Jahrgang.
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808. Redaktions-Fernsprecher No. 52. fedl 6.
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VerlagS-FernsP.echer No. 2266.
1900.
Worgeti»flusgabe.
Zum neunjährigen MiltelschulKeluch.
Wir berichteten in Nr. 449 des „Tagblatt" über eine an den Magistrat der Stadt Wiesbaden gerichtete Eingabe, in der dafür eingetreten wird, den an unseren Falk'schen Mittelschulen bereits bestehenden acht Jahresklassen eine neunte hinzuzufügen. Die Angelegenheit hat großes Interesse in unserer Stadt erweckt, denn es sind inzwischen sowohl der hiesige Zweigverein der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, als auch der Altstadl-Verein und der Süd-Verein in gleichem Sinne bei dem Magistrat vorstellig geworden, während der Westliche Bezirks-Verein und der Verein selbständiger Kaufleute bereits eine Resolution gefaßt haben, deren Inhalt sich mit dem in der erwähnten Eingabe gestellten Anträge vollständig deckt. Leider hat dieser Antrag jedoch gerade in den am allermeisten betheiligten Kreisen, nämlich bei den Eltern, deren Kinder unter den gegenwärtig noch bestehenden Verhältnissen die Mittelschule im nächsten Jahre verlassen würden, noch nicht die Sympathie gefunden, welche ihm bei seiner Wichtigkeit eigentlich gebühren würde. Eine von der Schulbehörde, welcher die Eingaben vorläufig vom Magistrat überwiesen wurden, veranstaltete provisorische Umfrage bei den zur Zeit die gegenwärtige oberste Klasse besuchenden Schülern unserer Mittelschulen bezw. den betreffenden Ettern hatte nämlich das, wenn auch immerhin anerkennenswerthe, so doch gewiß nicht glänzende Ergebniß, daß sich, soviel uns bis jetzt bekannt geworden ist, erst 37 Mädchen und sogar nur 10 Knaben dazu bereit erklärten, gegebenenfalls eine weitere Schulklasse zu absolviren. Wir wollen nicht untersuchen, ob dies daran liegt, daß die betheiligten Eltern über den Werth eines um ein Jahr verlängerten Schulbesuches nicht ausreichend unterrichtet sind oder welche Ursachen da sonst mitsprechen mögen, glauben aber bei der großen Wichtigkeit der Sache nicht versäumen zu sollen, das dabei interessirte Publikum überhaupt über die Bedeutung der neunklassigen Mittelschulen zu unterrichten.
Aus den früher hier vorhandenen, im Jahre 1858 gegründeten nassauischen Mittelschulen sind bekanntlich im Jahre 1896 die sogenannten Falk'schen Mittelschulen hervorgegangen, welche ihren Namen dem Umstande verdanken, daß der erste Anstoß zu ihrer Errichtung in einer am 15. Oktober 1872 vom damaligen Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten, Dr. Falk, erlassenen Verordnung gegeben worden ist. In derselben ist u. A. gesagt:
„Unter den Namen von Bürger-, Mittel-, Rektor-, höheren Knaben- oder Stadtschulen sind bereits gegenwärtig eine beträchtliche Anzahl von Unterrichtsanstalten vorhanden, welche einerseits ihren Schülern eine höhere Bildung zu geben versuchen, als dies in der mehrklassigen Volksschule geschieht, andererseits aber auch die Bedürfnisse des gewerblichen Lebens und des sogenannten Mittelstandes in größerem Umfang berücksichtigen, als dies in höheren Lehranstalten
regelmäßig der Fall sein kann. Es entspricht den Anforderungen der Gegenwart nicht nur, die bestehenden Anstalten dieser Art weiter zu entwickeln, sondern auch die Neuerrichtung derselben Seitens der Gemeinden thunlichst zu fördern."
Diese Ministerial-Verordnung ist das Ergebniß von Beralhungen, welche in einer im Juni 1872 von Minister vr. Falk cinberufenen Berliner Schulkonferenz gepflogen worden sind und denen u. A. folgende, von der Konferenz im Allgemeinen gutgeheißenen Thesen zu Grunde lagen:
1. „Die Mittelschule hat die als berechtigt anzuerkennenden Erzichnngs- und Unterrichtsbedürfnisse für die männliche und weibliche Jugend des mittleren Bürgerstandes zu befriedigen."
