1. Mlagr zum Weskaümer Tagblall.
Ka. 568. Worgen-Ansgahe.
Donnerstag- den 6. Dezember.
48. Jahrgang. 1900.
(Nachdruck verboten.)
Drei Thrill)aber.
Noman von Mret Karl«.
Autorisiert.
Vorspiel.
Hinter den Höhen des Black-Spur-Gebirges^ ging die Sonne unter. Noch überfluthete ihr rother Schein den zackigen Kamm und drang durch jede Lücke in den dichten Reihen der NadelbäuMe, so daß sich die Stellen, wo tue zerbrochenen Aeste fehlten, scharf abzeichneten. Bald aber schwand die Helle Gluth und flammte nur noch hie und da plötzlich auf. wie Feuerfunken, wenn man Papier verbrennt. Dann kam der Nachtwind über das Gebirge gefegt und fing den alten Kampf an mit den schatten, die vom Thale Heraufstiegen, bis er endlich unterlag- und von der Alles besiegenden Finsterniß verschlungen wurde Nur die Bäume auf dem breiten Abhang des Kieferberge» rauschten noch und schwangen wie abwehrend ihre Aeste; als aber die Schatten immer näher heranschlichen, bis eine Hütte nach der anderen und Stollen auf Stollen im Dunkel verschand, da hüllte sich zuletzt Alles in tiefes Schweigen. Das Hinimelsgewölbe allein war noch sichtbar. gleich einem riesigen, stahlgraueu Spiegel, der nur den Wiederschein der Sterne zurückzuwerfen schien — so matt war ihr Geflimmer.
Eine einzige Hüttenthür auf dem Kamm des Kieferberges hatte noch bei Nacht und Wind offen gestanden. Jetzt wurde sie von unsichtbarer Hand langsam zugemacht, und man sah drinnen, beim Schein der sinkenden Gluth. eine Gestalt, die das Feuer auf dem Herde schürte. Zuerst war nur der eine Mann erkennbar, der sich darüber beugte, aber sobald die Flammen emporzüngelten, tauchten noch zwei andere Gestalten auf, die regungslos am Herde saßen. Als das Schließen der Thür die Stille unterbrach, veränderten sie ihre Stellung ein wenig. Der. welcher aufgestanden war, um zur Thür zu gehen, nahm seinen Platz im Dunkeln wieder ein; nun saßen sie alle Drei abermals stumm da. mit ihren Gedanken beschäftigt, die sich offenbar um einen Gegenstand drehten, der sie gemeinsam anging; Keiner mochte den Anderen stören, oder das Schweigen brechen. Da stiest-der jüngste der Gefährten auf einmal in lustiges Lachen aus. Die beiden Anderen wandten den Kopf und sahen ihn fragend an, ohne ein Wort zu sprechen.
„Es kommt mir nur so komisch vor", sagte er wie zur Entschuldigung, „wenn ich daran denke, wie wir hier Abend für Abend gesessen haben, als wir noch wie Sklaven um Hungerlöhne arbeiteten und keine Spur von 'nerAus- sicht hatten — was haben wir da für närrisches Zeug geschwatzt. und uns ausgedacht, was wir Alles thun wollten, wenn wir 'mal auf Gold stießen. Und nun das Ding geglückt ist. Potzwetter, und wir uns im Golde wälzen können, sitzen wir da wie betrübte Lohgerber, denen die Felle fortgeschwommen sind! Wißt Ihr noch, einen Abend — Herrgott! 's ist noch gar nicht lang her ■— da zanktet Ihr Euch, in welchem vornehmen Hotel Ihr in Frisco*)
*) Allgemein übliche Abkürzung für San Francisco.
absteiaen wolltet, und ob Ihr direkt nach London. Parrs und Rom reifen, oder lieber den Weg über Japan. Chma. Indien und das Rothe Meer wählen solltet."
„Bewahre, gezankt haben wir uns nicht", sagte einer der Männer in sanftem Ton. „wir besprachen es nur
rnrtemander ^ ^ r - § gethan. Demorest, ich bleibe dabei" rief der junge Mensch voller Muthwillen. „Du hast auch zu Stach gesagt: statt uns breit hinzustellen und zu fragen. „Was kostet die Welt?" sollten nur lieber erst trocken hinter den Ohren werden, etwas Erfahrung sammeln und i,ns vor Allein den Schlamm und Schmutz von den Stiefeln kratzen, ehe wir versuchen, in feiner Gesellschaft zu verkehren."
„Na, ich glaube das ist auch jetzt noch meine Meinung", eiitgegnete der Andere gutmüthig. „Aber", fuhr er sehr ernsthaft fort, „gezankt haben wir uns nicht. Gott behüte!"
Es lag etwas in dem Ton, mit dem er die Worte sprach, was eine gleichgestimmte Saite ihres Wesens be- riihren mochte, und der junge Barker gab dem Gefühl, das sie beseelte, jetzt plötzlich einen ordentlich feierlichen Ausdruck: „Wißt Ihr was, Jungens", rief er voll Eifer, „wir sollten uns heute Abend, hier auf der Stelle geloben, einander allezeit beizustehen — in guten und bösen Tagen — und auf den ersten Ruf zu gegenseitigem Dienst bereit zu sein. Wie wär's. wenn wir eine Art Zeichen oder Losungswort verabredeten, auf das wir sofort, von den fernsten Enden der Erde zur Hülfe herbeieilen müßten!"
