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Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblattr.
Nr. 103.
Dienstag, 4. Mai.
1915.
(10. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller.
Nachdruck verbot««.
Sie rüttelte und schüttelte an dom schweren Joch und dachte: „Er läßt es mich fühlen. Wre darf er nur?
! Wie kann er nur gleich am frühen Morgen mir durch diese roten Rosen einen so deutlichen Gruß schicken und dann diesen Brief sie las noch ermnal die wem- gen Worte, die, statt sie welch zu stimmen, den Zorn ihr
wachriefen^i^ ^ ^ ^ heute wiederkommen — nur Sie sehen — fühlen Ihre Nähe, die jetzt gleichbedeutend ist für mich mit Loben lind glücklich sein, ^hr HanS.
Wie durfte er nur „Mein Lieb sie nennen? Wer
— hatte er ihr nicht am vorigen Abend unzählige Male das Kosewort zugechlüstert und sie hatte ihm nicht
^Und'doch. befaß er nicht dieses Recht — hatte sie nicht selbst es ihm gegeben?
Das war das Unerträgliche. Die Schuld ließ sich nicht abiverfen. Es war nur taktlos von dem Mann, ,daß er sie das empfinden ließ! . .
Den ganzen Tag verbrachte Erna in Unruhe und Niedergeschlagenheit. Sie hatte nicht den Mut, das Haus K>, verlassen, aus Furcht, chm zu begegnen, und fühlte sich nur noch von dem cmen Wunsche,beherrscht:
— Scheveningen zu fliehen — so schnell wie möglich; gleich einer Heimat winkte ihr nun das „Rauental — dort würde sie nicht inehr den Mann sehen, der für sie die Verkörperung ihrer Schuld ivar — sie wurde so gut und zärtlich zu ihrem Gatten sein — alles daran setzen, um den Fehler aus ihrem Leben zu tilgen — und sicher würde es ihr gelingen — sie würde vergessen — und wie ein böser Traum würde die Erinnerung aus chrem
Leben schwinden. . „ ,, .... .
Sie wußte, daß Reinrer sie unter allen Umstanden schützen und nie — auch nicht in einer Aufwallung von Zorn u,id Enttäusch»iig sie verraten würde.
Als Ethel und Bob in ihrom strahlenden Gluck nach Hause zurückkehrten, wunderten sie sich über Ernas ge- drücktes, zerstreutes Wesen — und staunten arm so mehr, als sie ihnen ihren Entschluß ,nitteilte, in zivei Tagen ins Rauenlal zurückM,kehren
„Wer, Erie, jetzt, da Bob da ist, wird es erst schon und lustig werden — du mußt blecken", drängte Ethel und fuhr mit weicher Hand über die verweinten Aitgen ihrer Schwägerin. Sie fühlte, daß irgendwas rn ihrrmr Lebeli nicht in Ordnung ivar rrnd hätte so gern snr sie die Wolken verscheucht.
Doch nichts Hals-
Erna beharrte auf ihrem Entschluß; denn sie dachte: „Wenn er mich abreisen sicht, wird es der klarste Beweis für ihn fein, daß alle Boziehungen zwischen iinS gelöst fein sollen."
VII.
Der heiße Sommer hatte selbst nach dem entlegenen „Rauental" zahlreiche Gäste gelockt. Das Hotel, das mn Eingang deS Tales, in einer weiten Ausbuchtung, mitten zwischen grünen Matten lag: war seit Wochen Werfüllt, und die zerstreuten Villen, die in «Niger
Entfernung davon sich auf den Bergabhängen im DlM»
M des Thüringer Waldes versteckten, waren alle be- wohnt. . ^
Ein ungewöhnliches Leben herrschte rm Dal — nwtt hatte auf den stillen Landstraßen Antoniobile sausen sehen, auf den Bergp sieden konnte man jetzt oft Spazier- ganger und Touristen treffen, während nmn früher stundenlang wandern konnte, ohiie einein Menschen zu begegnen. Sogar ein bescheidener Versuch, im Eßs-aal des Hotels einen kleiiren Tanzabend zu veranstalten, war erfolgreich gewesen, und seither fanden zur Freude aller junger Sommergäste jeden Mittwochcckend solche intimen „Munions" statt, zu denen auch Gäste aus den umliegenden Villen kamen.
So lernte man sich kennen, rind bei aller Einfachheit und Ursprünglichkeit der Ranentaler SaisonverhAtuisss entwickelte sich -doch ein anregender Verckchr, den man die früheren Jahre hier ganz vermißt hatte.
Das alles trug dazu bei, die Bezieh,ingen zwischen Hilde Roswald und Rickling zu erleichtern. Man sah sie viel zusammen; ober hier in der Natur, wo selbst die Menschen — diese Kulturprodukte — langsam wieder unter dem Einfluß der in ihneir waltenden Urkräfte natürlich werden, fiel das nicht arif. Oft schlossen andere Sommerfrenide sich ihnen an — die stolz darauf waren, nun einmal aus nächster Nähe den Schriftsteller zu sehen, von dem die Welt sprach, rrnd die sich wunderten, einen so jungen, fröhlichen, sprudelnde» Mensä^-n kennen zu lernen, der so ganz anders war als das Bild, das man sich aus seinen Büchern von ihm machte.
Er erkannte sich wirklich auch kaum selbst — konutS lachen und scherzen wie ein Bube, sich freuen über eine Rose, die in seinem Garten über Nacht erblüht war — scher den Schmetterling, der an ihm vorbeiflog, nick den Sonnenstrahl, der auf seinen Schreibtisch fiel und in dessen Gold er zum Schreiben seine Fader. hatte tauchen mögen, um lauter Sonnenworte zu schreiben.
So glücklich ivar er. , .
Irgendwie waren alle Schatten aus seniein Lüben gewichen, und cs blieb nichts anderes mehr als Licht zurück. Er konnte selbst kaum mehr begreifen, wie ec früher solch einsamer, gedrückter Mensch gewesen um-, und wunderte sich, wohin die quälenden Fragen und schwülen Stunden geflohen lvarcn.
Dann dachte er an Hilde — und lächelte — so glücklich — so froh — nicht, wie früher, still in sich huiem — nein, so daß er hätte jauchzen nnd laut ausinveln
er dies Menschenherz besaß, war sein ganzes Leben ausgefüllt — die gmrze Welt bevölkert. Da blieb kein Raum mehr für die graue Sorge übrig — auf der Erde, auf die Hildes Hand ihn geflchrt mtte, fand sic keine llnterkunfl. ^ v , . r .
Beim Erwachen galt fern erster Gedanke ihr — und sein letzter beinl Einschlafen wieder ihr.
Jeden Genuß empfand er doppelt, well er ihn mit ihr teile,l konnte — jeder Erfolg wurde für ihn et»
