-i«. Jahrgang.
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j|£*) 4 526. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 16. November.
Vcrlags-Fernsp echer No. 2266.
1966.
Deutsches Reich.
Soldateubricfe.
Gegenüber den Schilderungen grausamer Kriegführung m zahlreichen Soldatenbriefen ans China läßt sich eine sehr verschiedenartige Stellung einnehmen. Man kann den Inhalt dieser Briefe auf eine begreifliche Sucht nach Ueber- treibung zurückführcn, nian kann es für möglich halten, daß die bekannte Aufforderung, keinen Pardon zu geben, in den Gemülhern mancher jungen Leute eine Stimmung erzeugt hat, die sich in Großmannssucht äußert, ohne daß die Thaten dem Wollen entsprächen. Indessen weiß man andererseits nicht, weshalb nicht sehr Vieles, vielleicht das Meiste von Dem, was jene Briefe mittheilen, für wahr gehalten werden soll. Diese Briefe sind zum Theil in einem
sehr ungelenken Tone geschrieben, zum Theil zeugen sie für ein hohes Maß von Beobachtungsgabe und Fähigkeit der Darstellung, sodaß man sich nebenbei aufrichtig darüber freuen kann, welche schönen Ergebnisse unsere Volksschulen liefern können, denn man darf annehmen, daß keiner dieser Briefschreiber zu den Einjahrig- Freiwilligen gehört. Manche der nach Hause gemeldeten Einzelheiten werden unter Berufung auf bestimmte Befehle der Vorgesetzten berichtet, Einzelheiten, die nicht den Eindruck machen, als könnten sic der Phantasie der Verfasser entsprungen sein. Die meisten Soldatcnbriefe sind durch | kleinere Blätter aus der engeren Heimath der Briefschreiber verbreitet worden, und es ist somit jedenfalls nicht richtig, daß, wie u. A. neuerdings die „Kreuz-Zeitung" behauptet, die socialdemokratische Presse die Ablagernngsstätte dieser peinlichen und beunruhigenden Schilderungen ist. Von allen Standpunkten, die man diesen Dingen gegenüber einnehmen kann, dünkt uns der der unangemessenste zu sein, daß man sagt, es seien ja doch nur socialdemokratisch gesinnte Soldaten, die sich in solchen Uebericeibnngen ergehen. Mit Erstaunen liest man in der „Krcnz-Ztg.", es sei nicht verwunderlich, wenn in Anbetracht des Umstandes, daß auch Socialdemokraten nach China gegangen sein werden, aus dieser Quelle Nachrichten fließen, die dazu dienen sollen, die deutsche Heeresleitung herabzusetzen. Bebel und seine Freunde werden mit Ueberraschung hören, daß sich socialdemockratische Reservisten freiwillig für die Expedition nach China gemeldet haben sollen. Zweifellos gehört kein einziger der Briefschreiber dieser Partei an, zweifellos sind sie alle mit ehrlicher Begeisterung nach Ostasien gegangen. Gegenüber den fort gesetzten Behauptungen, daß der Krieg mit äußerster Grau samkeit geführt wird, kann es nur ein Mittel der Beruhigung geben, nämlich eine auf den wirklichen Thatsachen fußende Darstellung der Vorgänge durch dieMililärverwaltung selbst, ff '* dieser Darstellung sollte zweckmäßiger Weise nicht erst
,5 zum Zusammentritt des Reichstags, vielmehr bis zur Etatsdedatte gewartet werden, zumal cs der auswärtigen, namentlich der russischen Presse neuerdings beliebt, sich in allerlei allgemein gehaltenen, deshalb aber um so heftigeren Angriffen auf die deutsche Kriegführung zu ergehen. Daß der Krieg, wie ein Berliner Blatt sich geschmackvoll auS-
Feuillelon.
"Uarrser Wrref.
drückt, keine Partie nach dem Grunewald ist, weiß man nicht erst seit heute. Die billige Weisheit ließe sich tausendfach ergänzen: der Krieg ist Tausenderlei nicht, er ist vor Allem Krieg. Aber dabei kann man menschlich, oder auch nicht menschlich verfahren. Wir hoffen, daß das Erstere geschieht, nur möchten wir es durch glaubwürdige Kundgebungen von amtlicher Seite bestätigt sehen.
Du» Obstr»»ktio«»sge»er>e.