„Verlier' Dich nur nicht in den Wolken. Barker". brummte Stach, ohne vom Feuer aufzublicken, während Demorest mit nachsichtigem Lächeln zu dem jüngeren Genossen hinüberschaute.
„Nein, aber wirklich. Stach", fuhr Barker unbeirrt fort. „Gute Kameraden thaten das früher immer in Noth und Gefahr. Warum sollten wir es nicht thun. nun das Glück uns lacht?"
„Es wäre gar nicht so übel, alter Junge", sagte Demorest. „Nur macht solche Losung, wie alle schönen Worte, meistens den Kohl nicht fett. Auch auf das erste beste Wolfsgeheul pflegt das ganze Rudel so rasch herber- zulaufen. wo es eine Beute zu holen giebt. als wäre es die schönste Losung. Aber halte Du dies Gefühl nur fest und verwahr' es mit Deinem Goldstaub zusammen unter dem Gürtel."
„Barker ist ein gemüthliches Haus, deshalb gefüllt er mir", sagte Stach. Er ist der Einzige von uns, dessen Zukunft schoil feststeht. weil er sie sich im Voraus hat verbrieft und versiegelt geben lassen. Nun das Glück bei ihm einkehrt, braucht er sich bloß häuslich niederzulassen und sein Mädchen zu heirathen. Was würde wohl Kitty Carter, wenn sie erst Frau Barker ist, für ein Gesicht dazu machen, wenn unsereins ihren Mann nach Asien oder Afrika sprengen wollte? An dem Losungswort würde sie wenig Gefallen finden. Wenn er und sie erst ihr neues Compagniegeschäft gründen, wird sie wohl nach den Theilhabern des alten nicht viel fragen."
„Da irrst Du Dich doch gewaltig", sagte Barker und wurde feuerroth. „Sie ist das beste Mädchen von der Welt und würde gewiß unsere Freundschaft verstehen.
denn auf Euch Beide hält sie die größten Stucke. Während ich noch unschlüssig war. hat sie eifrig dafür gestimmt, daß Ihr durchaus die Parzelle haben mußtet, der wir unser Glück verdankeil. Ohne ihr Zureden Ware sie uns wahrscheinlich entgangen."
„Das hat sie bloß um Deinetwillen gethan", er« widerte Stach mit verhaltenem Gähnen. „Nun Du Deinen Antheil in der Tasche hast, wird sie sich unsertwegen nicht außer Athem setzen. Mir ist's übrigens lieber, wenn Dri uns daran erinnerst, daß wir ihr linser Glück verdanken, als daß sie es Dir je ins Gedächt- rüß rllfen sollte."
„Was soll das heißen?" rief Barker erregt. Aber Demorest hatte sich schwerfällig erhoben und sich zwischen sie. mit dem glücken ans Feuer gestellt, so daß sein riesiger Schatten auf die Wand fiel.
„Das soll heißen", sagte er bedächtig, „daß Du Unsinn schwatzest, und er auch. Doch Dein Gewäsch kommt aus dem Herzen und seins aus dem Kopf; drlim ist mir Deins lieber. Mich macht's aber müde. Euch zu- zuhören; ich dächte, Ihr ginget zu was Anderem über."
Demorest zu widersprechen fiel keiilem Menschen jemals ein. Barker koilnte sich indessen noch nicht beruhigen. „Mir scheint doch, wir hätten alle Ursache, vergnügt und glücklich zu sein", sagte er. „Es ist doch kein Verbrechen, daß wir die Goldader entdeckt haben. Im Gegentheil. von allen Arten Gelderwerb halte ich das für den redlichsten und glattesten; Niemand wird ärmer dadurch; unser Glück thut den Anderen keinen Schaden. Seit Urzeiten liegt das Gold da für den Entdecker; wir haben es gefunden; kein Mensch hat es je vor uns. berührt. Ob's Euch ebenso geht. Jungens. weiß ich nicht; aber mir ist zu Muthe. als »väre dies Geschenk ganz unmittelbar für uns bestimmt. Deiln, mögen wir's nun verdienen oder nicht, wir erhalten es aus erster Hand — von Gott!"
Die beiden Männer warfen ihrem Gefährten einen raschen Blick zu; er wechselte die Farbe und lächelte dann verlegen, als schäme er sich der schwämerischen Auf-. Wallung, in die er gerathen war. Aber Demorest blieb ganz ernst, und Stacys Augen leuchteten beim Feuerschein. während er nachdenklich erwiderte: „Daß das
Goldgraben eine religiöse Handlung ist. habe ich noch nie gehört; aber wer weiß, Barker, mein Junge, ob Du nicht Recht hast. So wollen wir's uns denn Wohl sem
lassen!" „ r . .
Doch rührte er sich nicht vom Fleck; ebensowemg wie seine Genossen. Die Flamme schlug höher empor, sodaß man das rohe Gebälk und die ganze ureinfache Ausstattung der bescheidenen Hütte erkennen konnte; die Gestalten ihrer drei Bewohner, die da am Feuer saßen, schienen dagegen ins Riesenhafte zu wachsen.
„Wer hat die Thür zugemacht?" fragte Demorest nach einer Pause. ^ „ Y . ^ „
„Ich", erwiderte Barker; „nur kam es kalt vor.
„Mach' sie lieber wieder auf. nun das Feuer so hell brennt. Wenn einer von den Leuten unten heute Abend noch bei uns vorsprechen will, kann es ihm den Weg zeigen."
(Fortsetzung folgt.)
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