Einzelbild herunterladen
 

1. Seilllge mm Wiesbadener Tagkiatt.

Ko. 366. Morgen AusKadr.

Mittwoch» den 6. Dezember.

48. Iahrgong. I960.

(Schluß.)

(Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Roman von £«( Aeiftner.

«Mein Pfandschein?" Wie gelangten Sie in dessen. Besitz?" rief Viktor fassungslos.

„Ihr Gläubiger hat ihn mir präsentirt, da er die Braut für zahlungsfähiger hielt als deren Verlobten, und da er hoffte, sie werde es nicht zum Aeußersten kommen lassen."

Der so in die Enge Getriebene wußte sich kaum mehr zu helfen. Er hatte dem ihn längst bedrängenden Juden wiederholt schriftlich sein Wort gegeben, an einem be­stimmten Termine zu zahlen, und die betreffenden Zahl­tage dennoch nicht einzuhalten vermocht. Das einzige kleine Familiengut, das er sein Eigen nannte, war total verschuldet und wurde nicht bewirthschaftet, die dienst­lichen Bezüge aber deckten seinen Bedarf nicht zur Hälfte.

Auf Cora hatte Dillheim als letzte Zuflucht ge­rechnet: aber sie sollte seine schlimme Lage erst nach der Hochzeit kennen lernen, wenn sie nicht mehr zurücktreten konnte. Nun wußte sie schon das Meiste, und er hatte sie obendrein verletzt. Rettete sie ihn nicht, so war seine Reputation verloren, seine Existenz unhaltbar. Hier galt es einen letzten Coup. Die Bedenken wegen ihrer Herkunft durften nicht mehr in Betracht kommen, und Zugeständnisse ließen sich nicht damit erzwingen, wie er cs beabsichtigt hatte. Diese Erwägungen vollzogen sich blitzschnell, sodaß nur eine kleine Pause entstanden war.

„Cora!" hob er zerknirscht an, indem er alle seine Kraft zusammenraffte. „Sie kennen meine augenblick­liche fatale Situation vollständig, wie ich mich leider überzeuge. Ich muß einräumen, daß ich nicht ohne Be­schämung vor Ihnen stehe. Natürlich war ich fest über­zeugt, dieses Dokument einlösen zu können, bevor es mich in Angelegenheiten bringen würde. Aber ein kolossales Malheur im Spiele, das ich kürzlich hatte . . ."

„Ersparen Sie sich weitere Erklärungen, die mir gleichgültig sind", fiel ihm die Künstlerin in die Rede. „Der Umstand, daß sie öffentlich, als mein Verlobter gelten, schützt Sie zu Ihrem Glück vor den sonst unaus» bleiblichen Folgen."

„Angebetete Cora! Theuere, Heißgeliebte! Sie wären wirklich bereit, mir hülfreich beizustehen und mir Ihre Liebe nicht zu entziehen, wenn ich den Sinn Ihrer Worte richtig aufgefaßt habe?"

„Von meiner Liebe erwähnte ich keine Silbe. Im klebrigen haben Sie mich allerdings nicht mißver- standen", versetzte das Mädchen kalt und schroff.

„Cora! Bergieb! Ich kann nicht leben ohne Deine Liebe, ohne Dich!" rief Viktor, vor der Sängerin auf die Knie sinkend. „Vergiß die Bedenken, die ich vorhin ge- cm|ert habe — sie sollen für alle Zeit erstickt und über­wunden sein!"

„Diejenigen Bedenken, die Ihre Handlungsweise in mir wachgerufen hat, sind leider etwas haltbarer, Herr von Dillheim", äußerte Jene, nicht im Mindesten gerührt von diesen Betheuerungen. „Sie hielten die Heirath mit der schuldlosen Tochter des Hofmarschalls von Blank

um des Vaters willen noch vor wenigen Minuten für eine nicht standesgemäße. Nun sind Sie zwar über- raschend schnell anderer Ansicht geworden. Ich meiner- seits kann dagegen die Verbindung mit einem wort- brüchigen Mann mit meinen Grundsätzen schlechterdings nicht vereinigen. Für seine eigenen Handlungen ist der Mensch verantwortlich, nicht aber für die seiner Vor-

1nIn !c) ? Cora! Lassen Sie Gnade für Recht ergehen! Schenken Sie mir Ihr edles Herz von Neuem!" bat Viktor, noch immer in seiner demüthigen Stellung ver- harrend.

