cünnc 3um Mestmüener Cngblatt
(82. Fortsetzung.)
(Nachdruck verbalen.)
Standesgemäß.
Roman von Karl v. Leistner.
„Warum denn nicht, beste Frau Greißler? Sie werden mir doch nicht zutrauen, daß ich Ihren Liebling sofort entführe?" scherzte der junge Mann.
„Da hätte ich erst vielleicht nicht viel dagegen", versetzte die Alte. „Wenn der Herr Baron das im Ernste thate, so könnte es doch wohl nur geschehen, um die Kleine für imnier zu behalten, und ich glaube, keins von ^hnen Beiden würde am Ende schlecht dabei fahren. Aber dte Sache hat einen anderen Haken." ,
„Nun, so rücken Sie doch endlich mit der Sprache heraus!" drängte Oswald ungeduldig.
„Ja, wissen Sie Gahrielchen ist eben — — sie hat
-« stotterte Jene, „einmal müssen der Herr Baron
es doch erfahren, also-sie ist auf und davon!
So, nun ist's heraus!" ,,
Was? Frau Greißler!" rief Oswald auffahrend. „Und davon hörte ich bisher kein Wort!? Seit wann? Wohin hat sich Fräulein Rudorfs begeben? Rasch! Ich mutz es wissen!"
Die Befangenheit der Alten ward immer peinlicher.
„Ach, Du lieber Heiland! Und ich — ich darf es nicht sagen!" jammerte sie. — Alles Zureden half nichts. Frau Greißler blieb für heute standhaft, so schwer es ihr auch fiel. „Gabriele hat es mir zur Pflicht gemacht, zu schweigen", sagte sie, „und dabei hatte sie eigentlich gar nicht unrecht. Der Herr Baron sind ja Bräutigam, und wenn das Mädchen bei einem weiteren Verkehre mit dem Herrn Baron unliebsames Gewäsche der Leute oder scheele Blicke der Fräulein Braut befürchtet, so kaiin es ihr wahrhaftig kein Mensch verdenken . . ."
„Ich habe keine Braut mehr", bemerkte Oswald sehr
lakonisch. . . .
„Wie? Was? Ist es möglich?" ries die Frau, indem sie ihre Augen weit anfriß und ihren Miethsherrn ganz verwirrt anstarrte. Als sich dieser auf seine bündige Erklärung beschränkte, fügte sie nach einer Weile hinzu: „Ich ,nützte lügen, Herr Baron, weiiii ich sagen wollte, daß es mir leid thut um Ihre Brautschaft. Wie oft habe ich mir gedacht: Mein Gott! Wenn sich der gute Herr nur nicht täuscht! Das stolze Fräulein voni Theater giebt einmal schwerlich eine richtige Hausfrau, wie sie sein soll, denn Schönheit allein thut's auch mcht. Aber unserem Gabrielchen hilft das Alles nichts. _ Ich darf es Ihnen wirklich nicht sagen, wo sie sich versteckt hält, so lange sie es mir nicht erlaubt."
„Dann werde ich sie auch ohne fremde Beihülfe zu finden wissen", versetzte der junge Mann fast barsch und verschwand mit kurzem Gruße.
„Von Herzen wollte ich, daß es wahr würde!" seufzte die Hausfrau, als Jener es nicht mehr hören konnte „Wer weiß, wer weiß? Kommt Zeit, kommt, Rath! Aber lange verbeiße ich's nicht mehr, soviel kann ich setzt schon sagen, und wenn er dem Kinde nicht von selbst aus die Spur kommt, so wird die Greißler a>n Ende noch zilr
Kupplerin!" , . r .
Vorläufig wurde ihre Beihülfe aber nicht mehr in Anspruch genommen. Obwohl es Oswald schwer fiel,
der Vernunft den Sieg über das Herz zu verschaffen, hielt er es doch für besser, nach deni Bruche seines Verlöbnisses noch einige Zeit verstreichen zu lassen, bis ei weitere Schritte that. xxn
<v m Laufe der nächstfolgenden Woche stattete der junge Schriftsteller wiederholt Besuche bei seiner Taute ab ohne daß er dabei ahnte, wie nahe er sich der früheren Hausgenossin dann jedesnial befand. Eines Tages erschien er wiederuin in der Wohnung der Baronesse, mußte aber von dem Kammermädchen derselben vernehmen, daß ihre Herrin nicht anwesend sei.
„Seit tvann läßt sich denn Tantchen vor mir verleugnen?" versetzte er lachend. „Ich habe ja schon durch das geöffnete Fenster ihr Klavierspiel vernommen und bin nicht gesonnen, mir diesen seit Jahren vorenthaltenen Genuß entgehen zu lassen. Etwas so Seltenes muß man in der Nähe hören!"
Das Zöschen wollte gerade einen verlegenen Protest dagegen erheben; aber Oswald war schon au der Thur des betreffenden Zimmers und öffnete diese ganz leise ent wenig, durch den Spalt dem wirklich seelenvollen Äprel lauschend. Er hätte der Tante, die seines Wissens nur selten die Tasten berührte, diese weichen Accorde kaum zugctraut.
