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48 . Verlaa: Lanaaasse 27. Astzeige,l-PreiS r
-»8. Jahrgang.
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Mo. 571. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
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Freitag, den 7 ♦ Dezember.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1900 .
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Die presse in Ausehe» des Publikums.
lieber diesen Gegenstand lesen wir in der Zeitschrift „Der Zeitunqsverlag" Folgendes:
Vom Kaiser Friedrich wird aus seiner Kronprinzenzeit erzählt, er habe einmal, als bei einer offiziellen Veranstaltung im Berliner Schlosse den Vertretern der Presse durchaus unzweckmäßige Plätze angewiesen waren, dies Vorgehen ernst gerügt und sofort Remedur eintreten lassen, indem er in seiner Weise darauf hinwies, daß ein wesentlicher Zweck derartiger Veranstaltungen verfehlt würde, wenn die Bevölkerung darüber nicht in unparteiischer und sachgemäßer Weise unterrichtet würde. Ob sich der Vorgang thatsächlich so abgesvielt, können wir nicht verbürgen. Er entspräche aber jedenfalls den vorurtheilS- losen und verständigen Anschauungen, die Kaiser Friedrich so oft bethätigt hat. „Schule gemacht" hat er freilich auch in diesem Punkte nicht. Im Gegentheil scheinen in den sogenannten maßgebenden Kreisen die verjährten Porurtheile gegen die Presse wieder zu neuem Leben zu erwachen, und es hat gelegentlich den Anschein, als wollte man den immerhin doch mit einiger selbständigen Beobachtungsgabe und Subjektivität behafteten Berichterstatter mehr und mehr durch den — Photographen ersetzen.
Auch gelegentlich des Kaiserbesuchs in Hildesheim gingen wieder einmal ernste Beschwerden über _ eine Zurücksetzung der Presse durch die Zeitungen. Bei dem zweifellos interessantesten Theil der dortigen Veranstaltungen, im Hildesheimer Rathhaus, waren Vertreter der Presse nicht zugelassen, nur der sogenaunte „Hofberichterstatter" soll anwesend gewesen sein. (Nach einem anderen Bericht soll noch ein zweiter Privilegirter zugelassen sein, der aber seine Wissenschaft sorgfältig für sich behielt.) Die Folge war, daß zwar über alles Mögliche mehr oder weniger unwesentliche ausführliche Berichte prompt in den Blättern erschienen, die den Mittelpunkt des Ganzen bildende Rede des Kaisers aber erst einige Tage später publizirt wurde, nachdem über deren Inhalt inzwischen dürftige und widerspruchsvolle Mittheilungen verbreitet waren. Als Grund für diese Verzögerung wurde angegeben, daß der „Hofberichterstatter" feine Aufnahme der Rede Herrn v. Lucanus vorlegen mußte, dieser aber keine Zeit zur Durchsicht hatte, __ das Manuskript mit nach Wernigerode nahm, und daß infolgedessen die Veröffentlichung erst mit einer seltsam onmuthenden Verzögerung erfolgte.
Wir wollen an dieser amtlich beliebten „Censur" von Kaiserreden keine Kritik üben. Die kritischen Bemerkungen, zu denen dies Verfahren anregt, liegen auf der Hand und gehen thatsächlich von Mund zu Mund — oft in eurer für den Druck ungeeigneten Form. Der Zweck, den „man" bei diesem eigenartigen Vorgehen verfolgt, wird aber erfahrungsgemäß nicht erreicht. Es er- scheinen verschiedene von einander oft sehr abweichende Versionen, und der „unbefangene" Leser ist nur zu ge- i t
neigt, die letzte amtliche „Redaktion" nicht für die zuverlässigste Wiedergabe zu halten. Daß dadurch der Nimbus der Amtlichkeit im Allgemeinen geschädigt wird, sei nur nebenbei bemerkt. Und daß über eine vor einem größeren Kreise vonZuhörern gehaltene Rede des deutschen Kaisers, die schon wegen der Person des Redners die gestimmte Bevölkerung interessirt, die Beobachtung zeitweiliger oder gar dauernder Verschwiegenheit nicht durchgeführt werden kann, sollte män auch in den betreffenden amtlichen Kreisen wissen. Die Anwendung der Censur ist hier, wie in der Regel, ein Versuch mit untauglichen Mitteln.
