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1. Beilage Min Wiestmüener Tagblatt.

K-. 548. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 24. Uovemder.

48. Jahrgang. 1900.

(27. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Roman von K»rk v. Leistner.

Es war Cora nicht entgangen, daß die Augen Gabrieles von Thränen überströmt waren. Für zwei Brautleute waren die Begrüßungen, welche Cora und ihr Verlobter austauschten, keine besonders herzlichen, denn bei der Sängerin hatte die gemachte Wahrnehnnmg eine merkliche Verstimmung erzeugt, und auch Oswald gelang cs nicht, die Einflüsse der eben durchlebten Scene so rasch zu überwinden. Die Unterhaltung beschränkte sich also vorläufig nur auf ziemlich frostige Erkundigungen und Auskunftertheilungen über das Befinden des Rekonvales- centen. Erst als die heute ausnahmsweise sehr wortkarge Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, ging Cora zu Anderem über.

„Wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte", be­gann sie, plötzlich in einen noch gespannteren Ton ver­fallend, „beruht die mir von meiner Zofe hinterbrachte Mittheilung, daß sich Fräulein Rudorfs sehr eifrig an Ihrer Pflege betheiligt, auf keinem Mißverständnisse. Es wäre mir nun wirklich interessant, von Ihnen zu er­fahren, Oswald, ob Sie selbst die Veranlassung hierzu ge­geben haben, oder ob die junge Arbeiterin ihre weibliche Schüchternheit aus eigenem Antriebe bis zu diesem Grade überwunden hat."

„Wenn Sie hiermit einen Vorwurf gegen Fräulein Rudorfs aussprechen wollen, Cora, so muß ich denselben an Stelle der Abwesenden mit Entschiedenheit zurück­weisen", entgegnete Oswald, während sich seine noch blassen Wangen färbten. „Aufrichtig gesprochen, ich hätte nicht gedacht daß die Lauterkeit der Motive, welche das edle Mädchen bei seiner aufopfernden Thätigkeit an meinem Krankenlager leiteten, von einem weiblichen Wesen verkannt werden würde.

Wer Fräulein Gabriele auch nur oberflächlich kennt", fuhr Oswald fort, „sollte nur das Beste von ihr denken."

„Sie vertheidigen Ihren jungen Schützling, wie ich sehe, ebenso eifrig mit Worten wie mit Thaten", bemerkte die Künstlerin. „Nun ich will ihm ja keineswegs zu nahe treten, denn ich habe für Gabriele bisher selbst' nur Sympathie empfunden. Aber ich gestehe Ihnen offen. OÄvald, daß es einer Braut auffallen muß, wenn ihrVer- lobter sogar öffentlich, und zwar wenige Stunden, nach­dem er ihr Jawort empfangen hat, sich zum Ritter eines Mädchens von dieser Stellung aufwirft, wenn es stadt­bekannt wird, daß er sich deshalb einem Zweikampfe unterzieht, und wenn ferner dieses Mädchen ihn mit thränenüberflutheten Augen verläßt, während die Braut selbst naht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, lieber jenen mißlichen Vorfall, der das Duell veranlaßte, hat mich Dillheim kürzlich schon unterrichtet. Inwiefern aber Thränen entlockende Scenen mit der Krankenpflege im Zusammenhänge stehen, würde ich gern von Ihnen selbst erfahren."

In Oswalds schönen Zügen kam bei dieser Frage ein entschiedener Unwille zum klaren Ausdruck.

„Sie ziehen mich in doppelter Weise zur Rechenschaft, Cora", versetzte er, „und ich will mich derselben nicht ganz entschlagen. Was den ersteren Vorfall betrifft, so würde jeder ehrenhafte Mann an meiner Stelle, wenn eine ihm persönlich bekannte Dame auf offener Straße durch rohe Zudringlichkeiten insultirt wird — denn das ist die richtige Bezeichnung für Dillheims danialiges Benehmen in seiner Berauschtheit — zu jeder Zeit ebenso gehandelt haben. Mit unserer Verlobung steht dies außer allem Zusammenhänge. Die Thränen aber, die Sie in Fräulein Rudorffs Äugen wahrgenommen haben wollen, sind ein ehrender Beweis für ihre echte weibliche Empfindung. Sie hat sich unmittelbar, bevor Sie mein Zimmer be­traten, als Pflegerin von mir verabschiedet und meinen Dank entgegengenommen. Halten Sie es denn für gar so befremdlich, wenn einem fühlenden Weibe in dem Momente, in welchem es vielleicht zum letzten Mal dem Manne gegenübersteht, der ihre Ehre gewahrt hat, sich das Auge feuchtet? — — O Cora! Ich möchte wünschen, daß auch Sie, anstatt Jene deshalb zu tadeln, dem Herzen mitunter eine wärmere Sprache gestatten würden! Während mich solche niit Sorgfalt umgaben, die mir ferner stehen sollten als meine Braut, beschränkten Sie selbst sich auf Einziehung von Erkundigungen durch Dritte, oder wenige flüchtige, fast ceremoniöse Besuche. Ich kann nicht leugnen, daß dieses Verhalten mich inner­lich nicht befriedigt hat.