2. „Die Mittelschule wird gegen Zahlung eines Schulgeldes besucht; sie beruht im Anschluß an die Volksschule auf deren elementarer Grundlage, vertieft und erweitert sodann nach ihrer Abzweigung von derselben deren Unter- richtsgegenstünde, erstrebt eine für jenen Stand ausreichende Vorbildung (und verzichtet vorläufig unter Festhaltung ihres Selbstzweckes auf Erlangung der den höheren Schulen zuerkannten Berechtigungen)."
3. „Eine in den Mittelschulen überall zu erstrebende allgemeine Durchbildung wird außer deren Verwerthung in der Prüparandenbildung eine den besonderen örtlichen oder- provinziellen Verhältnissen entsprechende besondere Fachbildung zu fördern und die auf dem Gebiete des Gewerbes, der Technik, der Landwirthschaft, des Seelebens als noth- wendig sich herausstellenden Anforderungen zu befriedigen haben."
4. „Nach den! Maße dieser Anforderungen wird die Dauer des Schulbesuches festgesetzt werden; in der Regel wird dieser nach vollendetem fünfzehnten Lebensjahre abschließen."
Als bei uns die Umwandlung der nassauischen Mittelschulen in Falk'sche Mittelschulen erfolgte, behielt man die alte Klassen-Eiutheilung (acht Jahresklassen) bei und ließ die Frage des Anschlusses einer neuen Klasse vorläufig noch offen. Dies geht aus einer im „Wiesbadener Tagblatt" vom 19. Februar 1896 (Abend-Ausgabe) von Herrn Schulinspektor Rinkel veröffentlichten Abhandlung über „Unsere Mittelschulen" hervor, in welcher darüber wörtlich Folgendes gesagt ist:
„Ob der Mittelschule, wie dieS wohl in anderen Städten geschehen ist, später noch eine Fortbildungs- klasse angeschlossen wird, das muß der Zukunft Vorbehalten bleiben." —
Es wird nun Niemand ernstlich bestreiten wollen, daß die Ausgestaltung unserer achtklassigen Mittelschulen in neunklassige für den Schüler den Vorthcil haben würde, sein Wissen mehr zu erweitern, zu vertiefen und zu befestigen. Gerade dieser Umstand hat ja auch dazu geführt, daß man, wie in dem eben angeführten Satze bereits an- gedeulet ist, „in anderen Städten", und zwar in sehr vielen, neunklassige Mittelschulen errichtete. Solche Schulen existiren z. B. in Altona, Breslau, Elberfeld, Hirschberg, Kiel, Köln, Königsberg, Krefeld, Magdeburg, Posen, Prenzlau, Stade, Stettin rc. Was in einer solchen Schule geleistet werden kann,
das ersehen wir aus dem uns vorliegenden Lehrplan der ersten Knaben-Mittelschule in Altona. Aus demselben ergiebt sich, daß vor Allem in den mathematischen und Naturwissenschaft lichen Fächern das Lehrziel weiter gesteckt ist, als in der achtklassigen Mittelschule. Aber auch z. B. in Geographie, Geschichte und Zeichnen kann naturgemäß mehr erreicht werden, während im Unterricht in der deutschen Sprache für die Klassiker mehr Zeit übrig bleibt. Von fremden Sprachen lehrt die Altonaer Schule nicht nur, wie unsere hiesigen Mittelschulen, die englische, sondern auch die französische, und zwar elftere Sprache vom vierten, letztere vom sechsten Schuljahr ab, obligatorisch.
Würden auch unsere Mittelschulen in dieser Weise eingerichtet — cs könnte ja vielleicht zunächst versuchsweise geschehen — dann dürften die erzielten Erfolge sicher bald alle Betheiligten zu Freunden der neunklassigen Mittelschule machen. Wenn die Kinder in einer Zeit, wo ihr Vcr- ständniß zunimmt und ihre Auffassungsgabe geschärfter wird, noch zur Schule gehen, dann werden sie weit besser vorgebildet, als sie unterden gegenwärtigen Umständen ins Erwerbsleben eintreten. Weiter haben sowohl die Knaben, als auch die Mädchen von dem Besuch einer solchen Schule den Vortheil, daß ihnen in Anbetracht ihres größeren Wissens und Könnens in der Regel gewiß nicht mehr zugemuthel werden wird, etwa nun doch noch den ersten und zweiten Jahreskursus einer Fortbildungsschule zu absolviren. Hinsichtlich der Knaben kommt ferner noch besonders in Betracht, daß sie für den Eintritt in eine Fachschule besser vorgebildet werden, während (was auch von großer Bedeutung ist) denjenigen Mädchen, welchen, trotzdem sie sich eine bessere Bildung aneignen wollen, aus Rücksicht auf ihren gegenwärtigen und mnthmaßlichcn zukünftigen Lebenskreis die Ziele der höheren Töchterschule zu hoch oder zu fern liegen oder den mit ihrem Unterricht verknüpften Zwecken nicht entsprechen, gerade mit der neunklassigen Mittelschule am besten gedient ist.
