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1. Beilage mm Wiesbadener Taablatt.

Uo. 534. Ulor-rn-An»gabr«

Donnerstag» den 15. Uovember.

48. Jahrgang. 1900.

(20. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Roman von Karl v. Aeistncr.

Die Baronesse erstaunte über Coras blendende Schönheit und konirte ihrem Neffen, wenigstens in Bezug ans die Aeußerlichkeit, den guten Geschmack nicht ab­sprechen. Ueberhaupt war der Eindruck, den sie von der Künstlerin empfing, kein ungünstiger. Dennoch konnte dies an ihren Ansichten uitd Verfügungeil nichts ändern. Sie erhob sich.

„So wäre diese Unterredung als beendigt anzu­sehen", sprach sie, „und ich habe mich überzeugt, daß ich Ihre Anschauungen und Entschlüsse ebensowenig zu be­einflussen verinag, als Ihnen dies in Bezug auf die ineinigen gelingen wird. Entschuldigen Sie den Zeit- berlnst, welchen ich verursacht habe."

„Bitte, gnädiges Fräulein!" erwiderte Cora. „Der­artige Erklärungen würden früher oder später doch unvermeidlich gewesen sein und ich erachte es für besser, daß sie jetzt schon stattgefundeu haben."

Als sich Agnes von Fronhofen,' von der Sängerin eiilige Schritte weit geleitet, der Ansgangsthür des Salons näherte, öffnete sich diese rmd Mademoiselle Trognon wurde sichtbar.

„Was wollen Sie, Clarisse? Sie sehen, daß noch Besuch anwesend ist", sagte ihre Gebieterin.

„Pardon! Madame aben befohlen, niemals abzu- weisen Mademoiselle Rudorfs, vokre amie. Mademoiselle kommen aber eute, escortde von die Polizei und die tvollen nix warten — pas dn tont!"

Bevor die Sängerin auf diese etwas boshafte lind sie sehr frappirende Meldung entgegnen wollte, stand der Polizeikommissar, welcher Gabriele gestern verhaftet hatte, mit dieser schon hinter der Zofe, lind Letztere wich ur Seite, um auf einen Wink ihrer Herrin den Beiden '«tritt zu gestatten.

Die Künstlerin, welcher dieser eigenthümliche Besuch galt, war die Situation so unverständlich, daß sie mich jetzt noch keine Worte fand, und anstatt derselben nur fragende Blicke auf die Augekommeueu richtete.

Agnes v. Frouhofeil hatte bei Nennung des Namens Rudorfs betroffen aufgehorcht. L>o hieß ja Diejenige, welche dem Juwelier jenes verhängnißvolle Medaillon übergab, und daß dieses Mädchen mit der Polizei in Be­rührung kam, geschah auf Veranlassung der Baronesse selbst. Sie zögerte deshalb univillkürlich, sich zu eut- fernen. Als aber Gabriele nun den Schleier zurückschlug und ihr unschulddvlles Antlitz sichtbar ward, so empfand Ixue fast Reue über das, was sie gethan hatte; denn der Ididende Ausdruck, welchen Scham und Harm über die erlittene Kränkung diesen lieblichen Zügen nufprägteu, der feuchte Glanz, den vergossene Thränen über diesem schönen Augenpaare ausbreiteten, verliehen dem Gesichte einen unbeschreiblich rührenden lind sympathischen, fast madonnenhaften Ausdruck.

„Entschuldigen Sie mein eilfertiges Erscheinen mit der amtlichen Pflicht, welche mich hierher führt, meine Damen," begann der Polizeibeamte. „Ich habe die Ehre, sowohl Fräulein Blank, als Sie, gnädige Baronesse, bereits zu kennen, und da ich durch meine

Dienstesabzeichen legitimirt bin, bedarf es auch meiner­seits keiner weiteren Vorstelluilg."

Als Agnes von Fronhofen grüßend den Salon ver­lassen wollte, verhinderte der Konlinissar dies durch die Bitte, bis auf Weiteres zu bleiben, da ihre Anwesenheit möglicher Weise zweckdienlich sein könne, lind fuhr dann fort, indem er sich au die Sängerin wandte:

„Fräulein Gabriele Rudorfs hat sich, nachdem die Behörde sie in einer kriminellen Angelegenheit zur Rechenschaft ziehen mußte, auf Ihr Zeugnitz berufen."

„Q, befreien Sie mich aus dieser entwürdigenden Lage!" bat Gabriele flehentlich, während sie ihre Hände gegen Cora ausstreckte und Thränen wieder über ihre bleichen Wangen zu rinnen begannen. „Ich konnte es unter solchen Umständen ja unmöglich unterlassen, Sie zu neunen ..."

„So sehr ich Sie bedauere, Fräulein Gabriele," warf die Ängeredete kopfschüttelnd ein, „begreife ich doch bis jetzt nicht, inwiefern ich Ihnen dabei von Nutzen sein könnte."

„Erlauben Sie, daß ich den Gang der Verhandlung selbst regele und namentlich die nothioendige Frage­stellung nach meinem Ermessen einrichte", unterbrach der Polizeibeamte. „Fräulein Blank wird die Güte haben, mir mitzutheilen, ob sie dem anwesenden Fräulein Rudorfs einen Werthgegenstand anvertraut hat."

„Ja, das that ich allerdings", erwiderte Cora er staunt, „aber welches Interesse die Polizei hieran hat, ist mir unerklärlich."