Mir bleiben Sie fern, Cora", fuhr Oswald fort, „und unterdessen empfingen Sie, wie ich aus Ihren Mit­theilungen entnehme, Denjenigen, der Ihren Bräutigam an den Rand des Grabes gebracht hat. Den fortgesetzten Verkehr zwischen Ihnen und jenem Dillheim zu bean­standen, hätte ich mindestens das gleiche Recht, mit welchem Sie mir Gabrieles Anwesenheit zum Vorwurfe machen." _

„Wollen Sie mich nöthigen, Dillheim aus meinen Kreisen zu verbannen, weil er einen Ehrenhandel mit Ihnen ausgefochten hat, dessen Chancen ihm günstig waren?" rief Cora aus. „Ich dächte, ich hätte mich schon opferwillig genug gezeigt, als ich mich entschloß, um Ihretwillen auf meine künstlerische Lorbeeren zu ver­zichten!"

„Wenn Ihnen dies Opfer zu groß schien, so hätte es Ihnen freigestanden, es abzulehnen", entgegnete Oswald.

„Dillheim würde eine solche Zumuthung sicherlich nie gestellt haben", sagte die Sängerin, indem sie sich er­hob. „Aber ich bin weder gekommen, um mir Vorwürfe machen zu lassen, daß ich nicht zur Krankenwärterin ge­boren bin, noch um Vergleiche zwischen mir und Gabriele Rudorfs hervorzurufen. Wir sind Beide jetzt erregt und es ist besser, derartiges zu anderer Zeit in ruhiger Stimmung zu verhandeln. Also adieu für heute! Hoffentlich find Sie bald im Stande, mich selbst aufzu­suchen."

„Vielleicht, Cora. Vis dahin dürfte aber doch noch mancher Tag vergehen", entgegnete der Verlobte.

Die Sängerin entfernte sich und ließ den jungen Mann in einer höchst unerquicklichen Stimmung zurück. Wie ganz anders hatte er sich oftmals Diejenige vor­

gestellt, welche er zu seiner Lebensgefährtin auserkor! Schon betrachtete er den Schritt, der ihn an Cora gekettet hatte, als eine Ucbereilung, aber er war geschehen, und

die Erkenntniß kam zu spät-— Zu spät? War

denn das abgeschlossene Bündniß wirklich em unauflös­liches? War es nicht besser, wenn zwei Menschen, die beide zu fühlen scheinen, daß die Bande nicht stark genug sind, um sichere.Garantieen für eine glückliche Zukunft zu bieten, sich trennten, so lange die letzte Möglichkeit, dies zu thun, ihnen nicht benommen ist?

Dies waren die bangen Fragen, die sich Oswald im Geiste vorlegte. Aber noch zögerte er, sich definitiv über deren Beantwortung zu entscheiden. Er fühlte sich seiner Braut für die Unterstützung, welche sie seinen litterarischen Bestrebungen gewährt hatte, immer noch zu sehr zu Dank verpflichtet, als daß ihm diese Entscheidung leicht ge- worden wäre; noch quälte er sich mit Selbsworwürfen darüber, daß sein Herz so stürmisch pochte, wenn er Gabrieles gedachte.

XIX.

Zwischen dem jungen Schriftsteller und seiner Tante war seit der heftigen Scene, welche unmittelbar vor der Verlobung stattgefunden hatte, über die strittigen Punkte kein Wort mehr verloreir worden. Agnes von Fronhofen hielt es für selbstverständlich, daß sie dem so schwer be­troffenen Neffen trotz allem Vorgefallenen ihre Fürsorge angedeihen lassen müsse, und hegte die innere Zuversicht, es werde sich auch ohne direkte Beeinflussung Oswalds Manches noch nach ihren Wünschen gestalten. War das Verhältniß Beider auch kein so inniges mehr, wie ehedem, so hatten die Ereignisse doch einen Zustand geschaffen, ddr sich mit einem Waffenstillstände vergleichen ließ und auf den vielleicht der Friede folgen konnte. Gabriele und die Baronesse aber gewannen sich von Tag zu Tag lieber. Vor der bescheidenen und ehrerbietigen, aber warmen Zu­neigung des lieben Mädchens schmolzen alle Härten, welche das Wesen der alten Dame bisher umgaben, und von ihrem sonstigen, etwas adelsstolzen Gebaren gegen­über den niedrigen Schichten der Bevölkerung war bei ibrem Verkehre niit der jungen Arbeiterin nicht das Ge­ringste zu bemerken. Viel trug zu diesem Verhalten das Bestreben bei, die Töchter für das zu entschädigen, was der Vater, höchst wahrscheinlich unschuldig, durch ihr eigenes Zuthun erlitten hatte.

Wiederum war die Genesung Oswalds während einiger Tage vorangeschritten, als Frau Greißler der das §aus betretenden Baronesse mit geheimnißvoller Miene zuwinkte unb sie zum Eintritt in ihre Wohnung einlud.

„Lassen Sie sich nur im Vertrauen sagen, Gnädige", begann die Hausfrau, „was ich 'mit unserem Gabrielchen für eine schwere Noth habe. Was glauben Sie denn, daß dem Kinde auf einmal in den Kopf gefahren ist?

„Nun, was denn, Frau Greißler?" fragte Agnes von Fronhofen, den angebotenen Sitz auf dem Sopha em- nehmend. „Ich bin wirklich begierig, denn Sw wissen, wie nahe Ihre allzeit hülfsbereite junge Hausgenosstn meinem Herzen steht."

(Fortsetzung folgt.)

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