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eilane pm Wiesdaüener Tngblatt.

Wo. 360. Ulorgen-Ansgaür.

Samstag» den 1. Dezember.

48. Jahrgang. 1900.

(33. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Roman von Karl v. Aeiflner.

Er fuhr fort: „Gabriele! Das Geschick hat Sie weit rüher als Andere Ihres Geschlechtes auf eigene Füße ge­teilt. Ihr klarer Verstand. Ihr starker Muth, Ihr starkes Taktgefühl haben Sie bisher durchs Leben ge­leitet ohne daß Sie der Führung bedurften. Sie sind vorurtheilsfrei, ohne Prüderie. Wenn Ihnen nun ein Mann, der Sie über Alles liebt, der durch Sie erst die wahre Liebe von ähnlichen Gefühlen unterscheiden lernte, in ernster Entscheidungsstunde die Frage vorlegt, ob Sie ihm für immer angehören wollen — werden Sie auch dann noch um Anderer willen bedenken, ihm die Antwort zu ertheilen. welche Ihr Herz Ihnen eingiebt? Was ich vorher geahnt hatte, daß auch Sie um unserer stillen Liebe willen Kämpfe bestanden, wurde mir durch Ihre plötzliche Flucht zur Gewißheit. Würden Sie sich auch dann vor mir verborgen haben, theure Gabriele, wenn mein Herz einige Wochen früher seine Freiheit wieder­erlangt hätte?"

«Ja — auch dann!" hauchte das Mädchen.

„Wie? Sollte ich mich dennoch geirrt haben? War es nur Dankbarkeit, die Sie mir vielleicht zu schulden vermeinten, was ich für Liebe hielt? O, reden Sie!" mahnte Oswald im Tone der schmerzlichsten Ent­täuschung.

„Könnten Sie ein junges Mädchen in meiner Stellung denn noch achten, Herr Baron, wenn ich zugeben würde, ein anderes Gefühl als die Dankbarkeit für Ihr großes, Mr bewiesenes Wohlwollen habe mich zu dem ungewöhn­lichen Schritt bestimmt, am Krankenbette des Verlobten yon Cora Blank Dienste zu leisten? Eine noch lebhaftere Herzensneigung kann bei dem zwischen uns bestehenden Standesunterschied auch jetzt nicht in Betracht kommen", antwortete Gabriele ausweichend.

„Auf solche Weise werden Sie mir umsonst zu ent­schlüpfen versuchen, Sie kleine lose Sophistin!" sagte Oswald, die widerstrebende Hand des Mädchens er­haschend. „Muh ich denn nothgedrungen zugeben, daß nur allein das Bewußtsein schuldiger Dankbarkeit in: Stande war, mir eine so liebliche Pflegerin zu ver­schaffen? Glücklicher Weise schließt aber dieser Umstand die Möglichkeit einer heißeren Empfindung nicht aus. Liebe, theuerste Gabriele! Gestehen Sie es aufrichtig. Kur die Scheu vor der etwaigen Mißbilligung meiner Laute hält Sie ab, sich zu dieser Enrpfindung zu be­komm. Mir selbst können Sie ja unmöglich Zutrauen, baß der leidige Begriff einer sogenannten standes­gemäßen Heirath mich veranlassen könnte, Ihren hohen persönlichen Werth nicht zu achten und mein Lebensglück einer Phrase zum Opfer zu bringen! — Gabriele! Du süßes, angebetetes Mädchen! O, weiche mir nicht aus. sondern erwidere mir mit dem einzigen Wörtchen: Ja, das ich in Deinen beben, sanften Augen schon lese, wenn der Mund sich auch bisher nicht entschließen konnte, es auszusprechen. — Ja, oder nein, Gabriele!? Ich lasse Dich nicht!"

„Haben Sie Mitleid, Herr Baron!" flehte Gabriele

unter Thränen. . ., , _.,

„Sage nein, wenn Du es vermagst, und ich gebe Dich frei' Sonst aber bist Du mein auf alle Zeit!" rief der nmae Mann, sie stürmisch an seine Brust ziehend.

„Mein Gott! Herr Baron! Ihre Tante-"

Mit"diesem Ausrufe entzog sich das Mädchen rasch und plötzlich ’ den sie umschlingenden Armen und trat er­bleichend in höchster Bestürzung zurück.

„Oswald!" rief auch die unter der Portiere stehende Baronesse, indem sich ihre Stirn umwölkte. „Wie magst Du nur Gabriele so quälen?!"

Der Neffe eilte auf die Eintretende zu und legte seine Hand auf ihre Schulter.

„O Tante!" bat er eindringlich. „Wenn Du mich jemals ein bißcken lieb gehabt hast, dann stehe mir bei, diese kleine Hartnäckige zu besiegen, denn ihre Augen verkünden mir ein Glück, dessen Bestätigung ihre Lippen beharrlich verweigern. Sie liebt mich, ich weiß es, und doch will sie es mir nicht eingestehen!"

„Ist es wahr, Gabriele?" forschte die alte Dame mit einem sehr ernsten, aber wohlwollenden Blick auf das junge Mädchen. Die Gefragte senkte ihre Blicke zu Boden, ohne zu antworten. „Laß uns allein, Oswald", wandte sich Agnes von Fronhofen an ihren Steffen. „Morgen magst Du wiederkonmien und Du sollst die Antwort auf Deine allzu stürmische Frage erhalten. Jetzt aber nicht!"

„Tante!" versuchte Oswald nochmals einzuwenden.