Ein weiterer beachtenswerther Punkt ist, daß, wenn hier, nach Gründung der neuen Schule, wie dies z. B. in Posen der Fall ist, eine Uebereinslimmung zwischen den Lehrplänen für die unteren und mittleren Klaffen der Oberreal- und denjenigen der Knabenmittelschule herbeigeführt würde, dem Schüler die Möglichkeit geboten wäre, auch noch nach Absolvirung von mehr als vier Klassen der letzteren in die erstere Schule überzutreten. Die Schaffung eines „gemeinsamen Unterbaues" für Schulen verschiedener Gattung ist ja, nebenbei bemerkt, ohnehin schon lange das Ideal vieler Schulrcformer.
Noch wenig bekannt dürfte cs sodann sein, daß, wie wir aus der neuesten Verfügung des Staatssekretärs des Neichspostamts ersehen, Knaben, welche das Reifezeugn'.ß einer öffentlichen Mittelschule mit neun Jahreskursen erlangten, die mittlere Postlaufbahn offen steht.
Eine Ausgestaltung der hiesigen Mittelschulen in der erörterten Weise lüge aber nicht nur im Interesse der schulpflichtigen Jugend, sondern auch im Interesse unserer Stadt- gemeinde, denn von den Wiesbadener städtischen Schulen erfordert gerade die Btiltelschule die geringsten Zuschüsse, wie aus nachstehender Zusammenstellung ersichtlich ist. Es betrugen nämlich im Verwaltungsjahre 1899/1900 in runden
Feuilleton.
Der Acrmin.
London, Dezember 1900.
Der Ämter ist im Allgemeinen die Jahreszeit nicht, der die Menschen mit großer Freude entgegenblicken, und wenn sie uns -auch das schöne Weihnachtsfest bringt, wenn auch manch jugendliches Herz ihr in Erwartung zahlreicher Bälle und „Flirts" mit Sehnsucht entgegenschlägt, der größte Theil der Menschheit sieht den strengen Gast weit lieber scheiden als kommen. Denn auch bei uns ist der Winter oft ein grausamer Geselle, ob er gleich Eis und Schnee nicht in allzu großen Mengen über uns eusstreut, ja wir nicht selten gänzlich davon verschont bleiben. Dafür fehlt es aber auch fast immer an den strahlenden, sonnigen Tagen, die auf dem Kontinent mit großer Kälte verbunden sind, das leuchtende Himmelsgestirn blickt dann so freundlich herab, daß der Frost weit weniger fühlbar wird. Hier fehlt es, wie gesagt, meist an letzterem, aber dafür ist von der Sonne auch nichts zu erblicken, ein gleichmäßiges Grau hüllt den Himmel ein, selbst, wenn kein Nebel gleich einem dichten Schleier über der Erde liegt.
Es ist keine Frage, daß gegen das Bedrückende, zur Melancholie leitende Aussehen, welches die Straße zeigt, ein lustiges Kaminfeuer einen erfreulichen Gegensatz bietet, wenn durch das Fenster ein so trübes Licht hereinschaut, dann erscheint die prasselnde Gluth im „Fire-place" äußerst willkommen, die das Zimiüer hell und behaglich macht. Darum möchte auch der Engländer diese offene Flamme nicht missen, und wenn er im Winter in Deutschland sich befindet, dann kommen die Stuben, trotzdem sie sv 'viel gleichmäßiger und behaglicher durchwärmt sind, ihm kalt und unfreundlich vor. Vor Allem aber hat er
ob der geschloffene Ofen die Luft zu sehr austrocknete, was theil- weise wohl auf Einbildung beruht, indes nicht ganz und gar aus der Luft gegriffen ist. Der Kamin ist ein ausgezeichneter Ventilator, und die Luft in den englischen Häusern daher stets frisch und gut, für unsere Begriffe allerdings auch häufig zu frisch, besonders, da die Thüren hier nie recht schließen und man Doppelfenster nicht kennt. Ebenso muß zugegeben werden, daß der offene Feuerplatz etwas ganz außerordentlich Gemüth- liches hat und als der gegebene Mittelpunkt erscheint, um den die Mitglieder der Familie und die Freunde des Hauses sich schaaren.
