Einzelbild herunterladen
 

«8. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis• : durch den Verlag L« Pf», monatlich, durch die Post 1 Mk. ««» Psg. vrerteliahrlich für beide

Verlag: Lcmggasie 27.

Abonnenten.

Für die Ausnahme U>ä<« -mgereichkcr Anzeigen zur

Verlags-Fernsp ccher No. 2266.

1900 .

jlbeiu

Deutsches Reich.

2um Prozeß Sterubcrg.

B e r l i n. 7. Dezember.

Die Enthüllungen, die der Prozeß Stenrberg bringt, sind so bösartiger Natur, dag sede noch so pe Vmtstt'che Voraussetzung weit übertroffen wird. Man weiß, wer er iss und ob seine verlorene Sache mit einer größeren ode

Lim" a™ «A L"L

sonderlich kümmern. Dagegen richtet sich dre gewannt Ausmerkiamkeit immer starker auf die Machenschaften, bei denen der Angeklagte sein Geld arbeiten laßt und auf die hierzii mitwirkenden Persönlichkeiten, dw nach ihre socialen Stelliing vor dem Argwohn geschützt zu fem

chL". d-b sie sich unglaublich ver^es^n komrte^

Die Ereignisse folgen sich Mit der gjF Kolportageromans. So häßlich da» Beispi troffenen Männern Vorkommen mag, so haben sw es sich be e ber zuzuschreiben, wenn sich hier Tmge absp'elen, bei d!ren Anblick das Btitleid zurücktritt hmter den Ab- ickeu vor unbegreiflichen Entgleisungen. 0^4 HMungen, wie sie die heutige Verhandlung gebracht hat, gehöwn zu den schmerzlichen Erfahrungen, an d s w der Pessimist nicht sehr glauben wurde wenn er ft^mcht

Tpihpr su machen gezwungen wäre. Cs stellt sich immm mehr heraus, daß an dem Sifstem der Vertheidigung m diesem Schmutzprozeß dunkele Punkte smd-die das er- barmnnaslose Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen yaoen. Welchen^ Eindruck diese widerwärtigen Dinge m Berlin machen läßt sich leicht denken. Man kennt die Personen, HÄ eine beftimmte, aufi«f)tdan«e D-°b-chkmg i°. ruhende Borstelluug »en ihnen, man hat em Brl» davon wie die betreffenden amtlichen und gefellsasaft licken Kreise auf jede neue Sensation m diesem merk- LdigmToÄ reagiren, und so werden für un mn der Hauptstadt alle diese Dmge noch ungleich lebendiger, wreckender als für das Publikum außerhalb Berlins. Es ist einstweilen nichts weiter in der Sache zu thuu, alv daß man die ungeheuerlichen Vorgänge wie in eurem Äandelvanorama an sich vorüberziehen laßt. Obwohl ein moraliMs Urtheil schon längst abgegeben werden konnte, olme daß die Vollständigkeit und der Abschluß der Ve^ Handlungen erwartet zu werden brauchte, halt man doch nock mit diesem Urtheil zuruck, t aber nicht aus über triebener Schonung, sondern weil man wirklich nicht !Äh, dB der Gipfel der bedauerlichen Ueber- ra ckunaen bereits erreicht ist. Vorsichtige Beobachter warnen davor, ihn schon als erreicht zu betrachten, und m der That hat jeder weitere Tag fototel Verblüffendes ge­bracht/ daß man befürchten muß: Die rollende Lawine wird noch manchen guten Auf begraben.

Zur Waarcnhansstcncr.

Wahrscheinlich noch vor Weihnachten wird der ge­waltige Erweiterungsbau des Wertheimbazars eröffnet werden. Zugleich wird gemeldet, daß das Waarenhan» Tietz vergrößert werden soll; es sind zu diesem Zo zwei umfangreiche angrenzende Grundstücke erworben worden. * Beide Riesengeschäfte thun sch also nichts, fördern sich vielmehr gegenseitig durch die verlockende Macht des Beispiels. Man darf hiernach billig fragen, was nun eigentlich die Waarenhaussteuer genutzt hat. Tür diese gewaltigen Bazare ist es ja ein reines Kinder­spiel die neue Beschwerniß zu tragen. Der Wertheun sche Ramr stellt bloß als Gebäude sammt Grund und Boden, einen^Werth von 19 Millionen Mark dar. Was will es da besagen ob ein paar hunderttausend Mark mehr oder iveiiiam im Jahre auf die Unkosten gerechnet werden. Selten hat eine gesetzgeberische Maßregel so schnell Franko gemacht wie die der Waarenhaussteuer, mit der schließ­lich die Konservativen etwas gethan haben, was ihnen selbst sehr unbehaglich sein muß: sie haben nämlich nur den Großstädten eine neue Steuerquelle erschlossen.