„Heute nicht, mein Junge!" wiederholte die Baronin bestimmt. „Und dabei bleibt es. Punktum. Du kennst mich!" »

„Gabriele! Ist es auch Ihr Wille, daß ich ohne Be­scheid von dannen gehen soll?" fragte Oswald, noch un­entschieden.

„Ich bitte Sie inständigst, Herr Baron", ent- gcgnete diese.

„So sei es. Aber — Tante. Auch Du kennst mich und weißt, bis zu welcher Grenze ich mich von Dir leiten lasse! Versuche nicht, Gabrieles selbständigen Willen zu meinen Ungunsten zu stimmen!" Mit diesen Worten ent­fernte sich der junge Mann, nicht ohne einen gewissen Grad von Unwillen über die unzeitige Unterbrechung durch die resolute Anverwandte mit sich fortzutragen. —

Vierundzwanzig Stunden können in solchen Lebens­lagen als eine wahre Ewigkeit erscheinen, und die Spannung, in welcher sich Oswald während eines solchen Zeitabschnittes befand, hätte für einen erst kürzlich vom Krankenlager Erstandenen leicht nachtheilige Folgen haben können. Allein er wußte, daß er vor dem Eintritt des von der Tante bezeichneten Termins auf keine Er- lösung aus seinen bangen Zweifeln rechnen durfte. End­lich aber zeigte der Zeiger der Uhr am nächsten Vor­mittag die festgesetzte Stunde, und mit laut pochendem Herzen betrat er wiederum die Wohnung der Baronesse. Die Zofe mußte schon eine bezügliche Anweisung empfangen haben; denn sie öffnete ihm nicht wie gewöhn­lich die Thür des Wohnzimmers, sondern die eines anderen Gemaches, in welchem Agnes von Fronhofen ceremoniellere Besuche zu begrüßen pflegte, und bat ihn, dort einstweilen Platz zu nehmen.

Nicht Gabriele, sondern die Baronesse selbst war es, welche nach einer Weile erschien und sich mit etwas zurückhaltender Bewillkommnung an seine Seite setzte.

„Vorerst kann ich Dir eine kleine Rüge wegen Deines gestrigen Verhaltens nicht ersparen, lieber Oswalds hob die Tante in gemessenem Tone an. „Nachdem ich Gabriele als Gesellschafterin zu mir genommen habe, wäre es mir erwünscht gewesen, daß Du, anstatt eine romantische Scene init der Kleinen ins Werk zu setzen, zuerst Deiner alten Tante durch ein Wörtchen angedeutet hättest, was Du im Schilde führtest. Nun — Du hast es vorgezogen, Dich einmal selbst in die pikante Lage eines Deiner selbstgeschaffenen Helden zu versetzen also lassen wir das geschehen sein. Gabriele aber war weitaus vernünftiger als Du, das muß ich anerkennen. Sie hat mich darum auch jetzt autorisirt. Dir die Antwort auf Deine gestrige Frage zu überbringen."

,Jch werde dieselbe lieber aus ihrem eigenen Munde vernehmen, liebe Tante", wandte Oswald etwas unan­genehm berührt ein. . ,. ,

„Das glaube ich Dir, aber Du wirst trotzdem auf diesen Wunsch einstweilen verzichten iind den Willen des Mädchens ehren müssen, für welches Du eme solche Achtung hegst", entgegnete Jene. „Getauscht hast Du Dich in Deiner gestrigen kühnen Voraussetzung nicht: denn vor mir hat Gabriele Rudorfs nicht verhehlt daß m ihrem Herzen ein wärmeres Gefühl für Dich vorhanden

sei.-Unterbrich mich nicht und frohlocke nicht zu

früh! Bei all dem bat das Mädchen so gestmde, ver­ständige Ansichten, daß ich wirklich Respekt davor be­kommen habe. Sie weigerte sich bis zur Stunde aufs Entschiedenste, Dich persöiilich wiederzusehen, deiin eine Vereinigung mit Dir zum dauernden Bunde erachtet sie nicht als angemessen, da ihre Stellung als schlichte Hand­arbeiterin nach ihrenl Dafürhalten dem entgegensteht. Sie läßt Dich daher inständigst bitten, von allen weiteren Schritten ihr gegenüber abzulassen."

Oswald konnte die nüchternen Erklärungen der Baronesse nicht länger stillschweigend anhören und fiel ihr daher trotz ihrer vorigen Mahnung sehr lebhaft ms Wort

„Und bannt, glaubst Du, werde sich ein Mann be- gnügen, dessen Herz sich definitiv für ein Mädchen ent- schieden hat?" rief er. „Hältst Du es Wirklich für denk- bar, daß ich nach den gestrigen Vorgängen und nach jenem mich beseligenden Geständnisse Gabrieles, das Dil mir überbrachtest,' nun ruhig meines Weges gehe? Drj^. kannst das nicht glauben. Taute, Du kannst es nicht!

„Nein! Ich glaube es nicht", versetzte Agnes von Fronhofen, „weil ich die Ansichten kenne, von welchen Du eingenommen bist, weil ich weiß, daß diese moderne Zeit des Umsturzes alle Unterschiede der Geburt und RMg- stellung zu nivelliren bestrebt ist und weil Du Miste Selbständigkeit in den letzten Monaten mir gegenuoer m schroffer Weise zur Geltung gebracht hast. Nach Deinen letzten Erfolgen will ich dieselbe auch gar mcht mehr be­streiten Also thue, was Dir willst. In meinem Hause aber werde ich Dir kaum Gelegenheit geben, Gabriele j wieder so auf die Folter zu spannen, wie gestern."

(Fortsetzung folgt.)

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