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1. iVtlnni' nun Wiestmüener Tagbtntt.

Mo. 562. Morgen-Ansgadr.

Sonntag, den 2. Dezember.

<34. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Roman von Karl v. Aeistner. mich ruhig nochmals mit ihr reden".

bat

..Latz

Oswald.

„Wenn Du darauf bestehst, so geschehe es wenigstens in meinein Beisein", sprach die alte Dame entschieden. „Bocher aber vernimm und erwäge wohl, was ich selbst Dir zu sagen habe. Als Du Dich mit Cora verlobtest, kündigte ich Dir an, daß Du auf mein Erbe nicht mehr zu rechnen habest, nachdem Du auch meinen Rath ver­schmähtest. Das Verhältniß hat sich, - wie ich wünschte und voranssah, als unhaltbar erwiesen. Nun hatte ich. meine besonderen Pläne mit Dir. Ich wollte Dir eine Lebensgefährtin aussuchen, die all Deinen Anforderungen genügt und deren Hand auch ich mit Befriedigung in die Deine legen kann. Ich habe sogar schon ein solches Wesen gefunden, aber Du weisest abermals meine Beeinflußung rundweg ab. Jetzt entscheide! Willst Du Dich meinen Anordnungen fügen oder auf eigene Faust handeln?

Fügst Du Dich nicht, so bleibt es dabei, daß zu meinem Testament ein Kodizill errichtet wird, das Dich von meiner Rechtsnachfolge ausschließt. Punktum!" fügte die Baronesse hinzu.

„Ich bin bereits entschlossen, Tante. Verzeihe mir dies. Aber die Wahl zwischen Gabriele und Deinem Reichthum fällt meinen! Herzen so leicht, daß ich mich keinen Augenblick bedenke, für den Besitz der Geliebten auf Geld und Gut zu verzichten."

„Ist das Dein letztes Wort?"

„Mein letztes!"

Die Baronesse erhob sich und verschwand durch die Thür des anstoßenden Gemachs. Nach einigen Minuten kehrte sie, Gabriele an der Hand führend zu dem Neffen zurück.

„Da, Trotzkopf!" rief sie, wahrend ein eigenthüm- licher schalkhafter Ausdruck ihre Züge belebte. „Du sollst dennoch nicht Recht behalten. Entweder nimmst Du die Braut, welche ich Dir ausgesucht habe, sammt der Erb­schaft, oder Du verzichtest auf diese Hand!" So sprechend ergriff sie Oswalds Rechte und legte die Gabrieles hinein.

Das junge Paar wußte nicht, wie ihm geschah. Gabriele ward abwechselnd blaß und wieder blutroth, Oswald aber sah seine Tante nur mit stummer Frage an.

„Wie Ihr zusammen auskommt, das ist nun Eure eigene Sache", fuhr diese fort. „Aber nimm Dich nur in Acht, Junge, denn das hübsche Köpfchen da mit seinen Madonnenaugen weiß seine Ideen ebenso hartnäckig zu verfechten, als Du die Deinigen. Hätte die alte Tante nicht diesmal eine Ausnahme gelten lassen und die standesgemäßen Bedenken der Kleinen selbst durch einen Machtspruch beseitigt, so würdest Du sie kaum jemals bekommen haben. Aber bei dem Kodizill bleibt es, denn meine Erbin würde Gabriele geworden sein, wenn auch ihre Entscheidung anders ausgefallen wäre. Ich habe an der Tochter das gut zu machen, was der Vater un­verschuldet durch mein Zuthun erlitten hat."

Die Liebenden lagen sich schon in den Armen, bevor die Baronesse noch ausgeredet hatte, und die letztere fand Zeit, unbemerkt einige Zähren zu verwischen, die sich aus ihren Augen drängten.

Wir unterlassen es, die Dankesworte der so un­erwartet rasch Vereinigten zu verzeichnen und erwähnen nur, daß Gabrieles Protest gegen die beabsichtigte testa­mentarische Verfügung ganz erfolglos war.

„Ereifre Dich nicht, mein liebes Kind", sagte die alte "Dame, das Mädchen umschlingend. „Ihr müßt die eigei'willige Tante vielleicht noch manches Jahr hindurch in den Kauf nehmen, bevor Ihr sie beerbt, und nnt- nehmen kann sie ja doch nichts von dem Plunder, wenn einmal ihre Stunde kommen wird. Aber habt mich da­für ein bischen lieb und vergeht nicht, daß auch ich zu Eurem Glücke etwas beigetragen."

Die Glücklichen versprachen hoch und theuer, daß sie die Tante von nun an wie eine Mutter lieben würden und sie hielten es auch getreulich. Nur in der ersten wonnigen Stunde des bräutlichen Alleinseins richtete Oswald an das Mädchen noch die leise Frage:

„Ist es wahr, meine süße Gabriele, daß Dein Wider­stand nie besiegt wäre ohne die Beeinflussung der Tante?"

„Ich weiß es nicht, Oswald", flüsterte die überglück­liche Braut, ihr Haupt an des GeliebtenBrust schmiegend. „Jedenfalls wollen wir sie bei ihrem Glauben lassen. Aber das Eine will ich Dir gestehen, Du einzig Geliebter, daß ich vor Herzeleid gestorben wäre, wenn der Verstand allein sein Recht behalten hätte."

