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48 . Jahrgang. Sßetlag: Langgasse 27. Die einspaltige Pctit^eile^für locale Anzeige»

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556 . Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Donnerstag, den LS. November.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

1900 .

Die Volkszählung.

Die gewohnheitsmäßigen Klagen über das „Kleben" und ähnliche unangcnehule staatsbürgerlichen Thatigkeiten werden in diesen Tagen durch die nicht minder heftigen Klagen übe. das Zählen und das Gezähltwerden abgclöst werden. Denn vom 28. bis zum 80. November — in einzelnen großen Städten ist mit dieser Thätigkeit bereits am 26. oder 27. begonnen worden — sind im Gebiete des ganzen Deutschen Reiches nahezu eine halbe Million Zähler damit beschäftigt, den einzelnen Haushaltungen die Zählkarten zu überreichen, 'auf Grund deren am 1. Dezember die allgemeine Volks­zählung stattfinden soll. ^ , '

Aber die Klagen über die geringe Mühewaltung, welche mit dem Ausfüllen der Zählkarten verbunden ist. haben keinerlei Berechtigung, denn nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für zahlreiche Aufgaben des Staates sind diese Zählungen, Hese Fixirung des Personalbestandes der Be­völkerung, nothwendig und unentbehrlich. Es ist unum­gänglich, daß in periodischen Zwischenräumen — in Deutsch­land hat sich der Gebrauch der fünfjährigen Volkszählungen eingebürgert — genaue Feststellungen über den Status guo und die Entwicklung des Volksganzen, also vor Allem über die Zahl, das Geschlecht, das Alter, den Familienstand, den Perus, das Religioilsbekenntniß rc. ausgenommen werden. Die Ergebnisse dieser Zählungen dienen, wie schon erwähnt, nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch mancherlei praktischen Zwecken. So dienen sie als Unterlag- für die Vertheilung gemeinsamer Einkünfte und Lasten der einzelnen Bundes­staaten, für die Regelung der Münzprägung, für die Bildung von Stadtkreisen und Urwahlbezirken, für die Wahl von Abgeordneten zu den Kreis- und Proviuzialtagen rc.

Die Aufgabe der Haushaltungsvorstände, denen in diesen Tagen die Zählpapicre zugehcn, besteht darin, sie auf Grund der dem Zählbriefe beigegebenen Anweisung aus­zufüllen und die Listen vom 1. Dezember Mittags 12 Uhr an zur Abholung durch die mit dem Zählgeschäft beauf­tragten Personen bereit zu halten. Durch die Zählung soll der Personalbestand des deutschen Volkes, wie er sich in der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember darstellt, festgestellt werden. Es wird also Jeder dort gezählt, wo er sich in der Nacht zum 1. Dezember aufhält. Für solche Erdenbürger, welche sich gerade diese bedeutsame Stacht zum Beginn ihrer Laufbahn erkoren haben, ist die Bestimmung getroffen morden, daß diejenigen, welche sich bis Mitternacht eingestellt haben, mitzählen, dagegen diejenigen, welche in Zukunft ihren Geburtstag erst am 1. Dezember feiern werden, nicht. Betreffs derjenigen, die in der Nacht zum 1. Dezember ihr Leben beenden, ist bestimmt worden, daß nur diejenigen gezählt werden sollen, welche nach Mittev nacht verschieden sind.

Die Listen sind von dem Haushaltungsvorstand aus zufpllen und zu unterschreiben, und cS wird angenommen, daß dieser für die Richtigkeit ihres Inhalts die Gewähr

Feuilleton.

Fon Colombo noch Singapore.

Aus dem Tagebuch eines Offiziers des ostasiatischen Expeditionscorps.

(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)

III.

2. Oktober. Wir nähern uns Colombo. Der eng­lische Lootse kommt an Bord. Alles ist gespannt auf die Krieosnachrichten, die er mitbringt. Der Mensch nützt diese Gelegenheit natürlich aus und lügt das Blaue vom Himmel herunter: Kriegserklärung zwischen Deutschland und England auf der einen. Frankreich und Rußland auf der andern Seite. Das war doch nicht so ohne! Wir hängen dann hier regelrecht in der Luft. Die Kriegserklärung sei schon vor drei Tagen er­folgt und dergleichen mehr. — Nun, das wären also nette Ueverraschungen. Doch wir wurden sofort eines Veffern be­lehrt. Wir fahren in den herrlichen, großen Hafen von Colombo ein. Da liegt schon ein mächtiges Transportschiff, an deffen Heck die russische Flagge flattert. Nun wird sich's zeigen, was unser „Feind" beginnt. Wir sind auf Alles gefaßt. Da — trauen wir unfern Ohren? Wir sind noch nicht heran, da er­tönt mit mächtigen Klängen: „Heil Dir im Siegerkranz" und ein Hurrahgeschrei ohne Ende. Unsere schlimmsten Feinde scheinen das also doch nicht zu sein. Ohne Befehl braust von unferm Schiff der Gegengruß zu ihnen hinüber und tönt fort, so lange die Stimme reicht. Dann rauschen wir an dem Franzosen und Engländer vorbei, überall herzlich willkommen geheißen. (Unsere Kapelle spielt die Marseillaise und Goa gave tlie Queen.) Wir ankern neben der „Crefeld", die uns mit freudigem Hurrah überschüttet. Nach diesem inter­nationalen Empfang ohne Worte wußten wir mehr, als alle lügnerischen Depeschen uns sagen konnten. Der Arzt sowie der Agent vom Lloyd kommen an Bord und nachdem keine ansteckende Krankheit konstatirt ist, begeben wir uns nach dem