Auch daß infolge des jetzt beliebten Verfahrens die Publikation der Kaiserreden, die doch den Höhepunkt all solcher festlichen Veranstaltung bilden sollen, dem eigentlichen Festberichte um ein Beträchtliches nachzuhinken pflegt, hat uns nicht veranlaßt, hier das Wort zu ergreifen. Es ist das schließlich nur ein, wenn auch recht unzeitgemäßer Schönheitsfehler der Berichterstattung, der sich ertragen ließe. Bedeutend ernster ist die andere Seite der Sache, der sich hier dokumentirende Mangel an Verständniß für die Aufgabe und Bedeutung der Presse und Mangel an Rücksicht auf die Stellung, die sie im modernen Leben einnimnit.
Es giebt in unserem deutschen Vaterlande noch immer Kreise, welche die Presse und die, die ihre geistige Arbeit der Presse widmen, als minderwerthig hetrachten und sich der Presse nur nähern, wenn sie einmal Bedürfniß haben, ihr Licht mit besonderem Nachdruck auf den Scheffel zu stellen, oder für Vorgänge, deren Bekanntwerden ihnen ' weniger erwünscht erscheint, Diskretion zu erbitten. Diese herabsetzende Einschätzung der Presse ist — was für jeden einigermaßen Sachkundigen keines Wortes bedarf und für zeden einigermaßen Gebildeten keines Wortes bedürfen sollte —heute völlig unbegründet, sachlich sowohl wie persönlich. Es giebt ja auch in der Presse räudige Schafe, deren Berührung man mit Recht scheut; doch in welchem Beruf, und sei ihm auch offiziell auf der socialen Stufenleiter eine noch so hohe Stelle eingeräumt, fehlt es denn an solchen minderwerthigen Elementen? Im Allgemeinen aber ist heutzutage gerade in der deutschen Presse eine solche Fülle von geistiger Bildung, persönlicher Ehrenhaftigkeit, rastloser und selbstloser Arbeit vorhanden, daß die Angehörigen des journalistischen Berufs hinter Niemand zurückzustehen oder sich begründeter Weise zurücksetzen zu lassen brauchen. Und welche Bedeutung die Presse in unserer Zeit erlangt hat für unser gesammtes öffentliches Leben, für das politische und wirthschaftliche Leben im weitesten Sinne, für die geistigen Interessen auf allen Gebieten, davon dürfte die Kunde doch nachgerade überall hingedrungen sein. Man könnte recht viele von den Instanzen, die sich der Presse gegenüber ablehnend verhalten zu sollen glauben, .ohne zede Schädigung unserer Entwickelung, ja ohne daß es sonderlich bemerkt würde, „ausschalten", während jede Beeinträchtigung der Thätigkeit der Presse sich auf allen Gebieten in einschneidendster Weise geltend machen würde. In dieser Thatsache liegt wohl der beste Anhalt zur richtigen Einschätzung der Presse und ihrer Verächter. Psychologisch erklären läßt sich ja die seltsame Haltung diefer letzteren ohne Schwierigkeit. Sie' sehen, daß ihre
veraltete Ausschließlichkeit, in deren Bannkreis so manches dürftiges Pflänzchen ein künstliches Dasein fristet, vor dem vollen Licht der Oeffentlichkeit, das von der Presse ausgeht, auf die Dauer nicht bestehen kann. Aus dieser erklärlichen persönlichen Abneigung ziehen sie, wo und so- weit sie können, die entsprechenden Konsequenzen. Und darin liegt das Bedenkliche dieser ganzen Erscheinung. Denn man könnte jenen Leuten getrost volle Nichtbeachtung widmen, wenn sie ihre Anschauungen nicht in einer der Bedeutung und dem Ansehen der Presse abträglichen Weife bethätigen könnten und thatsächlich bethätigen.