„Und das nur um des Wortes „standesgemäß" willen?" meinte der Liebende.

„Nein — um meiner unsäglichen Liebe willen, die Dich nicht in Konflikt nnt der Welt bringen wollte, als Du ein armes Nähmädchen zum Weibe begehrtest", ver­setzte Gabriele. „Aber nun ist es doch so gekommen, und Du mußtest mich haben."

„Beruhige Dich, mein Lieb!" mahnte Oswald. „Ein Herz wie das Deinige köünte eine Ehe zu einer standes­gemäßen machen, auch wenn das Haupt des Gatten eine Fürstenkrone trüge!"

XXIII.

Auch für Cora Blank war mit dem Absagebriefe, den sie an Baron Fronhofen gerichtet hatte, eine Schranke gefallen und Viktor von Dillheiin gelang es rasch, sich in ihrer Gunst, die er ja eigentlich von jeher besaß, wieder zu befestigen. Zwar hatte die Sängerin, tmt schon erwähnt wurde, Momente, welche sie den Werth des Verschmähten, leider zu spät, erkennen ließen. Aber bisher war es ihr stets gelungen, diese Gefühle schnell zu betäuben, und ihr darauf gerichtetes Bestreben konnte dem Nachfolger Oswalds nur Vorschub leisten. Da­gegen hatten sich die übrigen Privatverhältnisse des Leutnants, natürlich ohne daß Cora zur Zeit eine Ahnung davon hatte, inzwischen immer ungünstiger ge­staltet. Eine baldige Verbindung mit der Sängerin mußte ihm daher bei ihren reichlich fließenden Ein­nahmequellen als wünschenswerth erscheinen. Ihm konnte es seines Geldbedürfnisses wegen nicht in den

48. Jahrgang. 1906.

Sinn koinmen, Cora den Verzicht aus ihre künstlerische Laufbahn zur Bedingung zu machen, oder auch nur nahe zu legen. Lieber wollte er selbst ferne Offiziers, karriere aufgeben.

So hatten die Beziehungen der Beiden nach einigen Wochen bereits einen vertraulichen Charakter an­genommen, und der Abschluß eines bindenden Ver­hältnisses kam kurz nach den Ereignissen, die sich un Hause der Baronesse Agnes von Fronhofen zugetragen hatten, auch zwischen diesem Paare zu Stande. Balo war die Verlobung bereits öffentlich bekannt. Höchst befremdlich mußte es Cora Vorkommen, daß wemge Tage darauf ein ihr sehr bemerkbar werdender Ruck- schlag erfolgte. Wie kam es, daß Viktors zärtliche Auf­merksamkeiten plötzlich seltener wurden, daß er eme offenbar mehr kühle und reservirte Haltung annahm?

Höchst mißgestimnit über diese Wahrnehmung, ruhte Jene eines Nachrnittags einsam in ihrem Boudoir auf der Ottomane, und weder das Buch, welches sie zur Hand genommen hatte, noch irgend ein anderer Zeitvertreib vermochte ihre trüben Ahnungen zu zerstreuen. >;hrer Cousine Ainalie waren die in Viktors Benehmen em- getretenen Veränderungen gleichfalls nicht entgangen, und sie hatte überhaupt mehrfache Gründe, diesem zu mißtrauen Da sie ohnehin beständig den Wunsch hegte, zu einer Vertrauten in den Herzensangelegenheiten ihrer jungen Anverwandten zu avanciren, niachte sie sich heute wiederholt im Boudoir zu schaffen und versuchte, ein Gespräch anzuknüpfen, wobei sie aber mrt zremlrch einsilbigen Antworten abgespeist wurde.

„Es ist doch höchst sonderbar, Cora", brachte sie unter Anderem vor, „daß Dillheim den ganzen gestrigen Tag und einen großen Theil des heutigen vergehen ließ, ohne sich auch nur einen Augenblick bei Ihnen sehen zu lassen. Seitdem sich intimere Beziehungen Zwischen Euch ergeben haben, ist dies noch niemals von- gekommen. Fällt Ihnen denn das nicht auf?"

„Wahrscheinlich wird er fortwährend dienstlrche Ab­haltungen gehabt haben", entgegnete Cora trocken.

„Dann hätte ihn Clarisse wohl kaum mehrmals aus der 'Straße gesehen und gesprochen, wie. es nach ihrer eigenem Angabe der Fall war. Ueberhaupt scheint nur dre Französin weit mehr von ihm zu wissen, .als sie ver­lauten lassen will", bemerkte die Cousine

Es war bisher nicht meine Gewohnheit, dre Dienst­boten über die Verhältnisse mir nahestehender Freunde auszuforschen", sagte die Künstlerin m abweisendem

„Das finde ich allerdings sehr begreiflich", fuhr Frau Gallmann fort. „Wenn aber die Zofe mit dem Verehrer ihrer Gebieterin in so vertraulichem Em- verständiiisse ist, daß sie sich nicht nur Schmeicheleien gern von ihm gefallen läßt, sondern auch insgeheim dre Besorgung feiner Korrespondenzen übernimmt, so durste das Einschreiten der Herrin doch am Platze sein "

Cora richtete sich etwas auf. Das soeben Ver­nommene schien ihr doch nicht gleichgültig zu fern.

„Haben Sie derartige Beobachtungen m der That selbst gemacht, Cousine?" fragte sie.

(Fortsetzung folgt.)

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