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1. Beilage zum Weslmüener Laglilatt.
Mo. 536. Morgen-Ansgabe. Freilag» den 16. Uovember.
48. Jahrgang. 1966.
(21. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Standesgemäß.
Ronia» von Karl v. ^eigner.
Agnes von Fronhofen hotte sich bis zu diesem Momente vollkommen unthätig und schweigsam verhalten. Nun mischte sie sich zum ersten Mal ein. indem sie bemerkte:
„Wenn Ihnen daran liegt. Fräulein Blank, weitere Aufklärungen zu erhalten, so bin ich vielleicht die geeignetste Person, welche sie darbieten kann. Ich selbst habe ein reges Interesse an der Aufhellung des Sachverhaltes, und ■ es wäre mir sehr erwünscht, durch Anhaltspunkte auch Sie womöglich zur Mittheilung von Thatsachen, die mir noch fremd sind, veranlassen zu können. Hierzu bedarf es einer längeren Erzählung, und diese mit anzuhören dürfte Fräulein Rudorfs gleichfalls berechtigt sein. Sie ist, wie ich jetzt annehmen muß, ganz unschuldiger Weise in Mitleidenschaft gezogen worden. Daß dies der Fall war, schmerzt mich weit mehr, als Sie glauben, denn ich selbst mußte die Behörde, als ich das fragliche Kleinod zufällig im Laden des Juweliers Berger vorfand, zum Einschreiten auffordern. Verzeihen Sie mir, liebes Fräulein, daß ich hierdurch unwissentlich Sie in Verdacht brachte. Es thut mir dies sehr leid."
„O, wenn Sie wüßten, gnädiges Fräulein, wie sehr ich darunter gelitten habe!"
„Armes Kind! Leider ist Geschehenes nicht mehr zu ändern", sagte die Baronesse mit einem freundlichen Blicke auf das junge Mädchen. „Wenn ich nur wüßte, wie ich Sie dafür entschädigen könnte."
Die sämmtlichen Anwesenden hatten während der vorangegangenen Scene verabsäumt, sich niederzulassen. Jetzt forderte die Sängerin ihre Gäste hierzu auf und sprach, indem sie sich an die ältere Danie wandte:
„Haben Sie die Güte, Ihre Erzählung, der wir mit gespannter Erwartung entgegensetzen, zu beginnen."
„So hören Sie denn, meine Damen", sagte die Baronesse^ dieser Aufforderung nachkommend. „Ich war in früherer Zeit Hofdame der Fürstin von S . . . und hatte dieselbe auch regelmäßig in den Sommermonaten zci begleiten, wenn die Hofhaltung nach einem der fürstlichen Lustschlösser verlegt wurde. Es sind nun fünfzehn Jahre vergangen, seitdem die Wahl Ihrer Durchlaucht aus das Schloß Richardsburg fiel, woselbst wir mehrere Monate in angenehmster Weise zubrachten. Die Fürstin liebte es, auch während ihres Landaufenthaltes einen größeren Kreis um sich zu versammeln, und so fand eines Tages ein Festball in genannter Sommerresidenz statt, wozu die Geburtstagsfeier der ältesten Prinzessin Veranlassung gab. An diesem Abend knüpften sich die Er- rignisse, welche hier in Betracht kommen. Auf eine heute noch nicht völlig aufgeklärte Weise verschwand nämlich damals aus der Schmnckschatulle der Fürstin eine Anzahl werthvoller Pretiosen. Der Verdacht lenkte sich nach den gegebenen Umständen auf den Kastellan des Schlosses, und ich selbst war es, welche nothgedrnngen dazu l>ei- tragen mußte.
Auf den Wunsch Ihrer Durchlaucht", erzählte die Baronesse weiter, „kehrte ich aus dem Ballsaal in höchst-
dero Gemächer zurück, um einen vergessenen Gegenstand zu suchen. Als ich dieselben betrat, überraschte ich den erwähnten Hofbeamten, während er sich mit jener Schatulle zu schaffen machte. Bei meinem Eintreten ge- rieth er in sichtliche Verlegenheit, behauptete aber dann, er habe sich verpflichtet gefühlt, den Schlüssel in Sicherheit zu bringen, um ihn sofort in die Hände der Fürstin oder ihrer Damen abzuliefern. Die Appartements Ihrer Durchlaucht habe er nur betreten, um sich zu überzeugen, ob die Beleuchtung derselben in Ordnung sei und ob die Dienerschaft die Fenster geöffnet habe, wie es die Fürstin für die warmen Abende augeordnet hatte. Als er die einen so kostbaren Inhalt bergende Schatulle mit geöffnetem Deckel auf dem Toilettentisch stehen gesehen, sei ihm dies natürlich sofort ausgefallen und er habe annehmen müssen, daß unsere Gebieterin, welche die Pretiosen in der Regel selbst auswählte und das Kästchen dann unter eigenen Verschluß nahm, heute nur aus Vergeßlichkeit verabsäumt habe, es in Sicherheit zu bringen. Ich übergab, von dem Kastellan begleitet, nach Entgegennahme dieser Aussagen den Schlüssel sofort der Fürstin selbst und erstattete Bericht über die Vorkomnmisse. Durchlaucht legte anfangs lvenig Werth darauf; aber nachdem der Ball zu Ende und ich für die Nacht entlassen war, wurde ich nochmals zu ihr befohlen und empfing ihre bestürzte Mittheilung, daß fast die Hälfte der kostbaren Geschmeide und Kleinodien fehle. Somit mußte ein Diebstahl von größter Bedeutung verübt worden sein, und bei der zahlreichen Dienerschaft, sowie dem großen Verkehr in dem Schloß überhaupt war der Thäter schwer zu ermitteln. Die sofort eingeleiteten