Witsbs-ener T«gl> latt.
Jahrgang.
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|to. 548 , RedaM-ms-Ferufprechrr No. 52. den 24 . Uovemtier. BcrlagS-F.rusp. echcr No. 2266. il>00.
Morgen-Ausgabe.
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Englnnd und Italien.
Unser Londoner »-Korrespondent schreibt: Daß Mr. Ehamberlain dem schauderhaften englischen Herbstwetter aus dem Wege ging und nun auf dem Mittelmecr umhcr- gondclt oder sich mit Frau und Kind in bolla Italia tummelt, kann ihm schließlich Niemand verdenken. Stehen ihm doch die Kriegsschiffe der englischen Marine für seine Spazierfahrten auf dem Meere zur Verfügung, und eilen doch die Höchsten des Landes, ihn zu begrüßen, sobald er sich einmal aus Ufer begiebt. Die Italiener haben von jeher eine schwärmerische Neigung für England entwickelt, bas sie in Mr. Gladstone gewissermaßen personifizirt sahen. Auch Lord Salisbury war ihnen sympathisch, aber was sie auch bisher von Ehamberlain gehalten haben mögen, die nähere Bekanntschaft mit ihm dürfte die englisch- italienischen Beziehungen in der Zukunft zu kühleren als bisher machen. Der Mann, der ehedem in Birmingham der Fabrikation von Schrauben oblag und heute äs kaeto an der Spitze des britischen Niesenreichcs steht, hat in die Diplomatie gewisse Gebräuche des Fabriksaales eingeführt. Er benutzt nach wie vor das Schneideeisen, und während er mit demselben ehedem jede Unebenheit und Kante von dem Stahlstifte entfernte, der zur Schraube gemacht werden sollte, schneidet er heute rücksichtslos da im politischen Leben ein, wo ihm das zur Abrundung des britischen Reiches nöthig erscheint. Daher müssen nun auch die Malteser die italienische Sprache aufgeben, und gezwungenermaßen Englisch, jene schauderhaft verstümmelte und zum tollen Mischmasch gewordene teutonische Mundart, erlernen. . sie italienische Presse ist darüber im höchsten Grad aufgebracht, und die Zeitung „Secolo" z. B. hält sich noch ganz besonders über die brüske rücksichtslose Weise auf, mit der Ehamberlain die Malteser behandelt. Er rheilte ihnen allerdings auch unter Anderm kurz und bündig mit, daß all ihre Agitation der Sprachfrage wegen völlig zwecklos sei, und dem Mitglied einer Deputation, die er auf Malta empfing, erwiderte er auf Vorstellung bezüglich gewisser, den Maltesern entzogctien Freiheiten nur, daß er keineswegs wie ein Sklave aussähe. Die Theilnahme für die Buren und das grausame Vorgehen der Engländer im Transvaal hatte diese bereits viele ihrer italienischen Freunde gekostet, und nun fängt man auch wieder an, sich des Abkommens zu erinnern, das Lord Salisbury bezüglich des nordafrikanischen Hinterlandes s. Z. mit Frankreich traf, und das damals bereits so viel böses Blut in Italien schuf. Im Allgemeinen ist man sich daselbst sehr wohl bewußt, daß freundschaftliche diplomatische Beziehungen zu England sehr wünschenswerth sind, aber die Sympathieen für dasselbe sind verschwunden. Einer der angesehensten italienischen Journalisten schrieb unlängst: „An die Stelle unserer alten Sympathie für England müssen.wir fortab mißtrauische Aufmerksamkeit treten lassen". Trotz alledem ist man in Italien überzeugt, daß ein Vertrag mit England besteht, durch den dieses verbunden ist, im Falle eines französisch-italienischen Krieges die Küste Italiens zu beschützen. Allerdings spielte aber auch Lord Salisbury bei Gelegenheit des Lord May»r - Banketts in 1887 auf
etwas Derartiges an, und im Februar darauf schrieb Signor Chiala, der die italienischen Staatsarchive verwaltete, bir Minister des Auswärtigen habe ganz unerwartete Versprechungen von England erhalten, sodaß die Lage Italiens fortab zur Sec wie auf dem Lande gesichert sei. Mister Labouchere versuchte wiederholt, im Unterhanse von der
Negierung Auskunft darüber zu erlangen, doch lehnte es dieselbe ab, das Vorhandensein des fraglichen Vertrages zu bestätigen oder zu bestreiten. Schließlich wird aber auch wohl die Stimmung im Volke nicht viel an den Beziehungen der Regierungen zu einander ändern, die aber fortab von Mr. Ehamberlain bestimmt werden dürften.
