Jahrgang.
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U0. F36. Redaktions-Fernsprecher No. 52.A Freilttg, d-N 16. Uovemlirv. Verlags-Fernsprecher No. 2266. I960.
Morgen
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Jnt ©iftntHiljn- patafliotilje bei «Mach.
Zu der grauenhaften Katastrophe, die sich durch den Zusammenstoß zweier Eisenbahnzüge bei Offenbach ereignete, geben wir unseren Lesern beistehend eine Silnationsskizze, durch welche die bisherigen Meldungen über den Unfall verständlich gemacht werden. Kurz zusammengefaßt, besagten die Meldungen Folgendes:
Am Donnerstag spät Abends, '/-II Uhr, ist der von Hanau kommende Personenzng, bestehend aus 7 Waggons, bei Block 11 auf den dort haltenden, vor ihm aus derselben Richtung gekommenen v-Zug Berlin-Frankfurt von hinten im Nebel mit voller Wucht anfgefahren. Der letzte Wagen des v-Zugcs wurde zertrümmert. Hierbei cxplodirte der Gasbehälter, das ausströmeude Gas entzündete sich und setzte die beiden letzten Wagen augenblicklich in Brand. Die Reisenden des vorletzten Wagens konnten sich retten, während die des letzten anscheinend sümmtlich in den Flammen umgekommen sind.
Die bei dem Eisenbahnunglück in Betracht kommenden beiden Züge sind: der Lvkalzug Nr. 238 Hanau-Frankfurt, der 10 Uhr 14 Min. Abends von Hanau abging, . 10 Uhr 37 Min. in Offcnbach und 10 Uhr 57 Min. in Frankfurt a. M. eintreffen sollte, und der Berliner V-Zug Nr. 42, der Nachmittags 1 Uhr 44 Min. vom Anhaltcr Bahnhof abgegangcn, 10 Uhr 7 Min. in Hanau ein- getrvffen ist und 10 Uhr 34 Min. Frankfurt a. M. erreichen sollte.
Die geringen Leichenreste der bei dem Unglück zu Tode gekommenen Passagiere sind in die Leichenhalle des auf unserer Karte eingezeichnetcn Friedhofes Offenbach über- gcführl. Die wenigen Fundstücke hat zunächst die Bürgermeisterei Bürgel in Verwahrung genommen. Die Stellung und Fahrtrichtung der Züge im Moment des Zusammenstoßes, sowie die Explosion in dem Hinteren Wagen des v-Zugcs ist in unserer Karte zur Anschauung gebracht
werden, denn jede Nummer derselben bot von Anfang bis zum Ende viel des Guten. U. A. sei der beiden Soubretten, Fräulein Morotti und Nanon, sowie der sächsischen Duettistcn Gebrüder Albertus lobend erwähnt. Letztere verstehen cs in hohem Matze, das Publikum namentlich durch ihren lustigen Einakter „In der Jnstruktionsstunde" in die heiterste Stimmung zu versetze», sodatz der Beifall keiu Ende nehmen will. Alle übrigen Künstler, darunter das jugendliche „Vergißmeinnicht-Quartett", der Schnellmaler de Bach, der hier so beliebt gewordene Mimiker Moors Bolton und die musikalischen Clowns Gebrüder Bramino tragen ebenfalls zum Gelingcn des Ganzen bei, sodatz jeder Programm-Nummer der
wird. Von den neuen Artisten bringen namentlich Krüger und Kirsten mit ihrer musikalischen Maskerade eine urkomische Novität auf die SpezialitätenbUhne.
— Uolltsvoriesunarn. Wir machen wiederum auf den am Freitag Abend 8'/- Uhr ini Saale der Oberrealschnle stattsindenden Vortrag des Herrn Prof. Schmidt aufmerksam, derselbe wird diesmal über den Feuchtigkeitsgehalt der Luft handeln. Eintritt, wie immer, für Männer und Frauen frei.
d. Krzlrksanoschutz. Der Ortsarmenverband Frankfurt am Main klagt gegen den Ortsarmenverband Preungesheim auf Herauszahluiig von aufgewcndetcn Wegekosten für den Tag-
Ans Kindt und Land.
Wiesbaden, 16. November.
— Grschichtokalender. 16. Stovember. 1877: ch Karl v. Littrow zu Venedig, hervorragender Astronom. 1875 : ff Werner Munzingcr auf einer Expedition gegen die Abeffynier, hervorragender Afrikaforscher. 1869: Eröffnung des Suezkanals. 1852: * August. Grobherzog von Oldenburg. 1838: * Dr. Ernst Lieber zu Camberg, Mitglied des Reichstags (C.). 1797: t Friedrich Wilhelm II., König von Preutzen. 1766: * Rudolf Kreutzer zu Versailles, berühmter Violinvirtuos. 1713: Marschall Wllars erobert Freiburg i. Br. 1632: Niederlage Wallensteins bei Lützen. 1324: ff Friedrich der Gebissene, Markgraf von Meißen, zu Eisenach.