Die Presse ist oft. halb im Scherze, als siebente Großmacht bezeichnet worden; sie sollte diese Bezeichnung völlig ernst nehmen mit allen Rechten und Pflichten, die sich daraus ergeben. Gerade die deutsche Presse ist stets die selbstlose Vorkämpferin für alle möglichen, allgemeinen und befonderen Interessen gewesen, und sie soll es bleiben. Aber es ist ihre Pflicht gegen sich selbst wie gegen die Oeffentlichkeit, der sie dient, daß sie die Hindernisse, die ihr bei Durchführung ihrer Aufgabe entgegentreten, mit all den großen Machtmitteln bekämpft, die sie besitzt. Das einzelne Preßorgan vermag da nur in vereinzelten, beschränkten Fällen etwas. Aber in festem Zusammenschluß wird die Presse überall in der Lage sein, ihre Stellung zu wahren und sich die gebührende Geltung zu verschaffen. Es handelt sich hier ebenso um ein ideales wie um ein praktisches Interesse. Die formellste Anerkennung völliger socialer Gleichberechtigung der Presse und ihrer Vertreter mit den anderen Berufen und deren Angehörigen ist in bestimmtester Weise zu fordern und durchzusetzen. Wir glauben, dem einigen und ernsten Willen würde hier wunderbar schneller Erfolg blühen. Ein Hannover'sches Blatt schlug aus Anlaß des Hildesheimer Falles vor, die Presse solle „alle solche Vorgänge, von denen sie infolge mangelnden Verständnisses ihrer Bedeutung ausgeschlossen ist, ebenfalls von der Bsricht- eritattung ausfchlietzen", und ein socialdemokratisches Blatt spottete: „Die Behandlung, die der bürgerlichen
Presse in Hildesheim zu Theil geworden, halten wir für eine wohlverdiente. Was thun ihre Vertreter dort? Sie hätten sollen hübsch zu Hause bleiben. Ungebetene Gäste verdienen keine bessere Behandlung." In beiden Auslassungen liegt ein recht beachtenswerther Fingerzeig. Selbstachtung ist die unerläßliche Grundlage der Ächtung, die wir von Anderen heischen, und wo die Presse die Anerkennung und Rücksichtnahme, auf die sie Anspruch hat, nicht auf nornialem Wege findet, da hat sie das Recht und die Pflicht, zu den Mitteln der Selbsthülfe zu greifen, die ihr wahrlich in reichem Maße zu Gebote stehen.
Deutsches Deich.
* Berlin, 7. Dezember. Dem Bundesrath ist jetzt die Vorlage über Herstellung von Denkmünzen zugegangen, die der Kaiser zur 200-jährigen Jubiläumsfeier des Königreichs Preußen in Aussicht genommen hat. Es sollen für 50;000 Ast. Fünf- und Zwei-Markstücke geprägt werden. In der Form sollen ste auf der Reversseite keine Veränderung erleiden, um sie als Reichsmünze erkennbar zu machen. Dagegen soll die Avers-
Fenilleton.
'Uariser Wrief.
tzvon unserem Korrespondenten.)
Paris, 5. Dezember.
Von den drei Weltstädten London, Paris und Berlin kann wohl keine den Anspruch eines schnelleren Wechsels der Ereignisse machen, als die Stadt an der Seine; hier drängt Eins das Ändere, und kaum ist Dieses zum Abschluß gelangt, so wird es schon von Jenem verdrängt. Daher kommt es, daß das Pariser Leben den Stempel der Vielseitigkeit und des Reichthums fortwährender Erneuerung trägt. Der Krüger-Enthusiasmus beherrschte während einiger Tage ganz Frankreich, und namentlich Paris, aber schon ist derselbe verraucht, und Alles wendet sich wieder anderen Motiven zu, an denen, wie immer, kein Mängel herrscht. Die Aufmerksamkeit der großen Masse, welche man mit dem hübschen Fremdwort Publikum bezeichnet, kümmert sich aber weniger um die Ereignisse des Auslandes, als um diejenigen ihres zum Paradies auf Erden erhobenen Paris. Was geht die Pariser die Berliner Sittentragödie an, welche si'ch augenblicklich dort abspielt, und welche so grelle Streiflichter auf unsere Kriminalpolizei und auf die verderblichen Und verwerflichen Machenschaften der Privat-Detektiv-Jnstitute. namentlich aber auf die jämmerliche Rolle des Herrn „Direktor" Schulze des Detektiv-Instituts „Jus" wirft! Sie haben mit ihren eigenen Angelegenheiten genug zu thun, und die Publizisten sorgen mit anerkennenswerthem Eifer dafür, daß das Interesse an denselben nicht erkaltet. So richteten die Brüder Margueritte an die gesetzgebenden Körperschaften einen offenen Brief, welcher eiste brenneiide Frage in dem socialen Leben der Franzosen bekuhtt und die Ehescheidungen betrifft. Während das neue Gesetzbuch in Deutschland die Ehescheidung so viel
als möglich zu erschweren sucht, kämpfen die genannten Herren für eine Erleichterung derselben. Nach ihren Ausführungen scheinen sie heftige Gegner des lieben Ehejoches zu sein, und thatsächlich soll der Kammer demnächst ein Gesetzesvorschlag unterbreitet werden, nach welchem sich die Ehebrecher hcirathen dürfen. Man giebt sich eben der Hoffnung hin, daß der Ehebruch dadurch seltener werde, denn schließlich müßte der Mann eine Verführte auf deren Antreiben heirathen, falls er noch ein wenig Ehrgefühl besäße, da doch die Frau durch ihn in eine solche Lage gebracht ist. Wie aber dann, wenn beide Theile bereits verehelicht sind? — Die rechtmäßige Gattin eines Verführers würde sich schön bedanken, eine Nebenbuhlerin neben sich zu wissen, und da die Bigamie verboten ist, so bleibt die Verführte doch immer der leidende Theil. Die guten Leute werden sich entweder hüten, in sträflichen Verkehr zu treten, oder aber, was wahrscheinlicher sein dürfte, sie werden — schlauer zu Werke gehen, um sich nicht in kla^ranti erwischen zu lassen, dessen es bedarf, um eine Ehescheidung herbeizuführen.