„Das Einzige, was ich Ihnen noch zu schenken un Stande bin — empfangen Sie es zum letzten Abschied", entgegnete die Sängerin, während sie die Schuldver­schreibung ihres Bräutigams in Stücke zerriß und ein zweites Blatt vor Viktors Füße gleiten ließ. Dann ent­fernte sie sich raschen Schrittes aus dein Gemach.

Der Zurückbleibende war von diesem unvorher­gesehenen Ausgange so betroffen, daß er kaum wußte, ob er wache oder träume. Es verstrichen einige Sekunden, bis er sich erhob und die Papiere aufraffte.

„Zweitausend Mark Darlehensschuld von Herrn Leutnant Viktor von Dillheim heute zurückerhalten zu haben, bestätigt dankend Levi Meiersohn", las er noch halb geistesabwesend und richtete dann kopfschüttelnd seine Äugen nach der Thür, hinter welcher Cora ver­schwunden war. Bald darauf hielt er es aber doch für besser, sich aus dem Staube zu machen, denn der Boden brannte ihm unter den Füßen.

Als er zu Hause angekommen war, sagte er halblaut vor sich hin:

„Hm! Verteufelte Geschichte, das! Wahrscheinlich ist die verdammte Kammerkatze an Allem schuld. Kommt mir recht in die Quere! Muß mich aber damit trösten, daß wenigstens der dringendste Posten erledigt ist, und daß ich einiges Amüsement hatte. Schade, daß das nun auch vorbei ist."

Mit diesem Monologe betrachtete er die zuletzt er­lebte Episode seiner Vergangenheit als abgeschlossen. Die Zukunft bettete ihn aber nicht auf Rosen, denn nicht immer fand sich in kritischen Augenblicken eine so frei­gebige Hand, wie die Coras, und so kam es, daß der junge Verschwender ein" Jahr später seinen Abschied nehmen müßte. —

In den nächsten Tagen drückten die Zeitungen der Hauptstadt einstimmig ihr Bedauern darüber aus, daß die gefeierte Sängerin Cora Blank wider alle Er­wartung auf ein ständiges Engagement am hiesigen Theater verzichtet habe und wegen plötzlich eingetretener Unpäßlichkeit sogar ihr Gastspiel nicht vollenden könne. Man sprach allerseits den Wunsch aus, sie möge bald wiederkehren. Dieser ging aber nicht in Erfüllung. Die Künstlerin pflückte noch viele Lorbeeren, aber stets an anderen Bühnen, bis sie nach einer Reihe von Jahren der Bewerbung eines Ausländers Gehör schenkte und sich vomTheater zurückzog, um eine sogenannte glänzende Partie zu machen.

* * *

Als die biedere Frau Greißler, welche ihrem Mieths-

herrn täglich die Zeitung hinaufzutragen pflegte, nnt der betreffenden Nummer bei ihm erschien, deutete sie auf den erwähnten Artikel und sagte dabei:

„DaZ wird den Herrn Baron vielleicht interessiren. Die "Flausen aber von der plötzlich eingetretenen Unpäß­lichkeit der Sängerin läßt sich die alte Greißler nicht vormachen und der Herr Baron wohl auch nicht. Daß dem schönen Fräulein die Lust gründlich vergangen ist, den Leuten hier noch etwas vorzusingen, wollen wrr zwei auch gern glauben. Nun, die Geschichte mit dem Medaillon kann ein vernünftiger Mensch ihr selbst nicht übel aurechnen, und daß das erste Verhältniß ein Ende genommen hat, will ich ihr auch verzeihen, weil mein herziges Gabrielchen — bitte um Entschuldigung, wollte sagen, die liebe Braut des gnädigen Herrn — sonst nicht so glücklich hätte werden können. Daß sie sich aber init dem abscheulichen Menschen, dem Dillheim, zuguter­letzt noch auf ein paar Tage verlobt hat, wie man sich allgemein erzählt, das hat die Suppe eben ganz ver­salzen und bloß darum gönne ich's ihr. Wissen Sie, Herr Baron, da kann man gleich den Unterschied sehen. Wie der gnädige Herr Baron meine Kleine da droben — ja so, die zukünftige Frau Baronin, muß ich jetzt sagen — kennen gelernt hat auf dem Heimwege in der Anlage, das war damals eine wirkliche Unpäßlichkeit, weil sich das arme Kind überarbeitet hatte; bei so einer Dame, wie bei jener, da kommen die Unpäßlichkeiten, wenn nmn sie gerade brauchen kann. Doch — was plaudere ich da so lange und halte Sie auf, bester Herr! — Eigentlich wollte ich ja weiter nichts sagen, als daß ich alte Person halb närrisch geworden bin vor Freude, wie sich die Sacke zwischen Ihnen und meinem Herzblatt so prächtig angebandelt hat. Sie verzeihen doch, wenn ich mit­unter ein bischen zu despektirlich von der Fräulein Braut rede und sie mein Gabrielchen vder so was heiße?"

„Versteht sich, liebe Frau Greißler", sagte Oswald lächelnd, indem er der gutmüthigen Alten die Hand schüttelte. „Wir Beide werden es Ihnen ja nie vergessen, wie gut Sie es stets mit uns gemeint haben."

„Es freut mich von Herzen, daß der Herr Baron dies anerkennen", versicherte die Hausfrau. „Mein Gott! Wie sich oft Alles so seltsam fügt! Denken Sie nur daran, wie ungehalten Sie gleich nach Ihrem Ein­züge über die Nähmaschine da droben waren, sodaß ich glaubte, das Gabrielchen müsse schnurstracks aus dem Hause. Und jetzt, kaum ein Vierteljahr danach, haben Sie sich so gründlich mit der kleinen Störerin aus­gesöhnt! Nun braucht sie freilich auch nicht mehr zu rumoren, aber Herr Baron, darauf machen Sie sich ge­faßt, Lärm giebt's künftig doch vielleicht wieder im Hause. Nur sind es dann keine Maschinen, sondern ganz kleine Spektakelmachcr von Fleisch und Bein. Da werden dein Herrn Baron manchmal die Ohren gellen, und das Ausdenken von einem Trauerspiel oder Schauspiel wird Ihnen etwas sauer werden!"

„Nun, dann machen wir vielleicht ein Lustspiel da­raus", sagte der junge Schriftsteller lachend. „Aber lassen Sie nur Gabriele von den kleinen Poltergeistern vorläufig noch nichts hören."

„Bei Leibe nicht! Wo denken Sie hin?" versetzte Frau Greißler und trollte sich zur Thür hinaus.

Laubsägeholz, KÄS.

schuiycrei bi!I. zu verkamen. 15058

14. Riunier. Holzschneidern, Friedrichstr. 37.

OBBCSB

Von

Seide! & Naumanns

Nähmaschinen

halte ich stets ein assortirtes Lager und offerire solche zu „ billigsten Preisen, auf "Wunsch

auch gegen moiiatiiclie Ilatemalilurig.

lieber IV- Million im Gebrauch.

IDSS/!®! 15244

Nähmaschinen- und Fahrradhandlung,

Franhenstr. 8. Telefon 849.

Für Weihnachten

empfehle soeben eingetroffene Neuheiten in

E B oint!nee-Material umt SEeichnungcn.

Costüme werden nach jeder Figur gezeichnet und gestickt, in Seide, sowie in Pointlace gearbeitet. 16371

Neuheiten in Genre-Arbeiten.

T. Specht, Tapisserie,

Tlieater-Colonnnde.