Wiesbadener Tagolatt.
«». Jahrgang.
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JtO. 567. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
WMtmoch. derr 5. Dezember.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1900.
Abendausgabe.
KammerdellaNen und die deutsche Botschafiersrage.
Unser Pariser ^'-Korrespondent schreibt uns unterm 3. d. Mts.:
Die Abgeordnetenkammer hat die Frage der Stellen- vermittlungsbüreaus, die seit dein Jahre 1882 nicht aufgehört, die Gemüther zu erregen, endlich gelöst, und zwar in der Weise, daß sie die ganze Angelegenheit den Gemeinden iiberläßt. Diesen steht von jetzt ab das Recht zu, augenblicklich alle bestehenden Bureaus aufzulösen, allerdings gegen Zahlung einer Entschädigung. Nach Verlauf von fünf Jahren fällt diese Entschädigung weg, und die Stellenvermittler haben nur dann das Recht, ihr Gewerbe weiter auszuüben, wenn es die betreffende Gemeinde für gut befindet. Natürlich bezieht sich diese Bestimmung nur auf die bis jetzt ertheilten Konzessionen, denn neue werden in Zukunft nicht'mehr gegeben.
Ohne eine Stellenvermittlung wäre unser heutiges Erwerbsleben undenkbar, und es ist klar, daß durch Auflösung der alten Einrichtungen neue an ihre Stelle treten müssen. Dies soll in Zukunft derart geregelt werden, daß besondere von den Municipalitäten geleitete Bureaus, deren Inanspruchnahme im Prinzips unentgeltlich sein soll, die aber — was wohl gewöhnlich der Fall sein wird — sich ebenso bezahlen lassen können, wie die von Privatpersonen geleiteten, eingerichtet werden sollen. Es ist also wahrhaftig schwer einzusehen, worin das neue System dem alten überlegen sein dürfte. Es unterscheidet sich von letzterem nur dadurch, daß es an Stelle des frischen privaten Unternehmungsgeistes und der gesunden Konkurrenz den faulen, versumpften Büreaukratismus setzt, während andererseits nicht geleugnet werden kann, daß bnrd) die Verwaltung von Gemeindebeamten den Auswüchsen der Privatunternehmungen gesteuert werden wird. Aber immerhin bedeutet dieser Sieg nichts weiter als eine Etappe in der Realisirung der kollektivistischen Utopie. Es ist klar, daß derStaat nicht dasRecht besitzt, irgend einGewerbe zu verbieten. Dies steht in direktem Gegensatz zu dem Prinzip der Gewerbefreiheit, die in den Erklärungen der Menschenrechte, welche in der Verfassung von 1791 ausgesprochen wurden, bis heute gültig waren.
Die socialdemokratische Presse aber jubelt nicht wenig iiber diesen neuesten Sieg, der in fataler Weise die Tendenz anzeigt, in der sich der französische Staat entwickelt, und die früher oder später zum allgemeinen Umsturz führen muß.
Zu gleicher Zeit behandelte die Kammer eine überaus peinliche Frage, welche sich auf Voulet und Chanoine bezog. Man wird sich noch erinnern, wie diese beiden Offiziere, auf einer Expedition imSudan begriffen, dort uner- hörteMissethaten begingen. Der Oberst Klobb wurde aus- geschickt, uni sie zur Verantwortung zu ziehen. Als er
Feuilleton.
Dom MeihmrchlsbLrchertisch.
in.
