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1. Seilme «tut Meskiiüener Taglilatt.

Ko. 538. Morgen-Ausgabe

( 22 . Fortsetzung.) (Nachdruck verbalen.)

Siandesgemiist.

Roma» von Fiarl v. Aeistner.

Cora erblaßte. ES mutzte ein Grund vorhanden sei», der sie abhielt, hierauf einzngehen, oder der ihr die Veantwortung dieser Fragen wenigstens als peinlich er­scheinen lietz.

Aber die Baronesse gab in ihrem Eifer für dre ge­rechte Sache nicht nach.

„Darf ich fragen, ob Ihr Herr Vater bcn gleichen Namen trug, wie Sie, oder ob Sie vielleicht, wie e§ kct Künstlerinnen oft vorkommt, einen anderen als ^hren Familiennamell sich selbst beilegten?" sagte sie.

„Mein Vater führte denselben Namen, ,edoch »nt dem Adelsprädikate, auf das ich verzichtete. Ich sagte >ch»en heute schon, datz ich zu dessen Gebrauch berechtigt Ware.

„Ich entsinne mich. Also von Blank? Dw Baronesse sprach es langsam und nachdenklich, f>t» sich plötzlich der Ausdruck ihrer Züge merklich veränderte niid sie einen ahmnigZvollen Blickmnf die Künstlerin richtete.

„lind die Stellung, die er bekleidete?" fragte sie.

Wiederum eine kurze Panse dann entgegncte Cora mit geprotzter, fast bebender Stimme:

„Mein Vater war Hofmarschall in Fürstlich

S.. .'schen Diensten."

XV.

Scholl das befangene Stillschweigen, welches nach dieser Mittheilung Coras eintrat, lieferte den Beweis, daß nicht nur die Sängerin ein Verständnis; für die Trag­weite derselben hatte. Als sic sich nothgedrungen dazu herbeilietz, die von ihrem Vater innegehabte Stellung zu bezeichnen, wnr sie wohl bewuHl, das; sie hierdurch den verstorbenen Kastellall Rudorfs voll dem onf ihll ge- fallenen Verdachte der Veruntreuung entlaste. Dagegen mutzte die Auffindung des entwendeten Kleinods >m Nachlasse eines anderen fürstlichen Hosbeamten diesen als den inuthinaßlich Schuldigen kennzeichnen. — Daher auch Coras sichtliches Widerstreben, bevor sie die gravirende Aussage über die Lippen brachte. Die beiden Zu- hörerinnell warell taktvoll genug, ihre Gedailken lllcht so- fort mit Worten 311 perlautbaren. lieber Gabrieles Zuge flog zwar im ersten Augenblick eilt Widerschein der inner­lich empfundenen Befriedigung, welche durch diese Ent­hüllung veranlatzt wurde. In ihrem edleii Herzen regte sich aber auch sofort das Mitgefühl für Cora, deren Seelenzustand sie richtig ahnte. Die Baronesse sandte der Tochter des Kastellans einen raschen, vielverheitzenden

Blick zu. ., .,

„Datz Ihre Antwort so lauten wurde, mußte ich er­warten", sagte sie daun zur Künstlerin. „Der Hos- marschall von Blank war sa eilte bekannte mid mir noch sehr wohl erinnerliche Person am fürstlichen Hofe, während ich die Ehre hatte, dem letzteren meine Diensie

zu widmen." ...

Cora hatte sich inzwischen gefatzt und ergriff nun

wieder das Wort. .

„Es mutz mir, wie Sie Beide emsehen, selbst viel daran liegen, die Zwischenpausen, durch welche mein

Samstag» den 17. Uovember.

Vater in den Besitz des Medaillons gelangte, zu er­mitteln", äutzerte sie. „Sie dürfen also überzeugt sein, Baronesse, daß ich Ihrer vorhin ergangenen Anfsorde- rung getreulich entsprechen werde."

Thun Sie, was Pflicht und Gewissen Ihnen vor- schreibeu, Fräulein Blank", entgegncte Agnes von Fron­hofen. „Wie ich hoffe, tvird es im Verlauf der Unter­suchung gelingen, mit Sicherheit über Schuld oder Un­schuld zu entscheiden. — Aber währeiid der hier ge- pslogeuen Verhandlungen ist die Mittagsstunde langst verstricken, und es ist wirklich hohe Zeit, datz ich nach Hause zurückkehre, denn es mutz schon ein llhr geschlagen

Ijak „eiu Uhr? Wie konnte ich mich so lange vergessen?

Kaum eine einzige Stunde noch-dann mein

Gott! Was soll ich thun?!" stütz Gabriele plötzlich angst- erfüllt, wie aus einem Traume erwachend, hervor.

„Was fehlt Ihnen, liebes Fräulein?"

„Gabriele! Was haben Sie nur?

Die beiden Anderen riefen es gleichzeitig.

„O, meine Damen, hören Sie mich au! Es handelt sich um eine Sache von größter Wichtigkeit, und ich mutz jedes Bedenken überwinden, da Gefahr im Verzüge ist! Sie, gnädiges Fräulein, sind ja die Tante des Herrn Baron — warum sollte ich Sie nicht auch ins Vertrauen ziehen dürfen?!" .

„Reden Sie, mein Kind! Sie verhetzen uns m Er­staunen!" mahnte die alte Dame.

