48 . Jahrgang.
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JlrutfdjluniJ in Paris.
An Lobeserhebungen der deutschen Erfolge auf der Pariser Weltausstellung haben wir in allen Tonarten jetzt schon soviel zu hören bekommen, daß es zur Abwechslung mindestens ganz unterhaltsam ist, einmal die Kehrseite der Medaille zu betrachten. Wenn nian Monate hindurch inimer nur Ausdrücke der Bewunderung für unsere Leistungen vernehmen mußte, eine Anerkennung, in die auch das Ausland eingestimmt hat, so wäre es nur natürlich, wenn sich hieraus die Meinung entwickelte, wir marschirtcn an der Spitze und hätten weiter nichts zu thun, als in der einmal eingeschlageiien Bapn zu bleiben. An Wahrheit haben wir sehr viel Besseres zu thun, nämlich Einkehr zu halten und das gespendete Lob nnt gesundem Mißtrauen entgegenzunehmen. Es dünkt uns ein Verdienst von Prof. Otto Eckmaim, dem tüchtigenMitleiier des Berliner Kunstgewerbe-Museums, dem erfolgreichen Anreger und Förderer eines wirklich niodernen Kunstempfindens, daß er in einem trefflich geschriebenen Büchlein „Der Weltjahcmarkt Paris 1900" (Berlin S.Fischer) die Dinge beim richtigen Nanien nennt und sich dem „undankbarsten aller Geschäfte", nämlich die Wahrheit zu sagen, rücksichtslos unterzieht. Eckmann will e» „glatt heranssagen": Deutschland hat auf manchen Geoieten der angewandten Kunst enorme Niederlagen erlitten, lind der Verfasser sorgt sogleich für Gewährsmänner seiner Klage iind Anklage. So schreibt der bekannte Kunstschriftsteller Meier-Gräfe n. A.: „Wo man sehr üppig mit dem Raunie für Aussteller iimgegangen ist, bei der Kgl. Porzellaiimanufaktur, die ganz nnverhaltmatzig bedacht ist ben denkbar besten, größten und lichtesten Platz er-
ist, den denkbar besten, größte,i und lichtesten Platz erhalten hat, hätte man sparsam sein können, denn hier hat sich Deutschland eine der wenigen Gelegenheiten nicht entgehen lassen, von allen Ländern glänzend geschlagen zu werden Die Niederlage ist umso schmerzlicher, als sie wahrhaft pomphaft vor Augen geführt wird." Eckmann behauptet kurzweg, daß der Reichskommissar Geheunrath Richter, dem doch sonst nicht Freundliches genug gesagt werden konnte, „seiner Ausgabe nicht gewachsen war . Die Niederlage Deutschlands auf keramischem Gebiete sei unbestritten. Die modernen Bemühungen der Berliner Porzellanmanufaktur seien leider nur Nachahmungeil von Bigot und eines so großen Instituts nicht würdig. „Sdvres hingegen hat sich wie ein Phömr au, der .Ische zu neuem Leben und führender Stellung erhoben. Ta Sbvres sich für seine neuem Arbeiten auch der neuen Kunstformen bedient, ist es leider sehr zweifelhaft, ob unsere deutschen Museen sich von den ausgestellten Arbeiten genügend Material zur Anregung daheim ge- sichert haben. Der ruhige, vornehme Ton aller der üingsteil Sbvresstücke kontrastirt beschämend mit der unfeinen Ueberladenheit und Haltungslosigkeit der Arbeiten von Berlin und Meißen." Deutschland habe nichts am den Markt gebracht, was nicht von Dänemark, Holland. Belgien, Frankreich in Schatten gestellt wurde, und Japan und China dürfen sich mit ihrer alten feinen Kunst Europa immer noch sehr weit überlegen fühlen, ,,-ue
deutschen Arbeiten tragen alle das Gepräge grober Nachahmung. Man macht ja bei uns Alles nach, aber stets unfein uiid übertrieben. Die dentscheii keramischen Arbeiten, welche so von auswärts angeregt sind, haben entweder viel zu viel Lüster, um die Ausländer noch zu überbieten, oder sie sind von jener fatalen Korrektheit, die identisch ist mit tödtlicher Langeweile." An einer anderen Stelle, wo von Schmuckarbeitcn die Rede ist, erklärt Eck- mann: „Die gemeinen Nachahmungcii dieser belgischen Originale, die eine Berliner Firma mit großem Geschrei in die Welt setzt, schädigen das Ansehen der Berliner- Arbeit sehr." „In, Bronceguß und Ciseliren feiner Beschläge oder anderer Gußarbeiten stehen wir den Franzosen ganz erheblich nach. Man muß dringend