Zum populärsten Musikinstrument für alle Die, welche sich zu den Gebildeten rechnen und welche des fröhlichen Glaubens leben, „so', bischen Musik gehört dazu", und eine Wohnung ohne Pianoforte sei wie ein Vorhemdchen ohne Shlips, ist seit Langem schon das Klavier geworden. Ob diese Mode, so allgemein, wie sie ist, auch berechtigt, wollen wir hier nicht untersuchen, sondern uns an der Thatfache genügen lassen, daß es in allen „guten Vierteln" einer Stadt wohl kaum eine Mieths- etage giebt, in der nicht ein Klavier zum Hausrath gehört. Klavier gespielt muß eben werden, und Schreiber dieses erinnert sich des Entsetzens in der ganzen Verwandtschaft, als er sein Tochterchen mal für einige Jahre vom unbeliebten Klavierunterricht dispensirte, bis die Kleine eine größere Freude an der Zache bekommen würde. Merkwürdig, daß es bei der allgemeinen Klavierseuche so lange gedauert hat, bis der sonst so findige deutsche Buchhandel einem so „längstgefühlten Bedürfnis" abhalf, nämlich eine Geschichte des Klaviers erscheinen zu lassen, d. h., eine für die weitesten Kreise der Klavierspieler berechnete Klaviergeschichte. Erst Oskar Bin hat diese Aufgabe richtig unternommen und sie in seinem Buche: „Das Klavier und seine Meister" glänzend gelöst. Das treffliche Buch erschien in dem angesehenen Verlag von F. Bruckmann in München und liegt bereits in zweiter Auflage vor, äußerlich in einem herrlichen stilvollen Einbande, innerlich in ebenso prachtvoller Ausstattung, geschmückt mit einer schönen Kupfergravüre mit dem Portrait Liszts und zahlreichen Por- traits anderer Klaviermeister, mit erklärenden Illustrationen und Facsiiniles. Aber, was die Hauptsache ist, der Text! Nun es ist eine glänzende Darstellung, die der Verfasser der Geschichte des Klaviers angedeihen Mt. Ein gewaltiges Stoffgebiet beherrscht er. Wir folgen ihm mit Interesse von dem Augenblick
auf die Expedition stieß, wurde er auf Befehl von Voulet und Chanoine niedergeschossen. Die eingeborenen Soldaten, aus denen die Expedition bestand, sahen hierauf mit Schrecken, welches Schicksal ihrer warte, wenn sie den genannten Offizieren weiter folgten, und ernwrdeten nun dieselben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die beiden Führer nicht im Vollbesitze ihrer geistigen Fähigkeiten handelten, als sie ihre ruchlose That begingen, daß sie vielmehr an der unter dem Namen „Tropenkoller" bekannten .Erscheinung litten, und es ist für den oberflächlichen Beobachter kaum begreiflich, wie es kommen konnte, daß sie von einer ganzen politischen Partei, nämlich von den gesammten Klerikal-Nationalen, als unglückliche Opfer der Regierungspolitik, als wahre Helden hingestellt wurden! Es ist dies eine Verirrung, wie sie nur im Gehirne von Revanchegelüsten gänzlich gestörter Leute entstehen konnte. Es scheint aber, daß dieser Wahnsinn, der seit zwei Jahren in Frankreich so bedeutende Fortschritte gemacht und soviel Unheil angestiftet, schließlich doch im Verschwinden begriffen ist. Der Krüger- Besuch hat ihm noch einen letzten Aufschwung gegeben, dessen Ergebnitz wohl in der gerechtfertigten, aber jedenfalls unPolitischenSympathiekundgebung derKammer für den ehrwürdigen Präsidenten Transvaals bestand. Einstimmig votirte das Abgeordnetenhaus den Antrag des Deputirten Denis, wodurch es der» greisen Buren seine Sympathie für die von ihm verfochtene Sache ausdrückte. Ganz richtig bemerkten hierzu die „Times", daß es höchst unklug sei, zu zeigen, daß man wohl verwunden rnöchte, aber nicht zu schlagen wage.
Mehr Aktualität als die Angelegenheit Voulet- Chanoine besitzen die Enthüllungen des Abgeordneten Vigue, die sich auf unerhörte, gegen die Eingeborenen von Madagaskar begangene Brutalitäten beziehen. Es zeigen sich dieselben Erscheinungen, wie sie leider überall zu Tage treten, wo der Europäer mit Rassen niedrigerer oder auch nur verschiedener Civilisation in Berührung kommt. Jedenfalls verdient der Mnth des Deputirten, mit dem er dies Alles vor die breite Oeffentllchkeit' brachte, alle Achtung.
Lebhaft beschäftigt sich die Presse mit dem angekündigten Rücktritt des seit dem Jahre 1883 in Paris befindlichen deutschen Botschafters Fürsten Münster. Die ganze Presse ergeht sich einstimmig in dem Lobe, welches sie demselben spendet. Um so gespannter zeigt sich Alles auf die Wahl seines Nachfolgers. Es scheint so, als ob sich der in Aussicht genommene Fürst Radolin nur geringer Sympathie erfreut, wenigstens verhält sich die Presse ihm gegenüber kühl, und ein Organ, die „DckpZche", brachte sogar einen überaus gehässigen Artikel gegen denselben, wobei sie zu wissen behauptete, daß keineswegs er, sondern entweder der gegenwärtige Londoner Botschafter, Graf Hatzfeld, oder Fürst Radowitz aus Madrid zum Nachfolger des Fürsten Münster ausersehen sei.