Vom Klerikalismus.

Konfessionelle Kriegervereine, das ist dgs Neueste, svomit klerikale Absonderungs- und H^rschiucht unsere ickon ohnehin bunt genug zusammengesetzten Zustande noch mehr verwirren will. In Berlin wurde vor zwei Jahren esti Militärverein „St. Drauritu^ gegründet. Stach den Satzungen können nur alte L>oldaten Mit glieder werden, die katholisch sind und ihre katholische Pflichten erfüllen. Vorsitzender wurde em Hausbeamter der Nationalgallerie, Bischof Dr. Aßmann, ^eldprobst der Armee, übernahm den Ehrenschutz Diese Gründung machte nicht viel von sich reden da sich der Verem zunachs nur geselligen Zwecken zu widmen schien. Daß er sich damit nickt begnügen will, geht aus seinem an

den Vorsitzenden des Provinzral-Kriegerverbandcs für Schlesien hervor, des Inhalts, er möge m der Provmz

die Gründung von Mauritiusvereinen nam dem Bmlmer

Muster in die Wege leiten. Der Vorsitzende lehnte die» ordnungsgemäß ab. Dieses Berliner Muster scheint Loch auch dem allezeit gründungslustigen Reichstag - abgeordneten Dasbach sehr gefallen zu haben den , w e man aus Trier vernimmt, hat er dort vereit» für die Sache Stimmung geinacht. Vernimmt maii weiter, daß Luch i.7 Bauern bereits Krieger- und Veteranenvereine konfessioneller Art gegründet wurden, so versteht man wohl, wenn der Vorstand des deutschen Kriegerbundes dieser Erscheinung gegenüber nicht unthatig bleibt, viel­mehr durch ein sehr deutlich gehaltenes Rundschreiben die Verbände auf die drohende Gefahr aufmerksam macht. Man braucht nicht erst auseinanderzusetzen, welche ge- sabrvollen Perspektiven sich eröffnen, wenn diese Mau­ritius-Vereine zu einem neuen H^de ultrmnontaner ~ eparationsgelüste werden. Aber es steckt ^Oystein^m

solchen Bestrebungen. So erinnert die Krefelder Ztg zur rechten Zeit daran, daß es m Berlin bereit» emm „Katholischen Dachdeckerverein, giebt und daß m Me feld selbst ein katholischer kaufmännischer Verein „unter dein Protektorat der unbefleckten Empfangnitz besteht. Das sind Geschichten, über die man von Herzen lachen möchte, wenn sie nicht so sehr zu beweinen waren, ^st doch sogar schon, obgleich schüchtern, angcdeutet worden^ daß es sich enipfehlen möchte, die Besatzungen der Kriegs­schiffe nach Konfessionen zil sondern. Von hwr bis zur Forderung nur katholischer und nur protestantischer Regimenter wäre der Schritt kurz und leicht. Solche Verranntheiten eines unduldsamen Geistes nehmen sich besonders schön aus als Folio des soeben. »n ReichKag berathenen sogenannten Toleranzantrag» de» Centrums. Aber es ist ein Trost bei alledem. Wo die materiellen Interessen zu sprechen beginnen, da verflüchtigt sich der Lnfessionelle Sondergeist in ein Nichts. Eme werth- volle Probe hiervon hat man kürzlich erlebt, als die katholischen Führer der christlichen f/wmkvereme ent­schieden und wirksam gegen die Unklugheit Front machten, mit der die Bischöfe geglaubt hatten, d ese Organisationen nach Gefallen in das stille Fahrwasser klerikaler Obervormundschaft zuruckbugsiren zri können. Ter gründliche Fehlschlag des Unternehmens sollte auf jener Seite dazu mahnen, den Bogen nicht zu uber- spannen. *

* Hof- und Personal-Nachrichten. Wie das „Berl. Taaeblott" erfährt. ist es nunmehr entschieden, daß General vZiebert nicht'mehr auf seinen Posten als G°uv°rneur von Dcutsch-Ostafrika zurückkehrt. Er soll m der That das Kom­mando über eine Division erhalten. Als sein Nachfolger gilt Mcneiaimaior v. Trotha, Kommandeur der 1. ostafiatischen Infanterie-Brigade. — Als Nachfolger des auf den Pe^rs- burqcr Posten berufenen Botschafters rn Brussel, Graf A l v e n s l e b e n, ist, nach der „Norddeutschen Ällgememen Zeitung", der Gesandte in Stockholm. Graf v. Wallwih, ausersehen, an dessen Stelle tritt Graf v. L e Y d e n. bisher m Tokio. ,