— Reichshallen-Theater. Wohl mit Recht verdient das jetzige Programm der „Reichshallen" ein vorzügliches genannt zu
lebhafteste Beifall gespendet wird. Schade, daß das schöne Progranun heute sein Ende erreicht; hoffen ivir für das zweite Novcniber-Progrannn eine ebenso glückliche Wahl. Ein Besuch der „Reichshallen" kann daher Jedem, der sich amüsiren lvill, nur empfohlen werde».
— Walhalla-Theater. Nachdem sich in unserer ersten Spezialitätenbühne gestern das so ungemein erfolgreiche erste Novemberprogramm verabschiedet hat, zieht heute ein neues Programm ein, von dem man sich nach dem seitherigen glänzenden Verlauf der gegenlvärtigen Spielsaison sehr viel versprechen darf. Von den bisherigen Kräften verbleiben die reizenden „3 Nordsterne" und der beliebte Humorist Jean Bayer, der mit neuen aktuellen und lokalen Couplets aufwarten
löhncr Johann Adam Emmerich. Emmerich lag längere Zeit in einem Frankfurter Hospital an einer Augenlt.inkheit darnieder und ist jetzt vollständig erblindet. Die Wegekosten betragen 137 Mk., weit höher aber werden sich die ferner zur Unterstützung des Erblindeten aufzubringende» Kosten belaufen. In Frankfurt am Main wohnt die Familie des Emmerich, in Preungesheim aber hat der Mann gearbeitet; nur ist er zuweilen Sonntags zu seiner Familie gekommen. Der OrtSarnien- verband Preungesheim ist der Ansicht, daß der Mann dort seinen Unterstützungswohnsitz habe, wo seine Familie wohne, nach' konstanten Entscheidungen des Bnndesanrtes für Heiniathlose ist der Unterslützungswohnsitz eines Armen jedoch dort, wo er die sechs Wochentage über arbeitet. Der Klage des Ortsarmenverbands wurde daher stattgegebeu und der beklagte OrtSarmenverbaud zur Zahlung von 137 Mk. nebst 5 pCl. Zinsen vom 5. Januar d. I.
Feuilleton.
Kriegscrlebnisse eines franziisifchenSeegennten.
Ueber den Krieg von 1870—71 haben wir außer dem offiziellen Werke des großen Generalstabes und den zahlreichen Werken, die theils von gelehrten Historikern, theils von sachkundigen Offizieren verfaßt sind, noch eine große Anzahl rein volksthiimlicher, die sich bestreben, eine Zusammenfassung der großer» Ereigniffe jener Zeit mit möglichst viel amüsantem, unterhaltendem Beiwerk zu bieten. Außerdem aber sind, besonders im letzten Jahrzehnt, noch mehrfach Bücher über diesen Krieg erschienen, von Leuten, Offizieren und einfachen Soldaten, Journalisten und anderen Mitläufern, kurzum von Solchen, die „auch dabei gewesen" sind und nun gewiffermaßen aus der Froschperspektive Dinge erzählen, die sie selbst erlebt haben und die bei der behaglichen Breite und treuen Ausführlichkeit, mit der sie meist dargestellt werden, in vielen Fällen das Gesammt- bild von dem Kriege, das die oben genannten Werke bieten, oft trefflich erläutern und ergänzen. Solche Darstellungen, die in die intimsten Verhältniffe des Kriegslebens einführen, setzen aber, auch wenn sie von einfachen Leuten geschrieben sind, immer schon einen ansehnlichen Bildungsgrad voraus, und so ist es nur natürlich, daß wir umso weniger derartige Werke finden werden, je weiter wir in der Geschichte zurückgehen. Umso freudiger müssen wir es begrüßen, wenn uns jetzt ein Werk bekannt gegeben wird, das ganz den Charakter jener oben geschilderten trägt: ein Werk aus der Feder eines schlichten Mannes, der als Sergeant der französischen Kaisergarde den Feldzug in Rußland 1812—13 mitgemacht hat und theils aus seinen Tagebnchaufzeichnungen, theils ans seiner Erinnerung ein Bild von dem Leben und den Schicksalen der großen Armee entrollt, wie es thatsächlich getreuer und anschaulicher nicht zu denken ist. Das Werk ist unlängst im Verlag von Robert Lutz in Stuttgart erschienen und trägt den Titel: „1812—13.
Kriegserlebnifse von Francois Bourgogne, Sergeant der französischen Kaisergarde. Uebersetzt von H. v. Natzmer. Mit 16 Vollbildern." Während dieser schlichte Mann fast durchgängig von sich selbst und seiner nächsten Umgebung erzählt, I
wie es eben seinem Blicke sich bot, gewinnen wir doch aus seiner > Schilderung einen lebendigen Eindruck von dem gesammten Zuge, seinen Erlebnissen im Großen wie in: Kleinen, von der siegesfrohen Zuversicht an beim Einrücken in Moskau bis zum. jammervollen Rückzüge über die Beresina und den letzten Zuckungen der Trümmer jenes stolzen Heeres, dem auch so viele Deutsche gezwungen hatten folgen müssen.