übernimmt. Es darf erwartet werden, daß Jedermann für sein Theil bemüht sein wird, durch möglichst sorgfältige Ausfüllung der Fragebogen zu dem Gelingen des Werkes beizutragen und den Zählern, die ihren schweren Berns fast ausnahmslos ehrenamtlich ausüben, die Arbeit möglichst leicht zu machen. Die gewissenhafte Beantwortung der ge­stellten Fragen kann umso ruhigeren Herzens geschehen, als dieselbe lediglich statistischen Zwecken dient und zu keinerlei Unannehmlichkeiten oder Nachthcil für den Einzelnen führen kann. Der Zähler selbst behandelt, was er aus den Listen ersieht, als AmlSgeheimniß, und die statistischen Büreaus veröffentlichen die durch die Volkszählung gewonnenen Nach­richten weder, noch theilcn sie dieselben irgendwelchen Be­hörden mit. Es ist also ausgeschlossen, daß die Ergebnisse der Volkszählung irgendwie zur Steuerveranlagung oder zu sonstigen fiskalischen Zwecken verwendet werden. Die aus den Zählpapiereu gewonnenen Ergebnisse gehen in allgemeine Tabellen über, in denen der Einzelne keine Rolle spielt. Für die statistischen Behörden ist die Person nur eine Stummer, es bleibt die Zahl, und der Name verschwindet.

Nach mehreren Richtungen hin wird die Volkszählung diesmal in einer erweiterten Form vorgenommen. Einmal wird mit der Volkszählung eine Viehzählung verknüpft, die bisher für sich ausgenommen worden ist. Ferner wird mit der Volkszählung eine Obstbaumzählung verknüpft, welche bisher in dieser umfassenden Weise überhaupt noch nicht stattgefunden hat. Endlich aber — und dieser Feststellung kommt eine besondere politische Bedeutung zu — wird bei der Volkszählung diesmal eine genaue Feststellung der Muttersprache vorgenommcn werden. Es ist dies vor Allen: deshalb dringend nothwendig, um für die vom national- politischen Standpunkt ans nolhwendige Feststellung der Zunahme des Slaventhums in Deutschland ziffernmäßige Unterlagen zu gewinnen.' Wir sind bei der Beurtheilung dieser Frage bisher aus die durchaus veraltete Statistik vom Jahre 1890 angewiesen, aber mir wissen, daß inzwischen durch das Hereinströmen slavischer Arbeitskräfte über die russische und die österreichische Grenze eine starke Zunahme des Slaventhums stattgefnndcn hat, und daß sich anderer­seits durch die Abwanderung slavischer Arbeiter nach den westlichen Industriegebieten dort sehr bedenkliche slavischc Sprachinseln gebildet haben. Für die Beurtheilung dieser hochbedeutsameu Frage wird uns die diesmalige Volkszählung die wünschenswerlhen und dringend erforderlichen Unterlagen verschaffen. ^___

Ausland.

* Italic«. Der „Berliner Volkszeitung" war kürzlich von ihren: römischen Korrespondenten geschrieben worden, daß seit dem Regierungsantritt des neuen Königs 17 6 Geist- l i ch e b e st r a f t worden seien, und zwar wegen Verherrlichung des Königsmords, wegen Sittlichleitsvergehen und anderer ge- nieiner Verbrechen. Die ultramontanen Blätter waren nun gleich wieder mit dem Vorwurf der „Lüge" bei der Hand; das Blatt hat sich jedoch durch seinen Korrespondenten bestätigen laffen, daß seine Angaben auf amtlichen Veröffentlichungen be­ruhen; er schreibt dazu: „Die betreffenden Geistlichen wurden