rathen, daß tüchtigen Handwerkern Stipendien gegeben werden, damit sie in Paris sich vervollkommnen können ... Geschmackvolle Bucheinbände wurden von fast allen Kulturstaaten gesandt. Zu Deutschland fehlt vollständig der Liebhaber-Einband, der in Frankreich zu reizenden Formen erhoben wurde." Dann freilich kann Eckmann auch loben: „Die neuen deutschen Teppiche fanden außerordentlichen Anklang in maßgebenden Kreisen, den gleichen Erfolg werde!, die Leinen-Daniastwebereien, die Stoffdruckereien und Möbelstoffwebereien mit ihren neuen Mustern erzielen. Der glänzende Erfolg der deutschen Tapeten, die im Staude waren, die englische und französische bessere Maare von unserm Markt bedeutend zuruck- zudrängen, wird in den Berichten der Handelskammern bestätigt." Die lebhaftesten Beschwerden hat der Verfasser über die unfreundliche Art und Weise, wie die neue dekorative Kunst vom Reichskommissar in Paris behandelt worden ist, wie man ihr Luft und Licht entzogen und nachher noch gehöhnt hat, daß sie keine großen Aufgaben gelost habe. „An hinhaltenden Versprechungen des Reichs- kommissariats hat es nicht gefehlt, eingelöst wurden sie nicht. In seinem Bericht über die Ausstellung betonte ein Vortragender, daß die theuren Sachen alle in der alten Art hergestellt seien, die billigeren Gegenstände aber m Formen der neuen Kunst .... Die Politik der kleinlichen Mittel in der bildenden Kunst führt leider auch zu unerfreulichen persönlichen Gehässigkeiten." Man mutz sich bei Alledem immer vor Augen halten, daß hier einer der berufensten Vertreter der modernen Kunst spricht, ein Mann, bei dessen Worten man aufzumerken hat, und dessen Urtheil schwerer wiegt als hundert Oberflächlichkeiten, bei denen die gute Gesinnung das mangelnde Ver- ständniß zu ersetzen hat. Auf alle Fälle wird es gerathen sein, nicht auf den „Lorbeeren" einzuschlafen, die wir uns in Paris in angeblich großen Mengen geholt haben. Kunst und Künstler sollen nicht auf ihnen ausruhen, das Publikum und die öffentliche Meinung aber erst recht nicht. Denn je niedriger wir unsere Ansprüche stellen wollten, desto geringfügiger würde demgemäß die Leistung sein.
Deutsches
Die Ctlinafl-e.ge im Reichstag.
I,. Zeriin, 21. November.
Der noch bevorstehende Schluß der Neichstagsdcbalten über den Nachtragskredil für China wird an den Ergebnissen der beiden ersten Tage und an dem Urtheil, zn dem sie bc-
rechtigen, schwerlich etwas andern können. Es ist nicht zn erwarten, daß einer der kommenden Redner Gesichtspunkte anfznstellen vermöchte, die nicht bereits am Montag und Dienstag erörtert morden sind, und was den Grafen Bülow anlangt, so hat er sich in seinen zwei Reden als ein Mann erwiesen, der, von allem Andern abgesehen, jedenfalls die wohlthncnde Eigenschaft der Offenherzigkeit besitzt. Es ist Inhalt in seinen Rede». Damit ist keineswegs gesagt, daß nun etwa Jeder sofort die Empfindung hätte, die Dinge vertrügen keine andere als die von ihm beliebte Darstellung. Im G-gentheil behält die Kritik »mso mehr Spielraum, je ausführlicher sich der Reichskanzler über den bisherigen Verlauf und die wahrscheinliche fernere Entwickelung dieser »nseligen chinesischen Dinge auslüßt. Mindestens jedoch, und dies kann man gern wiederholen, hat er selbst ein außerordentlich klares Bild von den Aufgaben, Roth- wendigkeiten und namentlich Möglichkeiten der deutschen Chinapoiitik. Er verfolgt keine phantastischen Ziele, er steht außerhalb des Mißtrauens, das so manchen Kundgebungen von anderer Seite entgegengebracht werden mußte. Freilich ist Graf Bülow dem Reichstag und der Oeffent- Uchkeit immer noch das Wichtigste schuldig geblieben, nämlich eine Entscheidung darüber, wa- Deutschland und die übrigen Mächte thun sollen und können, wenn die chinesischen Gewalthaber bei ihrer Verzögerungstaktik beharren und sich auch durch die schwersten, ihrem Lande jetzt geschlagenen Wunden nicht zu irgendwelchem ernsten Entgegenkommen bestimmen