W irstof itfr Tägli latt.
«8. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag L«r Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Laiiggasse 27.
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j|l0. 539. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
Politische klebeilicht.
Die politische „Laute saison" Hut ihren Anfang ge- nomnien. Am Mittwoch ist der Reichstag eröffnet worden rmd nach der Präsidentenwahl am Donnerftag wird am Montag die eigentliche parlamentarische Arbeit, deren dieser Session ein vollgemessen Theil zugedacht ist, einsetzen. Die T h r o n r e d e, mit der der Reichstag eröffnet worden ist. hat keinerlei Uebcrraschungen gebracht. Die Aufnahme, welche sie bei den Parteien gefunden hat, ist Alles in Allem eine nicht ungünstige, wenrr auch die Art, wie Seitens der Regierung die allzu späte Einberufung des Reichstag begründet worden ist, fast nirgends Zustimmling gefunden hat und auch im Reichstag starke Anfechtung erfahren wird. Freilich, daß der Nachtragse^at für die Expedition nach China mit überwältigender Mehrheit bewilligt iverden wird, unbeschadet der Verwahrungen, welche der Reichstag zur Feststellung und Wahrung seiner verfassungsmäßigen Rechte gegenüber dem Vorgehen der Regierung einlegen wird, daran kann ein ernsthafter Zweifel selbstverständlich nicht bestehen, lind wenn neuerdings offiziös thuende Berichterstatter mit dem Brustton der Ileber- zengung versichern, daß eine Nichtbewilligung des Nachtragsetats mit der Auflösung des Reichstags beantwortet werden würde, so werden init solchen Erklärungen lediglich offene Thüren eingerannt, dem: mit einer Ablehnung der Kosteilvorlage für die Expedition nach China ist in ernsthaften politischen Kreisen niemals auch nur einen Augenblick gerechnet worden.
Was die ch i n e s i s ch e F r a g e selbst betrifft, welche in der nächsten Woche in bcu Verhandlungen des Reichstags einen weiten Raum einnehmen dürfte, so hat sie in dieser Woche erfreuliche Fortschritte aufzuweisen. Nachdem es wiederholt den Anschein gehabt hatte, als ob die endlosen diplomatischen Verhandluilgen in Peking in absehbarer Zeit überhaupt nicht zum Ziele komnlen würden, ist in dieser Woche die überraschende uild erfreuliche Meldung eingetroffen, daß die Vertreter der Mächte in Peking zu einer Einigung über die Bedingungen gelangt sind, deren Erfüllung von China verlangt werden soll. Unterdeß ist nach über die Behandlung einiger weiteren Einzelfragen eine Einigung erzielt worden, sodaß die seit dem Ausbruch der chinesischen Wirren so oft mißbrauchte Phrase voir der „Einigkeit der M ä ch t e" doch endlich einmal zur Wahrheit zu werden scheint. Freilich, bis auf eine Macht hat sich diese Einigkeit bisher noch nicht erstreckt, und das ist — Chin a. Die Machthaber in China haben bisher noch keine Neigung gezeigt, sich den von den Mächten diktirten Bedingungen zu unterwerfen, deirn den in letzter Zeit aufgetretenen Gerüchten, wonach der Kaiser und die Kaiserin-Wittwe auf die Bedingungen der Mächte im Wesentlichen eingehen wollen, lnuß fürs Erste mit Vorsicht begegnet werden. Mit Bedenken müssen auch die Nachrichten erfüllen, wonach Prinz Tuan und die anderen Oberhäupter der Boxer entschlossen sind, einen
Samstag, den 17. Uavemder.
allgemeinen Aufstand gegen die Negierung ins Werk zu setzen, sobald diese sich den Bedingungen der Mächte fügt, die allerdings für Herrn Tuan und Genossen peinlich genug sind.
Die neuerdings von englischer Seite ausgesprengte Verdächtigung, daß noch eine andere Macht nichts von dem Konzert der Mächte wissen wolle, nämlich die V e r - einigten Staaten von Amerika, hat von Washington aus prompt einen entschiedenen Widerspruch erfahren. Es wäre auch nicht ersichtlich, welchen Anlaß die amerikanische Regierung hätte, den Hecht im ostasiatischen Karpfenteich zu spielen, denn die Wahlen sind vorbei und ein Anlaß zu Wahlmanövern lag mithin nicht mehr vor. lieber den Ausgang der Wahlen herrscht unter den Republikanern eitel Freude, denn die republikanische Mehrheit sowohl bei der Präsidentenwahl als auch im Kongreß hat sich nach der endgültigen Feststellung der Wahlen als noch größer erwiesen, als die Republikaner selbst es gehofft hatten.