Der Durelltreck nnch DkiiW-MMll-Asrjkll.
Den Buren wurde auf ihre Anfrage an die deutsche Regierung, wie sie sich einer Einwanderung größerer Buren- schaarcn gegenüber verhalte, geantwortet, daß solche Einwanderer auf deutschem Boden frcundlichst ausgenommen
würdcm Wir stehen also thalsächlich unmittelbar vor einer Einwanderung von Buren in Südwest-Afrika. Auf eine in der letzten Sitzung des Kolonial- Raths von Mitgliedern des Direktoriums der South- West-Asricn-Company abgegebene Erklärung, daß von Seiten dieser Gesellschaft einer Buren-Ein- wanderung durchaus keine Schwierigkeiten bereiter werden würden, hat sich die amtliche Miltheilung angeschlossen, daß die Zahl der Transvaal-Buren, die durch die Kalahari-Wüste in deutsches Gebiet zu wandern beabsichtigen, aus etwa 15,000 bemessen wird.
Aus diesem Anlaß geben wir unseren Lesern beistehend eine Karte von Deutsch - Südwcst - Afrika nebst einer Uebersichtsskizze von Südafrika, aus der die Nachbarschaft der Bnren- Republikeu Transvaal. (T.-R.) und Oranje-Freistaat (O.-R.) zu der deutschen südwestafrikanische» Kolonie deutlich hervorgeht. Die Richtung, welche die Burentrecks von diesen Staaten aus nach dem deutschen Gebiet zu nehmen haben, ist durch Pfeilstriche gekennzeichnet. Sie führt in gerader Linie zunächst durch britisches Gebiet, südlich derKalahari- wüste, und geht auf den südlichen Theil Südwest- Afrikas zu. Die Nachricht von dem bevorstehenden Burentreck ist sehr willkommen, denn sie entspricht dem deutschen kolonialen Interesse ebenso, wie dem der Buren, an deren Mißgeschick jeder Deutsche lebhaft Anthcil nimmt.
Vor sieben Jahren wurde noch die Ansiedelung größerer Burcnschaaren in der deutschen Kolonie als nicht erwünscht bezeichnet, an einigen Stellen war kleinmüthig geltend gemacht, daß die an volle Freiheit gewöhnten, halsstarrigen
FeniUeton.
> Russische Studenten.
(Von unserem Korrespondenten.)
St. Uetersbrn'g, im November.
Wohl in allen Ländern machen die Studenten den Behörden öfter einmal zu schaffen, die Jugend ist schnell fertig mit dem Wort nicht nur, sondern auch häufig mit der Hand, die etwas lose sitzt, und so kommt es denn leicht zu turbulenten Scenen. Nirgends jedoch dürften dieselben so häufig sich ereignen, wie bei uns, und statt mit Büchern und Heften unter dem Arm friedlich zur Universität zu ziehen, erblickt man die Studenten nur zu oft in erregten Gruppen sich dahin begeben, um über eine Unbill sich zu beschweren, die ihnen widerfahren. Gewiß sind diese Unruhen, die hin und wieder sogar zu kleinen Revolten ausarten und zu Zusammenstößen mit der Polizei führen, nicht immer begründet, die Jugend ist leicht erregt, wenig urtheilsfähig und läßt sich so zu Ausschreitungen Hinreißen; oft jedoch sind es in der That arge Mißbräuche, die ihren Unwillen Hervorrufen.