Die „Post" sollte ihren Zeituugs-Gehcimrath abschaffen, denn der Mann wird seiner eigenen Sache gefährlich. Der geistvolle Vorschlag, die Geschäftsordnung des Reichstags zu ändern, damit die Berathung des Zolltarifgesetzes nicht durch liberale „Obstruktion" hingezögert werde, ist ungefähr das Thörichste, was Jemand ersinnen kann, wofern er nicht etwa die Ucbelstände, die er beseitigen zu wolle» vorgiebt. absichtlich herbeiführen möchte. Es ist keines besonderen Dankes werth, daß das leitende rheinische Centrumsblatt alsbald lebhaft abwiukt und die Geschäftsordnung unangetastet lassen will, wenigstens so lange keine wirkliche Obstruktion getrieben wird. Den Dank hierfür kann man sich sparen, einmal weil es Pflicht und Schuldigkeit des Centrunis wie jeder anderen Partei ist, Verfassung und Geschüftsorditung hochzuhalten, sodann weil die zum Schluß angehängte Bedingung denn doch etwas Verfängliches hat. Schließlich kommt es doch darauf an, was man unter Obstruktion versteht. Eine sorgfältige Einzclberathung jeder Tarifposition könnte allerdings monatelange Debatten nöthig machen. Wer unge- messeue Zollerhöhnngen nicht will, der hat das gute Recht, den Reichstag davon zu überzeugen, daß solche Forderungen schädlich sind. Zu diesem Zweck müssen Reden gehalten, Gegenanträge und Abänderungsanträge gestellt werden. Dies kann sich immerhin vielmals, vielleicht Hunderte von Malen wiederholen. Keiner, der es ernst mit dem Kampfe gegen agrarische Ucbergriffe meint, wird in der gebotenen Pflichterfüllung Obstruktion, also ein ungehöriges Mittel, zur Störung der Arbeiten des Reichstags erblicke». Nennen die Gegner es so, so mag ihnen das unbenommen bleiben; aus- richten werden sie mit ihrem Schellen nichts, und eine Abänderung der Geschäftsordnung wäre vollends unmöglich, da in einer solchen unseligen Debatte in der Thal die Obstruktion Platz greisen würde und müßte. Mit welchem Erfolge, das hat man bei der lex Heinze gesehen.
aufzubringen. Das letztere wird von Hnndwcrksburschen zerkleinert, die damit der Anstalt ein Aequivalent für die Ausnahme bieten und sonach mit dem Bewußtsein von dannen ziehen können, für das ihnen Gebotene etwas geleistet, also nichts geschenkt erhalten zu haben, und von diese», Standpunkte aus hat das vor einiger Zeit bekämpfte Holzzerkleinern der Handwerksburschen eine Bedeutung, die in ethischer Hinsicht nicht zu unterschätzen sein dürfte. Anderseits wird dadurch dem Publikum Gelegenheit geboten, durch das Kaufen von Holz dieser Woblthätigkcitsanstalt einen Dienst zu erweisen, ohne selbst dabei irgend welches Opfer bringen zu müssen, im Gegcntheil, hier trägt das Wohlihun sogar
noch Fruchte, da der Preis des Holzes lehr billig gestellt_ ist. Gegenwärtig wird die Anstalt wieder stark besucht — im vorigen Monat belief sich die Frequenz auf 244 Köpfe - und die Folge
(Von unserem Korrespondenten.)
—, den 6. November.
Wenn draußen die Natur zur Ruhe geht und sich ihres in allen Farbentönen schimmernden Kleides entledigt, dann beginnt ein neues Leben in der Seinestadt, dem zwar die natürlichen Farben und der leuchtende erwärmende Sonnenschein fehlt, über den man sich aber durch erborgten Schimmer hinwegzutänschen sucht. Ein Salon nach dem anderen öffnet seine gastlichen Pforten, und die Soireen, Theeabende, Thes dansants, und wie sich alle die zahlreichen gesellschaftlichen Veranstaltungen benennen, beginnen der Welt, in welcher man sich langweilt, einigermaßen Zerstreuungen zu bieten. Die in Bädern, Sommerfrischen und durch Landaufenthalt gekräftigten Nerven funktioniren wieder frisch, und das alte Lied beginnt in seinem ewig wechselnden Kreisläufe von Neuem. Was der Modegeist Neues und Phantastisches ersonnen, wird in den Salons zur Schau getragen, und in keiner Stadt der Welt bietet die jetzt beginnende Saison wohl solche Ueberraschungcn wie in Paris. Jeder ist bestreb!, seinen gesellschaftlichen Cirkel so vornehm als möglich zu gestalten, jede, wenn auch noch so unbedeutende Persönlichkeit hat das Bedürfniß, sich ein so wichtig als mögliches Ansehen zu geben, was zwar republikanischen Anschauungen schnurstracks widerspricht, sich aber mit dem wahren Charakter der Franzosen ganz gut vereinbaren läßt. Der Geist der konventionellen Lüae feiert in Paris um diese Zeit feine
Aus Stadt und Sand.