Mac Kinley hat übrigens dem Lande alsbald nach seiner Wahl eine Art Morgengabe überreicht, indein er den Ankauf eines weiteren Restes des spanischen Kolonialbesitzes abschloß. Spanien kann in der That nichts Gescheiteres thun, als losschlagen, was es noch an Kolonialrestbeständen. hat. Aber der Erlös aus diesen traurigen Neberbleibseln der ehemaligen spanischen Herrlichkeit bedeutet freilich nur einen Tropfen auf den heißen Stein gegenüber der ungeheuren wirthschaftlichen Noth- lage, unter der das Land leidet, und deren Ausfluß der jüngste C a r l i st e n - A u f st a n d war. DieserAufstand ist nach der Behauptung der spanischen Regierung völlig niedergeschlagen, aber mancherlei Nachrichten aus Spanien sprechen dafür, daß die Regierung sich über kurz oder lang auf einen weiteren Ansbruch der Volksbewegung wird gefaßt machen müssen.
Auch in F r a n k r e i ch hat die Regierung die ersten Angriffe der Opposition siegreich abgeschlagen, aber sie sieht dem weiteren Ansturm ihrer Gegner deshalb nicht mit geringerer Sorge entgegen. Besondere Sorge verursacht ihr auch die bevorstehende Ankunft des Präsidenten Krüger auf französischem Boden, da die Regierung besorgt, es könnten irgend welche Vorkommnisse ihre Bemühungen, die strengste Neutralität zur Schau zu tragen, durchkreuzen.
Vom s ü d a k r i k a n i s ch e n Kriegsschauplatz s e l b st lauten die Nachrichten zur Zeit für die Engländer günstiger, aber die bisherigen Erfahrungen bieten allen Anlaß, der englischen Kriegsberichterstattnng mit dem größtmöglichsten Mißtrauen zu begegnen.
Deutsches Mch.
Das „Attentat" in Kresla«.
L. Berlin, 16. November.
Die Nachricht von dem Breslauer Zwischenfall wurde dem größeren Publikuni ungefähr gleichzeitig mit den beruhigenden Mittheilnngen bekannt, die es völlig ausgeschlossen erscheinen lassen, daß die unsinnige That ein wohlüberlegter Anschlag mit politischer Spitze sein könnte.
— Für die Ausnahme später eingcrcichter Anzeigen zur
VerlagS-Feriisprecher No. 2266. 1900.
Extrablätter größerer Zeitungen sorgten durch schlichte Darstellung des Sachverhalts in dankenswerther Weise dafür, daß übertriebene Gerüchte garnicht erst aufkommen konnten. So blieb denn das Publikum vor der Erregung bewahrt, die unter anderen Umständen natürlich genug gewesen wäre. Die inzwischen eingelaufenen Nachrichten aus Breslau sind nicht ohne Widersprüche. Zunächst ist noch nicht einmal festgcstellt, ob der Anschlag, wenn von einem solchen überhaupt gesprochen werden darf, gegen den Kaiser oder gegen den Erbprinzen von Meiningen gerichtet war. Der Vorgang zeigt wiederum, wie unmöglich es ist, durch polizeiliche Obsorge allen Zufällen vorzu- beugen. Ist diese Geschichte noch glimpflich abgelaufen, so weiß man nicht, wie die Polizei einen schlimmeren Ausgang hätte verhindern können. Wäre es allenfalls denkbar (aber es ist nicht denkbar), daß ein internationales Ueber- wachungssystem die Leute, die zu solchen Verbrechen Lust haben, bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel verfolgte, so bliebe immer noch das Element des Wahnsinns übrig, die nicht überlegte, vereinzelte That, zu der der Entschluß blitzschnell entsteht und die selbstverständlich jeder polizeilichen Vorbeugungsmaßregel spotten darf. Aus dem Breslauer Ereigniß kann man lernen, daß sich Bescheidenheit ziemt, wenn man darangeht, Attentate durch einen verbesserten Polizeidienst oder gar durch besondere Gesetzesbestimmungen aus der Welt schaffen zu wollen. Indessen sind wir nicht sicher, ob nicht alsbald in den Scharfmacherblättern das gewohnte eintönige Geschrei wiederkehren und die Forderungen nach irgend einem Ausnahmegesetz erhoben werden wird. Dafür, daß solche Wünsche erfolglos bleiben werden, ist gesorgt. (Nachrichten über das Attentat siehe letzte Seite. D. Red.)