Bravo! Bravo!" rief er applaudierend, als der letzte Toit verklungen war. Aber drinnen blieb cs merkwürdig still, und seine Erwartung, daß die alte Dame den unberufenen Horcher nun tüchtig ausschelten werde, erfüllte sich nickst. Der muthwillige Gast streckte den Kopf in das Gemach. Es war leer. Was bedeutete das? Er trat verwundert ein und durchschritt den kleinen Salon, an welchem sich auf der linken Seite das Empfangszimmer anreihte, das mir durch eine Pornere von dem erstereu getrennt war. Diese zilrnckotegend, lugte er auch in den anderen Raum hinaus. Durfte er seinen Augen trauen? War es eine Vision, die ihn täuschte oder war es Wirklichkeit. In einer Fensternische halb verborgen stand Gabriele Rudorsf.
Die beiden jungen Letitc blieben anfangs regungs- lo^ als wären sie in Stein verwandelt. Oswald über- wand seine Betroffenheit zuerst, und auf das erblassende Mädchen zuschreitend, bot er ihm die Hand zum Gruß, ohne einen Blick von dessen lieblichen Zügen zu verwenden. ^ r c . er s
Warum fliehen Sie vor Ihrem besten Freund.
Fräulein Gabriele?" redete er die Zitternde vorwurfsvoll an. „Ist es der Wille meiner Tante oder der Ihrige der Sie aus deni traulichen Heini und aus meiner Nahe vertrieben hat, um sich an einer Stätte vor mir zu verbergen, au der ich Sie freilich zuletzt gesucht hätte.
' „Zum Auszuge habe ich mich aus eigenem Antriebe entschlossen, diese vorläufige Unterkunft aber verdanke ich dem gütigen Wohlwollen des gnädigen Fräuleins , versetzte Jene sehr befangen.
,Jhre Worte gebeii mir keilten Aufschluß darüber, warum es für nöthig befunden wurde, diese Verfügungen gerade inir geflissentlich zu verhehlen, bei dem doch, das regste Interesse dafür voratisztlsetzen war , sagte
Gabriele bedachte sich einen Augenblick, bevor sie ent- gegnete:
„Ich habe mich bis auf Weiteres der Leitung Ihrer gnädigen Tante auvertraut. welche mich für würdig er- achtete, ihr Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie werden es deshalb aitgeniessen finden, Herr Baron, daß ich nt allen Dingen den Wünschen derselben entspreche/'
„Ist das die einzige Antwort, Fraulein Rudorsf, welche Sie für einen Mann haben, dessen Gedanken sich iuzivischeu stündlich mit Ihnen beschäftigten? bemerkte der junge Mann bitter. „Es scheint mir, oaß -raute Agnes neuerdings in ihre leidige Gewohnheit verfallt, mir gegenüber die Vorsehiiug zu spielen. Sogar Frau Greißler hat Auftrag erhalten, mir die Auskunft über Ihren Aufenthaltsort zu verweigern."
„Verzeihen Sie", sprach daS Mädchen leise und be- gleitete seine Bitte mit einem flehenden Blick aus den sanften Augen. „Die Vernunft legt uns mitunter Pflichte» auf, deren Erfüllung unserem Herzen wider- strebt, und dennoch bleibt uns nichts Anderes übrig, als
ihr zu gehorchen." , f . ., 0 ,,
„Hat Ihnen meine Tante, seit Sie bei ihr L>u, lacht gesucht haben, über meine Verhältnisse keine Mittheilung gemacht, welche an Ihren Entschlüssen etwas ändern
könnte?" forschte Oswald. ^
Nein Herr Baron , erwiderte Gabriele. „S:e müßten denn Ihre jüngsten litterarischcn Erfolge meinen, au denen ich innigen Autheil nahm, dre aber hiermit in keinem mir verständlichen Zusammenhang
' ttllC , n 2)a,in hat sie Ihnen die Kuiide von einem Ereignisse absichtlich vorenthalteu. das auf die Gestaltung meiner Zukunft den wesentlichsten Einfluß hat. Cora Btcknr hat ihr Jawort als ein angeblich übereiltes zuruck-
genommen." _ • . .
Gabriele hörte diese Eröffnung Oswalds schweigend an mid nian hätte sie für theilnahmslos halten können, wenn der rasche Wechsel ihrer Gesichtsfarbe mcht zum Berräther ihrer wahren Gefühle geworden wäre. Oswald fuhr tu wärmerem Tone fort:
meinem Fühlen und Handeln, seitdem ich Cora und «te näher feinten lernte, nur einen löschen Zwang aufer- Icqtcn Gabriele! Nun hindert mich nichts mehr. Fhiten zu' gestehen, daß Sie den Sieg über meine frühere Braut schon damals errungen haben, als ich noch nicht berechtigt
war, davon zu reden." , . ... . r , .
Herr Baron, wollen wir die,es Ge,prach nicht lieber abbrechen?" unterbrach ihn das Mädchen verwirrt „Die Rücksichten, der Dank, den ich der Baronesse schuldig bin,
verbieten mir ..." .. , , . . . T
Lassen Sie die Bsirouepe so lange aus den: «piel, Fräulein Gabriele, bis wir iiber unsere zukünftigen Bestehungen unter vier Augen ins Reine gekommen sind. Warum sollten zwei Seelen, zwischen denen eme so nahe Verwandtschaft besteht, fremde Vermittlung nothrg haben, um sich zu einigen? Sind wir denn mcht Beide selbständig, so daß wir zur Begründung unseres Glucks uiäit erst der Genehmigung meiner Tante bedürfen. Weder diese, noch irgend eine tratsche Macht kann. hindern, daß zusammengehörige Herzen für einander schlagen. Gabriele bedeckte ihr erglühendes Gesicht nnt den Handem und der vor ihr stehende junge Mann wartete vetgebnch auf ihre Entgegnuitg.
(Fortsetzung folgt.)
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