Berlin, 8. Dezember. Wie ein Berichterstat er meldet steht es nunmehr fest, daß der Reichskanzler Graf B ü l o w bei der ersten Berathung des Etats sich über dfe Gründe, aus denen Präsident Krstiger von unserer Re­gierung zurückgewiesen fei, auslassen werde ,

* Au her wnrttembergische« Landtagswahl bethei- liaten sich rund 300,000 Wähler. Hievon erhielten die vereinigte;! nationalen Parteien rund 95.000 Stimmen, das Centrum 72 000, die Bollspariei 71,000, die Socialdemokraten 60,M0. Letztere haben stck gegen 1895 annähernd verdoppelt, die Bolks- portei hat dagegen um 20,000 Stimmen abgenommen.

* Rundschau in» Reiche. Die konservativ-antisemitische Stadtverordneten-Mehrheit in Dresden beschloß, der Bicevor- steher Hartwig sei der städtischen Ehrenämter auch ferner würdig.

KezMeton.

Berliner Ztrmmungsbilder.

(Bon unserem Korrespondenten.)

Weihnachts-Ausstellungen - Liixus und Spülzeug. - Eine neue Zeitung. - „Tag" und „Äoche". - Das Theater.

Ludwig Jacobowski -f.

Tn den Adventswochen müssen Sie, verehrte Leser, die Reichshauptstadt besuchen, wenn Sie Weltstädte; ches Getriebe kenmn lsrnen wollen Vom frühen Morgen bis spat m d e Nacht fluthet die Welle geschäftigen Lebens durch die Haupt- veMrsstratzen. Die Schaufenster suchen einander durch. die Pracht der Auslagen zu Lberbieten, und in den Laden beginnt bereits jetzt der Andrang der Kauflustigen "ud der Neugieu^n. Am ärgsten aber geht es m der Leipziger Straße her. Die Äeihnachts - Ausstellungen des letzten Jahrzehntes bitven ein wichtiges und lehrreiches Kapitel in der Entwickelungsgeschichte ?-s menschlichen Luxusbedurfniffes. Wie überall so drangen auch hier die Konkurrenten in wilder Hast einander zu über- Retcch Nur das Publikum nicht zur Ruhe kommen lassen! Immer Neues bietm! Das Gestern durch das Heute ersticken. vrh Vas Kommen des Morgen mit großem, geheiMMßvollem Geschrei anlündigen, um die Aufmerksamkeit zu spEn! Unter dieser Devise arranziren die großen Geschäfte von Jahr zu ^a u glänzendere Weihnachts-Ausstellungen. _ und dieser ste gende Luxus auf dem Gebiete der Kinderspielwaaren und ^ugend- gaben mag von manchem armen Familienvater Mit orgend r Miene begrüßt worden sein, denn Tie Anf°rd-rungen an seinen Beutel sind beträchtlich. Auch verweichlicht der Luxus die Phantasie, die Erfindungsgabe des Kindes, wenn.auch natürlich ein schöpferisch veranlagtes Kind es vorziehen wird. Mit ganz einfachen, simplen Spielen sich zu beschäftigen, die semer Phnn- tasie Nahrung zu eigener Thätigkeit geben, ^^er rm Allgeme' fördern Pracht und Glanz mit ihrer lockenden Macht m gefähr­lichem Maße die Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit. Wenn der Spielzeugfahrikant schon Alles. leistet, was bleibt da der Phantasie übrig, in deren Beschäftigung doch der einzigartige

