu Stach: „Aber wo ist das klebrige? Ihr habt doch noch viel mehr", sagte er in schroffem Ton.
„Wir haben's heute Früh nach Boomville geschickt, borgen übernimmt die Gesellschaft unsere Parzelle, die wir an sie verkauft haben und läßt Poch- und Stampf- werke errichten. Die Aufsicht führt sie schon jetzt; ein EruPP Arbeiter ist bereits an Ort und Stelle."
„kknd was habt Ihr wohl dafür bezahl: gekriegt,
wenn man fragen darf?" erkundigte sich Steptoe mit erzwungenem Lächeln.
„Aei Geschäften ist solche Frage nicht gerade ge- bräuMch", versetzte Stach gleichfalls lächelnd.
• „Fupfhunderttausend Dollars nebst Dividenden'', .sagte plötzlich Demorest, der noch immer cm der Thur stand.
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich. In Stesstoes Augen brannte das verzehrende Feuer des Neide?, das ließ sich nicht verkennen. Demorest betrachtete ihn mit einer gewissen vornehme,i Kalte, und als von draußen Stimmen neuer Ankömmlinge laut wurden, wandte er sich ab.
„Fünfhunderttausend ist'n schönes Stück Geld", sagte Steptoe heiser anflacher d; „kein Wunder, daß Euch der Kamm so verdammt davon schwillt. Aber 'ne Frage steht Jedem frei."
- Hier setzte es sich Dick unglücklicher Weise in seinen
benebelten Kopf, daß der Freund, den er m d,e Gesellschaft eingeführt hatte, nidjt mit der gebührenden Achtung behandelt werde, und er vergaß darüber Steptoes Rücksichtslosigkeit gegen ihn selbst. Sich wiirde- voll an die Wand lehnend, gab er sein Mißfallen m Haltung und Gebärde zu erkennen. „Daß mein alter Freund nur durch Geschäftsgrunde beemfluscht wird", begann er, „daran isch kein — Sweifel " Er schwieg, besann sich und fügte mit großem Nachdruck hinzu: Wenn ich sage, daß er selbst eine werthvolle Parzelle m Red Gulch besitzt und — ich weiß das gewisch — protze Angebote gehabt hat — so wird es, denke ich, genügen."
Stach und Barker denen der unglückliche Ruf der Red Gulch-Grube wohl bekannt war, konnten sich des Lachens nicht enthalten, was Steptoes Aeger noch erhöhte. Er lachte zwar mit, warf aber dem arglosen Dick einen rachsüchtigen Blick zu. „lind was wollt Ihr denn mit den Stücken dort anfangen?" fragte er, nach dem Schatz deutend.
„O, die nehmen wir mit. Jeder bekommt einen Klunipen zur Eriiinerung. Wir haben drum geloost, und Demorest hat gewonnen. Der, den liwu mit einer Hand nicht heben kann, gehört ihm", sagte Mach.
„Ich wollt' ihn schon heben. Aber Sie hätten wohl nicht Lust mich auf die Probe zu stellen, wie es die Leute im Münzamt machen, he?"
Er begleitete diese Bemerkung zwar mit dem gewöhnlichen rohen Gelächter, aber in seinem lauernden Blick lag ein so zweideutiger Ausdruck, daß Stach schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge hatte. In dem Augenblick trat jedoch Demorest wieder in die Hütte, gefolgt von einem halben Dutzend Bergleuten, die von der unten gelegenen Ortschaft heraufkanien. Es waren zwar noch junge Burschen, aber doch schon alte Bewohner der Gegend. Bei ihrer jahrelangen Abgeschlossenheit und fruchtlosen Arbeit, hatten sie sich eine gewisse kindliche Einfalt in Denkweise und Benehmen bewahrt, die euren theils rührenden, theils komischen Eindruck machte. Bisher waren sie noch nie so keck gewesen, die drer Freunde auf dem Kieferberg in ihrer Ruhe zu stören; nur eine harmlose Neugier und der Umstand, daß sie mit allen Ortsbewohnern zu dem morgenden Abschiedsschmaus geladen waren, und den Gastgebern ihren schüchternen Dank dafür knndgeben wollten, hatte sie hergefuhrt. Vielleicht lockte sie auch die Aussicht, einen Abend lang sich aller trüben Gedanken zu entschlagen und an einem vollen Glase gütlich zu thun, ohne zahlen zu inüssen.