„Ach, gnädige Baronesse, liebes Fräulein Blank! Ihr Neffe, Ihr Bräutigam schwebt in höchster Gefahr, und in dreiviertel Stunden würde eS schon zu spät sein, ihn vor derselben noch z» bewahren! Im Buchenwäldchen, links von der Klingenreuther Straße, soll um zwei llhr ein Pistolenducll zwischen dem Baron von Fronhofen und den, Leutnant von Dillheim stattfinden. Gestern Abend war ich im Begriffe, dies Fräulein Cora mitzntheilen, alä mich das Erscheinen des Polizeikommissars daran

verhinderte,.und heute-ach, ich mache mir nun die

bittersten Vorwürfe-ist mir während der Anf-

regungen, welche die.Stunde mit sich brachte, entgangen, wie sehr die Zeit schon drängt. O retten Sie ihn, Cora, bevor ihn die feindliche Kugel erreicht, sonst trage ich za doppelte Schuld an Allem, was sich ereignet!"

Gabriele hatte cs mit fliegender Hast gesprochen, die andern Anwesenden aber sahen sich bestürzt und be

fremdet an. , „ _ r , =

„Welche erschütternde Nachricht!" rief Oswalds Tante. „Aber wie ist es Möglich, das; Sie Kenntnitz hier von erlangten? Welche Schuld können Sie sich bei

"'^KWas' beginnen wir?" fiel ihr Cora ins Wort. „Die Besorgnitz um Oswalds Leben macht mich fast unfähig zu denken! Und Dillheim?! Er?!"

„Gnädige Baronesse! Glauben Sie denn nicht, datz sich das Schreckliche noch in irgend einer Weise verhüten läßt? O, Fräulein Blank! Fassen Sie sich und handeln Sie, ehe es> zu spät wird! Können Sie den Gedanken er­trage», Ihren Verlobten in dieser Lage zu wissen?! Ich will Ihnen später Alles sagen, aber nicht jetzt!"

„Ich bin entscklosseii", sprach Agnes von Fronhofen Der Zweikampf darf nicht stattfinden, gleichviel, aus

welchem Grunde es so gekommen ist. Lassen Sic mir geschwind einen Wagen holen, Fräulein Blank, ich bitte

Sie inständigst!" , . ...

Die Sängerin schellte und befahl Clarisse, unverzüg­lich nach einer Miethskutsche zu senden und dem Kutscher uir möglichste Beschleunigung die doppelte ^axe anzu-

Baronesse, darf ich Sie begleiten?" fragte sie dann rasch entschieden. Diese schwankte eine kurze Weile, während sie ihre Blicke von Cora ans Gabriele gleiten

„Es sei!" erwiderte sie dann. «Aber machen Sie sich eiligst fertig, sonst wird unser Bestreben ein vergebliches ein, und hier handelt es sich um ein Menschenleben, das uns Beiden thcuer ist."

Die Sängerin war in der That mit ihrem Anzuge früher fertig, als der Wagen am Hause hielt.

„Adieu, mein liebes Fräulein!" sagte die Baronesse, der sie führenden Gabriele beim Abschiede die Hand reichend. „Einstweilen nehmen Sie meinen Dank für die Mittheilung entgegen, obwohl Sie eine erschreckende war. Hoffentlich haben Sie Gutes damit bezweckt. Kommen Sie, Fräulein Blank! Der Wagen ist da."

Der Kutscher war schnell instrmrt, und die größte Eite wurde ihm nochmals anbefohlen. Wahrend der Fahrt wurde wenig gesprochen. Nur einmal wandte sich die alte Dame an ihre Nachbarin.

„Unser Unternehmen ist em sehr ungewöhnliche» , bemerkte sie, „aber die Umstände müssen es m den Augen Vernünftigdenkender rechtfertigen. Kleinliche Rücksichten sollen mich nicht abhalten, im letzten Moment noch emem Vorhaben entgegenzutreten, das ich für eine gesellschaft­liche Unsitte halte." r t

„Ich pflichte Ihrer Ansicht vollkommen bei versetzte Cora „Der Zweikampf ist ein Neberbleibsel des Mittel- alter^ das durch seine hartnäckige Fortexistenz die Be- arisfe Ehre und Moral in Widerstreit bringt. Ware er ein wirkliches, unbedingtes Erforderniß, dann wurde er sich.nicht nur auf wenige Stände beschranken, und die Ehre der klebrigen müßte diesesMittels zu ihrer vermeint­lichen Wiederherstellung ebenso gut bediirfen, wie ^ne- ienigen jener bevorzugten Klassen."

Hiermit war dies kurze Gespräch wieder zu E»de. ^ie Beiden vermieden es absichtlich, ihre Gedanken über Gabrielens Verhalten in Bezug auf diese Angelegenheit auszutauschen. Sowohl der Baronesse als Cora war die außerordentliche Erregung, in welche die Duellfrage das Mädchen versetzt hatte, anfgefallen. Die unbeschreibliche Angst, die sich in Gabrielens Gesichtszugen und m ihren Worten offenbarte, gab ihnen zu denken. Wie kam e», das; ihr dieser Vorfall so nahe ging, und wie konnte sie sich selbst eine Schuld daran beimessen?

In einer kleinen halben Stunde waren sie an der be­treffenden Stelle der Landstraße angelangt, an der auch schon ein anderer Wagen hielt. Die Damen stiegen aus Während der Zweispänner hier bis zu ihrer Zuruckkunst warten sollte, schlugen sie den bezeichneten Futzweg in den

^ Der Bnchenhain war etwa zehn Minuten entfernt, und die Uhr zeigte bereits fast die zweite Stunde.

(Fortsetzung folgt.)

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