Fallreep, um in einem Singalesenboot, die schon bei unserer Einfahrt zu Hunderten unter ohrenbetäubendem Lärm ihrer Besitzer das Schiff umschwärmten, an Land zu fahren. Ein­kleine Episode will ich noch erwähnen. Colombo ist bekannt wegen seiner vorzüglichen Waschgelegenheit. (In 4 Stunden ist Alles tadellos gewaschen und geplättet.) Kaum hält also das Schiff, da klettern rechts und links die schwarzen Waschmänner schon herauf und bieten ihre Dienste an. Jeder hat eine Em­pfehlung. Zu mir kommt einer mit folgendem Schreiben von einem deutschen Offizier, der früher Colombo passirte: „Dieser Ali Baban hat meine Wäsche gewaschen. Ich bescheinige ihm gern, daß er ein Mordsgauner und Hallunke ist und warne alle Kameraden vor ihm". Das war seine Legitimation. Doch eine sehr vertrauenerweckende Empfehlung, nicht wahr? Dabei macht er das unschuldigste Gesicht von der Welt. — Als wir ans Land kommen, sitzen schon die Wechsler da, um uns tüchtig übers Ohr zu hauen. Aber man muß Kleingeld haben und es ist auch immer noch profitabler, sich von"einem Einzigen betrügen zu laffen, als nachher jedesmal zu bluten, wo man etwas kaufen will. Wir treten durch eine wundervolle glas­überdeckte Landungshalle in die Stadt ein. Schöne, imposante Bauten erheben sich rechts und links, die Straßen sind so fest wie Asphalt, aber viel angenehmer zu gehen. (Sie werden mit einem Lehm überzogen, der nur in Ceylon vorkommt und zu Straßen- und Maur».arbeiten verwendet wird.) An den Seiten der Straßen lehnen ganz sonderbare kleine Droschken; Kutscher sind wohl da, aber nirgends ist etwas von Bespannung zu sehen; hier sind Kutscher und Pferd dieselbe Person. Ueber- all in der Stadt sieht man dieses Gefährt, in dem nur ein Platz vorhanden ist. Wir besteigen diese Droschken, und in rasendem Tempo ziehen uns die flinken Burschen durch die Straßen, so- daß es einem beinahe Angst werden könnte, wenn andere ent­gegen kommen. Und mit einer Gewandtheit weichen die Burschen sich selbst im stärksten Gedränge aus, die wirklich staunenswerth ist. Wir besichtigen die Stadt und die wunder­schönen Kasernen-Anlagen der Engländer, deren Dienst haupt-

verurtheilt: Wegen Anstiftung zum Vatermord und zu zehn verurtheilt: Wegen Anstiftung zum Vatermord und zehn

Leben und Kindesmord; wegen Unterdrückung und Fälschung von Testamenten; wegen Unterschlagung von Gut, Wittwen, Waisen und der Kirche gehörig; wegen Entführung und Ver­führung von Minderjährigen; wegen Unzucht mit Kindern; w-.gen Päderastie, Sodomie und Blutschande, und wegen Ver­herrlichung des Königsmordes. Zwei volle Drittel dieser Ver- urtheilungen entfallen auf schwere Sittlichkeitsverbrechen und erklären die tiefe Verachtung, welche der gebildete Italiener dem ,,1'rete" tagtäglich beweist. Die damit zusammenhängenden Vermögensbeschlagnahmen aber sammt den Sequestrationen der Gehälter haben die Amtsblätter der Ministerien für Gnade und Justiz, für öffentlichen Unterricht und des Kultus und des Innern mit eintöniger Gewissenhaftigkeit verzeichnet. Die große Mehrzahl dieser Verbrechen im Einzelnen genau zu beschreiben, ist auch ohne lex Heinze nicht angängig." Alle diese Verbrechen werden jetzt rücksichtslos veröffentlicht, während die Regierung früh-r dafür gesorgt hat, daß sie nicht weiter bekannt wurden. Die Tage der Nachsicht, des Verschweigens und Vertuschens scheinen eben in Italien unter dem neuen Regime vorüber zu sein.