„Wollen Sie das fragliche Objekt gefälligst näher bezeichnen und beschreiben", forderte der Beanite auf.

„Es war ein Medaillon mit dem Aquarellbilde eines uniformirten Herrn in Brillantfassung", versetzte die Sängerin.

„Zu welchem Zivecke entäußerten Sie sich desselben."

Cora zögerte mit der Antwort und sagte dann in ziemlich ungehaltenem Tone:

„Ich möchte fast bezweifeln, daß eine genügende Ver­anlassung vorliegt, mich zu so detaillirten Angaben zu zwingen."

„Doch, Fräulein!" entgegnete der Kommissar. „Ich überschreite meine Befugnisse nicht, und Sie haben es im Gegentheil einer besonderen Rücksichtnahme zu ver­danken, daß ich mich behufs vorläufiger Verhandlung der Sache persönlich hierher verfügte, anstatt Sie sofort zu einem Verhör vorladen zu lassen. Ich wiederhole demnach meine Frage, zu welchem Zweck die Entäußerung stattfand?"

„Ter größte und werthvollste Stein sollte dem das Bild umgebenden Reife entnommen werden."

„Weshalb sollte das geschehen?"

„Um ihn in einen Ring zu fassen, der gleichzeitig be­stellt wurde."

„War dieser Ring für Sie bestimmt oder für wen sonst?"

Wieder schien Cora Anstand zu nehmen, weiteren Aufschluß zu geben, und blickte mit einiger Befangenheit auf die Baronesse, deren Gegenwart ihr in diesein Augen­blicke vielleicht ungelegen war. Der Kommissar mußte auch diese Frage repetiren, bevor sie versetzte:

„Mein Gott! Wenn ich auch darüber noch Rechen­

schaft geben muß — nun ja — ich wollte ihn meinem Verlobten, dem Baron Oswald von Fronhofen, zum Ge­schenke machen. Da der betreffende Stein von seltener Größe und Schönheit ist, so hielt ich ihn zu diesem Zwecke für besonders geeignet."

„Ach so!" sagte der Beamte, nicht ohne ein flüchtiges Lächeln. „Wie kommt es aber, daß Sie die Besorgung dieses Geschäftes Fräulein Rudorfs übertrugen?"

„Einfach deshalb.verfuhr ich so, weil ich zu ihr ein unbedingtes Vertrauen hegte und an dem betreffenden Tage zl, sehr in Anspruch genommen war, um den Gang in eigener Person besorgen zu können. Meine Diener- ichast aber brauchte nicht zu erfahren, daß ich die Sache auf diese Weise ins Werk setzte."

„Gut", entgegnete der Beamte. „Hierdurch erweist sich allerdings die vollständige Schuldlosigkeit des Fräu­lein Rudorfs; aber die Polizei wird nun die begonnenen Recherchen nach dem Ursprünge des Medaillons^in anderer Richtung verfolgen müssen. Wie gelangten Sie selbst in den Besitz des Medaillons?"

„Ich fand es unter dem Nachlasse meines vor einigen Jahren verstorbenen Vaters. Möchten Sie mir vielleicht jetzt mittheilen, warum die Behörde . . ."

„Und von wem empfing es dieser?" unterbrach sie der Inquirent.

„Herr Kommissar", erwiderte Cora fast ärgerlich. „Hier bin ich mit meiner Wissenschaft zu Ende. Es heißt denn doch zu viel von mir verlangen, wenn man mir zu- muthet, daß ich die Geschichte jedes einzelnen Besitzstückes auf Generationen hinaus kennen soll!"

„Trotzdem wird es nöthig werden", sagte der Beamte, „Sie zu weiteren Aussagen über das Vorleben Ihres Herrn Vaters zu veranlassen. Dies sei jedoch einer protokollarischen Vernehmung, die alsbald stattfinden wird, Vorbehalten. Gegenwärtige Verhandlungen schließe ich mit dein Ausdrucke meines Bedauerns gegen­über Fräulein Gabriele Rudorfs, daß ihr durch eine miß­liche Verkettung der Umstände leider solche Ungelegen­heiten verursacht werden mußten. Es versteht sich von selbst, daß jeder Grund. Sie weiter zn behelligen, durch die hier erfolgten Dispositionen weggefallen ist. Was Sie, Fräulein Blank, betrifft, so finde ich zwar ein polizeiliches Vorgehen gegen Ihre eigene Person vor­läufig nicht für angezeigt, aber eine Vorladung wird Ihnen demnächst zugehen. Ebenso werde ich Sie gnädige Baronesse, nochmals bemühen müssen. Der Gegenstand der Untersuchung endlich muß in den Händen der Behörde gelassen werden. Ich empfehle mich allerseits und bitte, die Störung zu entschuldigen." - ...

Der Polizeimann verbeugte sich höflich gegen sämmt- liche Anwesende und entfernte sich dann.

Cora aber wandte sich nun zu Gabriele mit dem Aus­drucke ihres innigsten Bedauerns, daß ihr aus der über­nommenen Besorgung so betrübende Folgen erwachsen

seien. . .. ,

„Wie konnte ich ahnen", sagte sie, „daß Ihnen diese Gefälligkeit so theuer zu stehen kommen werde! lieber der ganzen Angelegenheit liegt immer noch ein Dunkel, und ich kann selbst jetzt die Einmischung der Sicherheits- behörde noch nicht gerechtfertigt finden."

(Fortsetzung folgt.)

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