In ihrer Gesellschaft, und doch nicht zu ihnen gehörig, befand sich ein junger Mann, der zwar das Englische ohne freniden Accent sprach, aber offenbar einer andern Nation und Nasse angehörte. Sowohl aus diesem Grund, als weil er eine gewisse Nettigkeit im Anzug mit einschmeichelnden Manieren verband, legte man ihm den Spitznamen „der Graf" oder „der Franzos", bei, obgleich er eigentlich aus einer vlamischen Familie stammte. Wegen seiner Sprachkenntnisse hatte man ihn zum Agenten der Vereinigten — Grubengesellschaft gemacht.
Barker stieß einen Freudenruf aus,,, als er, ihn sah, denn er bewunderte den jungen Ausländer insgeheim
wegen seiiies feinen Schliffs, wiewohl er selbst der natür- lrchste Mensch don der Welt war. Nur em undestlmmtes Gefühl, daß weder Stacy noch Demorest diese Empfm- düng theilte. hatte ih,i bisher verhindert, des »Grafen Bekanntschaft zu suchen. Jetzt war er , stolz darauf, daß Paul Van Loo mit einer Verbeugung m die Huste trat, als wäre sie ein Empfangszimmer; denn daß dies im Grunde eine Taktlosigkeit war, weil es die andern Anwesenden in eine unbehagliche Stimmung versetzte, kam
nicht in den Sinn.
Die verlegene Pause, die beim Eintritt der neiicn Ankömmlinge eiitstand, war nicht von langer Dauer. Wieder wurde das Tuch von der kostbaren Pfanne entfernt, und es war seltsam anzusehen, wie die Augen einiw Jeden von derselben fieberhaften Gluth funkelten, wahrend sich Alle zu dem Goldschatz drängten. Selbst der höfliche Paul stieß die Andern mit den Ellenbogen fort, doch machte sein geziertes „Pardon" in Barkörs Augen diesen Ausbruch des rohen Naturtriebs wieder gut. Weit lehrreicher war es jedoch, zu beobachten, wie die älteren Ortsbewohner diesen Beweis der Laune des treulosen Glückes auffaßten. llmsonst hatten sie unter mühseliger Arbeit Jahre lang geduldig gewartet; nicht ihnen sondern den unerfahrenen Neulingen hatte das Glück seine Gunst zuqeioandt. Als sie jedoch chre Augen wie geblendet auf die drei Theilhaber richteten, stand weder Neid noch Böswilligkeit darin geschrieben; kerne Klage kam über ihre Lippen, sie zollten ihnen aufrichtige Pelvunderung. Gs lvar rüsirenb uttb finölicf) zugleich, daß dies offenkundige Zeugniß von dem ReichthnM der Natur ihre Hoffnungskraft neu belebte: das Gold war dagewesen — sie hatten es sich nur entgehen lassen. Aber, wo dies herkam, konnte noch mehr gefunden werden. Es war ja der beste Beweis von der Ergiebigkeit des Krefer- berges. So deutlich spiegelten sich diese Gedanken, in ihren Mienen, daß ein gelegentlicher Beobachter, der ihre strahlenden Blicke mit dem nachdenklichen Ausdruck der wirklichen Besitzer verglich, sicherlich geglaubt hatte, ste seien die glücklichen Finder. Ihr Anblick „erregte Barkers Mitgefühl; Stacy verwunderte sich darüber,, Demorests Gesicht wurde noch ernster und Steptoe sah sie mit Verachtung an. Nur Whisky Dick verharrte anscheinend m stumpssinniger Theilnahmlosigkeit, denn er war gerade im Begriff, einen verzweifelten Versuch anzustellen, um sich aufzuraffen. Schließlich gelang es ihm auch; ;a er brachte es sogar so weit, daß er auf einenStuhl steigen und den Becher erheben konnte, der freilich in semer Hand auf bedenkliche Weise schwankte. Das that sedoch der Festigkeit seiner Stimme keinen Abbruch als er begann:
„Meine Herren! Lassen Sie uns auf einen glücklichen Erfolg des-des —"
„Des nächsten Unternehmers trinken!" fiel Barker ungestüm ein und sprang auf einen zweiten Stuhl, von dem er mit strahlender Freundlichkeit auf die Anwesenden herabschaute. „Und möge das Glück Denen lächeln, die es schon längst verdient hätten!"
(Fortsetzung folgt.)
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