Uom Cxarcn.
Auf der russischen Botschaft wurde auf Befragen heute erklärt, daß die Nachrichten über das Befinden desCzaren andauernd günstig lauten, daß dieKrankheit einen milden Verlauf nehme und Komplikationen anscheinend nicht zu befürchten seien. Die Hinzufügung dieses „anscheinend" ist allerdings nothwendig. Denn das wissen die Diplomaten noch weniger als die Aerzte, was bei einer so ernsten Krankheit der nächste Tag bringen kann. In medizinischen Kreisen hält man mit dem Urtheil über. den muthmaßlichen Ausgang schon darum zurück, weil - nicht bekannt ist, von wann ab der Typhus datirt werden muß, und ob er schon auf dem Höhepunkt angelangt ist oder erst davor steht. Man weiß eben nicht, wie spät oder früh die Aerzte sich entschlossen haben, die Wahrheit zu sagen. Was von Vergiftung gefabelt wird (so in angeblichen Mittheilungen, die derVatikan erhalten haben soll), ist natürlich stillschweigend bei Seite zu legen. Immerhin ist es eigenthiimlich, daß in Livadia nur gerade der Czar und Niemand sonst an Unterleibstyphus erkrankt sein soll. Würde dort eine lokale Epidemie herrschen, so hätte der Telegraph gewiß von ihr berichtet.
* , * *
* Berlin, 17. November. Im Reichstage wurden die bisherigen Schriftführer wiedergewählt mit Ausnahme des Polen Kwilecki und des nationalliberalen Abgeordneten Hasse. Für ersteren wurde der Pole Cegielski, für letzteren, der ledilich
Femürtorr.
Dehlingen und die Kaiserjagden.
Von Felix v. Tandor.
Zwischen der altmürkischen Hopfenstadt Gardelegen, dem gewerbsfleißigen Neuhaldensleben und dem an der Magde- burg-Stendaler Eisenbahnstrccke gelegenen Doppelort Tanger- hütte-Vacthcn erstreckt sich die Colbitz-Letzliugcr Haide, ein Waldkomplex von rund 200 Quadratkilometern Ausdehnung. Die mächtigen Waldungen sind königlicher Besitz und auf die Oberförstcreien Letzlingen, Jaevcrnitz, Burgstall, Colbitz und Plancken vertheilt.
Kurprinz Johann Georg von Brandenburg erstand die Herrschaft Letzlingen von Ludolf v. Alvensleben, der sie 1514 vom Magdeburger Kardinal-Erzbischof erhalten halte. Er war eifrigst bedacht, durch Kauf und Tausch das Besitz- thum seines Hauses abzurunden und zu vergrößern. So tauschte er unter Anderen mit den altmärkischen Bismarcks die Herrschaft Burgstall für die rechtselbischen Dörfer Schöu- hauseti und Fischbeck aus im Jahre 1562.
Friedrich v. Bismarck, der diesen Besitzwechsel betrieb, heißt darum in der Familienchronik „Permutator“, der Austauscher. Die Veranlassung zu dieser Schiebung bildeten übrigens häufige Streitigkeiten zwischen den Hoheuzollcrn'schen und den Bismarck'schen Hirten und Jagern.
Zwei Jahre vorher hatte Johann Georg, nun Kurfürst geworden, mit dem Bau des gothischen Jagdschlößchens begonnen, welches heute der Hauptanziehungspunkt des Dorfes Letzlingen ist. Er und sein Sohn, Kurfürst Joachim Friedrich, haben hier oft geweilt, ebenso wie das ganze jagdlicbende Haus der Zollern. So hat auch
Friedrich der Große als Kronprinz gern in Letzlingen gejagt und 1729 de» Ban der Kirche veranlaßt, die heute unter dem Namen „Kavalierhaus" dem Gefolge des Kaisers zur Wohnung dient.