lassen. Man hat an- zuerkenneu, daß der leitende Staatsmann sich zn dieser Kernfrage nicht alsbald äußern konnte, aber vielleicht giebl er in der Kommission wenigstens Andeutungen. Der zweite Tag der Chinadebatten verlief so, daß der Kanzler wirklich bestens zufrieden sein darf. Es ist und bleibt ein großes Glück für ihn, daß er für die Nichtberufuug des Reichstags im Hochsommer verfassungsmäßig nicht verantwortlich gemacht werden kann. So fallen die Pfeile der lln- zufriedcnhcit, die aus allen Parteien gegen den un- bestimintcn Begriff der „Regierung" wegen der damaligen Unterlassung gerichtet worden, rechts und links, vom Graten Bülow nieder, treffen ihn selbst aber nicht. Sie treffen ihn umso weniger, je glaubhafter seine für die Unterrichteten nicht neue Versicherung ist. daß er persönlich seiner Zeit die sofortige Mitwirkung des Reichstags bei den Vorbereitungen der China-Speditiv» empfohlen habe. Es ist wirklich so, man weiß das längst, und die Betonung der alleinigen Verantwortung des Fürsten Hohenlohe bedeutet mehr als eine Redewendung. Sie bedeutet auch etwas mehr als einen Rechtfertigungsversuch vor dem Reichstag, denn es ist klar, daß Graf Bülow gleichzeitig nach oben hin seine Auffassung von den Pflichten eines verantwortlichen Staatsmanns scharf hervorhebt, indem er erneut versichert, wie fest er an der Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte des Reichstags hallen werde. Gewiß ist damit nur etwas Selbstverständliches ausgesagt, aber man »st in dieser Beziehung ja leider nichl verwöhnt, und so darf das Selbstverständliche eine Anerkennung beanspruchen. Im Uebrigen darf, wie gesagt, Graf Bülow mit dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen zufrieden sein. Der Nachtragskredit wird nicht nur bewilligt werden, sondern die große Mehrheit des Hauses wird die Bewilligung mit dem Ausdruck des Vertrauens
Fembeton.
Londoner Wohnstätten.
(Von unserem Korrespondenten.)
Wer London einen Besuch abstattet, nur um die Stadt kennen zu lernen, wird, schon weil ihn sein „Bädeker" darauf hinweist, naturgemäß sie fast nur von der schönsten Seite sehen. Das Häßliche mag ja oft auch interessant und aus diesem Grunde beschauenswerth sein, aber im Allgemeinen pflegt man es nicht aufzusuchen, ganz besonders Derjenige nicht, dessen Zeit gemessen ist und der während derselben möglichst viele „Sehenswürdigkeiten" betrachtet haben will.
So wird denn auch London auf den Fremden, wenn nicht gerade düstere Nebel darüber lagern. — was denn doch, trotz der im Ausland verbreiteten gegentherligen Ansicht, selbst während der trüben Jahreszeit nichts weniger als ei a alltägliches Vorkommniß ist. - im Allgemeinen zwar nicht gerade den Eindruck der Schönheit oder auch nur Großartigkeit, aber doch den der Behaglichkeit und Wohlhabenheit machen. D,e englische Metropole bietet eigentlich nur ^n. de» "'n»en Bezirken den Anblick einer Weltstadt und großstädtischen Treibens, der ganze gewaltige Umkreis derselben, in welchem die überwiegende Anzahl ihrer 6 Millionen Bewohner lebt, tragt gewissermaßen noch den Charakter der einstigen rleineren -nie und Ortschaften, aus denen er sich zu Vorstädten Londons entwickelt hat. Stundenlang fährt so der Fremde an schier endlosen Villenreihen vorüber, die selbst im Herbst und Winter, da die Gärten mit ihren Rasenplätzen, von denen die Häuser umgeben sind, auch meist dann grün bleiben, einen recht erfreulichen Anblick gewähren. Da muß es sich gut wohnen lassen, so meint er, und beneidet die britisch- Familie, deren jede sich
einer eigenen größeren oder kleineren Behausung erfreut, und so von den Chikanen eines unliebenswürdigcn Wirthes oder von störenden Mitbewohnern nichts zu leiden hat. Auch dieses hat allerdings seine Schattenseiten, die hauptsächlichste ist, daß ein ewiges Treppauf und Treppab stattsinden muß, was vermehrte Hausarbeit verursacht, und damit eine größere Anzahl von dienstbaren Geistern erfordert.