Ein anderer Gesetzesvorschlag, der nicht minder interessant ist und vom Senator Piot dem Senat vorgelegt wurde, richtet sich gegen die stetig zunehmende Entvölkerung Frankreichs. Dieser soll um jeden Preis abgeholfen werden, und man höre und staune, auf welche sinnige Art und Weise dieser findige Kopf dem Uebel steuern will. Alle unverheiratheten Männlein und Weiblein sollen danach von ihrem 30. Lebensjahr an zu einer Steuer herangezogen werden. Wer nun wirklich sich diesem Zwang nicht fügen will oder kann, wer nicht in den sauren Apfel zu beißen gedenkt, nun der zahlt lieber die paar Francs Steuer und bleibt im Vollbesitz der goldenen Freiheit. Mancher wird sich aber auch denken, daß der Ehestand wirklich nicht so schlimm ist, als er gewöhnlich verschrieen wird — und heirathet in Gottes Namen darauflos. Glückliches Land! werden unsere alten Jungfern seufzen. Auf nach Frankreichs seligen Gefilden! Aber das dicke Ende kommt nach. Wenn der geplagte Bürger glaubt, mit diesem heroischen Schritt seinen Verpflichtungen
gegen den Staat gerecht geworden zu sein, so irrt er gewaltig, denn auch hier greift das Gesetz mit seiner unerbittlichen Gewalt ein, indem es dem armen Ehemann das Bibelwort: „Seid fruchtbar und mehret Euch!" vor Augen hält, und wenn aller gute Wille vergebens gewesen, und der Himmel die Gebete um den staatlich verlangten Kindersegen nach 8-jähriger Ehe nicht erhört, so heißt es wieder blechen. Also zahlen auf jeden Fall. Hiermit soll aber eigentlich nur böser Wille gestraft werden, welcher eine Vermehrung der Familie durch Zuwachs von Kindern verhindert, aber dieser Zwang wird die Störrigen unmöglich bewegen, sich demselben zu beugen. Die wirklich hohen Unterhaltungskosten und die Unbequemlichkeit einer Kinderschaar wird sie lieber zur Zahlung veranlassen. Um den sparsamen Hausvätern aber jeden Grund zu einem renitenten Verhalten zu entziehen, hat der Senat bereits das Gesetz votirt, nach welchem die Patentsteuer in dem Maße verringert werden soll, als Kinder vorhanden sind. Ob die guten Bürger wohl auf diese Lockspeise anbeitzen werden? — Ich glaube es schwerlich, denn jeder gute Rechner muß sich doch sagen, daß der Ausfall dec Einnahmen aus der Patentsteuer durch andere ersetzt werden muß, zu deren Beitragung auch er herangezogen werden wird. Zahlen heißt es also auf jeden Fall, mit oder ohne Sprößlinge, und es dürfte daher keinem Zweifel unterliegen, daß das Volk dem alten System treu bleiben wird.
Eine offenbare Ungerechtigkeit gegen die alten Jungfern wäre es aber, wollte man diese mit einer Steuer belasten, weil sie nicht geheirathet haben. Hier kann von einem bösen Willen unmöglich die Rede sein, denn welches Mägdelein sehnte sich im Grunde ihres Herzens nicht nach dem glatten Ringlein ohne Stein, der übrigens in den Kreisen des Volkes wenig getragen wird, und wenn schon, doch recht sonderbare Formen mit oder ohne Stein besitzt. Unsere heirathslustigen Jungfern sehen hieraus aber auch, daß es trotz Gesetzesschärfe im Lande der Gallier schwer fällt, unter M Haube zu kommen.. Darum bleibe im Lande und sieh^ zu, dass