Im Auslande ist man meist geneigt, die Studenten- kravalle auf politische Ursachen zurückzuführen, und man bemüht^ sich hier, auch diese Ansicht dort zu verbreiten. Nihilisten hätten die Jugend mit ihren verderblichen Lehren aufgestachelt, ein strenges Einschreiten, unerbittliche Maßnahmen seien daher dringend geboten. In Wirklichkeit sind die Gründe aber fast nie politischer Natur und lehnen die
Studenten sich nur gegen die eisernen „Polizcigesctze" auf, denen sie unterstehen. Unter Alexander III. wurden nämlich die akademischen Freiheiten, die Alexander II. den Universitäten gewährt hatte, wieder abgeschafft, den Studenten alle Verbindungen und Versammlungen verboten; die rignrosesten Vorschriften herrschen vor, und die geringfügigste Veranlassung giebt Grund zu schweren Strafen.
Diese strenge Zucht trifft den Studenten um so härter, da er sich nach dem „schönen, freien Leben" an der Universität in den langen Jahren, welche er auf dem Gymnasium zugebracht, so sehr gesehnt. Anfänglich pflegt die Lehranstalt dem Kinde gar nicht so schlimm zu dünken, aber je älter der Knabe wird, desto drückender empfindet er den Zwang, und die Hochschule erscheint dagegen das Dorado. Mit wachsender Ungeduld sieht er dem Augenblick entgegen, da das Examen überstanden ist und er das Recht hat, sich für einen Beruf zu entscheiden. Endlich erscheint der Tag, die Uniform mit den silbernen Knöpfen wird gegen die mit goldenen vertauscht, statt der Mütze mit silbernem Bande trügt er jetzt die mit einem blauen. Denn eine Uniform ist Vorschrift für die Schüler der Gymnasien nicht nur, sondern auch für alle Hörer der Hochschulen. Den Russen stört dies aber nicht, den Zwang, einer bestimmten Kleidung sich bedienen zu müssen, empfindet er nicht als einen solchen, der Student ist im Gegentheil stolz auf sein dunkelblaues, mit hellblauem Kragen versehenes Gewand, welches ihn von anderen Sterblichen unterscheidet und aller Welt sofort verkündet, daß er das beneidenswerthe Leben eines Studenten führe. Daß dieses allerdings ein so wunderschönes nicht ist, wie er geträumt, wird ihm jedoch nur zu bald klar, und
gewöhnlich dauert es nicht lange, bis eine völlige Enttäuschung eintritt Etwas mehr Freiheit genießen die Studenten wohl, wie sie dem Schüler gewährt wurde, aber sehr groß ist dieselbe, wie gesagt, auch nicht und daneben das Dasein der Meisten voll von Entbehrungen. Ein Gymnasium giebt cs ja in vielen Städten, Universitäten aber nicht, und so sehen sich Demi die armen Studenten, deren Familien sie nicht unterstützen können und in dem Orte nicht leben, von vornherein genöthigt, den Kampf mit dem Dasein aufzunehmen. Gewiß sind Gesellschaften vorhanden, die ihnen zu Hülfe konimen, indem sie ihnen Unterstützung durch reiche Personen verschaffen, ihnen aus eigenen Mitteln solche gewähren, indem sie Konzerte und Theatervorstellungen, ja sogar Bälle veranstalten, die Einnahmen des guten Zweckes halber zu erbringen pflegen, aber all dies ist doch nicht genügend, um ausreichend zu Helfer'.. Die Studenten sehen sich also genöthigt, Stunden zu geben, die sie allerdings nicht allzu schwer erhalten, da die Gymnasiasten selten im Stande sind, ihre Arbeiten allein zu bewältigen. Bezahlt werden diese Stunden, da eben auch das Lehrangcbot ein sehr großes, aber meist recht schlecht, oft wird nur eine häufig nichts weniger als opulente Mahlzeit dafür gewährt. So ist denn der Student gezwungen, deren möglichst viele zu er- theilen, und verbringt mit unartigen, faulen Kindern den größten Theil seiner schönsten Jahre, gewöhnlich noch von den Eltern für die Atißerfolge ihrer Sprößlinge verantwortlich gemacht.
Daß Jünglinge, die ein derartiges Leben führen, diese Welt nicht gerade für die denkbar beste halten und oft ein-