* Frankreich. Was in Frankreich Alles be­steuert wird, erfährt man aus den amtlichen Zusammen­stellungen, die für das Jahr 1900 veröffentlicht worden sind. Zunächst zahlten Abgaben 9,059,323 Häuser, ferner 141,765 Fabriken, 68,301,893 Thüren und Fenster. In Frankreich sind nämlich di- Thüren und Fenster mit einer nicht unbeträcht­lichen Steuer belastet, derart, daß die Bauern in zahlreichen Dörfern auf den Ausweg verfallen sind, ihre Häuser ganz ohne Fenster zu bauen und das Licht nur durch eine Oeffnung hineinfallen zu laffen, die zugleich als Thür dient. Man hat außerdem besteuert 1,727,454 Handeltreibende, Industrielle, Leute liberaler Berufe und Inhaber von Patenten. Ferner sind von Steuern betroffen 1,518,349 Wagen, 1,208,717 Pferde, Maulesel und Maulthiere, 3,128,571 Hunde, 307,814 Fahr­räder, 92,725 Billards, 6016 Klubs, 137 Seminare und 1826 religiöse Vereinigungen und Missionsgesellschaften. Die Zahl der besteuerten Grundeigenthümer betrug 8,454,218, die Höhe dieser Ziffer ist ein Beweis, wie sehr das Eigenthum in Frankreich zerstückelt und wie groß die Zahl derer ist, die ein Stückchen Land ihr eigen nennen.

* Philippinen. Man schreibt den „M. N. N." aus Washington vom 13. November: Das Kriegsdepartement veröffentlicht soeben den Jahresbericht des amerikanischen Oberkommandeurs und Militär - Gouverneurs auf den Philippinen, Generals Mac Arthur, der, wenn auch in ziemluü vorsichtiger Weise abgefaßt, die Schwierigkeiten, welche d:e Amerikaner bei der Niederwerfung des Aufstandes finden, deutlich wiedergiebt. Ueber den Guerillakrieg, den die Ein­geborenen seit einigen Wochen wieder mit erneuter Kraft führen, sagt der Bericht: „Die Beschaffenheit und die Verhältnisse des Landes begünstigen eine solche Art der Kriegführung sehr. Die Insurgenten können nach Belieben auftauchen und ver­schwinden. Einmal sind sie Kriegführende und am Tage darauf erscheinen sie wieder innerhalb der amerikanischen Truppcu- linie als friedliche Eingeborene, „Amigos". (Wem fiele dabei nicht die hülflose Bemerkung des früheren Oberbefehlshabers, Generals Otis, ein, der bekanntlich verzweifelt nach Washington gemeldet hatte, man könne die feindlichen Eingeborenen nicht von den freundlichen unterscheiden, denn die Kerle sähen sich

sächlich in Fußballspiel und Croquet besteht, die jedoch außer Dienst, was Haltung, Benehmen und Anzug anlangt, einen sehr guten Eindruck machen und richtig angefaßt sicherlich vor­zügliche Soldaten abgeben würden. Um 8 Uhr fahren wir zu vier zum deutschen Konsul, wo wir in der liebenswürdigsten Weise ausgenommen werden. Hier erfuhren wir auch die ersten genauen Nachrichten über die politische Lage. Erst zu spater Stund- fuhren wir ins „Hotel Bristol" zurück, in dem wir außer unseren Kameraden sämmtliche russische, französische und englische Offiziere von den Transportdampfern trafen. Wir blieben bis zum Morgen beisammen und haben uns ganz famos vertragen. Die Engländer waren erst vor Kurzem mit einem Transport gefangener Buren nach Colombo gekommen. Unter diesen sollen sich auch viele Deutsche befunden haben, die jedoch auf Betreiben des Konsuls entweder ganz in Freiheit gesetzt worden sein sollen, oder.lediglich zur Erholung noch da bleiben mufften. — Die englischen Offiziere sind sehr nette Leute. S:e haben allerdings von „Dienst" blitzwenig Ahnung; auch da sind sie Sportsleute. — Früh gegen 4 Uhr suchen wir unser Schiff wieder auf, das um 5 Uhr abdampfen soll.. Das Eis ist jedoch noch nicht zur Stelle, und infolge deffen wird die Ab­fahrt auf den nächsten Tag, den 3. Oktober, Mittags 2 Uhr, angesetzt, um auch den Leuten Gelegenheit zu geben, nach dem langen Aufenthalt auf dem Schiff wieder. einmal Land unter die Füße zu bekommen. In aller Frühe eilt dann auch Alles auf den Singalesenbooten und kleinen Dampfern dem Lande zu — mit Ausnahme von mir. Mich trifft nämlich heute der Schiffsdienst, da ein Offizier in jedem Hafen an Bord bleiben muß für alle Eventualitäten. Nun, die Zeit wurde mir nicht lang. Zum Photographiren boten sich viele dankbare Objekte. Dann kam eine Menge Händler an Bord mit allen möglichen Dingen. Ein Goldarbeiter, der wunder­volle Ringe anbot, ging sogar so weit, mir einen Ring, der mir besonders gefiel, nach China mitzugeben unter der Be- dinaung, daß ich denselben bei meiner Rückkehr erst zahle, wenn ich gefunden, daß er echt sei. Ich sollte nur meinen Namen