Immerhin besitzt das Ein-Familienhaus auch seine zahlreichen Vortheile, und wenn wirklich jeder Brite mit den Seinen sich eines solchen erfreut-, so könnte London eine bencidenswerthe Stadt genannt werden; leider ist dies aber durchaus nicht der Fall. Ich will hier aber natürlich nicht von den „Flats" reden, die seit einiger Zeit auch bei uns errichtet werden, d. h. den Etagenwohnungen nach dem Muster des Kontinents. Die Bewohner derselben sind durchaus nicht zu bedauern, denn diese Flats werden mit dem allergrößten Komfort ausgestatiet, und um sich das Miethen eines solchen zu gestatten, muß man der sehr wohlhabenden Klaffe angehören, da sie weit theurer sind, als ein Haus mit der gleichen Anzahl von Zimmern. .
Aber es gießt in London Hunderttausende, ja Millionen, die weder in einem Flat, noch in einem Häuschen, noch auch selbst in einer Stube für sich leben können, diese verbringen ihrDasein in Gegenden der Riesenstadt, wohin der Fuß der Fremden wohl kaum jemals dringt. So viel auch in dieser reichen und so sehr wohlthätigen Stadt geschieht, es ist unmöglich, dem Elend zu steuern und das „No room to live“ (Kein Platz zum Leben) ist nach wie vor ein Wort, das auf London im weitesten.Sinne Anwendung finden muß. Fortwährend werden in den armen Vierteln ganze Straßenreihen niedergerissen und an Stelle der „Slums", der entsetzlichen, der dumpfen, schmutzigen, engen Häuser, andere mit luftigen, freundlichen Räumen errichtet, das Problem aber ist trotzdem seiner Lösung immer noch nicht nahe gekommen. Wie jüngste Enthüllungen dargethan, sind in London nicht weniger als 900,000 Personen
„overcrowcled", d. h. leben unter Bedingungen, die das Gesetz verbietet, wohnen zu 8 und 6, ja selbst bis zu 8 Menschen in einem kleinen Zimmer, in dem sich für die nächtliche Ruhe nur 2 Betten befinden.
Allerdings ist es nicht immer Noth und Elend, d:e die Bewohner der entsetzlichen Quartiere in Eastend veranlaßt, in denselben zu leben, denn die Miethe ist dort eine theurere als in manchen befferen, gesünderen Stadtvierteln. Manchmal zwingt sie die Beschäftigung dazu, sie wollen sich nicht zu weit von ihrem Arbeitsplatz entfernen, häufig aber sind Grunde maßgebend, die die Betreffenden nicht. eingestehen. Als vor einiger Zeit im sogenannten Jago, einem Flächenraum von 6 Hektaren, auf welchem sich die schmutzigsten, elendsten „Slums" von London befanden, die Häuser niedergerissen wurden, um mit einem Kostenaufwand von 2,000,000 Pf. St. „Arbeiter- Modellwohnungen" an ihre Stelle treten zu lasten, da zeigte es sich daß von vielen dieser Hütten unterirdische Tunnels nach denen jenseits der Straße hinllberführten. Diebe. Verbrecher jeder Art hatten da ihr Heim aufgeschlagen, und wenn einmal ein neugieriger Diener der Gerechtigkeit nach ihnen Ausschau hielt, dann verschwanden sie plötzlich, um bei einem Nachbarn oder Gegenüber, . bei welchem man sie nicht vermutheu konnte, wieder aufzutauchen. In einzelnen dieser Straßen ist unter jedem Hause ein derartiger Tunnel gefunden worden.
Aus diesen ihren Schlupfwinkeln sind die Verbrecher nun zwar vertrieben worden, aber sie gehen nun eben nur etwas weiter ostwärts, und wenn einst der Augenblick kommt, da man sie auch dort aufstört, dann dürfte man da wahrscheinlich wieder dieselben Maulwurfswege vorfinden, wie im früheren Jago. Mit dem Niederreißen der „Slums" wird also nicht nur den Armen geholfen, sondern auch das Verbrechen aus seinen Schlupfwinkeln vertrieben, aber das neue Jahrhundert dürfte wohl auch zu Ende gehen, ehe diese Aufgabe vollständig erfüllt sein wird.
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