Wiesbaden, 10. November.
— Geschichtskalender. 10. November. 1883: ch Oskar Begas zu Berlin, hervorragender Maler. 1870: Kapitulation Neu- breisachs. 1860: Abzug derEnropäer aus Peking. 1810: *M.v.Scmson zu Königsberg in Preußen, der erste Präsident des RnchSgerichts
tn Leipzm 1807: * Robert Blum in Köln (9. November 1848 zu Wien erschossen). 1806: ch Karl Wilhelm Ferdinand, Herzog
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Wien erschossen). 1806: T Karl LUilyclm syerouuuio, Herzog
von Braunschweig, zu Oitense» infolge seiner Verwundung in der Schlacht bei Auerstedt. 1759: * Friedrich v. Schiller zu Marbach, Württemberg. 1483: * Martin Luther zu Eislcben. 1438: - Start der Kühne, Herzog von Burgund, zu Dijon.
o. Die Uaturalverpfiegnugsstation. welche bekanntlich dazu dient, den durchreisenden Handwerksburschen Ob- dach' und Verpflegung zu gewähren und damit dem für dieWandcrer selbst entehrenden Betteln zu entgegnen, sucht die zu ihrem Unterhalte nothwendigen Mitte! außer durch freiwillige Beitrage von Privaten und Zuschüssen der Stadt ec. aus dem Verlauf von Brennholz
größten Triumphe. Geistreiche Mäuuer und Frauen von Ruf, Künstler und ordenbesäte Persönlichkeiten werden von Parvcnucs mit Einladungen bestürmt, um ihren Salons die nöthiqe Staffage zu verleihen und zu zeigen, daß man Geschmack besitzt, daß man sich ans der Höhe der Zeit befindet und — daß man sich den Luxus auserlesener Soireen gestalten darf. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, will ich noch bemerken, daß diese Statisten gewöhnlich pünktlich auf dem Platze erscheinen. Sie müssen es, um weiterznkommen, denn dort ftubeit sie ihre Protektoren. Die Geldaristokratie! — Welcher edle französische Ritter verdammte sie nicht im Stillen, denn der» Mnth, es laut zu bekennen, findet er gewöhnlich »ichl, weil er von derselben abhängig ist. Den Erben alter Namen und Titel ist in der Finanzwell seil Langem ein Gegner erstanden, mit welchem sie es nicht niehr aufnehmcn können.
Die Gräfin X. empfängt heute. Wer ist sie? — Nun, sie verfügt über einen wohlqefüllten Tresor, führt eine vorzügliche Küche, man trifft in ihren Salons die ganze Haute-volotz. Ihren Stammbaum d — 2Bev feunt ihn, wer fragt danach? Sie ist Grüffn nicht etwa von Gottes Gnaden, sondern ans eigener Machtvollkommenheit. Wer würde sich in Paris der undankbaren Mühe unterziehen, Diel auf ihren Werth oder Unwerth zu prüfen! Du lieber Gott, warum auch? Das bischen Eitelkeit ist ja schließlich Jedem zu gönnen, der eine Freude daran hat, seinem Namen das kleine Wörtchen „de" vorznsetzen oder kühn in die Reihe des höheren Adels zu springen. Nur Eins gehört dazu, sich in einer solchen Stellung zu behaupten und ihr den Schein der Wahrscheinlichkeit zu geben, und das ist Geld — viel, viel Geld; dann geht Alles von selbst. — Ja, es
davon ist. daß ihre" geringen Mittel sehr in Anspruch ge nomnieu werden, naturgemäß aber auch der Holzvorraty sich steigert. Die Verwaltung hat sich deshalb schon durch Inserate mit den« Ersuche» au die Einwohnerschaft gewendet, sie durch Abnahme von Holz zu unterstützen. Dasselbe wird der dem Bezug in Säcken ('/- Centner) mit 1 Mk. und im Nanm- meter, dreischnittig, mit 12 Mk. 50 Pf., vierschnittig mit 13 Mk. 50 Pf. berechnet frei ins Haus geliefert. Bestellungen nimmt der Leiter der Herberge, Hausvater Sturm, im Evang. Bcieiushaus, Platterstrnße 2, entgegen.