vb. Paris, 4. Dezember. (Senat.) Zur Berathung steht die Vorlage, betreffend Vermehrung der Flotte. Combes hält
die Vorlage für unzureichend, da sie der Marine keine Kraft zur Offensive verleihen werde. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen bliebe der französischen Flotte im Kriege nichts übrig, als sich in einen Hafen zurückzuziehen, um dort eine günstige Gelegenheit zur Aktion abzuwarten. General Mercier spricht sich gleichfalls für die Nothwendigkeit der Offensive aus, sowohl im Landkriege, wie im Seekriege. Redner meint, bei der, übrigens wenig wünschenswerthen, Möglichkeit eines Konfliktes mit England müsse man an die Landung von Truppen jenseits des Kanals denken. Er beantrage, die Regierung möge aufgefordert werden, Alles für die Einschiffung eines Landungscorps vorzubereiten. (Mehrfache Unterbrechungen.) Der Präsident bemerkt dem Redner, sein Antrag sei bei der Besprechung der Regierungsvorlage nicht am Platze, er werde denselben jedenfalls nicht zulasten. '(Beifall.) Hierauf wird die Sitzung geschlossen.
Die lliiiafioiic in im WMmmMn.
hd. Berlin, 4. Dezember. In der Budgetkommission des Reichstags begannen heute die Ver«thungen über den Nachtrags- Etat für China. Bekanntlich werden 162,770,000 Mk. gefordert, die im Wege des Kredits flüssig gemacht werden sollen. Auf Vorschlag des Vorsitzenden v. Kardorff werden zunächst die Kosten der Expedition im Bereich der Verwaltung des Reichsheeres zur Verhandlung gestellt. Aus der Debatte heben wir hervor: Abg. Eickhoff (freis. Volksp.) stellte eine Anfrage nach den Gesundheitsverhältnissen im Allgemeinen. Er theilte mit, daß ihm berichtet worden sei, daß von 2400 Mann (Seebataillone) in Peking nur 600 Mann dienstfähig seien, während in Tientsin 1000 Mann entweder im Lazareth lägen oder gleichfalls dienstunfähig seien. Diese Mittheilung beftihe auf den Angaben eines Offiziers. — Kriegsminister v. Goßler: In Peking habe Typhus geherrscht, der indetz im Allgemeinen überwunden scheine, während man in Tientsin Ruhr vorgefun^en habe, die recht gefährlich war, aber im Rückgang sei. Zur Beunruhigung liegt keine Veranlassung vor. Die Krankheiten lassen nach. Alle 10 Tage sollen Krankheitsrapporte eingetzen, aber die Durchführung dieser Vorschrift ist nach den dortigen Verhältnissen bisher unmöglich gewesen. Jetzt werden die ersten Rapporte durchgcarbeitet. 891 Mann lagen in Tientsin krank. Diese Mittheilung ist nicht erschöpfend, aber weitere Auskunft zu geben, ist mir zur Zeit unmöglich. Der Minister schildert, wie man bei der Ankunft vor einem Nichts gestanden. Die Orte waren auf dem Wege nach Peking nieder- gebrannt. Leichen lagen noch umher. Alles war zerstört, verwüstet. Tientsin ist der eigentliche Krankheitsherd, doch ist der Zustand daselbst vereinzelt und spiegelt sich in den Briefen vielfach nur der erste Eindruck wieder. Auf eine Anfrage des Abg. Singer erklärte der Kriegsminister noch, daß auch die Namen der todten Mannschaften telegraphisch übermittelt würden, die der Offiziere jedoch deshalb eher bekannt würden, weil sie leichter festzustellen seien. Zwischen dem Abg. Bebel einerseits, dem Kriegsmini st er, dem Abg. Graf Klinckow ström (kons.) und dem Abg. Graf Limburg-Stirum (kons.) andererseits entspinnt sich eine Debatte darüber, ob wir denn eigentlich im Kriege mit China seien. Der Kriegsminister erklärt: Es ist nicht unsere Schuld, daß der chinesische Gesandte in Berlin geblieben ist und uns nicht den Krieg erklärt hat. Auch ist ein großer Theil Chinas vollständig friedlich geblieben.
an, wie er uns die Königin Elisabeth von England am Spinett vorstellt, folgen ihm bei seinem Besuch bei den verschiedensten alten Meistern des Klaviers und seiner Tonsetzer bis auf die Gegenwart. Ueberall ist er fesselnd, überall nöthigt er uns Erstaunen ab über alles Das, was er zu sagen weiß. Aber fein Buch hat nicht bloß einen wissenschaftlichen Werth. Es wirkt anregend; es zeigt die Schwierigkeiten, die der echten Kunst erwachsen, es pflanzt Neigung, Liebe für das Instrument bei Denen, die das Buch lesen, und es fördert das Verständnis Man möchte sagen: ein gebildeter Klavierspieler müßte sich mit dieser Geschichte des Klaviers vertraut gemacht haben. Braucht es da noch einer weiteren Empfehlung des Buches, eines weiteren Hinweises, daß es ein ungemein zweckmäßiges und schönes Weihnachtsgeschenk für jedes musikalische Haus ist. Bei der prächtigen Ausstattung ist der Preis von 12 Mk. ein sehr mäßiger.