Die offiziellen großen Hofjagden, die jetzt alljährlich im November den Kaiser und feine Waidgenossc» nach Letzlingen führen, verdanken ihr Entstehen Friedrich Wilhelm IV., der bei einem Besuch der Altmark 1843 in Letzlingen Wohnung nahm. Dem Romantiker auf dem Hoheuzollernthron gefielen diese kirchenstillen Forsten und das einsame Jagdschlößchen, das er ansbaueu und vergrößern ließ. Unser Kaiser hat die Letzlinger Jagd nur einmal ansfallen lassen, im Jahre 1898, infolge der Palästinarcise. Sonst hält alljährlich in der ersten Hälfte des November der Kaiserliche Hofzug auf der Station Jaevcrnitz, um Se. Majestät mit seinen jagdlustigen Gästen nach Letzlingen zu bringen. Werden gleichen, neun Kilometer langen Weg zu demselben Ziele wählt, wird die Haide und ihre Schönheiten kaum kennen lernen. Mehr zu empfehlen ist die Durchquerung von Osten nach Westen, die einen guten Tagemarsch erfordert. Aber sie ist im höchsten Maße lohnend. Man sieht zahlreiche Nudel äsenden Wildes, das, wenig scheu, den Menschen recht nahe herankommen läßt. Wer Glück hat, trifft darunter ein weißes Thier oder abseits im Dickicht einen starken Keiler. Ein Bild von dem Wildreichthnm der Letzlinger Haide geben die Jagdberichte der letzten Jahre. 1896g 567 Stück Wild, 1897: 519 Stück, ungerechnet das Schwarzwild. Der Baumbestand wechselt zwischen Laub- und Nadelholz, oder beides kommt gemischt vor. Manche der knorrigen Niesen schauten schon auf die Kurfürstlichen Ahnen der Zollern hernieder.
Das Dörfchen Letzlingen liegt inmitten einer großen Lichtung, etwas tiefer als der nach drei Seiten ansteigende
Wald. Die Flur des Ortes ist leichter, wenig fruchtbarer Sandboden; die Eimvohner wären übel daran, wenn sie nicht in den königlichen Forsten, die natürlich musterhaft gepflegt werden, fast zu allen Jahreszeiten Arbeit fänden. Der Eindruck der breiten Straßen des Dorfes und der schmucken Häuser ist sauber und behäbig. Die Luft ist sehr gesund, schon feit Jahren sind im Sommer Berliner Ferien- koloniecn in Letzlingen.
Das kaiserliche Jagdschloß liegt etwa fünf Minuten vom Dörfchen entfernt. Der Weg zu ihm führt an der Obcr- förstcrci vorbei, die zur Zeit Forstmeister v. Lindeqnist verwaltet. Links vom Wanderer erhebt sich mit ihren beiden schlanken Thürmcn die Kirche, die Friedrich Wilhelm IV. erbauen, unser Kaiser aber neu ansschmückcn ließ. Dem in rothen Backsteinen aufgeführten Gotteshause gegenüber liegt daö Schloß. Bon allen Seilen schützt es ein breiter, tiefer, von mächtigen Bäumen umsäumter Graben, über den eine Brücke zum Thorhause führt. Ehe der Kastellan, der uns als Führer durch das Schloß dienen soll, erscheint, notiren wir die über dem Thore eingemeißelte Inschrift:
Verbum Dei mnnet in aetermum.
Anno 1560 ist dis Haus alhier zu Lietzlingcn angefangen Und Anno 1685 dis Thoihaus renoviret worden.
Den Eindruck des düster schweigenden Schloßhofes beherrscht je ein dicker Rundthurm zur Rechten und zur Linken, von denen einer bei der winterlichen Hofjagd dem Kanzler zur Wohnung hergerichtet wird. Im .Hauptgebäude führt uns eine Wendeltreppe ins Hochparterre, in dem das geräumige, mit vornehmer Einfachheit ausgestattete Arbeitszimmer des Kaisers liegt, lieber dem breiten Schreibtische hängen zwei Bilder: Das Innere der Wittenberger Schloß-