Schon auf dem beschwerlichen und langwierigen Zuge nach Moskau hatte die große Armee gar Mancherlei erdulden müssen; aber als sie an einem schönen Sommertage (es war am 14. September), wie Bourgogne erzählt, in der Mittagssonne die Kuppeln, Kirchthllrme und vergoldeten Paläste «glitzern sah, da waren „alle Leiden, Gefahren, Mllhsale und Entbehrungen vergessen, nur der eine Gedanke beseelte uns: Endlich am Ziel, endlich in Moskau, wo wir gute Winterquartiere beziehen und Eroberungen in anderer Weise machen werden, denn das ist die Art des französischen Soldaten: aus dem Kampfe zur Liebe, von der Liebe in den Kampf". Die erträumten traulichen Winterquartiere sollten den marschmllden Kriegern in Moskaus Mauern freilich nicht werden; Liebe und andere Kurzweil aber haben sich die leichtlebigen Soldaten während ihres kurzen Aufenthaltes daselbst doch, trotz aller Gefahren, die ihnen durch den schrecklichen Brand, durch einstürzende Häuser und wüthende, heimtückische, entlassene Sträflinge drohten, zu verschaffen gewußt. Veranstalteten die übermüthigen Kerle, die trotz des ursprünglichen Verbotes sich bei den Wirrnissen des großen Brandes doch nicht hatten halten lassen, aus Plünderung auszugehen, und von ihren Beutezügen auch eine Menge zum Theil sehr prächtige Nationalkostüme zusammengebrccht hatten, doch sogar eines Nachts einen richtigen Faschingsball, bei dem Alle verkleidet erschienen, auf dem es nach Bourgognes ausführlichen Schilderungen sehr derb hergegangen zu sein scheint. Nicht- minder ergötzlich mag es gewesen sein, die nach ihren Streif- und Plünderzügen wieder versammelten Truppen zu sehen; „denn der Platz", sagt Bourgogne, „sah jetzt aus, als ob alle Völker der Erde sich auf ihm versammelt hätten, denn viele unserer Leute hatten sich als Kalmücken, Chinesen, Tar- taren, Perser und Türken ansstaffirt, und anderes kostbares Pelzwerk, und sogar französische Hofbekleidnng mit glänzenden l Stahldegen angelegt. Alle aber ließen es sich wohl sein an den
> Getränken und Leckerbissen aller Art, die in Menge auf dem Platze zusammeugetragen waren."
Aber freilich, die schönen Tage von Moskau, wenn man sie einmal so bezeichnen will, sollten bald vorüber sein, und waS ihnen folgte, läßt an Grauen und Schrecken vieles Aehnliche weit hinter sich, sodaß man den armen Teufeln, die das aus- halten niußten, zum größten Theil aber jammervoll dabei zu Grunde gingen, den kurzen Freudenrausch in Moskau — so viel Unbilliges auch dabei vorgekommen sein mag — wohl gönnen kann.
Von den Leiden des Rückzuges in kurzen Worten ein Bild zu geben, ist unmöglich; ihre Schilderung bis in alle Einzelheiten hinein, soweit er sie selbst erlebt hat, ist der Hauptinhalt des Bourgogne'schen Werkes. Der spannendste Roman, die interessanteste Reiseschilderung kann kaum fesselnder sein, als hier das Buch des schlichten Sergeanten. Oft, wenn er von den Schrecknissen des Winters, der fürchterlichen Kälte, die bis zu 28 Grad stieg, erzählt, bei der die todesmüden Krieger marschiren, kampiren und die größten Entbehrungen erdulden mußten, wird man lebhaft an Nansens Wanderungen in Nacht und Eis erinnert. Zum Theil aber waren diese Tausende von Soldaten noch schlimmer daran, als der nordische Reisende; denn sie waren mit nichts auf das vorbereitet, was ihrer hier wartete. Welches Gefühl die wenigen Znrückkehrenden beseelen mußte, als sie endlich das furchtbare Rußland im Rücken hatten, das wird Jeder nach den Schilderungen Bourgognes wohl ermessen können. Er selbst, der dieses Buch geschrieben, und dessen Herz, trotz aller Leiden, die er unter ihm erduldet hat, treu dem Kaiser gehörte, mit dem er ausgezogen war, ist später in seinem Heimathlande Platzmajor erst in Brest, 1832 in Valenciennes geworden, und am 2.April 1867 als Achtziger gestorben. Das Originalmanuskript seiner Erinnerungen hat man in den neunziger Jahren in der Bibliothek zu Valenciennes entdeckt. Ihre Veröffentlichung und ihre treffliche Verdeutschung von H. von Natzmer müssen als eine vorzügliche Bereicherung unserer Litte- ratur über den russischen Feldzug Napoleons dankbar begrüßt werden. Die dem Werk beigegebenen 16 Bilder find nach Nachbildungen der berühmten Zeichnungen des württembergischen Offiziers Faber du Faur, welche dieser im russischen Feldzug ausgenommen hat. Dr. M. Mendheim (Leipz. Tageblatt).