Bei den vielen neuen Gesichtern weiß man oft gar nicht recht, wem man sich da vertrauensvoll zuwenden soll, und ohne Hereinfall geht's nicht immer ab, denn ein prächtiges Gewand verdeckt oft genug ein weniger schönes Herz oder täuscht für den Augenblick über schlechte Manieren hinweg. Da ist es denn sehr zweckmäßig, wenn man sich auf alte Freunde stützen kann und sie, falls sie etwa noch nicht ständige Hausfreunde sind, schleunigst zu dauerndem Aufenthalt einladet. Die Freunde, welche wir hier meinen, sind unsere ewig jungen Klassiker. Sie sollten zum eisernen Bestand jedes gebildeten Hauses gehören und zwar nicht in einer armseligen Ausgabe, sondern in einer haltbaren und anständigen. Als solche Klassikerausgabe, die noch dazu sehr billig ist, können wir die neuen Ausgaben von Max Hesses Verlag, auf die wir früher schon einmal hinwiesen, warm empfehlen. Die Herausgabe und die Einführung haben hervorragende Litteraturkenner besorgt. Namen, wie Griesebach, Geiger, Gottschall, Ad. Stern u. A., sehen wir da vertreten, und daß somit nichts versäumt wurde, um die Werke nach dieser Richtung hin zu Musterwerken zu machen, braucht kaum noch besonders betont zu werden. Aber auch äußerlich präsentsten sie sich in guter würdiger Form, Von den
neu erschienenen Ausgaben führen wir an: Otto Ludwigs Werke in 6 Bänden, herausgegeben von Adolf Bartels. Mit Ludwigs Bildnitz, einer Abbildung des Denkmals in Meiningen, einem Gedichte in Facsimile, sowie einer Biographie und Charakteristik Ludwigs. In 2 Leinenbänden 4 Mk. Die Dramen und Erzählungen dieses Dichters, des bedeutendsten, den Deutschland neben Hebbel in dem Vierteljahrhundert von 1840—1865 aufzuweisen hat, sind in dieser Ausgabe vollständig ausgenommen, ferner eine reiche Auswahl seiner Gedichte und eine Reihe interessanter Studien und Aufsätze, sodaß das Bild des Dichters für den Leser ein vollständiges wird. — Mit besonderer Freude begrüßen wir die neue Ausgabe von H e i n r. v. Klei st s sämmtlichen Werken, herausgegeben von Prof. Karl Siegen. Mit des Dichters Biographie, 2 Portraits, einer Abbildung seiner Grabstätte und einem Briefe in Facsimile. In Original-Leinenband 1.76 Mk. Diese neue Gesammt-Ausgabe darf für sich den Vorzug in Anspruch ' nehmen, die vollständigste aller Kleist-Ausgaben zu sein; die Ausgabe enthält alle Schriften H. v. Kleists, die noch nachträglich aufgefunden und, als von ihm herrührend, allgemein anerkannt wurden. Die Texte wurden auf das Sorgfältigste mit den ersten Ausgaben verglichen. Die 96 Seiten umfassende Einleitung giebt eine vollständige Darstellung von Kleists Leben und Schaffen und steht durchaus auf der Höhe der Forschung. In derselben Ausstattung sind ferner Theodor Körners sämmtliche Werke, herausgegeben von Eugen Wildenow, in einem Bande von mehr als 800 Seiten erschienen. Es ist eine vollständige Ausgabe der Gedichte und übrigen Werke, eingeleitet durch die Lebens^eschichte und mit Bildniß, Facsimile und Abbildung von Körners Grab bei zusammengefaßt sind Homers Werke in der Uebers.etzuyg Wöbbelin illustrirt. Gleichfalls in einem stattlichen Bande von I. H. Voß erschienen. Der Herausgeber, Gotthsld Klee, führt diese Ausgabe, die einen Abdruck der ersten Ausgaben dar? stellt, mit einer längeren litteraturhistorischen Einleitung ei'G- die besonders auch die Homer-Forschungen jüngster Zeit, zumaD Schliemanns Verdienste, in Betracht zieht. Als Titelbild. dieM