vädaaogische Werth des Spieles beruht! Man wird auch oft genügte Beobachtung machen, daß die kostbaren Spiel­sachen garnicht mehr als Spielsachen funktiomrenl. sondern mehr dazu dienen, dem glücklichen Besitzer den Augen wenige glücklicher Kameraden ein Ansehen zu berschaffen, wie es denn auch sehr häufig vorkommt, daß ein Kind am We,hnachisab-nd die grikßte Freude über das werthlosesie Spielzeug empsindet. Die Schaufenster freilich, in deren glanzend erleuchteten Aus­lagen die reinen Weltwunder sich ausbreiten locken die Schau- lustiaen in Schaaren herbei. Am ärgsten ist es bei dem neu­eröffneten Waarenhause von Lieh in der Nahe des DonhofF- platzes. Selbst der Sturz eines Ommbuspferdes vermag die Augen der Neugierigen nicht von dieser Pracht abzulock-n un sonst widersteht doch so leicht kem Berliner, wenn es g'ftm sachverständiges Urtheil über die Glätte der Straßen abzugeben. Zwischen den bis zur Straßensohle hmabreichenden Riesen- senstern und dem Bürgersteig ist ein schmaler Raum mütel- einer eisernen Barriere abgegrenzt. Hier stehen Angestellte . Firma in Livree und reguliren den Verkehr: „B>t»e, immer weiür gehen, nicht stehen bleiben!", so nöthigen st° die Neu- aieriaen die vom frühen Vormittag an bis zur Stunde de» Ladenschlusses sich drängen, Kinder und Erwachsene unterschled»- los. Das Hauptinteresse erweckt der große Puppencirkus, d sich durch mehrere Schaufenster hinzieht. Den Hintergrund bilde! eine g'emalte Leinwand, die den Zuschauerraum emer Arena darstellt. Die Zuschauer sind Puppen. Theil der Arena ist wirklich aufgebaut, und hier smd dann natürlich auch richtige nicht gemalte, Puppen auf die Bänke und m d,e Logen gesetzt. der Arena ist der Hauptmatador der Clown m gelbem Trikot der allerdings die verwegensten Kunststücke ou»suhrt. Er schw ^ sich zwischen zwei Stühlen, macht den „Handstand , sogar M.t einer Hand, wobei ihm die Armmusleln sichtbar anschwellen, und macht nach Beendigung seiner schwierigen Ew-lutiomn seine Reverenz. Seine Gesichtszüge sind außerordentlich 6 - weglick. Auch der Koch, der in emem anderen Schaufenster von den Speisen kostet, die er mit Hülfe eines Zungen am Herd bereitet, verfügt über ein beredtes Mienerqpiel und in d.m Gesicht des Jungen spiegelt s-4 deutlich der Neid Jen Geschmeidigkeit dieser automatischen Puppeu^ W bei steste, glotzende Ernst der übrigen merklich ab. Be» Wertherm, dem

Konkurrenten von Tietz, am anderen Ende der Leipziger Straße gelegen bildet den Clou unter den Weihnachtsschausenstern eine große Gruppe: „Die Erstürmung der Talu-Forts". Aus emem Bassin, dessen Wasser genau so naß ist wie das Gelbe Meer, kreisen eine Anzahl großer Panzerschiffe ,n unverständigem Wirbel herum, die Uferhöhen, in denen;eder unschwer den chme- stschen Kriegsschauplatz erblickt, sind mü stürmenden ^ruppen bedeckt, und auf der Höh- weht die gelbe Drachenflagge. Was sonst noch zu sehen ist. kann man auch anderswo finden, den Knecht Ruprecht im Rennthierschlitten, große Puppentheater, Puppen in allen Ausdehnungen, Puppenstuben, Burgen, Stall. Menagerieen -c. rc. Die Kinder stehen meist in starrem Staunen da. und ich glaube, im Inneren ihrer kleinen Herzen waren sie lieber zu Hause, als daß sie sich hier drangen und stoßm lassen, um schließlich mit Sehnsucht im Herzen und Kummer^ daß sie nicht mit all diesen Herrlichkeiten spielen tonnen, sich

natürlich im Innern der Waarenpalaste noch fortsctzen, steht aber noch immer die alte Einfachheit: mitten M dem welt- städtischen Gewühl erblickt man an den belebtesten StraßeneHen kleine verfrorene Jungen oder Mädchen mit dem traditionellen selbstgefertigten Hampelmann, den sie mit weinerlicher Stimme anbieten- auch der „Waldteufel", das vorsündfluthüche Knarr- Jnstrum'ent, ist immer noch nicht von den Berliner Straßen verdrängt. Apropos, haben Sie schon jemals an einen Belannien dil Frage gestellt: „Was ist ein Waldteufel?» - vorausgesetzt

daß man bei Ihnen diese Instrumente kennt. Sonst können Sie sich auch die Definition einer „Knarre ausnitten. Ob wohl nicht ein Jeder die charakteristische Handbewegung der ge-

drebten Knarre machen wirlK. , .

Das Weihnachtsfest wird allem Anschein nach Berlin und die Provinz auch mit einer neuen Zeitung beschenken von der Ihnen vermuthlich di- Reklame bereits Kenntniß selben haben wird. Sie soll sich betiteln „Der Tag", soll aber nicht, wie D - Woche", auf den Massenfang ^8^, sondern sich an ein ge­wähltes Publikum wenden. Der^ Verleger Scqerl, der Lokal-Anzeiger" und „Die Woche" ins Leben gerufen hat, sp^- lirt besonders auf das Publikum der Provmz. Er hat eme , Reihe sehr guter journalistischer Kräfte herangezogen und will