n. Was hat bei,»» Vorkommen eines PestfaNes zu geschehen? Die medizinischen Fachblätter, nicht nur die englischen, haben den beiden Acrzten, die'in der Stadt Glasgow für die Bekämpfung der Pest besonders verantwortlich sind, volle Anerkennung für ihr außerordentliches Geschick und für die Besonnenheit ihrer Maßnahmen widerfahren lassen. Wenn nun auch die Erwartung begründet ist, daß die Seuche nach Mitteleuropa nicht hinüber greifen wird, so scheint es doch mch> unangebracht, sich darüber klar zu werden, was m dem Falle zu geschehen hätte, wenn sich in einer Stadt plötzlich ein Pestfall ereignen sollte. Zunächst wird das Stadtviertel, in dem das Vorhandensein der Pest ermittelt ist, in einem bestimmten Umfang festgestellt, der selbstverständlich sämmtliche verseuchten Häuser einschließen muß. Dieser Stabil heil wird unter eine besondere gesundheitlich- Aufsicht gestellt. Dazu gehört die häufige Entleerung und Desinfektion der Abzugskanäle mit einer Lösung von Chlorkalk und die Besprengung der etwa vorhandenen schmutzigen Hinterhöfe mit dem nämlichen des- ©tu ftefonbei‘3 einQefetjtei Ijot
die Aufgabe, die Häuser des als verseucht bezeichncten Viertels auf ihren Zustand hin genau zu untersuchen und aus allen denen, die den gesundheitlichen Anforderungen nicht entsprechen, die Bewohner heraus zu nehmen. Ferner ist sofort ein ärztlicher Ueberwachungsdienst zu schaffen, damit alle verdächtigen Krankheitsfälle sofort bekannt werden. Die sämmtliche» Bewohner der insicirten Wohnungen und Alle, die mit ihnen etwa in Berührung gekommen sind, sind aufzufordern, sich Mit einem Pestserum impfen zu lassen, wozu sich besonders das von Uerstn und das von Haffkine hergestellte Serum eignet. An alle Bewohner wird ein Rundschreiben gesandt, um darauf hin- zuweisen, daß die Dienste der Gesundheitsbeamten jeder Zeit durch Vermittelung der Post oder der nächsten Polizeistation in Anspruch genommen werden können. Es ist ferner darauf hinzuarbciten, daß alle Aerzte sich zur Mitwirkung an dem Kampf gegen die Pest bereit halten. Dazu ist es nothig, daß sie Gelegenheit erhalten, sich mit dem Wesen der Krankheit durch den Besuch täglicher Vorlesungen oder durch Kenntmßnahme einer an alle Aerzte veriheilten Broschüre eingehend zu unwr- richten. Für pestverdächtige Kranke werden ganz besondere Bestimmungen getroffen. Die verdächtigen Häuser werden mit Schwefel ansgeräuchert und dann geöffnet, sämmtliche Kleidungsstücke werden, bevor sie aus den Häusern entfernt werden, in eine desinficirende Formalinlösung getaucht, um dann m eine
ist interessant, dieses Pariser Leben in seinen Hohen und Tiefen, in seinen Licht- und Schattenseilcn zu studiren und daK Seltsame dabei ist, man stndirt cs nie aus. Glaubt man, de» Schlüssel zu so vielen Räthseln gefunden zu haben, so steht man doch immer wieder vor einem . neuen Verschleierten Bilde, und endlich wird auch der eifrigste Forscher des vergeblichen Beniüheus müde, den Schleier zu Inslen, und er überläßt es einem gütigen Geschick oder dem Zufall, die ihn einen Blick hinter die Coulissen werfen lassen.
Die Zeit der Rosen ist vorüber, aber der Schmuck des Heims wird mit den letzten Kindern der Flora bestritten, welche diese für die traurigste Zeit des Jahres aufgespart hat. Chrysanthemen! — Wohin wir Ricken, überall sa rt sie uns in die Augen. Sie füllen die bunten Vasen und Fayencen, die geflochtenen Körbchen und andere Behal er. Sie schmücken die Tafeln, die Tischchen sowohl im Wohn- und Empfangszimmer, als auch im Salon. Der ^andy trägt sie als Riesenexemplar im Knopfloch, und den fliegenden Händlern, die ihre zweirädrigen Karren den Sommer über mit Obst und anderen schmackhaften Dingen beladen, wird sie zu einer neuen Erwerbsquelle. Berghoch thürmen sie sich auf den Wägelchen auf, und überall auf den Boulevards strecken uns die Händlerinnen dicke Sträuße entgegen.
Aber noch wo anders findet man dieselben. Sie und ihre Schwester, die Aster, die Blume der Todten bedecken die Grabhügel ver Dahingeschiedenen. Toussaint! Mei HeiligenI — Le jour des raorts! Allerseelen! — Wie ettt stilles Mahnen an die Vergänglichkeit alles Irdischen drängen sich diese beiden Worte mit elementarer Gewalt in das beginnende Leben der Saison, und obgleich der Franzose, vornehmlich aber die leichtlebige Pariser Welt, sich vsttz vngerst
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