Recherchen, die sich über Jahre ausdehnende peinliche Untersuchung ergaben auch wirklich kein genügendes Resultat. Die abhanden gekommenen Stücke kamen nirgends mehr zum Vorschein, obwohl sie in zahlreichen öffentlichen Blättern und Polizeiberichten bekannt gegeben wurden. Vor Allem hatte der bisher im Ruf größter Unbescholtenheit stehende Kastellan darunter zu leiden; denn er war der Einzige, gegen den einige Indizien sprachen, wie Sie aus dem Verlaufe meiner Erzählung schon zuni Theil ersahen. Zwar mußte man ihn wegen mangelnden genügenden Beweises schließlich außer Verfolgung setzen, aber ein Makel blieb auf seiner Ehre immerhin haften. Daß das Mißtrauen gegen ihn sich nicht beseitigen ließ, bewies die kurz darauf erfolgende Pensionirung ohne Ansuchen. Wenn ich Ihnen nun sage, Fräulein Gabriele, daß jener Mann den Namen Rudorfs trug, so werden Sie mir es kaum verdenken können, daß es mir aufsiel, als ich in dem beim Juwelier Berger hinterlegten Medaillon mit Sicherheit eines der geraubten Stücke erkannte und zugleich erfuhr, daß eine Dame, welche sich ebenfalls Rudorfs nennt, es dorthin verbracht habe. Das Aquarellbild stellt den Vater der Fürstin dar, und deshalb hatte der- Verlust dieses Gegenstandes Ihre Durchlaucht am nwisten geschmerzt, lieber den Kastellan hörte ich später, er sei in dürftigen Verhältnissen verstorben und vor seinem Tode in Trübsinn verfallen. Dies bereitete mir seitdem manche schwere Stunde. Obwohl ich in jener Sache damals nicht anders handeln konnte, machte ich mir doch oft Vorwürfe, daß ich es war, durch welche vorzugsweise gravirende Indizien gegen den Kastellan beigeschafft wurden. — Aber
— mein Gott! — Fräulein Gabriele! Was haben Sie?, Sollte jener Mann am Ende dennoch in Verwandtschaft« lichen Beziehungen zu Ihrer Familie gestanden haben?"
„Es war mein Vater!" schluchzte Gabriele. „Mein armer verkannter Vater, den der unverschuldete Verlust seiner Ehre in Verzweiflung stürzte und einen: baldigen Tode zuführte. In einem Anfalle von Melancholie legte er selbst Hand an sich."
Die Baronesse preßte ihr Taschentuch vor ihre Augen. Dann erhob sie sich und legte den Arm um die Schulter des jungen Mädchens, dessen Haupt an ihre Brust ziehend.
„Verzeihung, mein liebes, armes Kind!" sagte sie tiefbewegt. „O, vergeben Sie mir, daß ich diese Wunde in Ihrem Herzen wieder aufreißcn mußte!" Nach einer Pause fuhr sie beruhigter fort: „Aber was nun? Durch diese uneuthüllte Thatsache wird die Angelegenheit, um die es sich handelt, eher verwickelter, als daß sie sich auf-, hellt. Welchen sonderbaren Fügungen stehen wir heute gegenüber! In den Händen der Tochter Desjenigen, der durch das Ereignis; im Schlosse Richardsbnrg Reputation und Leben verlor, muß eine der abhanden gekommenen und lauge vergebens gesuchten Kostbarkeiten zum ersten Male wieder auftauchen und doch ist sie nicht die Besitzerin, sondern Fräulein Blank, welche den Ursprung des Kleinodes nicht zu kennen behauptet!"
„O, wenn durch die Wiederaufnahme des Verfahrens die Ehre meines unglücklichen Vaters von jedem Makel gereinigt werden könnte!" rief die junge Arbeiterin lebhaft ans, indem sie ihre Thränen trocknete. „Ich wollte die gnädige und weise Fügung der Vorsehung segnen, obwohl sie dem beschränkten menschlichen Verstände anfänglich als eine schwer zu ertragende Prüfung erschien. Fräulein Cora! Um Ihretwillen bin ich in jene Lage gekommen. Ach, vermögen Sie denn gar nichts zur Förderung dieser Sache beizntragen?"
Um die rührende Bitte Gabrieles zu unterstützen, wandte sich nun auch Agnes von Fronhofen an die Sängerin. Die Letztere hatte während der Erzählung kein Auge von den Lippen der Sprechenden verwendet. Seit dem Schlüsse des Berichtes aber war sie in tiefes Nachsinnen versunken und schien für das zwischen der Baronesse und Gabriele Vorgehende wenig Theilnahure zu empfinden, ja es kaum zu vernehmen. Bei der nun an sie gerichteten Aufforderung fuhr sie wie geistesabwesend plötzlich aus ihren Träumereien empor.
„In der That wird Ihnen die Pflicht gebieten," sagte die alte Dame, „mit Aufbietung aller Ihnen zu Gebote stehenden Mittel die Enthüllung des düsteren Geheimnisses herbeizuführen, indem Sie Nachforschungen anstellen, wie Ihre Familie in den Besitz des Kleinodes gelangt ist. Die Ehre eines Unschuldigen muß rehabili- tirt werden, wenn es irgend möglich ist. Die Behörde wird zunächst die Frage an Sie richten, wer Ihr Vater war, wo und unter welchen Verhältnissen er lebte, mit wem er verkehrte und so weiter. Wollen, Sie nachdem ich Ihnen bereitwillig Alles mittheilte, was ich von der Sache wußte, uns nicht auch vorher schon aus freien Stücken einige Auskunft darüber geben? Vielleicht kann ich Ihnen dann mit Rath zur Seite stehen."
(Fortsetzung folgt.)
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