Leider kommt es allerdings nicht selten vor, daß in diesem „Fire-place" das Feuer nicht recht brennen will, und wenn die Hausfrau des Morgens aus den oberen Regionen — die Schlafzimmer liegen fast stets im zweiten Stock, das Eßzimmer im Erdgeschoß — herabsteigt, ein leerer Kamin sie angähnt, in dem eine Flamme zu entfachen das Dienstmädchen sich bisher vergeblich bemüht hat. So behaglich ein Raum erscheint, den eine lustige Gluth erhellt, so furchtbar ungemüthlich sieht er aus, wenn der Kamin uns schwarz entgegenstarrt. Den vereinten Bemühungen von Herrin und Dienerin gelingt es wohl schließlich, das Feuer zu entzünden, auf das dann aber unausgesetzt ein wachsames Auge gerichtet sein muß, damit es nicht wieder erlischt und die Arbeit des Anmachens von Neuem beginnt, ganz abgesehen davon, daß natürlich auch die Stube wieder vollständig auskühlt.
Ueberhaupt dürfte der Kamin eigentlich nur dort das Erwärmungsmittel bilden, wo Geld und Zeit keine Rolle spielen, da er einerseits sehr viel Kohlen verzehrt, andererseits eine fast ständige Bedienung erfordert. Da müssen ihm Kohlen zugeführt, dort eine herausgefallene ausgenommen werden, dann tritt wieder der „Poker" in Aktion, mit welchem man die Flamme zu lebhafterem Brennen zu bringen sich bemüht, was allerdings oft die entgegengesetzte Wirkung hat, worauf man dies durch ein vorgehaltenes Zeitungsblatt zu erzielen sucht. Die Plötzlich
erwachende Flamme erfaßt dann wohl auch das letztere und fuhrt es den Schornstein empor, zur nicht geringen Konsternation der Hausfrau, die in der Eile nach der noch nicht gelesenen „Times" gegriffen, die der Gatte auf dem Frühstuckstisch zu finden gewohnt ist. Der vielleicht so heraufbeschworene Sturm wird noch durch die Erwägung verstärkt, daß das emporgeflogene brennende Papier einen Rauchfangbrand herbeiführen kann.
Trotzdem möchte, wie gesagt, der Engländer ohne seinen „Fire-place" nicht sein, und so weit die wohlhabenderen in Frage kommen, ist dies auch ganz verständlich. Wenn sich nur stets das gehörige Quantum Kohlen darin befindet, dann erwärmt er auch die Stube, und das Beobachten des Kamins ist, wo die genügende Dienerschaft zur Verfügung steht, keine gar große Schwierigkeit, abgesehen davon, daß es Denen, für die Zeit nicht Geld bedeutet, meist selbst eine vergnügliche Beschäftigung ist. Anders jedoch Diejenigen, welche Fortuna weniger gut bedacht, und die mit Kopf oder Hand für ihren Unterhalt schaffen müssen. Ueber der Arbeit wird da gar häufig des Feuers ganz vergessen, bis die empfindlich werdende Kälte auf einmal daran erinnert, daß es niedergegangen, ja vielleicht bereits gänzlich erloschen ist, und nun heißt es kostbare Minuten oder wohl auch Viertelstunden opfern, bis es wieder in Gang gebracht. Auch der große Kohlenverbrauch des Feuerplatzes fällt für den Aermeren ins Gewicht, der gar häufig die Flamme nicht genügend nährt, weil er an Brennmaterial sparen möchte und sich so ständig in einem recht unbehaglichen Zustand befindet. Ein guter Kachelofen würde all diesen Uebelständen abhelfen, ein halb Dutzend derselben könnten mit dem Material geheizt werden, das ein Kamin allein verspeist, selbst wenn er nicht allzu gut gefüttert wird. Aber an einem eingeführten Gebrauch wird hier so leicht nicht gerüttelt, der „Fire-place" gilt nun einmal für das Richtig^ und es ist besser, für feine Ueberzeugung mehr oder toeniger zu frieren, als einen unenglischen Kachelofen in die Stube zu stellen, mag er diese auch noch so behaglich machen H. 2 a n d,
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