1 Der Roman, s
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i»=—a Illorgeil-Seilage des Wiesbadener Tagblatts, l»— .
Nr. 104.
Mittwoch. 5. Mai.
1915.
(11. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller.
Nachdruck verboten.
Sie nahinen jetzt den Pfad, von dem er gesprochen hatte, den Sterne, wildes Gesträuch und Gestrüppe für den verbarg, der nicht das Land und die Wege genau kannte.
Es war ein ermüdender Weg, steil und schmal, der manchnral ganz versagte, so daß rnan über Felsen klettern mußte.
„Wird es Ihnen nicht zuviel?"
Er sah besorgt zu ihr hinüber.
Sie lachte: „Röschen und ich sind gut zu Fuß — nicht wahr, Röschen, wir werden so bald nicht müde?"
Dos Kind wandte sich um. Eine ganze Strecke war es singend und jubelnd vorausgeeilt.
„Es ist ein herrlicher Weg, Onkel Hans — ich hoffe, wir sind noch lange nicht angekammen!"
Nach einer Stunde beschwerlichen Steigens rief Röschen, die ihnen immer voraus war: „Kommt — kommt schnell — o — es ist ja zu schön hier lcken — nichts als Blumen — und drüben die Sonne."
Mit raschen Schritten gelangten sie zur Stelle, an der das Kind stand, und auch ihnen entfuhr ein Schrei der Verwunderung und Überraschung.
Sie hatten die Höhe erreicht — standen auf dem Kamm der Felswand, die jäh, ohne Abstufung zur Tiefe hinabsällt.
Auf der einen Seite siel sie in den engen, lichtlosen Talesgrund ab — auf der anderen Seite aber flutete die Sonne, prallte an die Klippen, um in die weite Ausbuchtung des Tales zurückzuströmen und Wald und Fluren zu durchleuchten, das Gold in den Butterblumen, daS Purpur im Mohn aufflammen zu lassen und liebkosend über den kleinen See zu gleiten, der zum Hsin- mel sein prächtig blaues Auge ausichlug.
Das war wirklich das Sonnenland, wie man in Sehnsttchtsstunden es sich erträumt.
Wehende Gräser — Blumen und Schmetterlinge — und um sie her die stille Pracht der Tannenwälder und Berge, auf deren Gipfel die Sonne lag.
Auch dort kein Haus, kein heimatliches Rauchwölkchen — nichts als die Natur — und doch keine Einsamkeit — in der Luft solch Leben und Glück — solch Singen und .Klingen, daß das Herz sich daran nicht sattsehen und satthören konnte.
„Nun, lohnt es sich nicht den steilen Weg?"
„Es ist wunderbar schön."
Sie saßen im hohen Gras, hinausblickend auf das Sonnenland vor ihnen, und in den Augen der Widerschein jenes Leuchtens und Schiminerns. Und es war noch einmal so schön, weil sie zusammen es genossen — weil sie so nahe aneinanderstanden und eins im Empfinden waren. Vielleicht hatten sie noch nie so mächtig wie jetzt dies Gefühl von Zusammengehörigkeit verspürt — ein sich Berühren und Aneinanderlehnen der Seelen, die ein Sonnenstrahl verbindet — so viel fester, so viel sicherer als die Kette der Ehe, die aus den eisernen Ringen des Gesetzes besteht.
„Es ist doch eine ungerechte Verteilung des Glückes", meinte Hilde, indem sie auf die Rabenklippe wies —• „auf der einen Seite dient sie dazu, das Licht aufzn- speichern, daß kein Strahl, kein Sonnenstäubchen sich verliert — und auf der anderen sperrt sie es ab."
„Eine Sage wird von dieser Rabenklippe erzählt", versetzte er.
„In früheren Zeiten bestand die Felslvand nicht, und ungehindert konnten die Sonnenstrahlen in jene Talschlucht dringen und sie mit Blumen erfüllen. Dev König, der über dieses Land herrschte, hatte eine Tochter, die sich in einen armen Ritter versiebte, der vom Rauental bis hier an den See zu ihr herübcrkam. Sie schworen, sich zu heiraten, und trafen sich trotz der Drohungen des Königs immer wieder an derselben Stelle. Eines Tages überraschte er sie: der Ritter floh, doch der Pfeil, den der König nach ihm abschoß, traf ihn am Auge, daß er blind wurde: wütend, ihn nicht getötet zu haben, stampfte der König auf den Boden und ließ eine unübersteigbare Felswand aufsteigen, die auf inliner den Riter von seiner Tochter trennen sollte.
Aber die Liebe war größer als seine Rache lind stärker noch als die Natur. In der Stille der Nacht stiegen sie beide die Felswand hinauf — achteten nicht auf die blutenden Hände und Füße — dachten nur sinnier ans Ziel, bis sie auf der Höhe sich fanden, und einige selige Augenblicke zusammen verbrachten. Die Zeit war knapp bemessen — und nach kurzer Zeit hieß es wieder umkehren und denselben gefährlichen stundcu- langen Weg zurücklegen. Doch sie seufzten und klagten nie — sie wagten ihr Leben für diese Glücksstunde.
Und die Hirterl inr Nauental erzählten sich-."
Er hielt inne und schaute auf sie herab — so innig — so wanm — und seine Stimme hatte solchen zärtlichen Klang, als er fortsiihr: „Die Hirten sagen, daß der Zorn des Königs den armen Ritter und seine Geliebte in Rabeir verwandelt habe und sie nie mehr zusammen- koinmen können — bis zu dem Tag, da zwei Menschen, die sich lieben, wie jene sich geliebt hatten, den nächtlichen Äilfftieg über die Klippen wagen — da wird diese Liebe sie von dem Banne erlösen und sie werden wieder Menschen werden."
„Welch seltsame — tiefsinnige Sage." Sie blickte verträumt zrr den Klippen hinüber, als erwartete sie, die zwei Raben aufflattern zu sehen.
„Und eine Sage, die soviel Wahrheit und Lcbens- weisheit in sich birgt", versetzte Rickling. „Fast jeder Mensch erfährt sie an sich selbst. Wir stehen im Schattenland und jammern, daß es dunkel ist und flehen die Sonne an, sie möge zu uns herüberkommen. Und das ist der Fchler. Die Sonne kann sich nicht be- wegen — sie kann nrir leuchten und wärmen. — Wir müssen uns aufmachen, die Schatten hinter uns lassen und in ihr Land herübergehen. Wenn wir einmal daS verstanden haben, ist schon ein Lichtstrahl gewonnen — und dann schauen wir uns um und können sehen, wo das Sonnenland liegt — werden dann aber auch ge-
